Die Illwerke AG sind für Wirtschafts- und Sozialgeschichte des
Landes von überragender Bedeutung. Deshalb ist auch die gründliche
Erforschung der Firmengeschichte während der NS-Zeit von höchstem
landesgeschichtlichen Interesse.
Als die 3. Klasse der BHAK und BHASCH Bregenz im Zuge des
sogenannten "Bedenkjahres" 1988 ein Projekt zu den Zwangs- und
Fremdarbeitern während des "Dritten Reiches" startete, wandte sie sich
auch die Vorarlberger Illwerke AG mit der Bitte, Archiveinsicht nehmen
zu dürfen. Die Schüler/innen erhielten folgende Antwort: "Offenbar
hat erst das Jahr 1988 im Bereich der Schulen zur Besinnung auf die
Zeitgeschichte geführt; als Beisitzer bei verschiedenen Prüfungen
konnten wir bis dahin leider nur einen eklatanten Mangel an
geschichtlichem Wissen, was die jüngere Zeitgeschichte betrifft,
feststellen. Ihr Schreiben ist. u.a. einer von mehreren Versuchen einer
uns namentlich bekannten Gruppe, Zugang zu unseren Firmenarchiven zu
erhalten, wobei wir es als sehr freundlich empfinden, daß Sie uns
mitteilen, Sie würden keine Anklage (gegen wen? gegen Ihre Großväter?)
erheben und die Öffnung für Jugendliche liege im wohlverstandenen
Interesse der Vorarlberger Illwerke AG."
Beinahe zehn Jahre später stößt die Forderung der
Johann-August-Malin-Gesellschaft, das Firmenarchiv uneingeschränkt der
Zeitgeschichtsforschung zu öffnen, immer noch auf Widerspruch. Zwar hat
sich die Illwerke AG bereit erklärt, einem ausgewählten Institut für
Zeitgeschichte Akteneinsicht zu gewähren, aber diese selektive Öffnung
genügt nicht. Überhaupt wirft die generelle Haltung der
Verantwortlichen zu den Jahren 1938 bis 1945 einige grundsätzliche
Fragen auf.
Illwerke-Aufsichtsratschef und Altlandeshauptmann Dr. Martin
Purtscher stiehlt sich recht einfach aus der historischen
Verantwortung, wenn er erklärt, dass die Tausenden Zwangs- und
Fremdarbeiter, die unter teils unmenschlichen Bedingungen auch auf den
Illwerke-Baustellen arbeiten mussten, gar nicht von den Ill-Werken,
sondern von "Baufirmen" beschäftigt worden seien. Und im übrigen seien
- so Purtscher - die meisten ehemaligen Zwangsarbeiter tot und "selbst
jene, die noch leben, hätten kaum eine Chance, konkrete Nachweise zu
liefern."
Die Hohenemser Historikerin Margarethe Ruff hat kürzlich ein Buch
über die ukrainischen Zwangsarbeiter/innen in Vorarlberg
veröffentlicht. Im Anhang befinden sich rund 2000 Adressen von
Überlebenden, die auf österreichischem Boden arbeiten Einige
Illwerke-Arbeiter hat Ruff in ihrem Heimatland aufgesucht und dort
interviewt. Ihre Lebensgeschichten gleichen sich: Als junge Männer
unter Zwang nach Vorarlberg gebracht, mussten sie auf den Baustellen
praktisch unentgeltlich schuften, sie haben dort ihre Gesundheit mehr
oder weniger ruiniert und wollen in der Regel heute nur eines: Eine
Anerkennung dieser "Arbeitszeiten" für ihre Pensionsansprüche. Dazu
benötigen sie Firmenbestätigungen, die sie jedoch nicht erhalten. Dies
trifft etwa für Nikolai Pietrov und Anatolij Samarski zu, die noch im
Herbst dieses Jahres Vorarlberg besuchen werden.
