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Victoria Kumar (2026): Wie an Otto Ender erinnern?

Immer noch sind Symbole des Austrofaschismus im öffentlichen Raum präsent, zum Teil umgestaltet oder mit Ergänzungstafeln versehen, zum Teil völlig unkommentiert, so auch in Vorarlberg. Kaum jemand nimmt diese sichtbaren Überreste, wie den "ständestaatlichen" Doppeladler, als problematische Symbole wahr. Überhaupt stellt die Zeit des Austrofaschismus eine eigentümliche Leerstelle im Geschichtsbewusstsein der österreichischen Gesellschaft dar. In Vorarlberg zeigt sich diese auch und in besonderer Weise am erinnerungskulturellen Umgang mit der Person Otto Enders.

Der Text von JAMG-Obfrau Victoria Kumar ist in der September-Ausgabe der KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft erschienen. - Text als PDF herunterladen


Spuren des Austrofaschismus in der Vorarlberger Gedenklandschaft

Unmittelbar nach seiner Ermordung im Juli 1934 huldigte das austrofaschistische Regime dem „Märtyrerkanzler“ Engelbert Dollfuß mit einem Staatskult, der vom „patriotischen Helden“ noch zu Lebzeiten seit der diktatorischen Wende 1933 selbst initiiert worden war. In allen Bundesländern wurden Gedenkstätten und -zeichen errichtet, Straßen und Plätze umbenannt. Gerade in dieser für die Regierung bedeutenden Gedenkpolitik, die auf lokaler Ebene mitunter skurrile Auswüchse annahm, spiegelten sich die ideologischen Ansprüche des faschistischen Regimes besonders stark.[1] Dass mit dem „Anschluss“ 1938 der Großteil der Dollfuß-Gedenkzeichen im Zuge von nationalsozialistischen Denkmalsturzaktionen und Straßenumbenennungen entfernt wurde, bedeutete noch lange kein Ende von Dollfuß’ Präsenz in der österreichischen Erinnerungslandschaft: Immer noch existieren zahlreiche Dollfuß-Erinnerungszeichen in Österreich und auch andere Überreste des Staatskults und Symbole des Austrofaschismus sind im öffentlichen und halböffentlichen (religiösen) Raum sichtbar: zum Teil umgestaltet oder mit Ergänzungstafeln versehen, zum Teil völlig unkommentiert.[2]

Auch in Vorarlberg hat der Dollfuß-Kult seine Blüten getrieben,[3] Überreste existieren heute allerdings kaum mehr. Nach wie vor sind jedoch andere Symbole des Austrofaschismus präsent, auch an denkmalgeschützten Gebäuden, wie etwa der „ständestaatliche“ Doppeladler an der Fassade der Höheren Technischen Lehranstalt in Bregenz oder am Rathaus und an der Finanzlandesdirektion in Feldkirch. Kaum jemand nimmt diese sichtbaren Überreste des Austrofaschismus als problematische Symbole wahr. Überhaupt stellt die Zeit des Austrofaschismus eine eigentümliche Leerstelle im Geschichtsbewusstsein der österreichischen Gesellschaft dar. In Vorarlberg zeigt sich diese auch und in besonderer Weise am erinnerungskulturellen Umgang mit der Person Otto Enders. 

 

Otto Ender: Landeshauptmann, Bundeskanzler, Austrofaschist, Antisemit

 

