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Harald Walser/Esther Martinet (Schweiz) (1999): Verfolgung und grenzüberschreitende Hilfe der Zeugen Jehovas im „Dreiländereck“ 1934 - 1945 — Deutschland, Vorarlberg und Ostschweiz

Die strikte Ablehnung jeder Gewaltanwendung im allgemeinen und des Kriegsdienstes im Besonderen führte dazu, dass die "Bibelforscher" von den Nationalsozialisten besonders verfolgt wurden. Im Grenzgebiet Schweiz — Vorarlberg gab es einen regen Schmuggel von religiösen Schriften, oft mit fatalen Folgen: KZ-Haft und sogar Hinrichtungen. Unpublizierter Beitrag aus Anlass der zeithistorischen Ausstellung „Vergessene Opfer – Jehovas Zeugen unter dem Nazi-Regime“ im Waaghaus St. Gallen vom 30. April bis zum 9. Mai 1999.

 -Die düstere Bilanz der Geschichte der Zeugen Jehovas im NS-Staat nach den neuesten Ergebnissen lautet: Von den etwa 25.000 Bibelforschern wurden circa 10.000 für eine unterschiedlich lange Zeit inhaftiert, 2.000 kamen in eines der Konzentrationslager. Die Religionsgemeinschaft hatte etwa 1.200 Todesopfer zu beklagen, allein 250 davon wegen Kriegsdienstverweigerung  — unter den wehrmacht-gerichtlich verurteilten Kriegsdienstverweigerern somit mit Abstand die größte Zahl. In den reichsweit zentralen Frauen-Konzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück stellten die Zeuginnen Jehovas in den Vorkriegsjahren 1935 1939 eine der größten Häftlingsgruppe. [1] Soweit zunächst die „trockenen“ Fakten.

Österreich war in der Zeit des Austrofaschismus von 1934 bis 1938 stark von der Dominanz der römisch-katholischen Kirche geprägt. [2]  Die Verfolgung der im Vergleich zu Deutschland kleineren und zahlenmäßig unbedeutenderen Gruppe von Zeugen Jehovas setzte bereits in dieser Phase ein. [3]

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde die Unterdrückung im Verhältnis zur Zeit des Austrofaschismus noch brutaler, gleichzeitig aber wurde auch der Widerstand gegen den NS-Terror noch konsequenter. 1937 gab es in Österreich offiziell 549 Zeugen, 445 von ihnen wurden in der NS-Zeit eingesperrt, mindestens 145 zum Tode verurteilt und hingerichtet oder in einem Konzentrationslager zu Tode gebracht. [4]

Sie waren lange Zeit „vergessene Opfer“ des NS-Terrors: „Der gottesfürchtige Landwirt Franz  Jägerstätter  wurde  wegen  seiner Gewissensentscheidung  gegen das damals herrschende Regime zu Recht weithin bekannt. Wer hat jedoch von Franz Reiter, Adolf Zierler, Franz Mattischek, Johann Pichler und Josef Wegscheider gehört? Zeugen Jehovas aus Österreich, die wegen der Weigerung, Militärdienst zu leisten, während der Jahre 1939 bis 1944 hingerichtet wurden. [5] 

Nicht wenige Opfer der NS-Zeit wurden nach 1945 ausgegrenzt und „vergessen“. Das passierte vor allem mit jenen, die auch nach 1945 einer Minderheit angehörten. Zu dieser Gruppe von Außen-seitern zählten ebenso Homosexuelle und Deserteure wie die Sinti und Roma — oder religiöse Minderheiten wie die Zeugen Jehovas.

Eines der größten Probleme bei der Erforschung des Widerstands durch Jehovas Zeugen ist das weitgehende Fehlen zusammenhängender Aktenbestände in den österreichischen Archiven. Auch eine systematische Erfassung von Zeitzeugenaussagen ist sowohl durch den Staat als auch durch die Geschichtsschreibung und die Religionsgemeinschaft selbst leider unterblieben. [6] Es ist daher wertvolles Wissen verloren gegangen. Zudem gab es in Österreich eine jahrelange mangelnde Bereitschaft der Nachkriegseliten, das Kapitel „Widerstand und Verfolgung im NS-Staat“ breit und wissenschaftlich exakt aufarbeiten zu lassen also unter Einbeziehung der Aktivitäten,  beziehungsweise der Unterdrückung aller politischer, ethnischer und religiöser Minderheiten. Der Widerstandsbegriff wurde so verengt auf den (partei-)politischen  bzw. den von Seiten gesell-schaftlicher  Eliten geleisteten Widerstand. Ähnliches gilt für den Aspekt der Verfolgung. [7]

Doch die Zeiten bessern sich: Noch vor einem Vierteljahrhundert, als sich der Verfasserin Vorarlberg erstmals mit der Geschichte dieser Glaubensgemeinschaft im NS-Staat auseinandersetzte [8], war es sehr schwer, überhaupt Literatur zum Thema zu bekommen. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) war damals gerade daran gegangen, für einige österreichische Bundesländer wesentliche Quellen über diese Widerstandsaktivitäten zu veröffentlichen — vor allem Gerichtsurteile und Gestapo-Verhörprotokolle. Diese Arbeit ist inzwischen weit fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen. [9]

Kurz vor der Jahrtausendwende kamen nun sowohl in Deutschland als auch in Österreich zwei Standardwerke auf den Markt, die erstmals einer breiteren Öffentlichkeit wissenschaftlich exakte Ergebnisse präsentieren. [10]

Verfolgung und Widerstand

 

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im NS-Staat begann sehr früh, bereits kurz nach der Macht-übernahme der Nationalsozialisten in Deutschland im Januar 1933. Zeugen Jehovas gehörten zu den ersten Verfolgten und wurden beispielsweise umgehend aus dem Staatsdienst entlassen. Als erste Glaubensgemeinschaft wurde ihre Kirche nach und nach in allen Ländern Deutschlands verboten. Da die Zeugen im Untergrund weiter wirkten, kam es in der Folge zu zahlreichen Verhaftungen und Übergriffen vor allem von Seiten der Geheimen Staatspolizei, die die Bibelforscher als ernst zu nehmenden politischen Gegner einstufte.

Schon im November 1933 verschärfte sich die Lage, als die Zeugen Jehovas wie bisher aus religiöser Überzeugung die Teilnahme an den Reichstagswahlen und NS-Volksabstimmungen ablehnten. Das führte in vielen Orten zu Schikanen und Übergriffen. Noch schwerer wog wohl, dass die Zeugen Jehovas auch den Hitlergruß, den Fahneneid und in den folgenden Jahren jegliche Beteiligung an staatlichen bzw. Partei-Organisationen (HJ) und BDM, Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Deutsche Arbeitsfront usw.) ablehnten sowie den Kriegsdienst verweigerten. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder die Entlassung aus dem Staats- und Gemeindedienst etwa aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 bedeuteten für viele Glaubensanhänger und ihre Familien eine ernste Bedrohung ihrer wirtschaftlichen Existenz. Zwischen April 1933 und Februar 1934 wurden die Bibelforscher-Vereinigungen, beginnend in Mecklenburg, nach und nach in allen deutschen Ländern verboten, ihre Büros und Druckereien wurden beschlagnahmt. [11]

Aber immerhin gab es den mutigen Versuch, sich der fortlaufenden Entrechtung zu entziehen. So veranstaltete die Magdeburger Zentrale der Glaubensgemeinschaft am 25.Juni 1933 eine Großveranstaltung in Berlin-Wilmersdorf, an der trotz der staatlichen Repressalien 7.000 Menschen teilnahmen. Bei dieser Veranstaltung wurde eine „Erklärung“ verabschiedet, welche die Vorwürfe gegen die Zeugen entkräften sollte. Man versuchte mit der neuen Regierung auf dem Verhandlungsweg zu einem Modus vivendi zu kommen. Watch-Tower Präsident Joseph Franklin Rutherford (1869 1942) rief die deutschen Glaubensbrüder sogar dazu auf, ihre Tätigkeit, soweit keine ausdrückliche Genehmigung vorliegt, vorübergehend einzustellen. Viele  hielten sich jedoch  nicht an diese Aufforderung. [12] Spätestens mit dem Basler Kongress der Zeugen Jehovas Anfang September 1934 erfolgten dann der Aufbau einer illegalen Organisation und die uneingeschränkte    Wiederaufnahme und Intensivierung der Missions- und Propagandatätigkeit. In der Folge wurden die deutschen Behörden von Briefen und Telegrammen aus dem In- und Ausland überschüttet. Doch es sollte nichts nützen.

Schon 1933 begann man mit der Einlieferung von Zeugen Jehovas in die Konzentrationslager. Die damals 31-jährige Anna Seifert aus Arnsberg war die erste nachweisbare Bibelforscherin, die im Januar 1935 in das Frauen-KZ Moringen überstellt wurde  [13] Ihr folgten bis Kriegsende 1945 über 3.000 Glaubensbrüder und -Schwestern, genaue Zahlen liegen hierzu noch nicht vor. Am 1. April 1935 kam es zum „Reichsverbot“ der Zeugen Jehovas. Gleichzeitig wurde die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft in Magdeburg endgültig geschlossen und das noch in Deutschland liegende Vermögen der Vereinigung beschlagnahmt.

Die Repression wurde schärfer: Ab Frühjahr 1936 wurde vielfach Anhängern der Vereinigung per Gerichtsbeschluss das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, da sie diese „staatsfeindlich“ erzögen. In welchem Ausmaß dies geschehen ist, lässt sich  ebenfalls noch  nicht exakt nachweisen. Die Zeugen Jehovas selbst nennen 860 betroffene Kinder. [14]

Im Juni 1936 bildete die Gestapo ein Sonderkommando zur Verfolgung der Zeugen, wenig später kam es zu den ersten Massenverhaftungen. Allein 17 Zeugen Jehovas starben bis Mitte 1937 bei Verhören und in Haft. Trotz der zunehmenden Repressionen gelang aber die Reorganisation der Gemeinschaft. Eine auf dem internationalen Kongress in Luzern im September 1936 verabschiedete Protestresolution wurde im Dezember 1936 in einer Auflage von 100.000 Stück in ganz Deutschland verteilt. [15] Von der Schweiz aus wurde ein halbes Jahr später, im Juni 1937, eine zweite groß angelegte Flugblattaktion gestartet, mit der erneut in aller Schärfe auf die Unterdrückung der Glaubensbrüder in Deutschland hingewiesen wurde. Nach einer weiteren Verhaftungswelle im Herbst 1937 gelang es den Zeugen Jehovas, nur noch in einigen bestimmten Regionen des Reiches ihre Organisation aufrecht zu erhalten. Die bis dahin landesweit organisierten Aktivitäten kamen jetzt weitgehend zum Stillstand.

