Victoria Kumar (2026): Erinnern an NS-Opfer verorten – das Beispiel der Region Bludenz
Vortrag am 9. Vorarlberger Zeitgeschichtetag am 7. Mai 2026 in Bludenz
Der 9. Vorarlberger Zeitgeschichtetag, veranstaltet vom Geschichtsverein Region Bludenz und vom Stadtlabor Bludenz, in Kooperation mit vielen Institutionen, wie der Johann-August-Malin-Gesellschaft, findet anlässlich des Gedenktages gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus statt: zwei Tage nach dem 5. Mai, dem Tag, an dem im Jahr 1945 das Konzentrationslager Mauthausen befreit wurde, und am Vorabend des 8. Mai, des Tags des Kriegendes und der Befreiung vom Nationalsozialismus – ebenfalls ein wichtiger Gedenktag, dessen Verankerung im kollektiven Geschichtsbewusstsein zumindest in Österreich weitgehend ausgeblieben ist.
Welche Bedeutung kommt Gedenktagen, Erinnerungsorten und -zeichen mehr als 80 Jahre nach Kriegsende und Befreiung noch zu, möchte ich als einleitende Frage stellen, da ihr Sinn und Zweck wie auch die Erinnerung an die NS-Gewaltverbrechen insgesamt da und dort infrage gestellt werden. Auch Historiker:innen befassen sich beständig mit dem Status quo und der Zukunft der Erinnerungskultur: Vergangenes Jahr, anlässlich von 80 Jahren Kriegsende und Befreiung, sind ungewöhnlich viele Diagnosen zur „Krise der Erinnerungskultur“ veröffentlicht werden. Erinnerungskultur sei es wert, als Errungenschaft verteidigt zu werden, sie sei aber kritikwürdig, weil sie zur ritualisierten Selbstgefälligkeit verkommen sei, heißt es beispielsweise in einem Befund.[1]
Welchen Sinn und Zweck erfüllen Gedenkorte im Speziellen? Sie sind sichtbare Verweise in der Öffentlichkeit auf Verbrechen, die die Nationalsozialist:innen zu verantworten haben. Sie zeigen, dass NS-Verbrechen nicht nur in großen Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Mauthausen und Auschwitz verübt wurden, sondern auch hier, in Bludenz, im Montafon, in Dornbirn und an anderen Orten in Vorarlberg. Sie zeigen, worauf sich Gesellschaften geeinigt haben, was erinnerungswürdig ist und was nicht. Erinnerungsorte geben Opfern der NS-Gewaltherrschaft ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft zurück, sie führen sie an die Orte, an welchen Menschen verfolgt und aus denen sie vertrieben wurden, und sind deshalb besonders wichtig für die Opfer und ihre Nachkommen. Wesentlich ist, dass an diesen Orten ein lebendiges Erinnern auch abseits von Gedenktagen erfolgt, etwa in Form von Vermittlungsangeboten und Rundgängen für Schüler:innen, wie sie beispielsweise bei ERINNERN:AT seit vielen Jahren erarbeitet werden.
In Österreich und Vorarlberg lassen sich unterschiedliche Erinnerungslandschaften feststellen, die sich zeitversetzt entwickelt haben. Die unmittelbare Nachkriegszeit war von einem antifaschistischen Konsens geprägt: Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus galt als „denkmalwürdig“. So wurde bereits unmittelbar nach dem Kriegsende eine Straße in Bludenz nach dem Widerstandskämpfer Alois Jeller benannt. Der Eisenbahner Alois Jeller war Teil der Bludenzer Widerstandsbewegung gewesen, die mit dem sogenannten „Sturm auf die Kreisleitung“ am 3. Mai 1945 weitere zerstörerische Befehle der Nationalsozialist:innen verhindern wollte. Jeller wurde gefangen genommen und auf brutale Weise ermordet. Auf Betreiben der Bludenzer Widerstandsbewegung wurde die Ziegelhüttenstraße im Juni 1945 in Jellerstraße umbenannt.
Diese kurze Phase der Erinnerung wurde in ganz Österreich sehr schnell abgelöst vom Gedenken an die Kriegserfahrungen und das Soldatenleid. In fast allen Gemeinden entstanden Kriegerdenkmäler oder wurden an bereits bestehenden Denkmälern für die Soldaten des Ersten Weltkrieges Zusatztafeln für die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs angebracht.
Paradigmenwechsel: Verfolgung erinnern
Erst Jahrzehnte später, mit dem Ende der 1980er Jahre, setzte ein gesellschaftspolitischer und erinnerungskultureller Wandel ein, und zahlreiche Orte und Zeichen des Gedenkens an NS-Opfer und Stätten des NS-Terrors wurden errichtet. Diese Erinnerungszeichen werden seit einigen Jahren bei ERINNERN:AT im Rahmen des Projekts DERLA – Digitale Erinnerungslandschaft Österreich dokumentiert – verfügbar auf der Website www.erinnerungslandschaft.at.