Der in Altach geborene Otto Ender (1875–1960) war ab 1918 Landeshauptmann Vorarlbergs, 1930/31 kurzzeitig Bundeskanzler und 1933/34 als Verfassungsminister des austrofaschistischen Regimes verantwortlich für die sog. „ständestaatliche Verfassung“ vom 1. Mai 1934 und damit mitverantwortlich für die Zerstörung der Demokratie – eine Tatsache, die im Zuge von Würdigungen Enders bislang völlig unzureichend Berücksichtigung findet. Schon 1928 war er für eine Ersetzung des Parteien-Parlamentarismus durch eine ständische Ordnung eingetreten. Die im März 1933 erfolgte „Ausschaltung des Parlaments“ kommentierte er dahingehend, dass es „nun einer Notverordnung bedürfe, die der Sauerei an den Kragen geht. Heute hat die Stunde geschlagen, wo der Kampf gegen Schmutz und Schund mit Aussicht auf Erfolg aufgenommen werden kann. Die parlamentslose Zeit ist dazu just die rechte.“ Seine programmatische Parteitagsrede in Rankweil am 1.5.1933 lässt sich als radikale Abrechnung mit der parlamentarischen Demokratie und als Entwurf einer eigenen österreichischen Version des Faschismus zusammenfassen: „Wenn heute endlich die Zeit gekommen ist, wo das Volk verdorbenen Parlamentarismus und leere Strohdrescherei satt hat, dann ist eben der Tag, um unseren Parlamentarismus umzubauen. Nicht die Schreier haben recht, die das unwürdige Spiel im Bundesrat noch fortsetzen wollen, sondern Dollfuß hat recht, der das Parlament reformieren will. Alles ruft heute nach Autorität, nach Führung. …“[4] Ender hatte auch einen positiven Blick auf das nationalsozialistische Deutschland und befand: „Was gesund ist am Hitlertum wollen wir aufgreifen und soweit auch verwirklichen, als es für unsere Vorarlberger und für unsere österreichischen Verhältnisse passt.“[5] Im Ministerrat vom 12. März 1934 sagte er, das österreichische Volk habe „in den letzten 15 Jahren Gelegenheit gehabt, sich demokratisch zu regieren und zu verwalten, jedoch den sicheren Beweis geliefert, dass es für die Demokratie nicht reif sei“[6].

Ender setzte in seinen politischen Reden darüber hinaus alle antisemitischen Stereotype ein und wollte Jüdinnen und Juden nicht als Staatsbürger:innen anerkennen. Er bezeichnete sie als „Gastvolk“ und sah die Bevölkerung von einer „gastvölkischen Infektion“ bedroht. Sein Antisemitismus richtete sich dabei nicht nur gegen Jüdinnen und Juden, sondern insgesamt gegen die Sozialdemokratie. Durch die Präsenz einer kleinen Zahl sozialdemokratischer Abgeordneter sah er den Vorarlberger Landtag als „jüdisch kontrolliert“ an.[7] Ender sprach sich darüber hinaus für die Aufnahme eines „Zigeunergesetzes“[8], das Abschiebungen ermöglichte, in die Verfassung aus.[9]

Angesichts der Vielzahl an überlieferten explizit diktaturfreundlichen und demokratiefeindlichen Positionierungen und Taten Otto Enders mag es kaum verwundern, dass sich Vorarlberger Zeithistoriker:innen mehrfach mit der Frage beschäftigten, ob Ender ein Austrofaschist war. Anlass war etwa die 1960 vom Vorarlberger Landtag eingeführte „Dr.-Otto-Ender-Studienstiftung für begabte und bedürftige Studierende“, seitens der ÖVP durchaus als Ehrung gedacht. 2009 forderten die Vorarlberger Grünen im Landtag die Umbenennung der Stiftung aufgrund Enders Beteiligung an der Zerstörung der Demokratie, was von der Landesregierung abgelehnt wurde. Mittlerweile wurde die Stiftung wegen zu hohen administrativen Aufwands aufgelöst. In einer Sonderausstellung widmete sich das vorarlberg museum 2018 unter dem Titel „Otto Ender 1875–1960. Landeshauptmann, Bundeskanzler und Putschist?“ der Person Enders. Während die Ausstellung zentral die Zerstörung der Demokratie thematisierte und Ender als „Putschist“ eingeordnet wurde, kommt Peter Melichar, einer der Kuratoren, in seiner umfassenden Ender-Biografie von 2019 zu folgender Einschätzung: „So wenig es heute noch um eine Heiligsprechung eines Politikers gehen kann, so wenig ist seine Dämonisierung sinnvoll, etwa als Austrofaschist.“[10] Auch schien ihm der Begriff Austrofaschismus „als analytische Kategorie der Forschung wenig brauchbar“. In einer Buchbesprechung war für Kurt Greussing nur schwer einzusehen, warum der Begriff Austrofaschismus nicht in das Konzept-Repertoire passen solle, und auch Melichars Schlusspointe, mit der er Ender charakterisierte, blieb für Greussing „unnötig blass“.[11] In einer 2019 von der Johann-August-Malin-Gesellschaft initiierten Podiumsdiskussion zur „Ender-Kontroverse“ befand Meinrad Pichler, es sei eine Legende, „dass Ender jemals demokratischer Gesinnung gewesen sei. Als Demokrat habe jener sich nur so lange in Szene gesetzt, solange er mit absoluter Mehrheit regieren konnte.“[12]

 

Wie an Otto Ender erinnern?

