Severin Holzknecht (2026): Der Fall Hubert Kinz. Versuch einer Einordnung
Zuerst erschienen in: KULTUR - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, April 2026, S. 46-47.
Am 5. Februar kam es im Rahmen der Debatte über einen Antrag der Grünen zur Erarbeitung eines neuen „Landesleitbildes zur Erinnerungskultur“ zum Eklat, als der freiheitliche Landtagsvizepräsident Hubert Kinz in seiner Wortmeldung die Verbrechen des NS-Regimes relativierte:
„Sind Übergriffe seinerzeit marokkanischer Besatzungssoldaten gegenüber Damen unseres Landes weniger schlimm? Wie halten Sie es mit den Hexenverbrennungen, mit den Brandschatzungen in den Schweizer oder Appenzeller und Graubündner Kriegen? Es hat immer Gräueltaten gegeben und es ist richtig, sich von denen zu distanzieren. Dabei sollten wir es vermeiden, einzelne herauszupicken, sondern mit einer aktiven, dynamisch entwickelnden Erinnerungskultur die Werte, für die wir uns entschieden haben, zu verteidigen und das andere zu missachten und missschätzen.“
Ein Ordnungsruf seitens des Präsidenten des Vorarlberger Landtags, Harald Sonderegger von der ÖVP, blieb aus.
Unmittelbar auf Hubert Kinz traten Vertreter der Oppositionsparteien an das Rednerpult. Sie zeigten sich irritiert und empört über dieses „Relativieren der Shoah“ – so Reinhold Einwallner von der SPÖ – und betonten in Person von Daniel Zadra von den Grünen, dass es sich bei Kinz‘ Wortmeldung keineswegs um eine spontane und somit vielleicht unglücklich formulierte Aussage gehandelt hatte, sondern um eine vorbereitete Rede. Hubert Kinz widersprach dieser Darstellung und bemühte sich um Schadensbegrenzung:
„Ich habe in keinem meiner Worte beabsichtigt, die Shoah zu verniedlichen und ich habe, glaube ich, mehrfach klar zum Ausdruck gebracht, dass ich diese gesamten Vorgänge äußerst missbillige und für verächtlich erachte“.
Die Einsicht, einen Fehler begangen zu haben, vermittelt diese Klarstellung nicht. FPÖ-Landesparteiobmann Christoph Bitschi, Landeshauptmann Markus Wallner vom Koalitionspartner ÖVP und eine Reihe weiterer Spitzenfunktionäre der Volkspartei sahen die Sache damit dennoch als erledigt an.
Das „Dritte Lager“ und seine ganz persönliche Art der Vergangenheitsbewältigung
Bei Hubert Kinz‘ Wertung und Gewichtung der NS-Verbrechen sowie der kriegsbedingten Gräueltaten und Leiden der deutschen und österreichischen Zivilbevölkerungen während des Zweiten Weltkrieges und nach dessen Ende handelt es sich um keinen isolierten Einzelfall, sondern vielmehr um ein Musterbeispiel des Umgangs der Familien ehemaliger Nationalsozialisten, aber auch milieufremder Kreise, mit der eigenen persönlichen und kollektiven NS-Vergangenheit. Margit Reiter, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Salzburg, ist Expertin für die Geschichte des „Dritten Lagers“ in Österreich. Zu diesem – neben den christlichsozialen und sozialdemokratischen Blöcken – historisch gesehen besonders heterogenen dritten weltanschaulichen Lager werden die Deutschnationalen, Deutschfreiheitlichen, Nationalliberalen und zeitweise eben auch Nationalsozialisten gezählt. Reiter schildert in ihrem 2019 erschienen Werk „Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ“ unter anderem, wie sich das „Ehemaligen“-Milieu in den Nachkriegsjahren einen eigenen Opfermythos schuf, der etwa die Entnazifizierung, aber eben auch die Übergriffe alliierter Soldaten auf österreichische Frauen als weit schlimmeres Unrecht darstellte, als es die NS-Verbrechen je gewesen waren.
Die Herausstreichung sexueller Übergriffe durch marokkanische Soldaten auf Vorarlberger Frauen durch Kinz bewegt sich unterdessen in der Tradition der während des Nationalsozialismus gültigen rassistischen Denkmuster – ob bewusst oder unbewusst muss dahingestellt bleiben –, in deren Rahmen die Vergewaltigung einer „arischen“ Frau durch einen Mann einer als „minderwertig“ angesehenen „Rasse“ ein noch verabscheuungswürdigeres Verbrechen darstellte, als es eine Vergewaltigung ohnehin schon ist. Tatsächlich wurden Vergehen von Mitgliedern der französischen Kolonialtruppen gegenüber der Zivilbevölkerung durch die Militärbehörden im Regelfall hart und konsequent bestraft. Zudem war das Verhältnis zwischen marokkanischen Besatzungssoldaten und Vorarlberger Zivilbevölkerung natürlich keineswegs ausschließlich feindseliger Natur. Vielmehr entwickelten sich auch freundschaftliche bis romantische Beziehungen, die in manchen Fällen zur Geburt von Kindern führten – Kinder, die sich im Vorarlberg der Nachkriegszeit vielfach mit rassistischen Ressentiments konfrontiert sahen.
