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Victoria Kumar (2026): „Mitläufer, Täter, Opfer“ – Buchbesprechung

Neuer Sammelband zu Vorarlbergs Exekutive während der NS-Zeit

Der Text von JAMG-Obfrau Victoria Kumar ist am 30.10.2026 in der VN erschienen. 

Die Gemeinde Schwarzach ist der Ansicht, dass ein Gnadenakt in dieser sehr leidigen Sache menschlich gesehen einen Schlussstrich setzen würde.“ Was der damalige Bürgermeister von Schwarzach, Josef Vonach, mit der „sehr leidigen Sache“ meinte, ist die Haftstrafe des Gendarmeriebeamten Alfred Lussers. Lusser war kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs von Bregenz nach Polen versetzt worden. Für den nachweislichen Mord an sechs Jüdinnen und Juden in der Stadt Jędrzejow, darunter ein Kind, wurde er 1969 am Landesgericht für Strafsachen in Graz schuldig gesprochen und zu sieben Jahren schwerem Kerker verurteilt. Lusser, der in der Einvernahme versuchte, sich mit Befehlsnotstand zu verteidigen, ist der einzige Vorarlberger, der für nationalsozialistische Verbrechen im Osten verurteilt wurde. Bis zu seiner Verhaftung, also noch mehr als zwei Jahrzehnte nach Kriegsende und Befreiung, war er am Gendarmerieposten in Schwarzach tätig. Muten sowohl Lussers Nachkriegskarriere als Postenkommandant als auch das niedrige Strafausmaß schon bemerkenswert an, so sind auch die Gnadengesuche und befürwortenden Stellungnahmen mehrerer Politiker und Offiziere des Landesgendarmeriekommandos Vorarlbergs für das „Justizopfer“ Lusser mehr als „beachtlich“. Wegen „guter Führung“ und weil „mit einem Rückfall nicht zu rechnen sei“, wurde er 1972 aus der Haft entlassen.

Über Lusser ist in dem von Harald Walser und Michael Beyrer – in Zusammenarbeit mit dem Exekutivhistorischen Verein Vorarlberg und der Johann-August-Malin-Gesellschaft – herausgegebenen Buch „Mitläufer, Täter, Opfer. Vorarlbergs Exekutive und der Nationalsozialismus“ zu lesen. Er ist einer jener Polizisten und Gendarmen, „die sich als überzeugte Nationalsozialisten oder übereifrige Befehlsempfänger schuldig machten und schwere Verbrechen begingen.“ Die Masse aber – so die Herausgeber – agierte in einem Graubereich.

Die im Buch von mehreren Historiker:innen skizzierten Biografien belegen die Forschungsergebnisse des wegweisenden Sammelbandes „Exekutive der Gewalt – Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus“ (2024) für Vorarlberg und zeigen zugleich individuelle Handlungsspielräume im Lokalen auf. So legt etwa Isabella Greber die Geschichte von Karl Giradi dar: Der Krumbacher Postenkommandant war einerseits regimekonformer Beamter, andererseits unterstützte er kurz vor Kriegsende die lokale Widerstandsgruppe. „Helfen im Mitmachen“ nennt Peter Pirker das ambivalente Verhalten, das für Girardi und einzelne andere Exekutivbeamte charakteristisch war.

Die Forschungsergebnisse der im Zusammenhang mit der Wanderausstellung „Hitlers Exekutive. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus“ – nun erstmals in Vorarlberg in der Museumwelt Frastanz zu sehen – entstandenen Publikation fließen auch in die polizeiliche Aus- und Weiterbildung ein. Mitherausgeber Michael Beyrer antizipiert in der Auseinandersetzung mit den beispielhaften Biografien folgenden Erkenntniswert: „Dienstliches Handeln ist stets an den Grundsätzen des Rechtsstaats, der Menschenwürde, der persönlichen Verantwortung und der Verpflichtung zu kritischer Gewissensprüfung auszurichten und darf institutionellen Erwartungen und Zwängen niemals unreflektiert untergeordnet werden.“ Lassen sich aus diesen Zeilen Ansprüche an eine moderne Polizeiausbildung herauslesen, so zeigt sich ein reflektiertes Berufsethos wohl auch im Umgang mit jenen antidemokratischen Gruppen, von welchen gegenwärtig eine reale Gefahr für diese Republik ausgeht.

 

Harald Walser, Michael Beyrer (Hg.): Mitläufer, Täter, Opfer. Vorarlbergs Exekutive und der Nationalsozialismus. Edition V, Bregenz 2026, 250 Seiten, Softcover, ISBN: 978-3-903240-94-0, € 29,95 

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