Für Vorarlberg sind bis dato mehr als 280 Erinnerungszeichen erfasst worden, darunter sind Denk- und Mahnmäler, Straßenbezeichnungen, Stolpersteine, Gedenkstelen, künstlerische Interventionen, Gipfelkreuze und andere Formen. Zudem sind circa 400 auf den Gedenkzeichen genannte NS-Verfolgte ermittelt und dazu Kurzbiografien verfasst worden, wie auch Lernangebote für Schüler:innen zur Verfügung stehen.
Der Großteil dieser Zeichen befindet sich in den Städten Bregenz, Dornbirn und Feldkirch – jenen Orten, wo die meisten NS-Verfolgten vor 1938 ihren Lebensmittelpunkt hatten. Danach stechen einige Regionen und Gemeinden mit vielen Zeichen für bestimmte Opfergruppen hervor, wie etwa der Bregenzerwald mit Gedenkzeichen für „Euthanasie“-Opfer, Hohenems mit Zeichen des Gedenkens an jüdische Opfer.
Unter den 280 Zeichen sind rund 80 sogenannte „Grenzsteine“ des Projektes „Über die Grenze“, initiiert vom Jüdischen Museum Hohenems: Entlang der Radroute Nr. 1, von Bregenz bis Partenen, und an ausgewählten Orten in der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein machen symbolische Grenzsteine mit Hörstationen auf die Geschichten von Geflüchteten aufmerksam, die dem nationalsozialistischen Regime entkommen wollten oder es erfolglos versuchten. In Bludenz erinnern drei „Grenzsteine“ an vier solche Geschichten des Flüchtens und des Versteckens, wie auch des Helfens und Unterstützens. Einer dieser Grenzsteine würdigt und erzählt die Geschichte von Józef Wiśnicki. Seine Flucht- und Überlebensgeschichte, die sich zu einem großen Teil in der Region Bludenz ereignet hat, ist 2026 auf Deutsch als Buch erschienen.[2]
Ein anderer Grenzstein erinnert an die Familie Leopold: Als jüdisch Verfolgter war Walter Leopold 1938 kurzzeitig im KZ Buchenwald inhaftiert und tauche nach seiner Enthaftung angesichts einer drohenden Deportation nach Theresienstadt 1942 mit seiner Familie unter. Mit falscher Identität bewarb er sich 1944 erfolgreich als Verwaltungsjurist in Bludenz. Die Ankunft in Bludenz im September 1944 beschrieb er in seinen Erinnerungen wie folgt:
„Einfahrt in das Tal der Ill durch Tunnel. Berge von Bludenz tauchen auf. Links Hoher Fraßen, rechts Mondspitze, Schillerkopf usw. Bludenz. Heller Sonnenschein. Geben einen Teil des Handgepäcks auf, gehen zum Postamt. Werfen erste Ankunftsgrüße an Freunde ein. Anruf beim Landratsamt. Kühnl am Apparat. Zuweisung ins Hotel Arlberger Hof, Verabredung aufs Kommando Vorarlberg. Gute Aufnahme in freundliches Zimmer. Generalreinigung. Hole Handgepäck, Bahnhof. Mittagessen im Arlberger Hof. Erstes Nachmittagsschläfchen in Bludenz. Dann kleine Wanderung zu auserwähltem Aussichtspunkt. Annelie schreit. Abendbrot. Der schwere Nachtschlaf.“[3]
Diese und weitere Quellen findet man auf der Projektwebsite überdiegrenze.at. Die Familie Leopold überlebte das Kriegsende im Walgau und emigrierte 1950 in die USA.
DERLA ist ein laufendes Projekt, das kontinuierlich aktualisiert wird. Das heißt, es kommen laufende neue Erinnerungszeichen in ganz Österreich dazu. In Vorarlberg etwa kürzlich die neuen Zeichen auf den Friedhöfen in Rankweil, das Denkmal für Zwangsarbeiter:innen in Fußach oder vor einem Jahr die neuen Stolpersteine für „Euthanasie“-Opfer in Bregenz.
Es gibt immer noch Opfergruppen, welchen in Vorarlberg bis heute keine eigenen Gedenkzeichen gewidmet sind, das sind: Romnija und Roma, Sintize und Sinti, als homosexuell Verfolgte, wie auch „Gemeinschaftsfremde“. Dazu ist auch noch einiges an Forschung zu leisten. Unterrepräsentiert in der Erinnerungslandschaft sind immer noch Deserteure und Kriegsdienstverweigerer sowie Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangene.
Auf DERLA sind exemplarisch auch Orte aufgenommen worden, die bislang über kein öffentlich sichtbares Erinnerungszeichen verfügen. Damit soll auf Leerstellen in der Erinnerungslandschaft aufmerksam gemacht werden. Ein solcher Ort ohne Zeichen ist etwa das Marienheim in der St. Peterstraße in Bludenz: Von diesem Kinderheim ließen die Nationalsozialist:innen Kinder in die „Heil- und Pflegeanstalt Valduna“ und an andere Orte deportieren. Oder die Lünerseefabrik in Bürs: Die in Bludenz registrierten Gefangenen – im Dezember 1940 rund 300 – waren überwiegend in zwei Lagern untergebracht, darunter eines auf dem Gelände der „Lünerseefabrik“ Bürs.
