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27.1.2015 - 70 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz

Berichte zur Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren (VN und vol.at)

 

  • Gastkommentar Harald Walser: Der Engel von Auschwitz“: die Vorarlberger Krankenschwester Maria Stromberger (vol.at)
  • Auschwitz wurde zu einem Symbol für den Holocaust. Gedenken an NS-Rassenwahn und sechs Millionen ermordete Juden.
    (Andreas Feiertag, VN 26.1.2015)

     „Ein gesellschaftliches Verbrechen“. Werner Dreier sieht einen wachsenden Antisemitismus auch in Vorarlberg.
       
    BREGENZ.(VN-fei, 26.1.2015) „Ich verspüre den Geruch verbrannten Fleisches in der Nase, ich sehe die Elendszüge der einrückenden Kommandos mit den Toten hinterher, ich verspüre die würgende Angst“, schreibt Maria Stromberger nach ihrem Aufenthalt in Auschwitz 1946 in einem Brief an einen Freund.

    Die ehemalige Krankenschwester im Bregenzer Sanatorium Mehrerau lässt sich 1942 freiwillig in das Konzentrationslager versetzen – nicht, weil sie der NS-Ideologie anhängt, sondern weil sie den Inhaftierten helfen will. Dutzenden Menschen rettet sie das Leben, beteiligt sich aktiv an der Widerstandsgruppe, die sich in Auschwitz formiert – und entkommt nur knapp dem Tod. Stromberger stirbt 1957 in Bregenz. Davor trägt sie als Zeugin viel dazu bei, die dortigen Verbrechen an die Öffentlichkeit zu bringen, im Prozess gegen Lagerkommandant Rudolf Höss und gegen SS-Brigadeführer Carl Clauberg, der als Gynäkologe in Auschwitz Experimente an weiblichen Häftlingen durchführte.
    Die Liste jener Vorarlbergerinnen und Vorarlberger, die während der NS-Herrschaft in Gestapo-Haft ihre Gesundheit oder in Lagern ihr Leben lassen mussten, ist lang. Der Vorarlberg Jude Hans-Joachim Albu überlebte Auschwitz. Hans Baldauf, Florian Seeger, Edmund Turteltaub mit seiner Gattin Gertrud und den beiden Kindern Hans und Walter nicht. Doch die Opferlisten erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, noch immer laufen entsprechende Nachforschungen.
    Geforscht wird auch immer noch nach Tätern. Wenngleich sich hier eine neue Ebene aufgetan hat, wie der Bregenzer Historiker Werner Dreier im VN-Gespräch erklärt: „Es geht heute nicht mehr so sehr um beispielsweise einen Wachmann und was er konkret getan hat, sondern um die Frage, wie es sein konnte, dass so etwas überhaupt passieren konnte.“ Völkermord sei „ein gesellschaftliches Verbrechen“, konstatiert der Geschäftsführer der Initiative „erinnern.at“, die im Auftrag des Bildungsministeriums die Gräuel des Nationalsozialismus im kollektiven Gedächtnis wach hält und entsprechende Unterrichtsmaterialien für Schulen erarbeitet. Solche, die die gesellschaftliche Komponente in den Vordergrund stellen, werden laut Dreier in einem neuen Projekt derzeit erarbeitet, das kommenden Herbst abgeschlossen werde.
    Antisemitismus, analysiert der Historiker, sei ein kulturell vermitteltes gesellschaftliches Problem, das es freilich auch in Vorarlberg gebe – heute stärker als noch vor Jahren: „Einige Zeit hatte ich den Eindruck, dass sich auch in Vorarlberg Aufklärung und Vernunft durchsetzen, doch heute bin ich pessimistisch.“ Die Vormachtstellung der USA – in Weltverschwörungstheorien immer noch stark mit dem Judentum verbunden –, die oft kritisierte Politik Israels und die eigenen Sorgen und Nöte riefen immer häufiger Fluchtreflexe hervor: „Wir hängen unser Problem einem Sündenbock um, in dem Fall den Juden.“ Dies gelte gleichermaßen für Menschen mit Migrationshintergrund – hier primär Muslime – wie für autochtone Vorarlberger.
    Dreier zieht eine bedenkliche Parallele: Nach dem Ersten Weltkrieg seien drei Parameter für den Antisemitismus und schließlich den Holocaust maßgeblich gewesen: große Diversität der Bevölkerung, hohe Arbeitslosigkeit und starke wirtschaftliche und soziale Ängste. „Heute haben wir ganz ähnliche Parameter“, warnt Dreier. Dem gegenüber stünden heute, anders als damals, jedoch zwei weitere Parameter: reifere demokratische Strukturen und gesichertere Rechtsstaatlichkeit. Dennoch müsse man angesichts der Entwicklungen „sehr vorsichtig sein“.