Im Jahre 1937 verschlechterte sich auch die Situation für die inhaftierten Mitglieder der Glaubensgemeinschaft weiter. Sie wurden in die Kategorie der „Rückfälligen“ eingeteilt, erhielten in den Konzentrationslagern die schwersten Arbeiten und waren zunehmenden Schikanen ausgesetzt. Im KZ Dachau und später auch in Sachsenhausen wurden sie sogar von den übrigen Insassen isoliert. Nach einer Anordnung der Gestapo vom 22. April 1937 waren Mitglieder der IBV „nach Beendigung der Strafhaft ... unverzüglich in Schutzhaft zu nehmen“. Im Frauen-KZ Moringen stieg daraufhin ihr Anteil von 17 Prozent im Juni auf vorübergehend 89 Prozent im Dezember 1937. [16)  Erst die rasch zunehmenden Belegzahlen der Konzentrationslager seit Kriegsbeginn 1939 senkten ihren Anteil wieder drastisch ab: in Mauthausen von 5,2 auf 0,12 Prozent, in Buchenwald von 3,3 auf 0,3 Prozent (Ende 1944). 1938 wurde in den Konzentrationslagern ein einheitlicher Farbcode für die einzelnen Häftlingsgruppen eingeführt, die Zeugen Jehovas erhielten den „lila Winkel“.

 

Verhalten im KZ

 

Es gibt sehr viele Belege dafür, wie mutig Menschen in den Konzentrationslagern ihrer Überzeugung gefolgt sind; das gilt übrigens nicht nur für religiöse Gruppen, sondern auch für Mitglieder politischer Organisationen, etwa die Kommunisten. [17]

Die Bibelforscher hatten unter den Häftlingen im Allgemeinen hohes Ansehen. „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“, so lautet der Titel des von Hans Hesse im Jahre 1998 publizierten Sammelbandes, [18] wohl eine der wichtigsten Arbeiten über die Zeugen Jehovas in der NS-Zeit. Er ist angelehnt an einen Ausspruch der im Frauen-KZ Moringen inhaftierten Kommunistin Gertrud Keen. Sie meinte in einem Interview: Die Zeugen „haben sich immer geweigert, eine Arbeit zu tun, und haben dafür sehr harte Strafen, die bis zum Kostentzug gingen, zu erdulden gehabt“. Zudem „sprachen sie ganz offen mit dem Lagerkommandanten, sie sagten ihm ins Gesicht: ‘Hitler sei ein Antichrist und dem Teufel verschrieben’. Man hat ihnen zur Strafe die Bibeln weggenommen, aber sie konnten die Bibel auswendig, sprachen im Chor oder halfen sich aus, wenn ihnen manche Stellen nicht ganz gegenwärtig waren.“ [19] Detlef Garbe zitiert einen ähnlich lautenden Bericht der Exil-SPD vom Mai 1937:„Ganz erstaunlich ist das Verhalten der Ernsten Bibelforscher. Diese Leute bewiesen unerschütterlichen Oppositionsgeist, sie zeigten Märtyrergesinnung und waren unbeugsam wie keine andere Gruppe im Lager.“ [20] Zu den wohl eindrucksvollsten Demonstrationen christlicher Solidarität in den Konzentrationslagern zählen die verschiedenen Aktionen kollektiver Arbeitsniederlegung im Frauen-KZ Ravensbrück, die viele Zeuginnen Jehovas mit dem Leben bezahlten. Am 19. Dezember 1939 verweigerten nahezu sämtliche hier inhaftierte Bibelforscherinnen die ihnen zugewiesene Herstellung von Nähtäschchen, die wie sie zu Recht vermuteten später als Patronentaschen Verwendung finden sollten. Sie nahmen lieber schwerste Strafen der SS in Kauf, als „Arbeiten für den Krieg“ zu verrichten. [21]

Nicht einmal die Missionstätigkeit wurde im Lager aufgegeben. Entsprechende Versuche gab es nicht nur bei Mithäftlingen, sondern in Einzelfällen auch beim Aufsichtspersonal. Im KZ Esterwegen mussten die Zeugen beispielsweise zusätzlich zu ihrer Kennzeichnung noch eine deutlich sichtbare weiße Armbinde tragen, damit die Bewacher allfällige  Missionierungsversuche sofort unterbinden  konnten. Im KZ Neuengamme wurden missionierte Häftlinge in das „Entkrautungskommando“ eingeschleust: Sie hatten Entwässerungskanäle zu graben, rutschten dabei wie zufällig ins Wasser. Der Bibelforscher-Älteste tauchte dann den Kopf des Taufwilligen ins Wasser, während die anderen Gläubigen die Szene mit einem stillen Gebet begleiteten. Die SS-Männer sollen dabei oft vor Freude gejohlt haben, da sie das Ganze für einen Scherz hielten. [22]

Nicht immer hatten im Konzentrationslager inhaftierte Zeugen Jehovas so viel Glück wie die aus Wolfurt bei Bregenz stammende Girlanta Böhler. Die am 22. Februar 1939 in Innsbruck von der Gestapo verhaftete Bibelforscherin war am 15. Juni 1939 ins Frauen-KZ Ravensbrück überführt worden. Ihre Glaubensgenossin Marianne Defner dokumentierte einige der Erfahrungen im Konzentrationslager auf anschauliche Weise. Sie zeigen, welchen Schikanen die Zeuginnen im Lager bisweilen ausgesetzt waren: „Schwester Girlanta Böhler war dort der Wachhundezwinger zur Betreuung zugeteilt. Eines Tages haben sich SS-Männer einen üblen Scherz mit ihr erlaubt; sie sagten zu Schwester Böhler, sie müsse sofort zum Lagerkommandanten gehen der Eingang seines Hauses war durch zwei Bluthunde bewacht; normalerweise konnte kein Mensch hindurch kommen. Die SS-Männer sahen von der Nähe zu, wie es der Bibelforscherin nun ergehen würde, [doch] sie wurden enttäuscht. Schwester Böhler kam ohne Schwierigkeiten vor den Lager-kommandanten. Der schrie Böhler an: ‘Wie kommen sie herein?’ Schwester Böhler erklärte ihm den Sachverhalt. Für die SS-Männer hatte es ein unangenehmes Nachspiel. Sie [hatten] nicht daran [gedacht], dass die Hunde den Geruch ihrer Artgenossen an Schwester Böhler verspüren würden“.[23] Girlanta Böhler wurde 1945 aus Ravensbrück befreit und kehrte anschließend nach Innsbruck zurück. [24]

Es gab auch immer wieder Solidarität zwischen sehr unterschiedlichen Häftlingsgruppen. So berichtet die Hamburger Kommunistin Charlotte Groß, dass sich die Zeuginnen im KZ Lichtenburg  weigerten, eine „Führerrede“ anzuhören. Die Kommunistinnen wollten sie davon abhalten, weil das ja nichts bringe. Doch es nutzte nichts, die Zeuginnen wurden gezwungen und zudem arg misshandelt — mit kaltem Wasser abgespritzt und geprügelt, die erkrankten Frauen durften nicht zum Arzt und erhielten zudem für zwei bis drei Tage kein Essen; außerdem gab es Post- und Schreibverbot. Kommunistische Mithäftlinge versorgten sie daraufhin mit Essen, obwohl sie die „Demonstration“ für „unnötig“ hielten. [25]

Die Repression war insbesondere in den ersten Kriegsjahren überaus brutal: Am 15. September  1939  wurde  beispielsweise  der 39-jährige August Dickmann auf dem Appellplatz des KZ Sachsenhausen wegen Wehrdienstverweigerung vor den Augen der angetretenen Mithäftlinge erschossen. Die SS, die eigentlich ein Exempel statuieren wollte, erreichte damit aber eher das Gegenteil. Zwei Zeugen, die bereits eine „Erklärung“ unterschrieben hatten, sich von ihrem Glauben abwenden zu wollen, zogen die Unterschrift wieder zurück. [26]

Ein anderes bedrückendes Beispiel stammt aus Mauthausen: Da schildert der Häftling Erwin Gostner den Besuch einer Musterungskommission im Februar 1940 und ihre Auswirkungen: „Nur für die Bibelforscher gibt es ein schreckliches Nachspiel. 35 von ihnen haben die Unterschrift im Wehrpass verweigert. Ihr Glaube verbietet ihnen, Menschen zu töten; wenn sie nicht abtrünnig werden wollen, müssen sie den Wehrdienst verweigern. Sie tun es, indem sie keine Unterschrift leisten. Sie haben damit ihr Todesurteil ausgesprochen. Alle bekommen einen schweren Granitstein auf die Schultern und müssen den ganzen Vormittag um den Arrestbunker laufen. In der Mittagszeit stehen sie ohne Essen mit einem Schaufelstiel im Genick und gespreizten Armen, die Augen gegen die Sonne gerichtet, stundenlang! Am Nachmittag kreisen sie wieder ununterbrochen mit den schweren Steinen um den Bunker. Wer zusammenbricht, wird von dem wachhabenden Blockführer geschlagen und in die Arrestzelle geworfen, wo sie elend umkommen. Acht Tage wird diese Tortur fortgesetzt, dann ist der letzte der 35 Bibelforscher gemordet. Es ist ein neunzehnjähriger Bursche, er hat es am längsten ausgehalten. Sein blutverkrustetes Gesicht an den Stein gepresst, wankt er um den Bau, wird immer langsamer, bleibt schließlich stehen, zittert am ganzen Körper und sinkt zu Boden.“ [27]