 

Eine Bewertung der politischen Person Enders ist heute jedenfalls für erinnerungskulturelle Fragen relevant: Wie kann Otto Ender kritisch eingeordnet und gewürdigt werden? Dass im Landhaus, dem Herzen der Vorarlberger Demokratie, ein Porträt Enders mit einer kleinen Tafel hängt, die für die Zeit des Austrofaschismus allein seine Funktion als Bundesminister für Verwaltungs- und Verfassungsreform nennt und seine problematischen Positionierungen gänzlich ausspart, ist ebenso bemerkenswert, wie die bis zuletzt fehlende Kontextualisierung zur Büste Enders im Eingangsbereich des Gemeindeamtes Altach, dessen Ehrenbürger er (immer noch) ist.

Der kürzlich von der Johann-August-Malin-Gesellschaft an den Bürgermeister und die Gemeindevertretung von Altach herangetragene gedenkpolitische Vorschlag für einen kontextualisierenden Text, der in Form einer Tafel am Sockel der Ender-Büste und im biografischen Eintrag auf der Gemeindewebsite Eingang finden soll, ist positiv aufgenommen worden. Der Text benennt Enders Mitverantwortung an der Zerstörung der Demokratie, wie auch seinen ausgeprägten Antisemitismus, der sein Bild als „Demokrat“ zusätzlich verdunkelt. Mit der Zusatztafel kann die eingangs erwähnte erinnerungskulturelle Leerstelle bezogen auf den Austrofaschismus in Vorarlberg ein wenig korrigiert werden. Eine Rückmeldung der Landtagsdirektion zum Vorschlag, einen erweiterten Text zum Ender-Porträt anzubringen, steht bis dato aus. An die Verfolgten des Austrofaschismus erinnert in Vorarlberg übrigens bislang kein Gedenkzeichen.



[1] Lucile Dreidemy: Der Dollfuß-Mythos. Eine Biographie des Posthumen, Wien-Köln-Weimar 2014, S. 123 u. 148.

[2] Der Beitrag basiert auf dem Vortrag der Autorin für das Panel „Erinnerung ohne Aufarbeitung? Spuren des Austrofaschismus in der österreichischen Gedenklandschaft“ (gemeinsam mit Robert Obermair und Christian Rabl) am Zeitgeschichtetag 2026 in Linz.

[3] Vgl. Meinrad Pichler, Geschichte Vorarlbergs. Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015, Innsbruck 2015, 220-221.

[4] Werner Dreier: Zwischen Kaiser und ‚Führer‘. Vorarlberg im Umbruch 1918-1938, Bregenz 1986, S. 229.

[5] Ebda. S. 228.

[6] Peter Melichar: Ender (nicht) vergessen – aber warum? URL: https://themavorarlberg.at/gesellschaft/ender-nicht-vergessen-aber-warum

[7] Peter Melichar: Otto Ender 1875-1960. Landeshauptmann, Bundeskanzler, Minister. Untersuchungen zum Innenleben eines Politikers, Wien 2019, S. 152-155.

[8] Bei der Verwendung des diskriminierenden Begriffs „Zigeuner“ folgt die Autorin dem Vorschlag der Unabhängigen Kommission Antiziganismus (D, 2021): Um nach Jaques Derrida eine gleichzeitige Verwendung und Ablehnung zu ermöglichen, wird das Wort im laufenden Text durchgestrichen. Damit bleiben die „geschichtlichen und semantischen Bedeutungszuschreibungen sichtbar und in Erinnerung, ihre Geltung wird jedoch verneint.“ Bericht der Unabhängigen Kommission Antiziganismus, 2021, S. 10. URL: https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/fileadmin/Redaktion/PDF/UKA/Bericht_UKA_Perspektivwechsel_Nachholende_Gerechtigkeit_Partizipation.pdf

[9] Melichar, 2019, S. 71.

[10] Ebda. S. 19.

[11] Kurt Greussing: Otto Ender: Sein Versuch einer Positionierung gegenüber Nationalsozialismus und autoritärem Staat. Zu Peter Melichars Otto-Ender-Biografie. In: Montfort. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs, Band 2/2019, S. 73-80, hier S. 79. URL: www.malingesellschaft.at/texte/nationalsozialismus/kurt-greussing-2019-otto-ender-sein-versuch-einer-positionierung-gegenueber-nationalsozialismus-und-autoritaerem-staat

[12] Podiumsdiskussion „War Otto Ender ein Faschist?“, Dornbirn 2.2.2019.

Ender Büste im Gemeindeamt Altach

Ender Büste im Gemeindeamt Altach