Auf Lücken hat auch die verdienstvolle Ausstellung „Verfolgung und Widerstand – Biografische Aspekte der NS-Diktatur in Bludenz“ 2020 in der Galerie allerArt aufmerksam gemacht. Sie hat Menschen vorgestellt, die in Bludenz Widerstand gegen das NS-Regime leisteten oder Opfer von Verfolgung wurden.
Fehlende Erinnerungszeichen vor Ort
Wo aber bleiben die Zeichen der Erinnerung an diese Menschen, hier vor Ort in Bludenz?
Weshalb erinnert in Bludenz beispielsweise kein sichtbares Zeichen an Margarethe Fehle? Die 1914 in Bludenz geborene Kellnerin wurde 1944 wegen der Ausgabe von Getränken an Fremdarbeiter verhaftet und im Jänner 1945 über Innsbruck ins KZ Ravensbrück deportiert. Warum erinnert kein sichtbares Zeichen an Matthias Spanner? Der Bludenzer war zwischen 1934 bis 1938 mehrfach inhaftiert und verhalf während der NS-Zeit mehreren französischen Kriegsgefangenen zur Flucht. Weshalb erinnert nichts an Nothburga Kircher? Kircher wurde im Jänner 1944 in Bludenz verhaftet und wegen „Abhörens von Feindsendern und wehrkraftzersetzenden Äußerungen“ zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Wo wird an die anderen Köpfe der Bludenzer Widerstandsbewegung erinnert? Etwa an Peter Winder, einen christlichsozialen Gewerkschaftsfunktionär, der sich für die Fremdarbeiter in Bürs eingesetzt hat und beim Sturm auf die Kreisleitung beteiligt war? Wo ist Edmund Lorünser in der Erinnerungslandschaft verortet? Edmund Lorünser, geboren in Bludenz, wurde von den Nationalsozialist:innen als homosexuell verfolgt, war mehrfach inhaftiert, unter anderem im KZ Buchenwald, und wurde auch nach 1945 nach § 129 Ib des österreichischen Strafgesetzbuchs verfolgt und verurteilt. Die Zuerkennung einer Opferrente nach dem Opferfürsorgegesetz blieb ihm verwehrt.
Warum erinnert in Bludenz kein sichtbares Zeichen an Franz Gstrein? Der 1898 in Bludenz geborene, später in Hohenems und Dornbirn wohnhafte Maschinenwärter wurde wegen regimekritischer Äußerungen als „Geisteskranker“ 1940 in die Anstalt „Valduna“ eingeliefert, von dort nach Hall in Tirol und 1942 weiter nach Niedernhart deportiert, wo er mit einer Überdosis Medikamenten ermordet wurde.[4]
Erinnern: eine Frage der Selbstachtung
Margarete Fehle und Franz Josef Gstrein sind – wie auch Alois Jeller – auf dem Widerstandsmahnmal in Bregenz zu finden, das die Namen und Lebensdaten von 100 Personen trägt. Sie stehen stellvertretend für Widerstandskämpfer:innen, Wehrdienstverweigerer und Deserteure sowie Vorarlberger Bürger:innen, die gegenüber Verfolgten und Misshandelten trotz Verbots Menschlichkeit geübt haben. An diese Menschen wie auch an die anderen Verfolgten, die hier erwähnt wurden und derer es noch viele mehr gibt, sollte auch in Bludenz erinnert werden. Denn – um auf den Anfang des Vortrags zurückzukommen – Erinnerungsorte geben Verfolgten und Widerständigen ihren Platz in der Gesellschaft zurück, sie führen sie an die Orte, an denen sie verfolgt und aus denen sie vertrieben wurden. Ein würdiges und kontinuierliches Erinnern sind wir nicht nur den Opfern und ihren Nachkommen schuldig. Wir schulden es unserer Selbstachtung als Bürgerinnen und Bürger.
[1] Siehe dazu u.a. Benet Lehmann, Rezensionsessay: Vom Ende der Erinnerungskultur und ihrer Zukunft, in: H-Soz-Kult, 07.05.2026, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-155329.
[2] Joseph Wisnicki, Mich kriegt ihr nicht. Als polnischer Jude auf der Flucht in Vorarlberg. Innsbruck 2026.
[3] Walter Leopold (with Les Leopold), Defiant German. Defiant Jew. A Holocaust Memoir from Inside the Third Reich. Amsterdam 2020, S. 193. Siehe auch Christof Thöny (2021): "Defiant German, defiant Jew".
[4] Alle Informationen aus Lexikon "Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933–1945" — Johann-August-Malin-Gesellschaft.