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Die Debatte um das "Vorarlberger Landesmuseum neu" (2009-2013) – mit Beiträgen von Markus Barnay, Kurt Greussing und Werner Bundschuh

Museen sind Spiegelbilder der Gesellschaft - genauer: der Ideen, die die Museumsmacher von ihr haben. Zuerst einmal sind sie Spiegelbilder einer durch Objekte vorgestellten, freilich immer nur gedachten Vergangenheit. Doch sie sind auch Spiegelbilder der Zukunft, die man aus dieser Vergangenheit entwickeln möchte. Darum wird um die Zukunft der Vergangenheit - naturgemäß - gestritten: in diesem Fall um die komplette Neugestaltung des Vorarlberger Landesmuseums.


Markus Barnay (2009-2011):

Rundgang oder Sackgasse? -
Zum "Ausstellungs- und Bespielungskonzept" des neuen Landesmuseums
(Feb. 2009)

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Eine erfolgreich preisgegebene Institution?
Das Landesmuseum steht endlich zur Diskussion
(Mai 2009)

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Ein Rundgang durch welche Geschichte?
Das VLM neu gewinnt Konturen
(Juli-Aug. 2009)

.....
Auf der Suche nach dem Konzept:
Andreas Rudigier über das «vorarlberg museum»
(Mai 2011)

 

Kurt Greussing:
Der Schatz im Bodensee oder: Das VLM als Überraschungsei
(Feb. 2011)

Werner Bundschuh:
«vorarlberg museum» – künftig mehr als drei Ebenen? Andreas Rudigier im Gespräch mit Werner Bundschuh
(Mai 2012)

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«Ein lebendiges Museum ist eine permanente Baustelle" – Das neue "vorarlberg museum» versteht sich als Fenster in die Regionen. Andreas Rudigier im Gespräch mit Werner Bundschuh (Mai 2013)

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Vorarlberg - ein vielschichtiges Puzzle. Markus Barnay im Gespräch mit Werner Bundschuh (Juli-August 2013)

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"Ein Land als akustische Passage" - Die Ausstellung "Sein & Mein" im neuen "vorarlberg museum". Bruno Winkler im Gespräch mit Werner Bundschuh (September 2013)

 

 

 

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Markus Barnay

Rundgang oder Sackgasse?

Anmerkungen zum «Ausstellungs- und Bespielungskonzept» des neuen Landesmuseums

 

Erschienen in: KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 1/2009, Feb 2009, S. 4-6

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In der Ära der Fertig- und Fließbandkost ist es an sich erfreulich, wenn man wieder einmal auf Hausbackenes zugreifen kann. Wenn es sich dabei allerdings um ein Museumskonzept handelt, das mit Ingredienzen aus Großmutters Küche angerührt wurde, hält sich der Appetit in Grenzen. Was Museumsdirektor Tobias G. Natter unter dem Titel „VLM Neu – Ausstellungs- und Bespielungskonzept" Mitte Dezember der historisch interessierten Öffentlichkeit in einer Pressekonferenz präsentiert hat, verdient aber ohnehin kaum die Bezeichnung „Konzept". Es mag eine erste Ideenskizze und damit auch eine Diskussionsgrundlage für die zukünftige Gestaltung des Vorarlberger Landesmuseums sein, doch die dazugehörige Diskussion findet bislang nicht statt – jedenfalls nicht mit jenen, die ihre Kompetenz im Aufbau und Gestalten von Museen oder der Erforschung der Regionalgeschichte in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen haben. Selbst im Vorarlberger Landesarchiv ist man laut Direktor Alois Niederstätter „jederzeit offen für eine Zusammenarbeit", wurde aber bisher noch nicht offiziell kontaktiert. Was die Befürchtung nahe legt, dass der Neubau des VLM nicht als Chance für den Aufbau eines modernen Museums genutzt wird, sondern als Gelegenheit, ein möglichst glatt und konfliktfrei erscheinendes Vorarlberg-Bild für die nächsten Jahrzehnte zu fixieren.

 

„Rundgang durch die Geschichte Vorarlbergs"

 

Wer sich vom vorliegenden „Konzept" eine Antwort auf die Frage erwartet, was er oder sie ab 2013 im neuen Landesmuseum zu sehen bekommt, wird – abgesehen von architektonischen Details – enttäuscht. Denn der angekündigte „Rundgang durch die Geschichte Vorarlbergs" wird weder thematisch noch methodisch deutlich definiert: Da ist zwar von „Perspektivenwechsel und Vielfalt" die Rede, von „Fragen nach Identität und Identitäten, Geschichtsbewusstsein, Konstruktion und Bedingungen von Geschichte" etc., aber schon im nächsten Kapitel heißt es: „Die Themen orientieren sich am Sammlungsbestand" und „Das VLM Neu zeigt bewusst ,Mut zur Lücke', wenn sich aus dem Bestand heraus Epochen oder Themen nicht darstellen lassen." Mit anderen Worten: Themen, die Natters Vorgänger in den vergangenen Jahrzehnten nicht interessierten oder die aus anderen Gründen, etwa schlicht mangels als sammelwürdig empfundener Objekte, im Sammlungsbestand fehlen, kommen im VLM Neu nicht vor. Geschichte ist, was der Fundus hergibt – fertig. Analog zur bewährten Pauker-Devise: „I'm the master of this college / what I don't know isn't knowledge."

