Severin Holzknecht (2026): Mitläufer, Täter, Opfer – Buchbesprechung
Der Text von Vorstandsmitglied Severin Holzknecht ist in der November-Ausgabe der KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft erschienen und ist hier als PDF-Download verfügbar.
Unabhängig des politischen Systems ist die Polizei neben der Justiz die zentrale Stütze der Durchsetzung staatlicher Autorität nach Innen. Eine besonders unrühmliche Rolle spielte die Exekutive während des Nationalsozialismus. Zahlreiche deutsche und österreichische Gendarmen und Polizisten dienten der Diktatur zwischen 1933 und 1945 aus Überzeugung oder fehlgeleitetem Pflichtgefühl, viele wurden zu Tätern, einige zu Opfern.
In dem von Harald Walser und Michael Beyrer herausgegebenen Sammelband „Mitläufer, Täter, Opfer. Vorarlbergs Exekutive und der Nationalsozialismus“ widmen sich Historikerinnen und Historiker dieser vielschichtigen Thematik und zeigen, um es mit den Worten der Herausgeber zu sagen, „wie nahezu nahtlos die österreichische Exekutive nach dem ‚Anschluss‘ in den nationalsozialistischen Unterdrückungsapparat eingegliedert werden konnte und somit zu einer ‚Täterorganisation‘ avancierte“. Erleichtert wurde diese Eingliederung – 80 bis 90 Prozent der österreichischen Polizisten und Gendarmen wurden nach dem „Anschluss“ übernommen – durch die 1933/34 etablierten autoritären und antidemokratischen Strukturen der austrofaschistischen Diktatur sowie die bereits vor dem „Anschluss“ einsetzende „Nazifizierung“ der Exekutive, die somit schon vor dem März 1938 demokratischen Ansprüchen nicht genügt hatte.
Die „kämpfende Verwaltung“ an der „Heimatfront“ – Gegen den Feind im Innern
Zu den bekanntesten Opfern des NS-Terrors aus den Reihen der Vorarlberger Exekutive gehört zweifellos der Dornbirner Postenkommandant Hugo Lunardon, dessen Schicksal Harald Walser akribisch und anhand neuer Quellen nachzeichnet. Der weltanschaulich ursprünglich der Sozialdemokratie zuneigende Lunardon hatte sich in den 1930er Jahren als entschlossener Gegner des Nationalsozialismus profiliert und sich dadurch in den Reihen der Nazis viele Feinde gemacht, von denen einige sogar in derselben Wachstube wie er saßen. Noch vor dem Einmarsch deutscher Truppen wurde Lunardon durch die neuen Machthaber in „Schutzhaft“ genommen und bald darauf nach Dachau verbracht, von wo er nach Beginn des Zweiten Weltkrieges in das KZ Mauthausen verlegt wurde. Dort kam der völlig entkräftete Lunardon, nach allen Berichten bis zuletzt ungebrochen, Anfang des Jahres 1940 unter nicht vollständig geklärten Umständen um.
Hugo Lunardon war jedoch bei weitem nicht der einzige Regimegegner, der in Vorarlberg zwischen 1938 und 1945 in Haft saß. Alleine im Bezirksgefängnis Bregenz waren es von 1940 bis zum Untergang des NS-Regimes rund 6.000 Menschen, die meist auf Geheiß der Gestapo in den feuchten Gemäuern in der Oberstadt eingepfercht wurden und ihrem Schicksal harrten.
Der seit 1936 unter dem Befehl Heinrich Himmlers stehende deutsche Polizeiapparat ging neben den als unzuverlässig und feindlich betrachteten Kollegen als „kämpfende Verwaltung“ an der „Heimatfront“ vor allem gegen die als Feinde der deutschen „Volksgemeinschaft“ gebrandmarkten Bevölkerungsgruppen und Individuen vor, wie Andreas Kranebitter in seinem Beitrag über den Wiener Polizeipräsidenten Otto Steinhäusl schildert. Errichtung und Erhalt der „Volksgemeinschaft“ hatte die Polizei nach dem Willen der NS-Machthaber aktiv mitzugestalten, so etwa durch großflächig und willkürlich verhängte Präventiv- und „Schutzhaft“. Gernot Kiermayr behandelt in seinem Beitrag die Schicksale solcher „Gemeinschaftsfremder“, also von auffälligen oder randständigen und im Regelfall armen Menschen, die als außerhalb der „Volksgemeinschaft“ betrachtet und vielfach zu Tode gebracht wurden.
