Werner Bundschuh (2026): „Hinter der Eismeerfront“ – Buchbesprechung
Der Text von Werner Bundschuh ist in der Oktober-Ausgabe der KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft erschienen.
Mit dem „Lebensborn“ nach Hohenems
Trygg Johan Hølvold stammt aus dem äußersten Norden Norwegens, aus Kirkenes. Im April 1940 überfiel die deutsche Wehrmacht seine Heimat. Ein Teil der Bevölkerung – Anhänger des Faschistenführers Quisling – begrüßte zunächst die neuen Herren mit Freude. Strategisch ging es den Eroberern um die reichen Erz- und Nickelvorkommen und den eisfreien russischen Hafen Murmansk. Die Front blieb allerdings beim Fluss Liza stecken. Zehntausende deutsche/österreichische, finnische und russische Soldaten gingen bei diesen Kämpfen im eisigen Norden elendiglich zugrunde.
Im August 1940 traf die 2. Gebirgs-Division unter dem Bregenzer General Valentin Feurstein in Kirkenes ein – und die Besatzung wurde für die Bevölkerung zunehmend zum Alptraum. Feurstein veröffentlichte seine Kriegserinnerungen „Irrwege der Pflicht“ im Jahre 1963. Sie sind ein Musterbeispiel für „beschönigende Erinnerungsliteratur“! Wie verharmlosend sein Kapitel „Kirkenes“ ist, zeigt das vorliegende Buch, das schonungslos auch die Kriegsgräuel der Besatzer thematisiert.
Verdrängen, vergessen und ausklammern war auch in Kirkenes nach dem Krieg die Devise. Trygg Johan Hølvold machte sich auf Spurensuche. 2022 veröffentlichte er sein Buch „Svik“ (Verrat)[i]. Er arbeitete blinde Flecken der Regionalgeschichte auf und stieß damit auf ein enormes Echo. Jetzt liegt die Übersetzung vor, ein unschätzbarer Verdienst der „Tiroler Autorinnen und Autoren Kooperative“. Handlungsschauplätze sind Kirkenes, die „Kriegshölle an der Eismeerfront“ und das von Bombardierungen verschonte Hinterland in Vorarlberg. Dieses Buch ist für die Landesgeschichte von höchster Relevanz.
Besatzung und familiäre Verstrickungen
Im Untertitel stehen drei Namen: Toni ist der 1918 in Hohenems geborene Lohnmetzger Anton Halbeisen. Er kam 1940 mit den Feurstein-Truppen in den hohen Norden und blieb dort als Obergefreiter – bis auf wenige Wochen Urlaub – bis Kriegsende als Koch und Sanitätsgehilfe stationiert.
Gerd ist die Tochter des langjährigen Bürgermeisters von Kirkenes, Johan Hølvold. Sie verliebt sich zum Leidwesen der Familie in den Feindsoldaten. Die Folge dieser – letztlich gescheiterten Beziehung – ist Heinz. Die schwangere Gerd kommt 1942 mit Hilfe des „Lebensborns“ zur Familie Halbeisen nach Hohenems und bringt dort ihr Kind zur Welt. Aus diversen Gründen kommt es zu innerfamiliären Zwistigkeiten und ihre Rückkehrversuche scheitern. Nach der Geburt von Heinz stieß sie auf das verbreitete Vorurteil, eine unerwünschte protestantische „Norwegerhur“ zu sein.
Gerd ist die Tante des Autors. Sie war für jene, die mit den deutschen Besatzern nicht kooperierten, in Kirkenes eine „Deutschenhure“. Sie wurde auch in der eigenen Familie scheel angeschaut, vor allem vom eigenen Vater. Die katastrophale Versorgungslage in Kirkenes nötigte ihn allerdings zu Kompromissen. Der feindliche Soldat brachte bei seinen Hausbesuchen dringend benötigte Nahrungsmittel mit – eine Kooperation mit den Besatzern, unter der Johan bis zu seinem Tod 1955 gelitten hat.
Die Familie wurde von der SS bedroht und überwacht: Gerds Bruder Gotfried war Kommunist. Mit seiner Familie gelang ihm die Flucht in die Sowjetunion. Die Zurückgebliebenen wurden der Fluchthilfe verdächtigt, verhört und sein Bruder Adolf verhaftet und eingesperrt. Gotfried überlebte und wurde nach seiner Rückkehr Bürgermeister.
„Jede Mutter von gutem Blut soll uns heilig sein“
Norwegens SS-Führer, General Willy Rediess, nahm das „Lebensborn-Projekt“ von Reichsführer-SS Himmler sehr ernst. Deshalb kümmerte er sich persönlich um Tonis Liebesbeziehung. Ihm ging es um das „arische Blut“ im erträumten „rassereinen Germanenreich“. Bei einer Rede in Berlin umriss Himmler die Ziele des „Lebensborns“: „Frauen mit rein nordischer Herkunft aus allen besetzten Ländern sollen zu einem erhöhten Bevölkerungswachstum im rassisch wertvollsten Teil der Bevölkerung beitragen. Sie und ihre Kinder sollen in die Sprache und Kultur des deutschen Volkes in einem deutschen Umfeld aufgenommen werden, oder das Kind wird in eine deutsche Familie adoptiert. Norwegische Frauen sollen vorzugsweise nach Deutschland geschickt werden, wo sie wertvolles Erbmaterial für die Entwicklung unserer germanischen Gene darstellen. Die Kinder sollen durch die Heirat oder durch eine vom Vater unterzeichnete und von der Mutter bestätigte Erklärung, dass sie leiblich geboren sind, deutsche Staatsbürger werden.“ (S. 342 f.)