Heute zu behaupten, dass ab 1938 "die Deutschen" für die
menschenverachtenden Zustände auf den Silvretta-Baustellen allein
verantwortlich gewesen wären, ist wohl hanebüchen und historisch
unzutreffend. Selbstverständlich gibt es eine vielfältige
Mitverantwortung der heimischen Eliten am menschlichen Leid, das von
den NS-Machthabern verursacht worden ist. Davon wollte jedoch nach 1945
niemand etwas wissen. Jahrzehntelang wurde auch auf jene vergessen, die
den Ausbau der Wasserkraft während der NS-Ära geleistet hatten:
Tausende Zwangsarbeiter, Fremdarbeiter und Kriegsgefangene. Mit
fortschreitendem Kriegsgeschehen kamen sie aus allen Herren Länder -
nach dem Krieg verließen sie das Land, ohne für ihre Zwangsarbeit
entschädigt zu werden.
Als Ende 1939 die ersten polnischen Kriegsgefangenen in Partenen
ankamen, begrüßte sie ein Plakat mit den zynischen Worten: "Daß wir
bauen, verdanken wir dem Führer!" Die von der Nazi-Propaganda als
"Untermenschen" verhöhnten Arbeitskräfte aus Polen, Russland oder der
Ukraine wurden aufs ärgste geschunden, der Kontakt mit der
einheimischen Bevölkerung verboten. Wer sich nicht daran hielt, musste
mit dem Schlimmsten rechnen. Viele machten mit dem
"Reichserziehungslager Reichenau" Bekanntschaft: Wer die
Gestapo-Torturen und das KZ überlebte, kam wieder an den gleichen
Arbeitsplatz zurück - als Abschreckung für die anderen. Auch die
einheimischen Arbeitskräfte sollten uneingeschränkt die politischen
Anschauungen der Nationalsozialisten teilen. Oppositionelle wie der
Hohenemser Schlosser Johann Seewald oder der Bregenzer Werner Schad
wurden vom Arbeitsplatz weg verhaftet. Seewald wurde 1944 in
München-Stadelheim hingerichtet, Schad kam im KZ Mauthausen um.
Daran musste auch die heutige 80-jährige Frau F. E. denken, als sie
mir ein Schreiben der NSDAP-Ortsgruppe Schruns aus Zorn darüber, dass
noch "heute vertuscht werde", aushändigte. Es datiert vom 21. April
1941 und ist an H. E., einen langjährigen Mitarbeiter der Illwerke,
gerichtet. Darin heißt es:
"Anlässlich der gestrigen Übertragung der Geburtstagfeier des
Führers erlaubten Sie sich, im Cafe Weckerle eine etwas unpassende
Bewerkung zu machen.
Wenn Sie schon glauben, durch Ihr äußeres Benehmen, durch Ihre Art
und Weise andere Volksgenossen zu grüßen, Ihre ostentative Abneigung
gegen die nationalsozialistische Volksgemeinschaft zur Schau tragen zu
müssen, erübrigen sich Ihre sonstigen blöden Bemerkungen, um Ihre
Einstellung noch deutlicher zum Ausdruck zu bringen. Dieses Schreiben
soll Ihnen eine letzte Mahnung sein, denn Sie werden sich wohl bewusst
sein, dass der Nationalsozialismus andere Mittel zur Verfügung hat,
etwas verschrobene Ansichten wieder in die rechte Bahn zu lenken."
"Er war halt christlichsozial eingestellt und deshalb seinem
Vorgesetzten ein Dorn im Auge", meint heute seine Witwe. Die Drohung
wirkte, H. E. hielt sich fürderhin zurück. Kein Wunder, denn die
unmissverständliche Drohung kam vom Ortgruppenpropagandaleiter.
Nach 1945 hat das Land Vorarlberg kräftig am "Weißen Gold"
profitiert. 52 Jahre nach Kriegsende wäre es an der Zeit, diese
Ereignisse zu enttabuisieren und den noch lebenden ehemaligen
Zwangsarbeitern zu ihrem Recht zu verhelfen. Dazu müssten allerdings
die Firmenunterlagen freigegeben werden.
Werner Bundschuh (1997)