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Werner Dreier (2026): Scheitern wir erfolgreich? Holocaust Education in Zeiten der Überforderung

Rechtsextremismus, Antisemitismus, schwer verständliches Wahlverhalten von Jugendlichen – und das trotz allen NS-Gedenkens, gut besuchter Gedenkstätten und stark verankerten Lernens über den Holocaust in den Schulen. „Scheitern wir erfolgreich?“ fragt Werner Dreier in diesem Text, der einem Vortrag zugrunde liegt, den er anlässlich der Gedenktagung 2026 der Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.U.S. hielt.

 

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Werner Dreier


Scheitern wir erfolgreich?
Holocaust Education in Zeiten der Überforderung[1]

 

Wir sind erfolgreich


Was hat sich allein in der Zeit alles geändert, seit 1991/92 die Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative gegründet wurde, oder seit 1994, als Margaretha Heinrich und Eduard Erne den Film „Totschweigen“ präsentieren konnten. Zahllose Veranstaltungen, Initiativen, Pro­jekte führten zur Etablierung des Kreuzstadls in Rechnitz als Mahnmal, als Gedenkort wie auch als Lern- und Begegnungsort.[2] Und schließlich auch zu den drei Veranstaltungen dieses Wochenendes vom 21. März 2026: der Tagung hier in Oberwart sowie der Kranznieder­legung und Gedenkveranstaltung in Rechnitz.[3]

Als 1963 ehemalige Widerstandskämpfer und Verfolgte des Nationalsozialismus das Doku­mentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) als Dokumentationsstelle für Widerstand und Verfolgung in Österreich begründeten, war nicht abzusehen, welche Bedeutung das DÖW heute als Referenzort einnehmen würde – nicht nur für die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner justiziellen sowie gesellschaftlichen Bearbeitung, sondern auch für Dokumentation und Analyse des Rechtsextremismus.

Etwa zur selben Zeit entstand das Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien, zwanzig Jahre später auch an der Universität Innsbruck, auch in Graz und Salzburg wurden Schwerpunkte an den Geschichtsinstituten gebildet, die sich der Zeitgeschichte widmeten – alle mit besonderem Gewicht auf der NS-Zeit.

Nach der Jahrtausendwende entstand in Wien das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien. Auch das einige Jahre später begründete Haus der Geschichte Österreichs bearbei­tet die Geschichte des Nationalsozialismus als eigenen Schwerpunkt.

Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen wurde zu einem bedeutenden Lernort und Dokumen­tationszentrum weiterentwickelt, und eine Vielzahl von Mauthausen-Komitees betreut Nebenlager sowie Zeichen des Gedenkens an Todesmärsche, Exekutionen usw.

Ein weiteres Beispiel wäre die erhöhte Sichtbarkeit der Erinnerung an zerstörte jüdische Gemeinden, eine Zuwendung zur jüdischen Geschichte insbesondere in den jüdischen Museen in Eisenstadt, Wien und Hohenems. Auch die Sichtbarkeit der zerstörten Roma-Siedlungen ist gestiegen – im Burgenland erinnert ein großartiger Bildband von Gerhard Baumgartner und Herbert Brettl an die „verschwundenen Romasiedlungen“.[4]

Insgesamt setzte die Forschung zum Nationalsozialismus und zu den NS-Verbrechen in Österreich recht spät ein – hat allerdings mittlerweile zu einer schier unübersichtlichen Fülle an Publikationen geführt. Große öffentliche Resonanz fand unter anderem die Buchreihe zum Nationalsozialismus in allen Bundesländern. Das gut verständliche und klar gegliederte Buch über das Burgenland verfasste Herbert Brettl, jenes über Vorarlberg Meinrad Pichler. Diese gestiegene Publikationstätigkeit hängt auch mit einer verbesserten Förderlandschaft zusammen – hier wäre insbesondere der Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus zu nennen.

Wer hätte in den 1980er Jahren geglaubt, dass sich Österreich eine „Nationale Strategie gegen Antisemitismus“ geben würde? Oder dass in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften einmal eine Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung eingerichtet würde, zumal da sich die Akademie damals noch recht schwer tat mit der Anerkennung der ver­folgten und vertriebenen Wissenschafter:innen?

Das Zentrum für jüdische Studien an der Universität Graz widmet sich nicht nur der jüdischen Geschichte, sondern auch der Analyse und Prävention von Antisemitismus.