Dieser barbarische Akt der SS scheint ein Höhe-, aber auch Wendepunkt in der Behandlung der Zeugen Jehovas gewesen zu sein. Jedoch erst in den letzten Kriegsjahren verbesserte sich die Lage dieser Häftlinge in den Konzentrationslagern entscheidend. Sie wurden zu begehrten Arbeitskräften, zumal sie aus Glaubensgründen eine Flucht ablehnten. Somit konnte man sie auch außerhalb des  Lagers an schwer zu überwachenden Arbeitsstellen einsetzen. [28] Wenn die geforderte Arbeit nicht mit ihrem Glauben im Widerspruch stand, galten die Zeugen als besonders fleißig und diszipliniert. Mit Kriegsverlauf wurden sie daher zunehmend wichtig. Diese veränderte Situation ermöglichte den Zeugen auch innerhalb des Lagers, größere Freiräume zu nutzen und sich zu Gottesdiensten und zum Studium ins Lager geschmuggelter Schriften zu treffen. [29]

Detlef Garbe stellte fest, dass in Bezug auf den Widerstand innerhalb der Zeugen Jehovas ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Frauen feststellbar sei. Dieses Ergebnis wird von den Arbeiten Jürgen Harders und Hans Hesses im Grunde bestätigt, man könne aber bei den Zeuginnen nicht von einem frauenspezifischen Widerstand ausgehen. [30] Tatsache ist auch, dass die National-sozialisten sich überlegten, die Glaubensstärke der Zeugen Jehovas für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Von SS-Führer Heinrich Himmler wurde ab Anfang 1943 erwogen, den „gläubigen Fanatismus“ vieler Zeugen in Russland einzusetzen und so „den Gedanken der Wehrlosigkeit in die Völker der Sowjetunion“ zu tragen. [31]

Nicht eindeutig geklärt ist in der historischen Forschung die Frage, ob und in welchem Ausmaß    Zeugen bereit waren, durch das Unterschreiben sogenannter„Verpflichtungserklärungen“  oder „Verpflichtungsscheine“ die Entlassung aus dem Konzentrationslager und somit ihre Freiheit wieder zu gewinnen. Eine von vier solcher Erklärungen vom 14. Dezember 1937 im KZ Moringen lautet: „Ich verpflichte mich, nach meiner Entlassung aus der Schutzhaft mich jeder umstürzlerischen und staatsgefährdenden Tätigkeit zu enthalten. Ich bin darüber belehrt, dass ich keine Ersatzansprüche gegen den Staat aufgrund der erfolgten Inschutzhaftnahme habe. Falls meine Sicherheit bedroht erscheint, kann ich mich freiwillig in politische Haft begeben.“ Nur sechs Tage später kam folgender Zusatz hinzu: „Ich bin auf die Folgen einer erneuten Betätigung für die IBV hingewiesen worden. Mir ist bekannt gegeben, dass eine Unterlassung der Propaganda keineswegs genügt, sondern eine völlige innere Abkehr von der IBV von mir erwartet wird.“ [32]

Nur sehr wenige haben wohl diesen Weg in die Freiheit gesucht. Detailuntersuchungen in den Konzentrationslagern Moringen (bis 1938) und Esterwegen kommen auf eine Zahl von jeweils etwa 13 Prozent eine durchaus problematische Angabe, da die bis einschließlich  1937 verwendeten  noch  nicht  standardisierten „Erklärungen“  keine ausdrückliche Distanzierung vom Glauben der Zeugen Jehovas verlangten. Erst ab 1938 beinhaltete die Unterschriftsleistung die obligatorische Abwendung von der Bibelforscher-Lehre, die in der „Erklärung“ unmissverständlich als „Irrlehre“ bezeichnet wurde. [33] Hans Maršálek erwähnt in seiner Abhandlung über Mauthausen, dass von insgesamt 143 Bibelforschern, die im September 1939 ins Lager kamen, bis April 1944 nur sechs, also ungefähr vier Prozent, entlassen wurden. Ob alle so einen Verpflichtungsschein unterschrieben haben, ist nicht gesichert. [34]

 

Zur Lage in Österreich

 

Schon in der Phase des Austrofaschismus von 1934 bis 1938 bekam der österreichische Zweig der Watch Tower Society, der sich seit Anfang der 20er-Jahre einer heftigen Gegnerschaft seitens der katholischen Kirche zu erwehren hatte, staatliche Sanktionen zu spüren. [35] Der Amtsantritt des christlich-sozialen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß 1932 bedeutete für die relativ kleine Gruppe der Zeugen Jehovas in Österreich sofort eine starke Einschränkung ihrer religiösen Betätigungsfreiheit. Ein interner SD-Bericht aus dem Jahre 1939 spricht für diese Zeit ausdrücklich von einer engen Kooperation zwischen „der damaligen Systemregierung [und der] römisch-katholische[n] Kirche gegen die IBV“. [36]

Wie in Deutschland wurden die religiösen Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas zunächst auf regionaler Ebene, so in Graz, verboten und ihre Druckschriften der staatlichen Zensur  unterworfen.  Nach  der  Ermordung  von  Dollfuß  durch  österreichische Nationalsozialisten im Juli 1934 und der Amtsübernahme seines Nachfolgers Kurt Schuschnigg [37] wurde der Spielraum immer enger. Mit Bescheid vom 10. September 1934 löste der Bundessicherheitskommissär von Wien die Wachtturm-Gesellschaft,  das rechtliche Instrument der Zeugen Jehovas, auf. Die Zeugen legten zwar dagegen Berufung ein und konnten für sich auch einen kurzfristigen Erfolg verbuchen. Doch bereits am 17. Juni wie auch am 17. Juli 1935 bestätigte der Sicherheitsdirektor des Bundes die endgültige Auflösung der Wachtturm-Gesellschaft. Das sofort eingeleitete Rekursverfahren wurde mit Bescheid des Bundesgerichtshofes vom 7. Februar 1936 abgewiesen. [38]

Das schnelle Verbot und das dadurch erzwungene frühe Abtauchen in die Illegalität bewirkten, dass die Zeugen Jehovas in Österreich auf die Repressionen der Hitlerzeit gut vorbereitet waren. Im Unterschied zu den Jahren nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich beschränkten sich die damaligen Verfolgungsmaßnahmen auch meist auf die Beschlagnahmung von Druckschriften, Hausdurchsuchungen und kurzfristige Arreststrafen.

Frühzeitig hatte man enge Kontakte zu dem unter der Leitung des Deutsch-Amerikaners Christian Martin Harbeck (1891  1965) stehenden Zentraleuropäischen Büros der Zeugen Jehovas in Bern geknüpft, die nicht zuletzt für den Druckschriftenschmuggel von der Schweiz nach Österreich noch eine zentrale Bedeutung einnehmen sollten. Auf einem Ende August 1937 in Prag veranstalteten internationalen Kongress der Zeugen Jehovas, an dem auch über 200 österreichische Glaubens-anhänger teilnahmen, erteilten „Brüder“ des Berner Büros ihren Glaubensgeschwistern erste Anweisungen für die illegale Arbeit. Rechtzeitig vor dem deutschen Einmarsch am 12. März 1938 war auch das Eigentum der Wachtturm-Gesellschaft in Wien verkauft worden. [39] Der zuständige Landesleiter der Gesellschaft, der damals vierzigjährige Walter Voigt und seine Frau Elsa, die zuvor schon des Öfteren nach Bern gekommen waren, [40] emigrierten über die Schweiz nach Frankreich, von wo sie dann noch vor Ausbruch des Krieges, im Juli 1939, von Paris aus nach England reisten.[40] 

Als Nachfolger wurde der damals 52-jährige August Kraft (1886 1940) bestimmt. Dem aus Klöwen in Ostpreußen stammenden ledigen Vertreter, der bis zum Verbot der Zeugen Jehovas in deren Zentrale in Wien gearbeitet hatte, stand es frei, nach Deutschland zurückzukehren. Er blieb jedoch in Wien und reorganisierte das illegale Werk mittels Anweisungen des Zentraleuropäischen Büros in Bern. So beschaffte er sich religiöse Schriften in Vorarlberg, die durch eine rege Schmuggeltätigkeit von der Schweiz her eingeschleust wurden. Im Anschluss an eine größere Zahl von Verhaftungen im April 1939 ging Kraft der Gestapo aber bereits am 25. Mai 1939 ins Netz. Er kam ins Polizei-gefängnis Wien, wurde am 14. Juli 1939 ins Konzentrationslager Dachau und dann am 29. September 1939, zusammen mit 144 weiteren Bibelforschern, nach Mauthausen überstellt. Infolge der unmenschlichen Haftbedingungen verstarb er dort am 1. Februar 1940. [42]

Als neuer Leiter des Widerstandswerkes folgte der in Reichenau/Niederösterreich geborene Wiener Gemüsewarenhändler Peter Gölles (1891 1975). Er veranlasste zunächst die weitere Herstellung von „geistiger Speise“, wie die Zeugen Jehovas ihre biblische Literatur bezeichneten. Sie bestand inzwischen fast ausschließlich aus Auszügen bzw. Abdrucken von Originalschriften der IBV, insbesondere des „Wachtturms“, die ihm jetzt nur noch gelegentlich und vereinzelt auf Schmuggel-wegen zugingen. Zeitweise stand ihm Ludwig Cyranek (1907 1941) zur Seite, der in den ersten Jahren nach Kriegsbeginn zum führenden  Kopf des illegalen Werkes der Zeugen Jehovas in West-   und Südwestdeutschland avancieren sollte. Die Verbindung mit dem Ausland wurde in der Haupt-sache durch die Zeugin Jehovas Therese Jakubik aufrecht erhalten, die als kaufmännische Vertreterin regelmäßig Gelegenheit zu Auslandsreisen hatte. In Gölles’ Auftrag suchte sie zweimal  das  Zentraleuropäische Büro in Bern auf, um neue Anweisungen für die Fortführung der illegalen Arbeit in Österreich entgegen zu nehmen.