 

„Auratische Wirkung" statt relevanter Fragen

 

Es mutet schon einigermaßen grotesk an, wenn in einem Konzept für ein Museum zwar der zukünftige Gestalter der „Schausammlung" namentlich benannt und gewissermaßen über die zuständigen Gremien hinweg installiert wird (wobei die Kompetenz des von Museumsdirektor Natter vorgeschlagenen Architekten Martin Kohlbauer völlig unbestritten ist, gestaltete er doch neben der Staatsvertragsausstellung im Oberen Belvedere 2005 auch mehrere interessante Ausstellungen im Jüdischen Museum Wien), der oder die inhaltlich Verantwortliche für die zukünftige „Bespielung" aber völlig unklar bleibt: Man „strebt" zwar „die Zusammenarbeit mit regionalen und internationalen Experten der unterschiedlichen Fachrichtungen an", so heißt es, doch vorläufig beschränkt man sich auf ein paar Floskeln, die selbst schon problematisch genug sind: So legt sich Tobias Natter darauf fest, dass das „Originalobjekt im Mittelpunkt" stehen muss – „in ihrer auratischen Wirkung stellen Objekte der Sammlung die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar."

Das ist, mit Verlaub, einfach Unsinn. Objekte, mit oder ohne „auratische Wirkung", tun von sich aus gar nichts, außer herumzustehen. Sie stellen vor allem keine Wechselwirkungen irgendwelcher Art und auch keine Abhängigkeiten „zwischen" Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar. Diese Wechselwirkungen und Abhängigkeiten entstehen ausschließlich im Kopf der Besucherinnen und Besucher – wenn die Objekte entsprechend angeordnet und beschrieben sind. Oder anders: Nicht die Objekte erzählen die Geschichte, sondern der/die Gestalter mittels der Objekte in der Interaktion mit den Besuchern. Und das ist alles eher als ein einfacher Prozess. Mit seinen Unwägbarkeiten, Mehrdeutigkeiten, Gebundenheiten an Interessen, Sichtweisen und Erwartungen beschäftigt sich seit einiger Zeit die Kulturwissenschaft, im engeren Sinn die Museologie.

„Blind und taub gegenüber Theorie und Tradition"?


Man ist geneigt, angesichts des naiven Vertrauens auf die „auratische Wirkung" der Objekte den Museologie-Experten Gottfried Fliedl zu zitieren, dessen Museumsakademie Joanneum in Graz seit Jahren versucht, innovative und mutige Museumsarbeit zu fördern:

„Der Diskurs, den die Museen selbst führen und der die Praxis klappernd begleitet, klammert alle Widersprüche aus, gerade in der Alltagsarbeit und auf allen Ebenen, im Ausstellen, im Sammeln, im Vermitteln. Dieser stumpfe Pragmatismus ist blind gegenüber dem, was er ausgrenzt und verdrängt, und das heißt, er ist auch blind und taub gegenüber der bereits stattgefundenen Theorie und Tradition. (...) So kommt nicht zufällig in der bis zum Überdruß zitierten und jedes Nachdenken ersparenden ICOM-Definition des Museums die historische Dimension des Museums und seine memoriale Funktion gleich erst gar nicht mal vor. Und so kann es etwa kommen, dass die Verantwortlichen für die eben eröffnete Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums diese gegen vehemente Kritik mit der Berufung auf die Aura des originalen Objektes verteidigen, so als ob jahrzehntelange Debatten über Identität und Repräsentation, über die Macht der Bedeutungszuweisung und museale Gedächtnispolitik nie stattgefunden hätten. Auch hier haben wir eine Praxis, die eine Theorie anwendet, aber ganz unbegriffen, ganz unreflektiert."[1]

Es ist fast müßig, anzumerken, dass diese äußerst schlichte „ICOM-Definition des Museums" auch die Einleitung des „VLM Neu"-„Konzeptes" ziert. Ein Museum ist demnach eine Einrichtung, „die zu Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken materielle Zeugnisse von Menschen und ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt macht und ausstellt". Kriterien dieser Beschaffung? Interessen der Erforschung? Wahrnehmung und Verarbeitung des Bekanntgemachten und Ausgestellten in den Köpfen der Betrachterinnen und Betrachter? – Lästige Fragen allesamt, vor denen die „Aura des Objekts" den flott daherformulierenden Museumsmacher schützt.

„Schlüsselwerk" als Stolperstein

 
Wie schnell die Konzentration auf die „Aura des Objektes" in eine Sackgasse führt, zeigt sich ohnehin im vorliegenden „Konzept", wenn es jene „Schlüsselwerke" aufzählt, die „das Grundgerüst des Rundganges" bilden sollen: Denn zu manchen „Themenkreisen" findet sich offenbar in den Beständen des Landesmuseums schlicht keinerlei „Schlüsselwerk". Kommt also deshalb der Themenkreis „Migration" (somit die Jahrhunderte lange Aus-und zumindest seit 140 Jahren anhaltende Einwanderung) im Konzept gar nicht vor? Soll deshalb die Sozialgeschichte jenseits von „bäuerlichem vs. bürgerlichem Leben" im 18. und 19. Jahrhundert („Schlüsselwerk": Rennschlitten aus Dornbirn) – also die Geschichte der Landlosen, der Arbeiterinnen und Arbeiter, der Stadtarmen – ausgespart werden? Den Themenkreis „NS-Zeit" bewältigt man mit der Leihgabe „Film: Anschluss in Dornbirn, 1938" und den Themenkreis „Wirtschaftsaufschwung" mit einem „Festspielprogramm, 1952". Von wegen „auratische Wirkung des Originalobjektes" – mit solcher Aura kann es wohl jede alte Unterhose im Wäschekasten eines KULTUR-Lesers aufnehmen. Noch Verwegeneres freilich verspricht der Satz: „Die im Museum gezeigten Objekte müssen daher in ständige Interaktion miteinander ... treten können"! Da wäre man tatsächlich gespannt, was sich Festspielplakat und Anschluss-Film denn so zu sagen haben ...