_erinnern.at_, die Lehrerbildungsinstitution, die ich viele Jahre leiten durfte, entwickelt Lernmaterialien, betreut Besuche von Zeitzeug:innen an Schulen und bildet jedes Jahr hunderte Lehrpersonen fort. Auch in den Schulbüchern für den Geschichtsunterricht wird heute nicht nur der Zweite Weltkrieg behandelt, sondern bekamen Verfolgung und Wider­stand unter dem NS-Regime Raum und Gewicht. Auch bringen Gesichter und Stimmen der Verfolgten in Video-Aufzeichnungen die Geschichte den Jugendlichen näher.

Es gibt in Österreich einige Gedenkinitiativen wie RE.F.U.G.I.U.S, die eine Vielzahl von Ge­denkorten betreuen und Lernorte für Schule und außerschulische Bildung anbieten sowie forschen und publizieren.

Das ist doch alles wunderbar, großartig, und so hätte es sich wohl ein kritischer Zeitgenosse der 1980er Jahre nie auszumalen gewagt.

Trotzdem: Aufschwung autoritären Denkens

Und dennoch kommen heute so manche Zweifel an der Beständigkeit dieses Erfolges auf – also an der Nachhaltigkeit der damit verbundenen Entwicklungen hin zu Menschenrechten, Solidarität und politischer Liberalität. Von allen Seiten werden Zweifel gesät, als da wären: Wie ist es möglich, dass trotz der vielen Projekte und Initiativen dennoch in Umfragen ein derart hohes Maß an Antisemitismus festzustellen ist? Wie lässt sich der Aufschwung erklä­ren, den in Österreich und vielen anderen Ländern nationalistische und rechtspopulis­tische Parteien erleben – ist das nicht eine Bankrotterklärung für jeden Aufruf zu „Niemals wie­der“? Und was ist mit den brutalen Kriegen rundherum, den problematischen alten und jungen Neonazis und der verstörenden Welt der sozialen Medien und und und – weiter bis zur Erschöpfung.

Gerne möchte man sich mit Grausen abwenden. Doch fassen wir Mut und blicken wir nun auf einige der krisenhaften Entwicklungen, die zur Behauptung führen können: Wir schei­tern.

In der deutschen Wochenzeitschrift „Die Zeit“ erschien diesen Februar ein langer Beitrag, der sich mit folgenden Themen beschäftigte. Ich zitiere die Untertitel:

„Gymnasiasten, die Hitler feiern oder Waffen bauen. Lehrer, die nicht mehr weiterwissen. An Schulen überall in Deutschland kippt gerade etwas – ins Rechtsextreme.“[5]

Zehn Jahre nach der Jugendbewegung „Fridays for Future“ zeigen sich unter Jugendlichen Anzeichen eines großen gesellschaftlichen Umbruchs. Der Soziologe und Jugendforscher Klaus Hurrelmann, selber schon 82 Jahre alt, führt das auf Krisenerfahrungen und Zukunfts­ängste zurück.[6] Als weitere Erklärung bietet sich die Überforderung der Jugendlichen ange­sichts unüberblickbarer Möglichkeiten und orientierungsloser Weltoffenheit an. Auf all das reagieren rechtsextreme Positionen, indem sie den Jugendlichen Eindeutigkeit anbieten: klare Geschlechterrollen, klare Bilder von Zukunft. Immer jüngere Jugendliche finden das attraktiv – bereits Zwölf- bis Vierzehnjährige etwa argumentieren rassistisch oder homo­phob.[7]

Doch nicht nur benachteiligte Jugendliche äußern sich rechtsextrem oder rassistisch, sondern auch etablierte Mitglieder der Gesellschaft – wie zum Beispiel der freiheitliche Vorarlberger Landtagsvizepräsident Dr. Hubert Kinz, im Zivilberuf Rechtsanwalt in Bregenz. In einem Debattenbeitrag im Vorarlberger Landtag am 5. Februar 2026 über ein mögliches Landesleitbild zur Erinnerungskultur meinte er, es habe schon immer Gräueltaten gegeben und man möge nicht so sehr auf die nationalsozialistischen Verbrechen fokussieren. Dazu bringt er einige Beispiele, unter anderen dieses:

