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Christof Thöny (2021): "Defiant German, defiant Jew". Die Erinnerungen von Dr. Walter Leopold und ihr Bezug zu Bludenz

Dass im Dezember 1945 in Bludenz eine Chanukka-Feier stattfand, hat mit der abenteuerlichen Überlebensgeschichte des deutschen Juden Dr. Walter Leopold zu tun. In seinem Lebenslauf finden sich die Bruchlinien des 20. Jahrhunderts - von patriotischem Engagement im Ersten Weltkrieg über glückliches Entrinnen vor der Deportation in der NS-Zeit bis zur Migration nach Bludenz und anschließend in die USA, wo Leopolds Tochter als Zeitzeugin an Schulen wirkt.

 

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Erschienen in: KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 4/2021, Mai 2021, S. 88-90

 

Die Tatsache, dass im Dezember 1945 – wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs – eine Chanukka-Feier in der Bludenzer Südtiroler Siedlung stattfand, dürfte bis vor kurzem praktisch niemandem bewusst gewesen sein. Dokumentiert ist diese in einem Buch, das im Verlag Amsterdam Publishers im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde, 75 Jahre nachdem die Fotografie entstanden war. Unter dem Titel „Defiant German, Defiant Jew“ hat Les Leopold die Erinnerungen seines Onkels Dr. Walter Leopold veröffentlicht – jene aus den Jahren 1938 bis 1945, als diesem gelang, mit Einfallsreichtum und Chuzpe die jüdische Familie vor der Zugriff durch den nationalsozialistische Vernichtungsapparat zu schützen. Die kleine Provinzstadt Bludenz in der damaligen Ostmark spielt dabei eine bedeutende Rolle.

Der Lebensweg Dr. Walter Leopolds widerspiegelt die Bruchlinien des 20. Jahrhunderts in eindrucksvoller Art und Weise. 1898 in Ottweiler im Saarland als Sohn eines Kantors geboren, kämpfte er im Ersten Weltkrieg in der deutschen Armee. Als hochdekorierter Kriegsveteran glaubte er, auch nach 1933 vor dem nationalsozialistischen Judenhass sicher zu sein, weshalb er alle Angebote einer Emigration ausschlug. In der Zeit der Weimarer Republik war er an der Universität Heidelberg provomiert worden und hatte in Berlin Arbeit gefunden. Obwohl nicht orthodox, spielte der jüdische Glaube für seine Identität eine wesentliche Rolle. Gemeinsam mit seiner Frau, Hilda Blümlein, ließ er sich 1930 in Leipzig nieder. Hier arbeitete Dr. Leopold in der selbständigen jüdischen Gemeinde. 1937 wurde die Tochter Anneliese geboren. Ihre Kindheit war vom Zweiten Weltkrieg und den nationalsozialistischen Repressionen geprägt.

Der Deportation knapp entkommen

In seinen Erinnerungen beschreibt Walter Leopold die Ereignisse zwischen 1938 und 1945 detailliert, wobei er sich als „revoltierenden Juden“ betrachtet. 1938 bereits in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, konnte er diesem mit Glück nach wenigen Wochen entkommen und sich weiterhin in Leipzig aufhalten. Besonders einschneidend war für die Familie die Tötung des Schäferhundes Mäuslein, nachdem 1941 alle Haustiere ihren jüdischen Besitzern entrissen worden waren. Der Kreis sollte sich in den folgenden Jahren noch enger ziehen. Auf den Deportationslisten schienen die Namen Anneliese, Hilda und Walter Leopold auf, doch konnte sich die Familie dem sicheren Tod in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager entziehen, indem sie vor dem Transport nach Thersienstadt in Leipzig untertauchte.