„Kanton Übrig": Form schlägt Inhalt


Die Festlegung auf einen Ausstellungsgestalter bei gleichzeitigem Fehlen klarer Fragestellungen und Vorgaben bezüglich Kontext und Inhalt der „Schausammlung" ist letztlich eine Drohung. Denn was dabei herauskommt, wenn ein inhaltlich unbedarfter Kurator mit einem routinierten Ausstellungsgestalter zusammentrifft, konnte man in den vergangenen drei Monaten im VLM trefflich studieren: Die Form schlägt den Inhalt. Die Sonderausstellung „Kanton Übrig" war ein Musterbeispiel für die unkontrollierte Anwendung grafischer Spielereien, die den Inhalt weitestgehend überflüssig machten oder gar verzerrten. Schwererwiegend waren freilich die inhaltlichen und formalen Defizite, die einer höchst einseitigen, manchmal denkbar unbedarften, Sichtweise auf die Ereignisse in den Jahren 1918/19 zu verdanken sind. Wie sonst könnte man Kaiser Franz-Josef als „Integrationsfigur" bezeichnen, der die Donaumonarchie „zusammengehalten" habe, ohne zu erwähnen, wer den Ersten Weltkrieg vom Zaun gebrochen hatte? Wie sonst kann man Kaiser Karls „Friedensbemühungen" hervorheben, ohne das sinnlose Opfern Hunderttausender in den letzten Kriegsmonaten zu erwähnen? Und warum blieben die Aktivitäten von Vizekanzler Jodok Fink für die Republik Österreich und gegen die Anschlussbestrebungen an die Schweiz so seltsam unterbelichtet? Sollte diese einseitige, in ihrer historischen Perspektive völlig eng geführte und in weiten Teilen manipulative Ausstellung ein Vorgeschmack auf das „VLM Neu" gewesen sein, dann erübrigen sich alle vollmundigen Versprechungen vom „VLM Neu als Impulsgeber und Plattform für eine ebenso offene wie öffentliche Diskussion von Themen der Gegenwart im Prisma der Vergangenheit".

„Kompetenzzentrum" ohne Kompetenz?


Angesichts dessen, dass allein für den Neubau des Landesmuseums öffentliche Gelder in Höhe von 37 Millionen Euro veranschlagt sind, hat die Öffentlichkeit ein Recht darauf, zu erfahren, wie sich das „Kompetenzzentrum" VLM (Tobias Natter im museologischen Konzept von 2006) in Zukunft präsentieren soll. Die politischen Vorgaben für die kommende Aufgabe des Museums beschränken sich bisher auf Aussagen wie jene von Landesstatthalter Wallner: „Es soll ein lebendiges Museum werden – ein Ort, wo mit Hilfe der bildenden Kunst, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte präsentiert, aber auch die Bedeutung für Gegenwart und Zukunft angesprochen wird" (Pressekonferenz am 18.12.2008). Von einem transparenten Prozess der Konzepterstellung, einem öffentlichen Diskurs über den Umgang mit der Landesgeschichte und einer fachinternen Diskussion über die relevanten Fragen, mit denen sich das Landesmuseum in Zukunft beschäftigen sollte, ist weit und breit nichts zu sehen. Der Planungsprozess selbst findet hinter verschlossenen Türen statt. Noch wäre Zeit für „eine ebenso offene wie öffentliche Diskussion von Themen der Gegenwart im Prisma der Vergangenheit" – wenn sie denn wirklich gewünscht wird.


Das „Ausstellungs- und Bespielungskonzept" für das „VLM Neu" findet sich auf der Homepage des Landesuseums zum Download: http://www.vlm.at/html/vlm_neu.htm

1 Gottfried Fliedl: Begrüßung zur Internationalen Sommerakademie Museologie 2006.

Die ICOM-Definition: "A museum is a non-profit, permanent institution in the service of society and its development, open to the public, which acquires, conserves, researches, communicates and exhibits the tangible and intangible heritage of humanity and its environment for the purposes of education, study and enjoyment."

 

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Markus Barnay

Eine erfolgreich preisgegebene Institution?

Das Landesmuseum steht endlich zur Diskussion

 

Erschienen in KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 4/2009, Mai 2009, S. 48

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Im Jahr 2013 soll das Museum wiedereröffnet werden – mit völlig neu gestalteten Räumen und auf einer Ausstellungsfläche, die durch die Einbeziehung des Nachbargebäudes fast doppelt so groß ist wie vorher. Eine so grundlegende Erneuerung erfordert eine entsprechende Vorbereitung: Im Herbst 2007 wurde ein auf Museumsprojekte spezialisiertes Büro mit der Projektbegleitung beauftragt, seither wird die Umgestaltung systematisch vorangetrieben. Workshops mit den (angestellten und ehrenamtlichen) Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen dienten der Analyse der jetzigen Situation, internationale Experten wurden zu Tagungen eingeladen, um ihr Fachwissen einzubringen, und schließlich wurde in einem (halb)öffentlichen Seminar zwei Tage lang diskutiert, welche Aufgaben das Museum künftig erfüllen soll. Jetzt folgt das inhaltliche Konzept, das wiederum Grundlage für den Architekturwettbewerb zur Umgestaltung sein wird. Ein konsequenter Prozess, angeführt von einem Museumsleiter, der die Grenzen seiner Kompetenz freimütig bekennt: „Ich bin ausgebildeter Kunsthistoriker und kein Historiker, deshalb bin ich auf die Expertisen der Fachleute angewiesen.“ Und der Vertreter der öffentlichen Hand, die das Museum finanziert, begleitet den Prozess aktiv und nimmt an den öffentlichen Diskussionen mit sichtlichem Interesse teil.