Kinder aus solchen Soldaten-Verbindungen waren keine Privatangelegenheit, sondern eine „Rassenfrage“. Das musste auch Toni zur Kenntnis nehmen. Wie viele wollte er seine schwangere Freundin zunächst heiraten, doch die Heirat kam nicht zustande, und er stritt die Vaterschaft ab. In Hohenems hieß es, ein gefallener Russe hätte Gerd geschwängert.
Mehrere NS-Behörden befassten sich bürokratisch mit dem gezeugten Kind, und der Himmler-Rasseverein übernahm die Vormundschaft von Heinz.
Toni war beileibe nicht der einzige Vorarlberger Soldat, der eine Liebesbeziehung mit einem norwegischen Mädchen einging: Gerds Freundin Pia lässt sich mit dem Ordnungspolizisten Oskar Leich ein und kommt schwanger nach Dornbirn, Heinrich hat mit Asta zwei „Lebensborn“-Kinder in Silz. Sie müssen alleine aufwachsen, weil ihr Vater das Kriegsende nicht erlebt und ihre Mutter an Tuberkulose stirbt.
Der Wahrheit so nah wie möglich
Im Epilog beschreibt der Autor seine Motivation und Schreibabsicht. Dieser „dokumentarische Roman“ handle „über Menschen im Krieg, nicht über den Krieg an sich. Eine Geschichte, bei der es mir am Herzen lag, allen als Menschen zu begegnen, mit Respekt für die Personen, die sie sind, sie nicht als Angreifer oder Verteidiger zu betrachten, in einer Situation, in der alle versucht haben, in dem Wahnsinn eine gewisse Normalität zu finden.“ Er solle zur „Versöhnung“ und zum gegenseitigen Verständnis beitragen.
Ich lernte Heinz im März 2019 anlässlich der Filmvorführung „Hitlers geraubte Kinder“ in Lustenau kennen. Der Filmemacher Christoph Schwarz hatte europaweit zu „Lebensborn“-Kindern recherchiert. An diesem Abend trat Heinz Fitz – seine Mutter hatte den Lustenauer Bauer Fitz geehelicht – als Betroffener auf. In der Filmankündigung hieß es: „Einige Wochen vor seiner Geburt war seine junge norwegische Mutter von der SS im Oktober 1942 von Kirkenes nach Hohenems verschleppt worden.“ Ich moderierte damals das Gespräch. Nach der Lektüre des vorliegenden Buches weiß ich, dass Gerd nicht „verschleppt“ wurde, und wie wenig Heinz von seiner eigenen Familiengeschichte damals noch wusste. Sowohl sein leiblicher Vater, von dessen Existenz er erst mit 16 Jahren erfuhr, als auch seine Mutter waren nicht in der Lage, über das Geschehene zu sprechen. Schmerzhafte Erinnerungen an die Eltern verdunkelten das Leben von Heinz.
Bis kurz vor seinem Tod (2024) telefonierte er regelmäßig mit mir. Er wollte alles über den „Lebensborn“ wissen, er erzählte viel von seinen Gewalterfahrungen als Jugendlicher in Lustenau, von den Alt-Nazis in seiner Umgebung, und wie es ihm gelungen ist, aus diesem Sumpf herauszukommen. Sein Glück war, Schauspieler werden zu können. Zuletzt stand er am Tiroler Landestheater in Innsbruck auf der Bühne. Mit vielen Rollen konnte er sich identifizieren. 2019 verkörperte er im Film „Otto Neururer – Hoffnungsvolle Finsternis“ einen gealterten Schauspieler und ein „Lebensborn“-Kind. Dafür wurde er ausgezeichnet.
Viele Fragen waren im Lebensnarrativ von Heinz offen. Arnulf Häfele half ihm, einige Irrtümer zu klären. Der Hohenemser Historiker arbeitete mit dem Kärntner Autor Alois Hotschnig eng zusammen. Daraus entstand der hochgelobte Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“.
In diese Zeit fällt ein aufgeregter Anruf von Heinz: Sein norwegischer Cousin Trygg habe Kontakt mit ihm aufgenommen! Er arbeite an einem Buch über seine norwegische Herkunft. 2021 kam es zur Begegnung der beiden Cousins in Igls, dort, wo Heinz seinen Lebensabend verbrachte.
Trygg stand das gerettete Archiv seines Großvaters zur Verfügung, und er konnte deshalb auf unbekannte persönliche Briefe zugreifen. Mit Zustimmung von Heinz hob er in Oslo Quellen im „Lebensborn“-Archiv aus und stellte damit das bisherige Narrativ völlig auf den Kopf. Das Buch basiert auf mehr als 70 privaten norwegischen und deutschen Briefen, 140 Dokumenten vom „SS-Lebensborn“ sowie der persönlichen Geschichte von Heinz. Das Buch schließt mit rund 50 Bildern und Dokumenten der SS als Beleg für den Wahrheitsgehalt der Geschichte.
Heinz’ mündliche Version war für ihn „eine erschütternde Erzählung, die sich nicht mit dem Inhalt der Briefe und dem, was ich bisher geschrieben hatte, vereinbaren ließ, es waren zwei komplett unterschiedliche Geschichten, die hier erzählt wurden.“ Trygg schloss sein Buch im Bewusstsein ab, der „Wahrheit so nahe gekommen zu sein, wie es möglich war.“
Trygg Johan Hølvold: Hinter der Eismeerfront. Toni, Gerd und Heinz. Deutsche Ausgabe TAK, Innsbruck 2026, 516 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-900888-97-8, € 29
[i] Svik – Sannheten var krigens første offer. (Verrat – Die Wahrheit fiel dem Krieg als erstes zum Opfer).