Von Freunden versorgt, hielt sich die Familie Leopold in weiterer Folge tagsüber meist im Freien auf – und das für mehr als ein ganzes Jahr bis Dezember 1943. Der Vater trug dabei stets eine Waffe bei sich, da er Selbstmord einer Verhaftung durch die Gestapo vorgezogen hätte. Nach den Luftangriffen auf Leipzig sah er den Moment gekommen, sich eine neue Identität zu beschaffen, was ebenfalls durch einen Helfer gelang. Als Dr. Kurt Freiherr aus Mannheim auftretend, konnte Walter Leopold nun wieder etwas Fuß fassen. Besonders schwierig erwies sich das Unterfangen, die sechsjährige Tochter von der neuen Identität zu überzeugen, auf dass ja nichts Verräterisches nach außen dringen konnte.

Übersiedlung nach Bludenz

Die Region Bludenz kannten Hilda und Walter Leopold von früheren Urlaubsaufenthalten. Als gerade hier im Landratsamt die Stelle eines Verwaltungsjuristen ausgeschrieben war, bewarb er sich als Dr. Kurt Freiherr für dieselbe und fuhr zu einem Vorstellungsgespräch nach Vorarlberg. Hier, weit entfernt von Leipzig, sah er für die Familie eine sich bietende Möglichkeit, das Ende des Krieges abzuwarten. Die durch den Krieg beeinträchtigte Kommunikation und der Verweis auf die bei Bombenangriffen auf Mannheim vernichteten Unterlagen machten es möglich, ohne „Ariernachweis“ die Stelle zu erhalten. Im September 1944 übersiedelte die ganze Familie Freiherr nach Bludenz. Ihre erste Unterkunft befand sich in der Wichnerstraße bei der Familie Koch. Deren Tochter, die 1922 geborene Erna Kessler, erinnert sich bis heute an die aus Deutschland eintreffende Familie. Kurze Zeit später wurde über Vermittlung des Arbeitgebers (das Landratsamt befand sich im heutigen Gerichtsgebäude) eine eigene Wohnung in der neu errichteten Südtiroler Siedlung zur Verfügung gestellt.

Die im Buch beschriebenen Erinnerungen an den Winter 1944/45 und das Kriegsende im Mai 1945 sind ein bedeutendes Stück lokaler Zeitgeschichte. Nach dem Einmarsch der französischen Armee gab Dr. Walter Leopold seine wahre Identität preis, was ihm jedoch bei den nunmehrigen österreichischen Verwaltungsbehörden weitere Probleme einhandelte. Seine Auseinandersetzungen in der Widerstandsbewegung sind in einem Akt im Stadtarchiv Bludenz dokumentiert. Wiederholt beklagte er auch in seinen Erinnerungen den latent spürbaren Antisemitismus. Diesem wollte er vor allem seine Tochter nicht aussetzen, weshalb er sich einige Jahre nach Kriegsende um eine Emigration in die USA bemühte. Die Familie fand schließlich in Cincinnati/Ohio eine neue Bleibe, wo Leopold als Nachwächter arbeitete. Kurze Zeit später verstarb er jedoch an einem Herzanfall.

Tochter Anneliese vermittelt die Geschichte ihrer Familie an Schulen

Die spektakuläre Geschichte der Familie ist in Vorarlberg schon seit längerem bekannt. Im Lexikon „Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg 1933-1945“ der Johann-August-Malin-Gesellschaft wurde schon in den 1980er Jahren darauf verwiesen. Viele neue Details können aber nunmehr nach der Publikation der Lebenserinnerungen erschlossen werden. Das gilt auch für Interviews, die Hilde Leopold und ihre Tochter Anneliese vor rund 25 Jahren der USC Shoah Foundation gaben. Bis heute ist Anneliese Yosafat (den Namen trägt sie seit ihrer Hochzeit mit einem griechischen Holocaust-Überlebenden) als Zeitzeugin in den USA aktiv, indem sie die Geschichte ihrer Familie an Schulen vermittelt. In Bälde wird sie das über ZOOM auch für Schülerinnen und Schüler aus Bludenz tun, die sich im Wahlpflichtfach Geschichte mit dem Thema auseinandersetzen.