 

Drei Konzepte, noch mehr heiße Luft

 

Die Rede ist natürlich nicht vom Vorarlberger Landesmuseum, sondern vom Heimatmuseum Schruns. Dort geht es auch nicht um 40, sondern nur um 3 Millionen Euro Investitionssumme. Doch für den Stand Montafon scheint das so viel Geld zu sein, dass man die Sache von Anfang an ernst nahm. Beim Land Vorarlberg sieht man es offenbar weniger eng: Dort entstanden im Lauf der letzten Jahre zwar gleich drei Konzepte für die „Neuorientierung“ des Landesmuseums (2005 ein „Grobkonzept“ von Dieter Bogner, 2006 ein „museologisches Konzept“ und 2008 ein „Ausstellungs- und Bespielungskonzept“, jeweils von Tobias G. Natter), aber das einzig Konkrete ist bisher die architektonische Umsetzung. Denn während der vom Architekturbüro Cukrowicz Nachbaur geplante Neubau bis in die Details fixiert wurde, enthält das vermeintliche inhaltliche Konzept vor allem heiße Luft (siehe KULTUR vom Februar 2009). „Ein Missverständnis“, meinte Museumsdirektor Natter, nachdem allerorts Kritik am „Ausstellungs- und Bespielungskonzept“ laut wurde: „Das ist natürlich kein inhaltliches Konzept, sondern nur eine Art Skizze für die künftige Bespielung.“ Und auch die zeitliche Abfolge von Architektur- und inhaltlichem Konzept findet er nicht weiter schlimm: „Die Architekten stellen uns nur Schubladen zur Verfügung, und die können dann ja immer noch beliebig gefüllt werden.“ Wenn sie denn nur nicht die falsche Größe haben!

 

„Schlüsselobjekt“ mit falscher „Aura“

 

Manche der von Natter in seinem Schein-Konzept angeführten „Schlüsselobjekte“ passen zwar in jede Schublade, nur dürfte ihre „Aura“ ein wenig muffeln: Die „Wahlurne des Vorarlberger Landtags, 1861“ beispielsweise, Schlüsselobjekt für den „Themenkreis: politische Entwicklung, Landwerdung“, dürfte das Jahr 1861 nie erlebt haben. Sie stammt nämlich in Wirklichkeit aus dem Fundus der Stadt Bregenz, von wo sie nach 1945 leihweise in den Landtag wanderte, nachdem dessen Blechurne während des Krieges verschwunden war. Das laut Amtsvortrag des Landtags „billige unschöne Blechfabrikat“ in Form eines Pokales wurde 1948 durch eine – auch nicht gerade teure – Holzkonstruktion ersetzt und dem Landesmuseum übergeben[1]. Dort wurde sie mit dem irrtümlichen Entstehungsdatum verwahrt – und verstrahlt wohl seither ihre „Aura“ als museales Schlüsselobjekt.

 

„Vorarlberger Museumsinitiative“ gegründet

 

Es gibt aber auch erfreulichere Nachrichten vom Kornmarktplatz: Immerhin wurde inzwischen ein aus kompetenten Fachleuten bestehender Beirat eingerichtet, der bis zu seiner konstituierenden Sitzung im Juni auch eine eigene Geschäftsordnung erhalten soll – denn derzeit ist weder klar, wer für das Gremium verantwortlich ist (das Land, die Kulturhäuserbetriebs-Gesellschaft oder das Landesmuseum), noch, mit welchen Kompetenzen es arbeiten wird. Unterstützung gibt es aber auch von außerhalb: Eine eigene „Vorarlberger Museumsinitiative“, der Historiker und Ausstellungsfachleute wie Werner Bundschuh und Kurt Greussing (Johann-August-Malin-Gesellschaft), Christoph Thöny (Heimatmuseum Klostertal), Gerda Leipold (Locorama Romanshorn), Helmut Schlatter (artenne Nenzing), Ingrid Böhler (Universität Innsbruck) und Werner Dreier (erinnern.at) angehören, setzt sich für eine „diskursive und innovative Darstellung der Regionalgeschichte im neuen Vorarlberger Landesmuseum“ ein und möchte eine öffentliche Diskussion über Funktion und Inhalt des Museums in Gang setzen.

 

Diskussion über die Zukunft des Museums

 

Der erste Schritt dazu ist eine Podiumsdiskussion, bei der es zunächst um Grundsätzliches geht: „Das Museum: Eine erfolgreich preisgegebene Institution?“ lautet die provokante Frage des Grazer Museologen Gottfried Fliedl (Museumsakademie Joanneum), dessen Impulsvortrag von einer Podiumsdiskussion ergänzt wird, an der Bernhard Purin (Jüdisches Museum München) und Werner Grabher (Leiter der Kulturabteilung des Landes) teilnehmen werden. Einer wird bei dieser Diskussion allerdings fehlen: Landesmuseumsdirektor Natter – aus terminlichen Gründen.