Die Exekutive als willige Vollstreckerin des Völkermords
Dutzende Vorarlberger Gendarmen wurden zudem in den von Deutschland eroberten Gebieten eingesetzt, um dort mit äußerster Härte deutsche Interessen durchzusetzen. Zahlreiche Vorarlberger Polizisten waren direkt oder indirekt an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen beteiligt. Konsequenzen hatte dies nach dem Untergang NS-Deutschlands nur für wenige. Eine bemerkenswerte Ausnahme stellt der gebürtige Südtiroler Alfred Lusser dar. Lusser leitete nach dem Krieg zunächst den Gendarmerieposten Schwarzach, bis er Ende der 1960er Jahre für sechs Morde, die er während seiner Zeit im Generalgouvernement verübt hatte, zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Nach nicht einmal fünf Jahren wurde Lusser jedoch wegen „guter Führung“ vorzeitig aus der Haft entlassen. Mitverantwortlich hierfür war neben der zu Beginn der 1970er Jahre allgegenwärtigen Ambivalenz der österreichischen Justiz gegenüber NS-Verbrechen vor allem die Unterstützung der Gemeinde Schwarzach sowie mehrerer prominenter Politiker und Offiziere des Landesgendarmeriekommandos. Alfred Lusser blieb der einzige Vorarlberger Gendarm, der für seine während des Krieges verübten Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurde.
Mitläufer. Täter. Opfer – Neuanfang?
Vorarlbergs Polizisten und Gendarmen waren mit den Worten Harald Walsers und Michael Beyrers „selten ‚nur‘ Täter oder Opfer des Systems, nicht ‚schwarz‘ oder ‚weiß‘, sondern es überwiegen die Grautöne irgendwo dazwischen“, womit die Exekutive wohl in gewisser Weise ein Spiegelbild der damaligen Gesellschaft darstellt. Diese Erkenntnis Walsers und Beyrers stützt der Fall des durch Isabella Greber behandelten Gendarmen Karl Girardi aus Krumbach, der durch seine Stellungnahmen in letzter Konsequenz nicht nur dazu beitrug, dass etwa der „Berufsverbrecher“ Albert H. in der Tötungsanstalt Hartheim ermordet wurde, sondern gegen Ende des Krieges auch die lokale Widerstandsgruppe tatkräftig unterstützt hatte. Girardi war ein Musterbeispiel des österreichischen Beamten: Er versah seinen Dienst von der Monarchie bis zur Zweiten Republik über alle Brüche und Systemwechsel hinweg pflichtbewusst, ohne dabei offenbar von gröberen Selbstzweifeln oder Gewissensbissen geplagt zu werden. Greber attestiert Girardi dementsprechend ein ambivalentes Verhalten, an dem sich für die Nachwelt der durchaus vorhandene Spielraum von Exekutivbeamten während der NS-Zeit erkennen lässt. Der vielbemühte Befehlsnotstand galt oft nur bedingt.
Der Sammelband „Mitläufer, Täter, Opfer. Vorarlbergs Exekutive und der Nationalsozialismus“ deckt eine Bandbreite an Einzelschicksalen ab und zeigt dabei punktuell immer wieder auf, wie anfällig Menschen, aber auch Institutionen wie die Polizei für autoritäre Versuchungen sein können. Eine Erkenntnis, die in Zeiten des fortschreitenden Rechtsrucks nicht oft genug wiederholt werden kann und zur Wachsamkeit mahnt. Faschismus ist nicht nur das Produkt großer gesellschaftlicher Entwicklungen, sondern auch unzähliger persönlicher Entscheidungen.
Harald Walser, Michael Beyrer (Hg.): Mitläufer, Täter, Opfer. Vorarlbergs Exekutive und der Nationalsozialismus. Edition V, Bregenz 2026, 250 Seiten, Softcover, ISBN: 978-3-903240-94-0, € 29,95
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