Dieser „Ehemaligen“-Opfermythos wurde in manchen Familien jedenfalls über Generationen weitertradiert und bricht sich auch heute noch immer wieder in entsprechenden Relativierungen und Verharmlosungen Bahn. Die Alliierten führten im Gegensatz zu Hitlerdeutschland im Osten allerdings keinen Vernichtungskrieg und ließen auch nach der Kapitulation des „Dritten Reichs“ gegenüber ehemaligen Nationalsozialisten vielfach Gnade vor Recht ergehen. Die drei französischen Anhaltelager für die „Ehemaligen“ Vorarlbergs ließen sich – trotz gegenteiliger Behauptungen von Häftlingen wie dem langjährigen NS-Zeitungsredakteur und Heimatkundler Hans Nägele – nicht mit nationalsozialistischen Konzentrationslagern vergleichen. Das Lager Lochau, in dem Nägele nach Kriegsende für mehrere Monate festgesetzt wurde, besaß etwa nicht einmal einen Zaun und wurde wie alle Lager dieser Art durch unbewaffnete österreichische Gendarmerie bewacht: kein Vergleich mit einem KZ, wo einen Häftling jede Minute der Tod ereilen konnte.
Die nationalsozialistischen Verbrechen sind in ihrer Intention, ihren gewählten Mitteln und ihrem Ausmaß in der Menschheitsgeschichte einzigartig. Der millionenfache Mord an Juden und Slawen, Roma und Sinti, homosexuellen und sozial devianten Menschen sowie verschiedensten weiteren Opfergruppen war nicht einfach eine der zahllosen Gräueltaten der Menschheitsgeschichte oder eine Begleiterscheinung der totalen Kriegsführung, er war ein zentraler und sinnstiftender Bestandteil des Nationalsozialismus selbst. Um das „Tausendjährige Reich“ der „arischen Herrenrasse“ errichten und absichern zu können, mussten die inneren und äußeren Feinde Deutschlands zunächst vernichtet, „minderwertiges“ Leben beseitigt werden. So stand etwa der radikale Antisemitismus von Beginn an im Zentrum der nationalsozialistischen Weltanschauung und wurde unter Einsatz aller verfügbaren Mittel methodisch vorbereitet und mit größter Brutalität durchgeführt.
Die Frage, ob Hubert Kinz die NS-Verbrechen nun bewusst oder unbewusst relativiert hat oder nicht, kann nur er selbst beantworten. Zweifellos feststeht allerdings, dass sein Vergleich keine wissenschaftliche Grundlage besitzt. Derartige Aussagen dürfen in einer demokratischen Gesellschaft und noch vielmehr in der österreichischen Politik keinen Platz haben und auch nicht unwidersprochen bleiben.
Reaktionen und Folgen
Insofern überrascht es nicht, dass in den Tagen und Wochen, die auf die Landtagssitzung des 5. Februar folgten, zahlreichen Stimmen aus der Vorarlberger Zivilgesellschaft laut wurden und Konsequenzen forderten. Unmittelbar auf die Kinz’sche Entgleisung reagierten noch am selben Tag der Historiker Wolfgang Weber und die Historikerin Victoria Kumar, die jeweils die Einmaligkeit der nationalsozialistischen Verbrechen betonten. Der scheidende Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, Hanno Loewy, beschäftigte sich in seiner VN-Kolumne vom 25. Februar wiederum mit dem Bild, das Hubert Kinz von den marokkanischen Besatzungssoldaten transportiert hatte. Für Loewy stellt dies eine Aufforderung an die Vorarlberger Erinnerungsarbeit dar, sich neben dem Holocaust und Antisemitismus vermehrt den rassistischen Traditionen des Landes zu widmen. Die fünf renommierten Historiker Werner Bundschuh, Kurt Greußing, Gernot Kiermayr, Meinrad Pichler und Harald Walser prangerten in einer gemeinsamen Stellungnahme die Verharmlosung des Holocaust durch Kinz an und stellten dessen ethische Eignung für ein hohes politisches Amt in Frage. Von seinem Posten als Jugendstadtrat der Landeshauptstadt Bregenz wurde Hubert Kinz Ende Februar schließlich nach heftigen Protesten der Offenen Jugendarbeit durch Bürgermeister Michael Ritsch abberufen, der ihm stattdessen das Mobilitätsressort zuwies. Die Empörung über den Fall Kinz beschränkte sich mittlerweile nicht mehr auf Vorarlberg, wie zahlreiche Berichte österreichischer Tageszeitungen bezeugen.
Auf eine Entschuldigung von Hubert Kinz oder ein einfaches Eingeständnis, einen Fehler begangen zu haben, wartete die Vorarlberger Öffentlichkeit letztlich beinahe fünf Wochen. Am Beginn der Landtagssitzung vom 11. März erbat Kinz von Landtagspräsident Sonderegger rückwirkend einen Ordnungsruf für sich selbst und verlieh am Rednerpult seinem „Bedürfnis“ Ausdruck, sich „aufrichtig und in aller Form zu entschuldigen“. Es sei „nie meine Absicht, die Shoah zu leugnen, zu verharmlosen und sicher auch nicht gutzuheißen oder gar zu rechtfertigen“, so Kinz.
Ob dieser symbolische Akt nun aus voller Überzeugung gesetzt wurde oder nicht, muss dahingestellt bleiben. Er zeigt auf alle Fälle, dass Hubert Kinz als Landtagsvizepräsident neben der Rückendeckung seiner eigenen Partei auch jene der ÖVP genießt. Man muss sich insofern die Frage stellen, wie ernst wir es in Vorarlberg mit dem viel bemühten „Nie wieder!“ tatsächlich meinen, wenn die Relativierung von NS-Verbrechen selbst für Personen in hohen öffentlichen Ämtern letztlich ohne Konsequenzen bleibt.
Severin Holzknecht ist Vorstandsmitglied der Johann-August-Malin-Gesellschaft. Die hier abgedruckte Stellungnahme entspricht der Meinung des gesamten Vorstandes, namentlich: Isabella Greber, Severin Holzknecht, Sarah Koelman und Victoria Kumar.
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