Weniger terminliche Gründe als vielmehr ein beachtliches Maß an Ignoranz dürfte dagegen dafür verantwortlich sein, dass zum eingangs erwähnten Seminar in Schruns[2] zwar Museumsexperten aus der Steiermark, der Schweiz, aus Deutschland und Südtirol anreisten (unter ihnen gleich zwei Vertreterinnen der Südtiroler „Servicestelle Museen“), aber kein einziger Vertreter des Landes (bzw. der zuständigen Kulturabteilung) – oder gar des Landesmuseums.

 

 

FACT-BOX:

 


[1] Ulrich Nachbaur: Eine Wahlurne für den Landtag. In: V-Dialog (Zeitschrift für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Vorarlberger Landesverwaltung), Nr.1/März 2009, S. 20.

[2] „Heimat als Wunsch, Phantasie, Konstruktion. Ein Museum für das Montafon“, Workshop in Schruns am 9. und 10. März 2009.

 

 

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Markus Barnay

Ein Rundgang durch welche Geschichte?

Das VLM neu gewinnt Konturen

 

Erschienen in KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 6/2009, Juli-August 2009, S. 12-13

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Wenn die große Sommerausstellung über „Schnee – Rohstoff der Kunst“ und die kleine Ausstellung über die „späten Kelten“ am 4. Oktober geschlossen werden, geht im Vorarlberger Landesmuseum eine lange Ära zu Ende: 1857 gründeten aktive Landesbürger (in ihrer Mehrheit übrigens liberale Fabrikanten und „Zuwanderer“ aus Nachbarstaaten) den Landesmuseumsverein, der bis 1947 auch Träger des Museums war. 152 Jahre nach der Gründung des Vereins wird das 1905 eröffnete Museumsgebäude abgerissen und durch einen wesentlich vergrößerten Neubau nach den Plänen des Büros cukrowicz nachbaur Architekten ersetzt. Und je näher das geplante Datum der Wiedereröffnung, das Frühjahr 2013, rückt, desto größer werden die Erwartungen und Hoffnungen, die mit dem VLM neu verbunden werden – und desto klarer wird auch, dass sie längst nicht alle erfüllt werden können.

 

„Vorarlberger Landesgalerie“: Bitte warten!

 

Schon vor zwei Jahren hat sich eine Künstlerinitiative dafür eingesetzt, das „VLM neu“ zur Drehscheibe für – zeitgenössische - Vorarlberger Kunst zu machen (siehe KULTUR 3/2007), doch außer einem vagen verbalen Bekenntnis („Kunst hat im VLM Neu allein ihrer künstlerischen Aussage wegen einen hohen Stellenwert”) sind keine Absichten in diese Richtung zu erkennen. Die schon in der Gründungsphase des Kunsthauses Bregenz von manchen gewünschte “Vorarlberger Landesgalerie” wird wohl auch das neue VLM nicht werden, auch wenn man sich auf der Ebene von Forschung und – lexikaler – Erfassung sehr wohl der zeitgenössischen Kunst widmet. Letztlich wird es wohl den – zeitlich begrenzten - Sonderausstellungen überlassen bleiben, aktuelle Kunst bzw. lebende Künstler zu präsentieren.

 

“Man braucht sich nicht schämen”

 

Nicht viel mehr Hoffnungen dürfen sich jene machen, die sich für Künstler früherer Jahrhunderte interessieren: Im Stockwerk, das der Präsentation spezieller Sammlungen gewidmet sein soll, sind laut „Ausstellungs- und Bespielungskonzept“ nur die graphische Sammlung Angelika Kauffmann und der malerische und zeichnerische Nachlass von Fritz Krcal Fixstarter. Wo man Werke von Rudolf Wacker und Edmund Kalb oder gar von Albert Bechtold oder Otmar Burtscher zu sehen bekommt, bleibt offen. “Das wäre schade, sollte dies tatsächlich so sein, was ich aber nicht glaube”, sagt einer der besten Kenner der Vorarlberger Kunstgeschichte, KUB-Kurator Rudolf Sagmeister, “denn man braucht sich dieser Künstler und vieler anderer Vorarlberger Künstlerinnen wirklich nicht zu schämen.” Sagmeister äußert auch Bedenken über den Platzbedarf für die übrigen Museumsbestände: “Das Museum verfügt über eine große Anzahl hervorragender Kunstwerke und kunsthandwerklicher Exponate, die man den Besuchern nicht vorenthalten sollte. Aber wenn man ein ‘Haus der Geschichte’ daraus machen will, bleibt dafür natürlich weniger Platz.”

 

Landesmuseum ohne Landesgeschichte?

 

Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die Diskussion über die Zukunft des Museums: Während die einen möglichst viel aus der bestehenden Sammlung sehen wollen (wenn auch besser aufbereitet als bisher und in einem Kontext, der auch die Entstehung der Sammlung selbst thematisiert), haben die anderen weiterreichende thematische Ansprüche: “Wenn das Haus Vorarlberger Landesmuseum heißt, sollte es sich auch der Vorarlberger Landesgeschichte widmen”, meint etwa Werner Bundschuh, Obmann der Johann-August-Malin-Gesellschaft: “Und das bedeutet natürlich auch eine Auseinandersetzung mit der Industrialisierung, mit Migrationsbewegungen und natürlich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts.” Doch genau das waren bisher höchstens am Rande Sammlungsbereiche des VLM, sodass solche Themen nur mit Hilfe von Leihgaben oder über andere Formen der Darstellung transportierbar sein werden. Werner Bundschuh: “Wenn ich meine Schüler in dieses Museum führe, dann will ich ihnen die Geschichte des Landes vermitteln können – unabhängig davon, was man im Museum bisher gesammelt hat.”