Gölles oblag auch die Verwaltung der Gelder der IBV, die sich vor allem aus Einnahmen von Spenden und dem Erlös der verteilten Schriften zusammensetzten. Einen Teil dieser Gelder brachte Gölles durch den Zeugen Jehovas Zekoll heimlich über die Grenze in die Schweiz. Später musste man andere Wege beschreiten: Statt Bargeld wurden nunmehr Wertgegenstände, im Ausland gesuchte Fotoapparate und optische Geräte, durch Zekoll  und seinen 1916 geborenen Glaubensgenossen  Ernst  Bojanowsky an das Zentraleuropäische Büro in Bern geliefert. Der Kaufmann Bojanowsky war – wie Gerald Hacke im Jahr 2011 festgestellt hat –  ein  Vertrauens-mann  der  Gestapo  und mitverantwortlich dafür, dass ein großer Teil der organisatorischen Strukturen der Zeugen in Österreich aufgedeckt wurden. Anschließend setzte er diese Tätigkeit im Großraum Berlin fort. [43]

In Vorarlberg und der Schweiz blieb diese Spitzeltätigkeit Bojanowskys unter den Zeugen unentdeckt. Die Schweizer Zeugen Jehovas Hermann (1885 1970) und Marie (1888 1961) Sprenger, beide aus Rorschach am Bodensee, fuhren im Auftrag von Gölles nach Bregenz, um solche Geräte entgegen zu nehmen und im Gegenzug religiöse Original-Druckschriften zu übergeben. [44]

Mit der Verhaftung von Gölles zusammen mit 44 weiteren Bibelforschern am 12. Juni 1940 war die landesweite Organisation der Bibelforscher in der „Ostmark“ praktisch zerschlagen. Diese umfassende Gestapo-Aktion stützte sich auf eine wenige Tage zuvor ergangene Anordnung des Reichssicherheitshauptamts Berlin (RSHA), nach der „alle Angehörigen der IBV sowie alle in dieser Bewegung tätigen als auch als Bibelforscher bekannten Personen in Schutzhaft zu nehmen“ waren. Die Maßnahmen, die auch für Frauen galten, wurden seinerzeit schlagartig im ganzen Reichsgebiet und mit besonderem Erfolg in Österreich durchgeführt. [45]

Der zunächst recht vielversprechende Versuch eines Neuaufbaus durch den in Mülheim an der Ruhr geborenen Deutsch-Italiener Narciso Riet (1908 1945) in den Jahren 1941/42 endete ein Jahr später mit dessen Verhaftung Ende Dezember 1943 in Cernobbio am Comer See in Italien, nahe der Schweizer Grenze. [46]

 

Vorarlberg

 

Auch in Vorarlberg wurde die Menschen verachtende Ideologie der Nationalsozialisten seit 1938 rücksichtslos umgesetzt. So wurden die wenigen hier verbliebenen Juden in Konzentrationslager  deportiert und umgebracht, Minderheiten  verfolgt, politische Opposition im Keim erstickt. [47] Allein im Gefängnis der Bregenzer Oberstadt wurden in den sieben Jahren der NS-Herrschaft über 6.000 Personen eingesperrt oder wie es offiziell hieß  „zur Verfügung der Gestapo“ gehalten, etwa 1.500 davon aus Vorarlberg. Insgesamt dürften es etwa 2.000 VorarlbergerInnen oder in Vorarlberg befindliche Personen gewesen sein, die wegen Widersetzlichkeiten gegen den NS-Staat zumindest kurzfristig eingesperrt wurden. Über 80 von ihnen wurden hingerichtet oder sind in einem Konzen-trationslager zu Tode gekommen. Über 300 Frauen und Männer wurden vor allem in den ersten Kriegsjahren im Rahmen der „Euthanasie“-Tötungsaktionen ermordet.

Das für ein Verfolgungsschicksal im NS-Staat eher ungewöhnliche Beispiel der Frieda Nagelberg (1889 1942) aus Hohenems dokumentiert, dass der nationalsozialistische Vernichtungswahn gegenüber den Juden im Einzelfall auch Mitglieder anderer religiöser Minderheiten treffen konnte.  [48] Die aus Galizien stammende Frau war am 3. April 1930 vom damaligen Prediger der Siebenten-Tags-Adventisten in Vorarlberg, Pastor Mühlbacher, getauft worden. 1940 gab sie vor der Gestapo zu Protokoll, dass sie in dieser Glaubensgemeinschaft seit längerer Zeit nicht mehr aktiv mitgewirkt habe. Hingegen wird von Augenzeugen berichtet, dass sich Frieda Nagelberg im Laufe der 30er-Jahre den Zeugen Jehovas zugewandt habe. [49]

Als im Frühsommer 1940, wie überall in Deutschland, die Vorbereitungen zur zentralen Erfassung und Zwangsumsiedlung der Juden in Angriff genommen wurden, protestierte der Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter des Marktes Hohenems, Josef Wolfgang, gegen die Zurückbehaltung von Frieda Nagelberg an ihrem Wohnort. Der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde, Theodor Elkan, der mit der organisatorisch-technischen Abwicklung der „Umsiedlung“ beauftragt war, hatte die als „Rassejüdin“ eingestufte Frau in die Aktion nicht mit einbezogen. Dass die frühere glaubensmäßige Jüdin inzwischen „einer anderen Glaubenssekte“ angehöre, wollte der Bürgermeister nicht gelten lassen. „Nachdem durch diese Umsiedlungsaktion nun alle anderen Juden aus Vorarlberg entfernt“ worden seien, teilte er dem Landrat in Feldkirch mit, „halte ich es für angezeigt, dass auch Frieda Nagelberg aus dem Lande entfernt wird, trotzdem sie im Versorgungsheim regelmäßig als Wäscherin schon seit Jahren verwendet wird und ihr Verhalten zu keinerlei Klagen Anstoß gibt. Ich bitte Sie zu veranlassen, dass auch Frieda Nagelberg den Auftrag zur Umsiedlung nach Wien erhält“. [50] Unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit wurde sie schließlich als so genannte „letzte Jüdin“ am 25. Februar 1942 nach Wien und kurze Zeit später in den Osten deportiert, von wo sie nicht mehr zurückkehrte. Letzte Hinweise zu ihrer Person datieren vom 9. April 1942 im „Durchgangslager“ Izbica/Polen, unweit vom Vernichtungslager Majdanek/Lublin entfernt.

In den 30er-Jahren gab es in Vorarlberg nur etwa 20 Bibelforscher, die es vor allem in der Zeit des Austrofaschismus etwa bei der Suche nach einem Arbeitsplatz sehr schwer hatten, sich zu behaupten. Sie hatten nicht nur unter der Wirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit, sondern auch unter einer relativ starken religiösen Intoleranz zu leiden, die aus  der allgegenwärtigen  Präsenz des Katholizismus im Alltagsleben resultierte. [51] Die Missionstätigkeit der Bibelforscher wurde dadurch sehr erschwert. Häufig waren es römisch-katholische Geistliche, die den Behörden Hinweise auf umherziehende Bibelforscher gaben. Ludwig Cyranek und der Dornbirner Johann Brotzge (1899 1992) beispielsweise wurden in der Zeit vor dem „Anschluss“ vom Pfarrer von Mellau angezeigt, weil  sie  im  Bregenzerwald  Schriften  verkaufen  wollten.  Beide  wurden  daraufhin festgenommen und drei Tage inhaftiert. [52] Brotzge wurde bis 1938 mehrfach eingesperrt.

Aufgrund dieser schwierigen Rahmenbedingungen herrschte in Vorarlberg bereits seit den 20er-Jahren ein reger Schriftenverkehr mit der Ostschweiz. Im Gegenzug kamen österreichische Zeugen Jehovas nach St. Gallen oder Rorschach, um sich dort das „Photo-Drama der Schöpfung“ an-zusehen, eine audio-visuelle Vorführung der Schöpfungsgeschichte, bei der Filme und Lichtbilder  kombiniert und mit Ton synchronisiert wurden. [53]

Das Vorarlberger Rheintal erwies sich in den Zeiten des „Austrofaschismus“ und des National-sozialismus als ideale Drehscheibe für den Schmuggel religiöser Schriften: Einerseits liegt es unmittelbar an Schweizer Grenze, die teilweise sogar trockenen Fußes überschritten werden konnte – andererseits gibt es etwa Bregenz oder Feldkirch aus direkte Zugverbindungen nach Wien und in die Schweiz nach Buchs oder St. Margrethen, wohin man illegales Material aber auch mit dem Auto, oder sogar mit einem Fahrrad schmuggeln konnte. Von Bregenz aus wurde nicht selten auch mit einem Personenschiff Material geschmuggelt. 

Von 1936 bis zu seiner Verhaftung im Mai 1939 reiste August Kraft mit großen Koffern und als Huthändler getarnt per Eisenbahn von Wien nach Bregenz, wo er Hans Hölterhoff (1894 1971) mit seinen beiden minderjährigen Söhnen Henoch (* 1921) und Rudi (* 1923), die von St. Gallen her mit dem Auto anfuhren, traf und von ihnen Literatur entgegen nahm, die im Zentraleuropäischen Büro in Bern bereitgestellt wurde. Unter dem Auto waren Metallkisten montiert, die mit Büchern, Zeitschriften und Broschüren gefüllt und so ohne größere Probleme nach Österreich eingeschleust werden konnten.