 

“Leerstellen thematisieren”

 

Doch selbst wenn man die jetzt vorgesehene Struktur akzeptiert – ein Stockwerk für bestimmte Sammlungen oder ausgewählte Exponate des gesamten Bestandes (“Schauarchiv”), eines für Sonderausstellungen (nebst “semipermanenten” Ausstellungen zu bestimmten Themen) und eines für den “Rundgang durch die Geschichte Vorarlbergs” – bleibt die Frage, welche Geschichte denn da dargestellt werden soll: die gesamte Geschichte der Region zwischen Arlberg und Bodensee (die erst vor 200 Jahren zu “Vorarlberg” wurde), die Geschichte der “Volkwerdung” der Vorarlberger zwischen 1800 und 1918, oder eben die erwähnte Geschichte des 20. Jahrhunderts – oder alles zugleich? Laut Felicitas Heimann-Jelinek, seit der konstituierenden Sitzung Anfang Juni Sprecherin des wissenschaftlichen Beirats des VLM, kristallisiert sich im Beirat die Unterstützung einer “Insel”-Lösung heraus, die sich am Beispiel bestimmter Kommunen oder Täler des Landes “querschnittartig” verschiedenen Themen und verschiedenen Zeitabschnitten widmet, eine Darstellung von Geschichte also, die zugleich chronologisch oder thematisch gelesen werden kann. Dabei sollen Exponate aus der Sammlung des Hauses nach Möglichkeit eine Rolle spielen – und wo es keine solchen Exponate gibt, “müssen die Leerstellen eben thematisiert werden” (Heimann-Jelinek).

 

Umgang mit Otto Ender als Nagelprobe?

 

Für Zeithistoriker wie Werner Bundschuh bleiben aber auch dann Fragen offen: “Nehmen wir das Beispiel Otto Ender: Für mich ist es die Nagelprobe dieses Museums, wie mit so einer Person umgegangen wird. Wird sein Beitrag zur Abschaffung der Demokratie in Österreich entsprechend gewürdigt, oder wird er nur als gütiger Landeshauptmann dargestellt? Wird also die Sichtweise der schwarz-blauen Landesregierung abgebildet, die Enders Vergangenheit verdrängt, oder setzt sich eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte durch?” Das wird freilich nicht nur vom endgültigen “Bespielungskonzept” abhängen, sondern auch von den mit der Umsetzung beauftragten Personen. Sollten Ausstellungen wie jene über den “Kanton Übrig” der Maßstab für künftige Kuratoren sein, kann man davon ausgehen, dass Bundschuhs Befürchtungen wahr werden.

 

Salzburg Museum als Vorbild?

 

Die Diskussion, die ohnehin gerade erst begonnen hat, ist noch nicht zu Ende: Der wissenschaftliche Beirat wird sich erst im Oktober intensiver mit den Inhalten des neuen Museums befassen, und die “Vorarlberger Museumsinitiative” bereitet nach der bestens besuchten Auftaktveranstaltung im Mai weitere Diskussionen vor. Auch das Landesmuseum selbst stellt sich inzwischen der öffentlichen Diskussion: Nach einem für das aktuelle Thema eher belanglosen (da auf großstädtische Kunstmuseen bezogenen) Vortrag des Berliner Museumsexperten Michael Fehr im Mai stellt am 8. Juli der Direktor des 2007 (wieder)eröffneten Salzburg Museum sein Konzept vor – und das wurde immerhin soeben mit dem “European Museum of the Year Award” ausgezeichnet.

 

 

 

FACT-BOX:

Erich Marx:
„Ein moder
nes Museum mit Tradition. Idee und Konzept des neuen Salzburg Museums“

Vortrag mit Diskussion

Mittwoch, 8. Juli 2009, 18 Uhr

Vorarlberger Landesmuseum

 

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Markus Barnay

Auf der Suche nach dem Konzept:

Andreas Rudigier über das «vorarlberg museum»  

 

Erschienen in KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 4/2011, Mai 2011, S. 10-11

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Seit 1. April ist Andreas Rudigier Direktor des Vorarlberger Landesmuseums, das jetzt – als letzte Hinterlassenschaft seines Vorgängers Tobias Natter – „vorarlberg museum“ heißt. Und seit diesem Tag ist Rudigier damit beschäftigt, herauszufinden, was ihm der „erfolgreiche Neuausrichtungsdirektor“ (© Vorarlberger Nachrichten) denn nun wirklich hinterlassen hat. Das laut VN „bis ins Detail ausgearbeitete Konzept“ für das zukünftige Museum konnte er bislang jedenfalls nicht finden. Stattdessen traf er auf ein teilweise demotiviertes Museumsteam, das zwar den Stoff für Natters 150-seitige Bilanz liefern durfte, darin aber – mit einer Ausnahme – mit keinem Wort erwähnt wird.

Das hinterlassene „museologische Konzept“ lässt aber ohnehin so viele Fragen offen, dass es für Natters Nachfolger auch ein Vorteil sein könnte – wäre es nicht reichlich spät für die gründliche Erarbeitung eines wirklichen Konzeptes. Interessant an Natters Bilanz sind auch die dort aufgelisteten Besucherzahlen der großen Sonderausstellungen der letzten Jahre: Sie sanken von beachtlichen 36.000 (Angelika Kauffmann, 2007) auf 21.500 (Gold, 2008) und schließlich auf 14.000 (Schnee, 2009). Kurzum: Es gibt für den neuen Direktor viel zu tun, wie er im Interview mit Markus Barnay verrät.

 

Herr Rudigier, wann wird denn das neue „Vorarlberg Museum“ eröffnet?

A.R.: Laut derzeitigem Konzept im Juni 2013.

Und wie realistisch ist dieses Konzept?

A.R.: Zum heutigen Zeitpunkt denke ich schon, dass man diesen Termin anpeilen sollte, aber eine konkrete Antwort kann ich erst im Mai oder Juni geben.

Ist jetzt schon klar, was dann eröffnet werden soll?

A.R.: Grundsätzlich ist klar, dass wir vom Grundkonzept der „3 Ebenen – 3 Zugänge“, das ja schon sehr oft genannt wurde, nicht mehr abrücken werden. Das ist von der Architektur her klar vorgegeben, das wurde auch im Beirat gutgeheißen, das werden wir nicht mehr in Frage stellen.

Die Frage bezog sich darauf, ob wirklich alle drei Ebenen – Schaudepot, „Rundgang durch die Geschichte Vorarlbergs“ und Sonderausstellungen – gleichzeitig eröffnet werden können.

A.R.: Nein, alle drei Ebenen gleichzeitig würde ich nicht sagen. Ich bin persönlich der Meinung, dass die Sonderausstellungs-Ebene für 2013 recht wenig Sinn macht, weil ohnehin alles neu ist, und man sich überlegen muss, ob es im Sommer 2013 wirklich schon eine Sonderausstellung braucht. Meine bisherigen Gespräche haben gezeigt, dass man sich vorstellen kann, dass es auch eine gestaffelte Eröffnung geben könnte. Die Architektur des obersten Geschosses mit dem leeren Panoramaraum von Florian Pumhösl müsste für den Anfang eigentlich ausreichend sein.  

Das, was von Ihrem Vorgänger als „Konzept“ präsentiert wurde, liest sich in vielen Teilen wie eine Ansammlung unausgegorener Ideenskizzen. Konnten sie schon feststellen, wie viel wirkliche Substanz sich dahinter verbirgt?

A.R.: Zur Gänze noch nicht, aber es ist tatsächlich im Wesentlichen eine Ideenskizze. In Teilbereichen geht es schon sehr in die Tiefe, etwa, was das „Schaudepot“ betrifft. Dort sind auch die Vorarbeiten schon recht weit gediehen. Aber sonst handelt es sich primär um Ideen. Bei den Sonderausstellungen sowieso, da sind es reine Ideen. Beim „Rundgang“ kann man von einer Skizze sprechen – sogar wörtlich, es gibt nämlich sogar eine Skizze des Ausstellungsgestalters. Im Prinzip handelt es sich um die Idee, dass man chronologisch durch die (Kultur-)Geschichte des Landes geht – das wurde auch im Beirat akzeptiert und nicht in Frage gestellt. Aber die neun – oder, wie ich gehört habe, sogar zehn – „Themeninseln“ müssen tatsächlich noch hinterfragt werden. Und je mehr Gespräche ich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führe, desto klarer wird, dass da noch einiges fehlt.

Der Beirat hat meines Wissens keineswegs alle Themeninseln in der jetzt vorgestellten Form abgesegnet – da gab es zum Teil sogar scharfe Kritik. 

A.R.: Das stimmt, es gab bei den einzelnen Themeninseln ziemliche Diskussionen, und das findet sich im jetzigen Konzept nicht alles wieder. Ich gehe davon aus, dass ich bei der endgültigen Ausarbeitung der Themeninseln nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses, sondern auch die Mitglieder des Beirates und andere externe Berater einbeziehen werde.

Stimmt es, dass es im Beirat so divergierende Meinungen und Interessen gab, dass letztlich der kleinste gemeinsame Nenner übrig blieb und ein „großer Wurf“ mit einem übergreifenden Konzept, das zwar die Einzelinteressen einbezieht, aber nicht jedem Steckenpferd einen eigenen Raum gibt, nicht möglich war?

A.R.: Ja, das stimmt insofern, als nicht alle einer Meinung waren. Und dort, wo wir uns geeinigt haben, sind die Ergebnisse zum Teil leider nicht berücksichtigt worden. Und viele Ideen aus dem Beirat finden sich weder im Protokoll der Beiratssitzungen noch im jetzigen Konzept wieder – die sind wohl nicht einmal mitbedacht worden.

Wo sehen Sie denn jetzt noch Lücken in diesem Konzept?

A.R.: Thematisch hapert es sicher im 20. Jahrhundert, vor allem in Bezug auf die zweite Hälfte. Das ist dem Konzept zufolge völlig hinausgefallen, aber das haben wir im Beirat nicht erfahren, sondern erst jetzt gelesen. Es war klar, dass da ein kulturgeschichtliches Thema aus der Zeit nach 1945 präsentiert werden soll, und jetzt ist die Rede von „Kunst im Wandel“ und wechselnden Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Das wird aber von allen meinen bisherigen Gesprächspartnern in Frage gestellt, und es wird wohl auch so nicht kommen.

Und was sagen Sie als Montafoner und ehemaliger Leiter des Tourismusmuseums dazu, dass die alpine Landschaft und ihre Entwicklung speziell im Hinblick auf den Tourismus im jetzigen Konzept völlig fehlen?