Rudi Hölterhoff, damals 15 Jahre alt, kann sich noch gut an den letzten Besuch 1938/39 in Bregenz erinnern: „Beim letzten Literaturschmuggel waren wie immer mein Bruder Henoch und ich dabei. Wir warteten mit unserem Vater wie üblich nahe der abgemachten Waldlichtung. August Kraft kam aber nicht, um die Literatur abzuholen. Nach einiger Zeit schickte mich mein Vater ins nächste Dorf, ich solle bei einem dort lebenden Zeugen Jehovas nachfragen, wo der ‘Bruder’ bleibe, der die Literatur entgegen nehmen soll. Als ich mich dem Hause näherte, sah ich gerade, wie der dort wohnhafte Zeuge von der Polizei abgeführt wurde. Ich rannte darauf zurück zur Waldlichtung und berichtete dies meinem Vater. So mussten wir unverrichteter Dinge zurückkehren.“ [54]

Häufig benutzten die Zeugen Jehovas aus Rorschach auch das Fahrrad und tarnten ihre Schmug-geltätigkeit etwa als Ausflug ins Grüne. Karl Senft (1893 1967) fuhr zusammen mit Hermann Sprenger und August Scherrer in die Umgebung von Feldkirch, um in einem Waldstück Literatur zu verstecken. Das Schriftenmaterial wurde von ihnen in der Erde vergraben und dann von Vorarlberger Zeugen zur weiteren Verwendung nach Dornbirn gebracht. Außerdem lieferte Senft Schriften per Schiff von Rorschach über den Bodensee nach Lindau, von wo sie weiter nach Süddeutschland gebracht wurden. In Augsburg traf sich Senft mit Anna Herrmann, die hier seit Oktober 1936 als illegale Gruppendienerin fungierte. [55] Sein minderjähriger Sohn David begleitete ihn dabei des Öfteren. Karl Senft konnte bis zum Ausbruch des Krieges die Grenze problemlos überschreiten, da er als deutscher Staatsbürger und mit einer Schweizerin verheiratet nicht weiter auffiel. [56]

Die Schriftenlager, die für die verfolgten „Brüder“ im „Ausland“ im Falle eines deutschen Einmarsches aber auch für den Eigenbedarf bestimmt waren, wurden zu Tarnungszwecken auf verschiedene Personen und Orte verteilt. Karl Senft etwa hatte zwei Lagerorte für die Literatur eingerichtet: den einen getarnt im Dachboden, den anderen im Keller, unter einem Mostfass im Boden vergraben. Als Behältnis diente hier ein zweites Mostfass, das von oben geöffnet werden konnte. Anlässlich einer Hausdurchsuchung durch die St. Galler Kantonspolizei am 31. Juli 1940 wurde nur die persönliche Literatur der Familie beschlagnahmt [57] , die verborgenen Lager wurden nie entdeckt.

Auf dem Bauernhof der Familie Kuhn in Staad am Bodensee befand sich ebenfalls deponiertes Schriftenmaterial. Die 1932 geborene Martha Steimann-Kuhn war damals noch ein Kind und erinnert sich: „Meine Eltern dachten sich als Verstecke den Hühnerstall und ein großes Mostfass in der Scheune aus. Diese zwei Verstecke erwiesen sich als gute Orte. Unsere Eltern haben uns Kindern nie verraten, wohin sich diese Literatur bewegte, damit wir nichts ausplaudern konnten.“ Unser Bauernhof lag nur wenige Kilometer von der deutsch-österreichischen Grenze entfernt. „Viele Bewohner von Staad hatten sich bereits ins Landesinnere begeben, weil sie Angst vor Hitlers Eindringen hatten. Selbst wir Zeugen Jehovas ließen Namen und Adressen aus unsern Karteien verschwinden, und wir tarnten uns mit Nummern statt Namen. Es war eine Zeit großen Misstrauens. Wer war Freund, und wer war Feind? Das war sehr schwer auszumachen. Überall klebte die Regierung Plakate an, mit der Mahnung: ‘Wer nicht schweigt, schadet der Heimat’.“ Die Armee ordnete während des Krieges an, „dass wegen der strategisch guten Lage eine Kompanie Soldaten auf unserem Hof stationiert werden sollte. [...] So durften wir und unsere Literatur ungewollt den besten Schutz der Schweizer Armee während des Zweiten Weltkrieges geniessen [...]“. [58])

Bis 1938 wurden die religiösen Schriften meistens im „Gütle“  nahe Rappenlochschlucht, wenige  Kilometer von Dornbirn  entfernt, übergeben. [59] Die katholische Kirche und auch die Behörden bemerkten diesen regen Literaturtransfer nicht, da es damals nichts Ungewöhnliches war, wenn Fahrzeuge mit Schweizer Kennzeichen die Grenze passierten. Mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich trat dann eine völlig neue Situation ein. Die Nationalsozialisten bauten auf dem Zanzenberg oberhalb der Rappenlochschlucht für die Waffen-SS eine Wohnsiedlung. Das machte diesen Ort für die Übergabe von Schriften ungeeignet, zumal Dornbirn zu einer Hochburg der Braunhemden wurde. [60]

Die Zeugen wichen höchstwahrscheinlich in den Auwald in der Nähe von Lustenau aus. Lustenau war ein kleiner Grenzübergang, der Vorarlberg durch eine Holzbrücke über den Rhein mit Au in der Schweiz verbunden hat. Hier wurde die Literatur umgeladen und danach im Haus von Josef Wegeler in Dornbirn in der Fischbachgasse 60 (heute Hausnummer 64) im Dachgebälk versteckt. Da Wegeler bei der Polizei als Bibelforscher bekannt war, wurde sein Haus in regelmäßigen Abständen durchsucht. Dabei riss die Polizei Fußböden auf, klopfte Wände nach Hohlräumen ab und inspizierte den Dachboden. Das Dachgebälk wurde offenbar nicht näher in Augenschein genommen, denn die Schriften wurden nie entdeckt.

Am Schriftenschmuggel aktiv beteiligt waren auf Vorarlberger Seite nebst Josef Wegeler dessen Frau Maria, ferner der schon genannte Johann Brotzge, die Zeuginnen Lina Grabherr, Josefine Rümmele und Agatha Thaler sowie die Zeugen Cilla Luga und Engelbert Lenz. [61] Sie verteilten anfänglich die Literatur in ganz Vorarlberg mit dem Fahrrad. Mit der Zeit wurde es aufgrund von Verhaftungen aber immer schwieriger, eine Schriftenübergabe zu organisieren. Deshalb wählte man als möglichst unauffällige Kuriere Frauen aus, die die „Wachtturm“-Ausgaben aus der Schweiz über die Grenze bringen sollten. Von Lina Grabherr aus Dornbirn erzählt man, dass ihr einmal ein Zöllner nachrief: „A dicke Nudel biste schon“, worauf sie zurückgab, „mir is des wurscht“. Niemandem fiel
auf, dass sie auf ihrem vollschlanken Körper „Wachtturm“-Ausgaben trug. [62] Es ist anzunehmen, dass auf diese Weise bis 1942/43 noch vereinzelt Schriften über die Grenze gebracht wurden.

Es waren übrigens nicht nur Schweizer Zeugen Jehovas, die die biblische Literatur nach Österreich schmuggelten, ihre Vorarlberger Glaubensgeschwister holten sie auch direkt in der benachbarten Schweiz ab. So fuhr Johann Brotzge bis 1938 regelmäßig mit seinem Fahrrad nach der Brasselmühle in der Gemeinde St. Margrethen zu dem dort wohnhaften Zeugen Hermann Mayer. Mayer war wie Karl Senft deutscher Reichsangehöriger und mit einer Schweizerin, Anna Ritsch, verheiratet. Die Kantonspolizei St. Gallen sah in ihm einen „fanatischen Anhänger“ der Zeugen Jehovas. [63]

Wegen „Teilnahme an einer wehrfeindlichen Verbindung“ wurde vor dem Landgericht in Feldkirch am 6. September 1940 ein Verfahren gegen Johann Brotzge, Maria Wegeler, Martin Thaler und Josef Berndorfer eingeleitet. Brotzge war zuvor bereits wegen Fluchthilfe für einen Glaubensbruder im Herbst 1938 angeklagt worden, was ihm das Gericht aber nicht nachweisen konnte. Die Beschuldigten wurden zu vier beziehungsweise sechs Monaten Haft verurteilt. [64] Ebenfalls im Jahre 1940 verhaftete die Gestapo weitere Mitglieder der Glaubensgemeinschaft: Josef Wegeler, Theresia Brotzge und Engelbert Lenz waren zwischen drei und acht Wochen in Haft.

 

Ludwig Cyranek

 

Johann Brotzge, illegaler „Leiter der Zeugen Jehovas“ in Dornbirn, beteiligte sich nicht nur aktiv  am  Schriftenschmuggel über die Grenze, sondern organisierte auch das Untergrundwerk in ganz Vorarlberg. Ihm zur Seite stand zeitweise Ludwig Cyranek, in Vorarlberg auch unter dem Decknamen „Ziereneck“ bekannt.

Cyranek war seit Mitte der 30er-Jahre eine der führenden Persönlichkeiten im illegalen Unter-grundwerk der Zeugen Jehovas in Deutschland und Österreich. Zwischen Frühjahr 1939 und seiner endgültigen Verhaftung ein Jahr später koordinierte er ein weitreichendes Netzwerk von illegalen Versammlungen, das sich von den Niederlanden über das Ruhrgebiet und den deutschen Südwesten bis nach Österreich hinzog. [65] Der am 1. September 1907 in Herten/Westfalen geborene Deutsche hatte sich 1925 als Zeuge Jehovas in Gelsenkirchen taufen lassen. Anfang 1927 trat Cyranek in deren Zentrale in Magdeburg ein und arbeitete dort bis Ende Oktober 1931 als Bürogehilfe. In Magdeburg lernte er Fritz Kotermann, Maschinist aus Mülheim an der Ruhr, und den Vorarlberger Wilhelm Krieg (1894 1970) kennen. Zusammen wurden die drei als „Pioniere“ nach Ungarn und Jugoslawien gesandt, von wo sie 1934 gemeinsam nach Vorarlberg zurückkehrten: Kotermann wohnte bei Josef Wegeler, dessen jüngere Schwester Irma er nach dem Kriege heiratete, Cyranek weilte zusammen mit Wilhelm Krieg als Gast in dessen Elternhaus in Dornbirn. [66]

Schon während dieses ersten sechsmonatigen Aufenthalts in Vorarlberg arbeitete Cyranek eng mit Johann Brotzge zusammen und lernte durch ihn auch den Zeugen Hermann Mayer aus Rheineck kennen. Die damals gewonnenen Ortskenntnisse und konspirativen Erfahrungen kamen Cyranek später zugute, als er im Jahre 1936 für kurze Zeit von Deutschland aus nach Vorarlberg zurück-kehrte, um erneut zusammen mit Brotzge das Untergrundwerk in dieser Region zu intensivieren. Anfang September des gleichen Jahres besuchte er auch den Kongress der Zeugen Jehovas in Luzern, wobei er illegal in die Schweiz einreiste. [67]

Zurück in Deutschland setzte er seine Arbeit bis zu seiner erstmaligen Verhaftung am 5. November 1936 in Mannheim fort. Über seine Aufenthaltsorte gab er der Gestapo-Außenstelle in Mannheim damals folgendes zu Protokoll: „Wo ich war, sage ich nicht, denn ich habe die Verpflichtung von Gott, darüber zu schweigen. Die bei mir vorgefundenen Bezirksfahrkarten benutze ich zum Besuch von Glaubensgenossen. Wen ich besucht habe, sage ich [aber] nicht. Die Druckschrift, die bei mir vorgefunden wurde, habe ich [ebenfalls] von jemandem bekommen, dessen Namen ich nicht angebe.“ [68] Wegen „illegaler Betätigung für die IBV“ wurde Cyranek durch Urteil des Schöffen-gerichts Siegburg am 9. April 1937 zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, die er teilweise in einem Konzentrationslager im Emsland absitzen musste. Nach seiner Entlassung am 9. Oktober 1938 nahm er die Untergrundtätigkeit sofort wieder auf.

Etwa im Oktober 1939 erhielt Cyranek von Arthur Winkler (1898 1972), einem der damaligen Hauptverantwortlichen des Untergrundwerkes der Zeugen Jehovas in Deutschland, über das Büro der Wachtturm-Gesellschaft in Holland erneut die Anweisung, sich um die Verhältnisse der Zeugen Jehovas in der „Ostmark“ zu kümmern. Der bisherige Leiter der Bibelforscher in Österreich, August Kraft, befand sich bereits seit Mai des gleichen Jahres in Haft. So fuhr Cyranek etwa Anfang November mit einem gefälschten Pass nach Wien und stellte dort den Glaubensbrüdern seine Erfahrungen für die Arbeit in der Illegalität zur Verfügung. Er beteiligte sich auch hier an der gefährlichen Aufgabe, den „Wachtturm“ zu vervielfältigen. [69]

Sein neuerlicher Aufenthalt führte ihn bald wieder nach Vorarlberg, wo er aber nur noch Wilhelm Krieg antraf; Fritz Kotermann war in der Zwischenzeit in die Schweiz geflüchtet. Ein weiterer, wahrscheinlich letzter Besuch in der Schweiz wäre Cyranek fast zum Verhängnis geworden. Ob er Anweisungen vom Zentraleuropäischen Büro in Bern einholen oder persönlich Druckschriften oder -vorlagen in die „Ostmark“ einschmuggeln wollte, ist bislang nicht nachweisbar, aber zu vermuten. Jedenfalls fiel sein dilettantisch gefälschter Pass auf, als er Ende Juli 1939 an einem Grenzübergang nahe von Altstätten im Rheintal in eine Personenkontrolle geriet. Bei der Befragung über Woher und Wohin verwickelte er sich in Widersprüche, so dass ihm der deutsche Grenzbeamte für die Einreise nach Deutschland nur eine eintägige Aufenthaltsgenehmigung ausstellte. Mit diesem Vermerk war der Pass für ihn unbrauchbar geworden. [70]

Wenige Monate später, am 1. März 1940, wurde Ludwig Cyranek in Dresden festgenommen. Am 18. März 1941 fand der Strafprozess vor dem dortigen Sondergericht statt, das ihn zum Tode verurteilte. [71] Am 3. Juli 1941 wurde Cyranek in Dresden durch das Fallbeil hingerichtet. Das erregte in Vorarlberg erhebliches Aufsehen. Das Vorarlberger Tagblatt berichtete in seiner Ausgabe vom 21. März 1941 unter dem Titel „Bibelforscher als Saboteure des Luftschutzes Leben und Gut des deutschen Volkes gefährdet Todesstrafe für den Haupträdelsführer“ ausführlich über den Strafprozess und das Urteil Cyraneks. Auch die Schweizer Zeitung „Wächter  am Rhein“ in St. Margrethen veröffentlichte am 22. März 1941 zu Cyraneks Verurteilung unter der Überschrift„Todesurteil gegen Ernsten Bibelforscher“ einen eigenen Bericht. [72] Beide Artikel deuten darauf hin, dass Cyraneks Tätigkeit im Untergrundwerk der Zeugen Jehovas in Vorarlberg bei der Hauptverhandlung in Dresden eine Rolle gespielt hat.

 

Flucht vor den Nazis in die Schweiz: Fritz Kotermann

 

Das Grenzgebiet Vorarlberg–Schweiz eignete sich nicht nur bestens für den Schriftenschmuggel, sondern auch für die Flucht aus dem deutschen Machtbereich in die neutrale Schweiz. Es wurde bereits erwähnt, dass Johann Brotzge im Herbst 1938 wegen Fluchthilfe für einen Glaubensbruder angeklagt worden war. Obwohl das Verfahren damals mangels Beweise eingestellt wurde, weiß man heute, dass er seinem Glaubensbruder aus gemeinsamen Vorarlberger Zeiten, dem schon genannten, im Dezember 1936 von Jugoslawien nach Österreich ausgewiesenen Fritz Kotermann (1900 1980), 1938 half, über den Grenzposten Lustenau nach Au in die Schweiz zu fliehen. [73]

Am 28. März 1938 informierte die Kantonspolizei St. Gallen das Bezirksamt Rorschach, dass Kotermann mit einem Passierschein des städtischen Melde- und Passamts Dornbirn, gültig bis 31. März 1938, ausgestellt vom Gendarmerieposten-Kommando, am 27. März in Au/Rheintal in die Schweiz gekommen sei. Kotermann, der zunächst  Aufnahme bei Hermann und Marie Sprenger in Rorschach fand, meldete sich auch rechtzeitig  beim „Kontrollbureau“ der Gemeinde, wo er durch  das Bezirksamt protokollarisch einvernommen wurde. Als Ergebnis teilte die Kantonspolizei St. Gallen am 4. April 1938 der Schweizerischen Bundesanwaltschaft in Bern mit, dass es sich bei Kotermann um einen „Agenten der sogenannten Ernsten Bibelforscher handelt, die ihr Heimatland schon vor der Machtergreifung Hitlers verlassen haben“; die Angaben des Mannes seien insgesamt „mit Vorsicht aufzunehmen“.

Kotermann hatte per 29. März 1938 zu Protokoll gegeben, dass er von einem Schuster in Dornbirn wegen angeblich regimekritischer Äußerungen bei der NSDAP-Parteileitung in Dornbirn denunziert worden sei. Der deutsche Konsul, an den ihn die Parteileitung verwiesen habe, habe ihm dann in Bregenz mitgeteilt, die Sache sei „schon der Gestapo übergeben“. Bereits am 15. Dezember 1937 hatte ihm das deutsche Konsulat in Innsbruck die Erneuerung seines abgelaufenen Reisepasses verweigert. Seine Schwester in Weilheim an der Ruhr, an die er sich wegen der Ausstellung eines Heimatscheines hilfesuchend gewandt hatte, habe ihm geschrieben, dass er in Deutschland von der Gestapo gesucht werde. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 sei damit die Flucht in die Schweiz als einzige Möglichkeit offen geblieben.

Die Bundesanwaltschaft in Bern, die vom Polizeikommando St. Gallen wegen der Grundsätzlichkeit  des Falles hinzugezogen worden war, lehnte es in ihren Antwortschreiben vom 20. April und 31. Mai 1938 ab, Kotermann als politischen Flüchtling anzuerkennen und überließ ihn der „fremdenpolizeilichen Behandlung“: „Nach Prüfung der Aktenlage kommen wir zu der Auffassung, dass eine politische Verfolgung des Kotermann zu wenig glaubhaft gemacht ist“, lautete das Fazit ihrer Ermittlungen. [74] Dies bedeutete, dass es dem freien Ermessen der Polizei des Kantons St. Gallen überlassen blieb, Kotermann entweder eine befristete Toleranzbewilligung zu erteilen oder ihn über die Grenze ins Deutsche Reich abzuschieben, wo ihm langjährige Gefängnis- oder KZ-Haft und gegebenfalls die Todesstrafe als Kriegsdienstverweigerer  drohten. Erst nach Hinterlegung einer Kaution von 5.000 Franken durch Hermann Sprenger erhielt Kotermann die gewünschte Toleranz-bewilligung und durfte in der Schweiz bleiben.

Durch Bemühungen des Zentraleuropäischen Büros der Zeugen Jehovas in Bern wurde die Toleranzbewilligung schließlich immer wieder, zuletzt bis Oktober 1945, verlängert. Kotermann hielt sich bis Dezember 1938 illegal auf dem Bauernhof der Familie Kuhn in  Staad am Bodensee versteckt, [75] bis ihm im Januar 1939 nach Zahlung der erwähnten Kaution gestattet wurde, auf das Landgut Chanélaz bei Cortaillod im Kanton Neuenburg überzusiedeln, einem Flüchtlingsheim, das die Schweizer Zeugen Jehovas 1938 für ihre verfolgten GlaubensgenossInnen eingerichtet hatten. Von Mai bis Dezember 1943 wurde der zwischenzeitlich aus dem deutschen Staatsverband ausgebürgerte Kotermann im Arbeitslager Bad Schauenburg bei Liestal dienstverpflichtet, [76] im Januar 1945 brachte er einige Tage in einem Internierungslager in Locarno zu. Kotermann, der, wie erwähnt, nach dem Krieg die Vorarlbergerin Irma Wegeler heiratete, kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern blieb bis zu seinem Tod in Dornbirn wohnhaft.