A.R.: Schade. Ich habe im Beirat mehrfach darauf hingewiesen, dass das ein Thema sein muss, aber das kommt tatsächlich nicht vor. Das muss sich ändern. Wie hat Bernhard Tschofen (Professor für Kulturwissenschaften in Tübingen, Anm. d. Red.) gesagt: „Vorarlberg = Vor allem Berg“. Das muss im Museum vorkommen.

Gibt es auch eine klare Geschichte, die erzählt werden soll, eine „Storyline“ oder wenigstens einen roten Faden?

A.R.: Nein, denn für viele Themeninseln ist das nicht klar. Ich glaube auch, dass wir das ohne externe Hilfe nicht schaffen werden. Selbst dort, wo ich mich auskenne, würde ich das ohnehin nie ohne externe Mithilfe machen. Davon ist allerdings im Konzept nirgends die Rede, es wird aber Thema sein. Und ich fürchte, dass das auch Auswirkungen auf den weiteren zeitlichen Ablauf haben wird.

Kommen wir noch zur dritten Ebene – den Sonderausstellungen. Da scheint ja eine, nämlich über die Vorarlberger Architektur seit 1960,  bereits im Konzeptstadium zu stecken, alle anderen Vorschläge lesen sich wie das Ergebnis eines Brainstormings. Gibt es schon detailliertere Konzepte für die ersten Sonderausstellungen?

A.R.: Nein. Es gibt auch für die Ausstellung über Architektur kein Konzept, sondern – laut Tobias Natter – nur lose Gespräche mit dem vorgesehenen Kurator. Ich muss allerdings mit ihm noch Kontakt aufnehmen und seine Sichtweise kennenlernen. Aber nach meinen jetzigen Kenntnissen muss diese Ausstellung auch nicht die erste sein. Und die restlichen Themen sind Vorschläge, die die Mitarbeiter auf entsprechende Aufforderung gemacht haben – ohne weitere Vertiefung, eben eine Ideensammlung. Zudem fehlt mir eine klare Ausrichtung dieser Sonderausstellungen. Es scheinen mehr Lückenfüller in Bezug auf den „Rundgang“ zu sein.

Und was sollten sie Ihrer Ansicht nach stattdessen sein?

A.R.: Beispielsweise sollten sie dazu dienen, die aktuelle Forschung zu vermitteln. Da gibt’s allerdings noch ein deutliches Defizit: Auf den 150 Seiten des Konzeptes meines Vorgängers kommt das Wort Forschung nicht vor, dabei ist das eine unserer vier Grundaufgaben im Museum, und ich finde sie sehr wichtig. Und ich glaube, dass auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter interessiert wären, zu forschen – auch wenn ihnen derzeit die Zeit dafür fehlt. Und ich möchte das fördern, damit wir eines Tages auch über das Museum hinaus in bestimmten Bereichen als kompetent wahrgenommen werden. Und warum soll das Landesmuseum nicht auch in Forschungsprojekte von Universitäten oder anderen Wissenschaftsinstitutionen eingebunden sein? Bisher läuft der Großteil der Forschung am Museum vorbei.

Gibt es darüber hinaus prinzipiell von Ihrer Seite eine klare Vorstellung darüber, was das Museum leisten soll?

A.R.: Ja, aber ich könnte diese Vorstellung noch nicht in einen Leitspruch verpacken. Es sind einzelne Faktoren, die für mich klar sind: Wir sind grundsätzlich der Geschichte des Hauses und seiner Sammlung verpflichtet, aber die Objekte müssen auch Geschichten erzählen. Da reicht die Präsentation in einem Schaudepot nicht. Außerdem möchte ich sehr stark mit Menschen arbeiten – mir ist die persönliche Vermittlung wichtiger als ein noch so ausgefeilter Audioguide. Auch Veranstaltungen sind mir sehr wichtig. Damit kann man auch viel vermitteln.   

Und wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit den kleineren Museen im Land aus?

A.R.: Ich möchte das auf jeden Fall forcieren. In Ansätzen gab es die ja bisher schon, sie beschränkte sich aber bei den Sommerausstellungen jeweils auf ein Museum. Ich kann mir zum Beispiel eine Publikation vorstellen, die allen Museen als Plattform zur Verfügung steht. Außerdem könnte es einen Austausch von Leihgaben geben, ohne dass wir eine „Außenstelle“ einrichten wollen. Und was mir auch ganz wichtig ist, ist die Kulturlandschaft mit alten Kulturtechniken, alten Wegen etc. – da wären viele Kooperationen möglich. Da wollen wir ein kompetenter Ansprechpartner sein, ohne uns als „Kompetenzzentrum“ aufzuspielen.

Das Verhältnis mit dem Landesmuseumsverein, der ja historisch der Träger des Museums war, scheint in den letzten Jahren kein sehr inniges gewesen zu sein – wird sich da was ändern?

A.R.: Zwangsläufig – schließlich bin ich ja noch immer Obmann des Vereins. Aber auch unabhängig davon finde ich es schade, dass da in den letzten Jahren kaum mehr eine Verbindung existierte. Man könnte den Verein viel aktiver einbinden – als Multiplikator, als Stütze für das Museum, als Verein, in dem sich die Freunde des Museums organisieren. Und ein größerer Rückhalt in der Bevölkerung kann dem Museum ja nicht schaden.

 

Markus Barnay ist Redakteur im Aktuellen Dienst des ORF Vorarlberg.



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