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1  Vgl. Hans Hesse, Einleitung, in: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, hrsg. v. H. Hesse, Bremen 1998, S. 9 13, hier S. 9.
2  Zur Rolle der katholischen Kirche im „Austrofaschismus“ vgl. Ernst Hanisch, Der Politische  Katholizismus als ideologischer Träger des „Austrofaschismus“, in:„Austrofaschismus“. Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934 1938, hrsg. v. E.  Tálos u. W. Neugebauer, Wien 1984, S. 53 74; die frühe Analyse von Paul Schmid-Ammann, Der politische Katholizismus, Bern 1945, S. 81 91.
3  Dazu ausführlicher im Abschnitt „Zur Lage in Österreich“ weiter unten in diesem Beitrag.
4  Zur Verfolgung der Zeugen Jehovas in Österreich vgl. vor allem Detlef Garbe, Widerstand aus dem Glauben. Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland und Österreich unter national-sozialistischer Herrschaft, in: Zeugen Jehovas. Vergessene Opfer des Nationalsozialismus? Referate und Berichte der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK)  am  29. Jänner 1998 veranstalteten wissenschaftlichen  Tagung, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1998, S. 11 19; zu den Zahlenangaben siehe ebenda, S. 17. Vgl. ferner Franz Aigner, Überblick über die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Österreich 1938 1945, in: Ebenda, S. 37 43; Tätigkeit der Zeugen Jehovas in der Neuzeit: Österreich, in: Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1989, S. 67 147; Jehovas Zeugen Österreich (Hrsg.), Die vergessenen Opfer der NS-Zeit. Standhaft trotz Verfolgung, Wien 1999.
5 Siehe Aigner (wie Anm. 4), S. 37.
6 Immerhin sammelt das österreichische Zweigbüro der Zeugen Jehovas in Wien seit einigen Jahren Erlebnis- bzw. Lebensberichte von Zeitzeugen, die in diesem Aufsatz für die hier untersuchten Regionen erstmals umfassend ausgewertet wurden.
7 Diese in der Literatur vorherrschende Betrachtungsweise und Beschränkung des Widerstands-begriffes ist erst jüngst wieder deutlich geworden; vgl. Hermann Graml, Widerstand, in: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, hrsg. v. W. Benz u.a., 3. Aufl., München 1998, S. 309 321; Wolfgang Neugebauer, Widerstand und Opposition, in: NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, hrsg. v. E. Tálos u.a., Wien 2001, S. 187 212.
8 Vgl. Harald Walser, Die Zeugen Jehovas, in: Von Herren und Menschen. Verfolgung undiderstand in Vorarlberg, hrsg. v. der Johann-August-Malin-Gesellschaft, Bregenz 1985, S. 127f.
9 Für die hier untersuchten Regionen: Andreas Maislinger, Die Zeugen Jehovas (Ernste Bibelforscher), in: Widerstand und Verfolgung in Tirol 1934-1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1984, Bd. 2, S. 369 83; Wolfgang Neugebauer, Ernste Bibelforscher (Internationale Bibelforscher-Vereinigung), in: Widerstand und Verfolgung in Wien 1934 1945. Eine Dokumentation, hrsg. v. Dokumentations-archiv des österreichischen Widerstandes, Bd. 3: 1938 1945, 2. Aufl., Wien 1984 (Zuerst: 1975), S. 161 85.
10 Neben den bereits erwähnten Arbeiten von Garbe und Hesse sind das insbesondere auch jene von Sybil Milton; vgl. vor allem dies., Zeugen Jehovas — vergessene Opfer?, in: Zeugen Jehovas. Vergessene Opfer des Nationalsozialismus? (wie Anm. 4), S. 21 26.
11 Dazu und zum Folgenden überblickhaft Jürgen Harder/Hans Hesse, Zeittafel zur Entwicklung und Verfolgung der Zeugen Jehovas, in: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“ (wie Anm. 1), S. 425 30, hier S. 426ff.
12 Siehe dazu auch den Beitrag von Hubert Roser „Widerstand als Bekenntnis“ in diesem Band; die eingehende Darstellung bei Detlef Garbe, Zwischen  Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“, 3., überarb. u. um e. Nachw. erg. Aufl., München 1997, S. 87 127.
13 Vgl. Harder/Hesse, Zeittafel (wie Anm. 12), S. 427.
14 Angaben der Wachtturm-Geselschaft, nach Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 208.
15 Siehe dazu ausführlich den Beitrag von Alfred Altwein in diesem Band.
16 Vgl. Jürgen Harder/Hans Hesse, Die Zeuginnen Jehovas im Frauen-KZ Moringen: ein Beitrag zum Widerstand von Frauen im Nationalsozialismus, in: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“ (wie Anm. 1), S. 35 62, hier S. 44, 56.
17 Beispiele benennen etwa Hans Maršálek, Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation, unter Mitarb. der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen, 2., erw. Aufl., Wien 1980 (Zuerst: 1974), S. 294 317; Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, Berlin u.a. o.J. (1974) (Zuerst: München 1946), S. 317.
18 Wie Anm. 1. Eine verbesserte Folgeauflage sowie die englische Ausgabe sind im Druck. Vgl. neuerdings auch Hans Hesse/Jürgen Harder, Und wenn ich lebenslang im KZ bleiben müsste. Die Zeugen Jehovas in den Frauen-KZ Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück, Essen 2001.
19 Zit. nach Harder/Hesse, Die Zeuginnen Jehovas im Frauen-KZ Moringen (wie Anm. 16), S. 35.
20 Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934  1940, hrsg. u. mit e. Reg. versehen v. Klaus Behnken, ND Frankfurt a.M. 1980, Bd. 4, Jg. 1937, S. 707; zit. nach Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 406.
21 Vorgang nach ebenda, S. 431 33; vgl. ausführlich auch Hesse/Harder, Und wenn ich lebens-lang (wie Anm. 17).
22 Vgl. Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 488f. Vergleichbare Fälle gelebter Frömmigkeit im KZ schildert Christoph Daxelmüller, Solidarität und Überlebenswille.  Religiöses und soziales Verhalten der Zeugen Jehovas in Konzentrationslagern, in: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“ (wie Anm. 1), S. 21 34.
23 Lebensbericht Felix Deffner, Innsbruck, o.D. (Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien).
24 Siehe demgegenüber die fälschliche Darstellung bei Jehovas Zeugen Österreich, Die vergesse-nen Opfer (wie Anm. 4), S. 44.
25 Vorgang nach Hanna Elling, Frauen im deutschen Widerstand 1933 1945, 4. Aufl., Frankfurt a.M. 1986, S.104; zit. nach Milton (wie Anm. 10), S. 25. Siehe auch den Beitrag von Sybil Milton in diesem Band.
26 Vgl. Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 420 –425.
27 Zit. nach Aigner (wie Anm. 4), S. 39.
28 Vgl. Garbe, Widerstand aus dem Glauben (wie Anm. 4), S. 17.
29 Beispiele hierzu benennen Harder/Hesse, Die Zeuginnen Jehovas im Frauen-KZ Moringen (wie Anm. 16), S. 56; Antje Zeiger, Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Sachsenhausen, in: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“ (wie Anm. 1), S. 76 101, hier S. 96; Kirsten John, „Mein Vater wird gesucht ...“ Häftlinge des Konzentrationslagers in Wewelsburg, 3., korr. Aufl., Essen 1998, S. 139.
30 Vgl. Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 503; Harder/Hesse, Die Zeuginnen Jehovas im Frauen-KZ Moringen (wie Anm. 16), S. 55f.
31 Vgl. Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 46170.
32 Zit. nach Harder/Hesse, Die Zeuginnen Jehovas im Frauen-KZ Moringen (wie Anm. 16), S. 49f.
33 Vgl. ebenda, S. 50. Zu Moringen vgl. neuerdings auch Hans Hesse, Das Frauen-KZ Moringen. 1933-1938. „... und wir daher an diesen Frauen verhältnismäßig gut verdienen. Es wäre daher erwünscht, möglichst viele weibliche Polizeigefangene aufzunehmen“, Göttingen 2000.
34 Vgl. Maršálek (wie Anm. 16), S. 273.
35 Vgl. Garbe, Widerstand aus dem Glauben (wie Anm. 4), S. 12. Die Anfänge des österreichischen Zweiges der Zeugen Jehovas reichen in die Endphase des Ersten Weltkrieges zurück; vgl. Tätigkeit der Zeugen Jehovas in Österreich (wie Anm. 4), S. 6877.
36 SD-Unterabschnitt Oberdonau an den SD-Führer des SS-Oberabschnittes Donau in Wien, 15. Juni 1939 (Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien).
37 Zu den regionalen Auswirkungen der Dollfuß-Krise in Tirol/Vorarlberg vgl. Harald Walser, Der Juli-Putsch 1934 in Tirol, in: Tirol und der Anschluss. Voraussetzungen, Entwicklungen, Rahmen-bedingungen 1918 1938, hrsg. v. T. Albrich u.a., Innsbruck 1988, S. 331 56.
38 Vorgang nach Unterlagen von Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien; vgl. auch Garbe, Widerstand aus dem Glauben (wie Anm. 4), S. 12.
39 Vgl. ebenda, S. 14; Tätigkeit der Zeugen Jehovas in Österreich (wie Anm. 4), S. 97 99; Neuge-bauer (wie Anm. 9), S. 166f.
40 Lebensbericht von Jules Feller, Thun, Februar 1971 (Jehovas Zeugen der Schweiz, Geschichts-archiv Thun 1090: Jules Feller).
41 Über weiterbeförderte Schützlinge der Wachtturm-Gesellschaft, Bern, 20. Mai 1939 (Ebenda 1605: EFP, allgemein).
42 Angaben nach Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien; vgl. auch Garbe, Widerstand aus dem Glauben (wie Anm. 4), S. 14f.; Jehovas Zeugen Österreich, Die vergessenen Opfer (wie Anm. 4), S. 31.
43 Wiener Stadt- und Landesarchiv, SHV 5787/47. Siehe auch den Hinweis in der Urteilsschrift des Sondergerichts 1 beim Landgericht  Dresden gegen Cyranek, Bojanowski u.a. vom 18. März 1941, S. 14 (StA Dresden Zuchthaus Waldheim, Nr. 5995/1: Gefangenenakte G. Franke). Zu Bojanowski als Gestapo-Spitzel siehe Gerald  Hacke, Die Zeugen Jehovas im Dritten Reich und in der DDR. Wahrnehmung und Verfolgung der Zeugen Jehovas, Göttingen 2011, S. 168, Anm. 839.
44 Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien.
45 Der Gestapo-Erlass ist auszugsweise abgedr. in: Tätigkeit der Zeugen Jehovas in Österreich (wie Anm. 4), S. 108f. Zu der Verhaftungsaktion und ihren gerichtlichen Folgen vgl. Neugebauer (wie Anm. 9), S. 166
46 Vgl. zu Riet Matteo Pierro, Fra martirio e resistenza. La persecuzione Nazista e Fascista die Testimoni di Geova, 2. Aufl., Como 1997, S. 84f.; Paolo Piccioli, I Testimoni di Geova durante il regime Fascista, in: Studi Storici. Rivista trimestrale dell' Istituto Gramsci 41 (2000), H. 1, S. 191 229, hier S. 227f.; Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 328, 339f. .
47 Vgl. Johann-August-Malin-Gesellschaft (Hrsg.), Von Herren und Menschen. Verfolgung und   Widerstand in Vorarlberg  1933 1945, Bregenz 1985;  Harald  Walser, Bombengeschäfte. Vorarlbergs Wirtschaft in der NS-Zeit, Bregenz 1989, S. 23 45; Emmerich Tálos, Von der Liquidierung der Eigenstaatlichkeit zur Etablierung der Reichsgaue der „Ostmark“. Zum Umbau der politisch-administrativen Struktur, in: NS-Herrschaft in Österreich (wie Anm. 7), S. 55 72.
48 Zu dem gut dokumentierten Fall vgl. Werner Matt, „... lege ich größten Wert darauf, dass auch diese letzte Jüdin das Land Vorarlberg verlässt“: Frieda Nagelberg, in: „Wir lebten wie sie ...“ Jüdische Lebensgeschichten aus Tirol und Vorarlberg, hrsg. v. T. Albrich, Innsbruck 1999, S. 271 88; Werner Dreier, Vom Bürger zum Objekt der Verwaltung. Antisemitismus und Nationalsozialismus in Vorarlberg, in: Juden in Hohenems. „... eine ganz kleine jüdische Gemeinde, die nur von den Erinnerungen lebt!“ Katalog des Jüdischen Museums Hohenems, hrsg. v. E. Grabherr, Hohenems 1996, S. 112; Norbert Peter, Die Hohenemser Judengemeinde im Spiegel antisemitischer Beschuldigungen, in: Die Geschichte der Juden in Hohenems, hrsg. v. A. Tänzer, unveränd. ND, Bregenz 1982, S. 836f.; Jehovas Zeugen Österreich, Die vergessenen Opfer (wie Anm. 4), S. 44.  Zur Judenverfolgung in Vorarlberg vgl. Maria L. Stainer, „Wir werden den Juden schon eintunken“. Ein Beitrag zur Geschichte der Juden in Innsbruck, Vorarlberg und des übrigen Tirol, in: Die Geschichte der Juden in Tirol. Von den Anfängen im Mittelalter bis in die neueste Zeit, Bozen 1986, S. 17 32.
49 Nach Aussagen von ZeitzeugInnen (R. K.-K., Hohenems; Lorly Hegetsweiler-Mayer, Bern)sowie Memoiren  des Johann Brotzge  (Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien) hatte sie in den Jahren vor der Deportation Verbindungen zu den Zeugen Jehovas in Dornbirn.
50 Der Bürgermeister des Marktes Hohenems, Josef Wolfgang, an den Landrat des Kreises Feldkirch, 30. Mai 1940 (Jüdisches Museum Hohenems A 1062). Das Dokument wird auszugsweise zitiert bei Matt (wie Anm. 48), S. 275.
51 Beispiele bei Walser, Die Zeugen Jehovas (wie Anm. 8), S. 128. Der Schweizer Zeuge Jehovas Albert Kellenberger aus Wolfhalden, Kanton Appenzell Ausserrhoden, erinnert sich, dass seine Eltern bei ihren Missionsbemühungen im benachbarten Fürstentum Liechtenstein in den 20er-Jahren in der katholischen Bevölkerung auf ähnlichen Widerstand trafen. Bisweilen kam es sogar zu Handgreiflichkeiten. Siehe dazu das von Daniel Sager geführte Zeitzeugeninterview mit Albert Kellenberger in diesem Band.
52 Vgl. Walser, Die Zeugen Jehovas (wie Anm. 8), S. 128.
53 Zum Hintergrund vgl. Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft Deutscher Zweig e.V. (Hrsg.), Jehovas Zeugen — Verkündiger des Königreiches Gottes, Selters/Ts. 1993, S. 56f. Zur Vorführung in St. Gallen siehe den Beitrag von Ernst Ziegler in diesem Band.
54 Erinnerungen von Henoch und Rudi Hölterhoff, St. Gallen, Mai 1999 (Jehovas Zeugen der Schweiz, Geschichtsarchiv Thun 1774 u. 1689: H. u. R. Hölterhoff). Bei dem verhafteten Glaubensbruder handelt es sich nach Angaben von Frieda Salzgeber-Krieg, Dornbirn, um den Zeugen Jehovas Gutensohn in Schwarzenberg, einem kleinen Ort eingangs des Bregenzerwaldes. Siehe zu Henoch Hölterhoff auch das von Daniel Sager geführte Zeitzeugen-Interview in diesem Band.
55 Gerhard Hetzer, Ernste Bibelforscher in Augsburg, in: Bayern in der NS-Zeit, Bd. 4: Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt, hrsg. v. M. Broszat u.a., München/Wien 1981, S. 630 33, 643.
56 Zur Person Senfts siehe auch seine sowie die (Wieder-)Einbürgerungsakten seiner Ehefrau Frieda (BA Bern E 4264 (-) EJPD, Polizeiabteilung u. Vorläufer, 1988/2, Bd. 273, P 29.929: K. Senft; ebenda, 1988/77, Bd. 64, W 13.853: F. Senft).
57 Bericht der Polizei St. Gallen an das Polizeikommando des Kantons St. Gallen, 31. Juli 1940 (BA Bern E 5330 Eidgen. Militärdepartement, 1975/90, Bd. 98/40/11220).
58 Mitteilung von Martha Steimann-Kuhn, Goldach, an Esther Martinet, November 2000.Siehe auch das von Daniel Sager geführte Zeitzeugen-Interview mit ihr in diesem Band.
59 Die folgenden Ausführungen beruhen großteils auf Recherchen, die Markus Hess, Ittigen/BE, für die Ausstellung in St. Gallen im Mai 1999 durchführte. Hierfür sind ihm Esther Martinet und Harald Walser zu großem Dank verpflichtet.
60 Vgl. Harald Walser, Die illegale NSDAP in Tirol und Vorarlberg 1933 1938, mit e. Vorw. v. A. Pelinka, Wien/Zürich 1983, S. 59 62.
61 Zu ihrem Schicksal vgl. die Angaben bei Jehovas Zeugen Österreich, Die vergessenen Opfer (wie Anm. 4), S. 44.
62 Nach Recherchen von Markus Hess, Ittigen/BE (wie Anm. 59).
63 Kantonspolizei St. Gallen, Polit. Abteilung, an Polizeikommando des Kantons St. Gallen betr. „Zeugen Jehovas im Bezirk Unterrheintal“, 9. September 1940 (BA Bern E 5330  EMD, 1975/95, Bd. 98/40/11220).
64 Vgl. Walser, Die Zeugen Jehovas (wie Anm. 8), S. 128.
65 Vgl. dazu näher Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium (wie Anm. 12), S. 327f., 336f.; Hubert Roser, Widerstand und Verweigerung der Zeugen Jehovas im deutschen Südwesten, in: Widerstand als Bekenntnis. Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg (Portraits des Widerstands Bd. 6), hrsg. v. H. Roser, Konstanz 1999, S. 75 79, mit weiteren Quellenangaben.
66 Interview von Esther Martinet mit Frieda Salzgeber-Krieg in Dornbirn, November 2000. Cyraneks Tätigkeit in Vorarlberg zu dieser Zeit blieb der Gestapo offenbar verborgen. Das gegen ihn am 18. März 1941 ergangene Sondergerichtsurteil (StA Dresden Zuchthaus Waldheim, Nr. 5995/1: Gefan-genenakte G. Franke) enthält dazu keine Hinweise.
67 Vgl. Karl Schröder, Vom Leben und Sterben des Bibelforschers Ludwig Cyranek aus Adscheid, Gemeinde Hennef — Ein Beitrag zur Verfolgung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich, in: Die vierziger Jahre. Der Siegburger Raum zwischen Kriegsanfang und Währungsreform. Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung des Stadtmuseums Siegburg im Torhausmuseum des Siegwerks (11. September 16. Oktober 1988), Red.: G. Fischer, Siegburg 1988, S. 36.
68 Protokoll der Gestapo Mannheim vom 5. November 1936 (GLA 507/6582).
69 Vgl. näher Garbe, Widerstand aus dem Glauben (wie Anm. 4), S. 15f.
70 Zum Hergang vgl. Schröder (wie Anm. 56), S. 38.
71 Die Prozessakten sind nicht mehr erhalten. Eine Urteilsausfertigung des Sondergerichts I  beim Landgericht Dresden enthalten die Gefangenenakten einer Mitverurteilten (StA Dresden Zuchthaus Waldheim, Nr. 5995/1: G. Franke).
72 Vorarlberger Tagblatt (Bregenz) vom 21. März 1941, S. 4; Wächter am Rhein (St. Margrethen) vom 22. März 1941.
73 Fritz (Friedrich  Wilhelm) Kotermann hatte als früherer Magdeburger „Bethel“-Mitarbeiter mit Unterbrechungen von 1932 bis Ende 1936 als „Pionier“ der Zeugen Jehovas in Jugoslawien und Ungarn Missionsdienst geleistet. Zu dem gut dokumentierten Fall siehe die Akten der Schweizerischen Bundesanwaltschaft (BA Bern E 4320 (B) Bundesanwaltschaft, 1991/243, Bd. 64, C.13.503: F. Kotermann); die Flüchtlingsakten (BA Bern E 4264 (-) EJPD, Polizeiabt. u. Vorläufer, 1988/2, Bd. 389, P 44.274: F. Kotermann); das Dossier im Geschichtsarchiv der WTG in Thun (Jehovas Zeugen der Schweiz, Geschichtsarchiv Thun 1496: F. Kotermann); Hervorhebungen im Text durch die AutorInnen.
74 Bundesanwaltschaft an Polizeikommando St. Gallen, 20. April 1938 (BA Bern E 4320,  (B) Bundesanwaltschaft, 1991/243, Bd. 64, C.13.503: F. Kotermann).
75 Siehe dazu auch das von Daniel Sager geführte Zeitzeugeninterview mit Martha Steimann-Kuhn in diesem Band.
76 Gemäß Reichsanzeiger, Liste Nr. 250 vom 18. Oktober 1940, wurde Kotermann die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.