„Meine Damen und Herren! Sind Übergriffe seinerzeit marokkanischer Besatzungs­soldaten gegenüber Damen unseres Landes weniger schlimm? Wie halten Sie's mit den Hexenverbrennungen? Mit den Brandschatzungen in den Schweizer oder Appen­zeller oder Graubündner Kriegen?“[8]

Das Argument der soldatischen Übergriffe auf Frauen ist gegen die französisch-marokkani­schen Kolonialtruppen gerichtet, die sich nach Vorarlberg durchgekämpft und das Land von der NS-Terrorherrschaft befreit hatten. Es unterschlägt die harten Reaktionen der französi­schen Militäroberen auf solche Übergriffe und es soll von den nationalsozialistischen Massenverbrechen ablenken – was ja für die Freiheitlichen mit ihrer Geschichte als Sammel­becken der ehemaligen Nationalsozialisten und Deutschnationalen durchaus eine nachvoll­ziehbare Argumentationslinie ist.

Kinz wurde hart kritisiert, entschuldigte sich und bat nachträglich in der nächsten Landtags­sitzung um einen Ordnungsruf, der ihm gegenüber mit ordentlicher Verspätung schließlich auch ausgesprochen wurde. So weit, so gut – wenn wir diese Irritation nicht in eine lange Reihe solcher Irritationen einreihen müssten. Immer wieder markiert die FPÖ ihr ideologi­sches Feld durch provokante Formulierungen und demonstrative Akte – und gewinnt den­noch und wohl auch deswegen beträchtliche Zustimmung.[9]

Ich finde es zudem empörend, dass sich die ÖVP nicht deutlicher von den Freiheitlichen als ihrem Juniorpartner in der Landesregierung abgrenzt.

Lassen Sie mich mit zwei weiteren Fragen anschließen:

Scheitern wir wirklich?


Oder gewinnen wir die Kämpfe von gestern und verlieren den Kampf um die Zukunft?

Gerade wird uns recht deutlich vor Augen geführt, wie sich Zukunft entfaltet – nämlich ungeordnet, oft unabsehbar, jedenfalls ziemlich herausfordernd.

2016-17 öffnete sich ein kleines Fenster, in dem sich recht destruktive Möglichkeiten ab­zeichneten. Die genozidale Massengewalt buddhistischer Extremisten gegen die musli­mische Volksgruppe der Rohingyas in Myanmar wurde nämlich ganz entscheidend von Facebook befeuert. Genauer gesagt, von dessen Algorithmus, also jenem Programm, das bestimmt, welche Inhalte automatisch den Besuchern vorgespielt werden. Bemerkenswert ist, dass es sich hier um autonome Entscheidungen des Algorithmus handelte. Wenig davor nämlich hatte Facebook sein Geschäftsmodell verstärkt, das darauf abzielt, die User möglichst lange auf der Plattform zu halten. Dazu wurde ihnen immer radikalerer, emotionalerer, fesseln­derer Content aufgespielt. Die Aufrufe zu Gewalt und Hass passten perfekt, sie wurden durch die Algorithmen selbständig, also ohne weiteres menschliches Zutun verstärkt. Diffe­renziertere, Frieden stiftende Inhalte gingen unter. Yuval Noah Harari wertet das als die erste ethnische Säuberungsaktion in der Geschichte, die zum Teil auf Entscheidungen zurückzuführen war, die von nicht-menschlicher Intelligenz getroffen wurden.[10]

In den zehn Jahren seither explodierten die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz. Die Large Language Models sind mittlerweile in der Lage, selbständig die Welt mit Lügen, Fake News, Verschwörungserzählungen als Bild, Text, Stimme etc. zu fluten. Ein großer Teil aller Informationen auf TikTok etwa oder Telegram, welche den Holocaust ansprechen, gehören in die Kategorie der „Holocaust Distortion“ – also einer absichtsvollen Verdrehung und Verzerrung der Geschichte meistens mit der Absicht, Gefühle wie Hass, Unsicherheit und Verwirrung zu stiften.[11]

Dies deckt sich mit den Absichten der Neuen Rechten, für die eine kritisch-reflexive Geschichtsschreibung eine „Vergiftung der Vergangenheit“ darstellt und die ihre Phantasien von nationaler Wiedergeburt mit neuen identitätsstiftenden Geschichtsmythen begleiten möchten.

Wenn wir heute eine Krise der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit erleben, wenn heute viele ihre Informationen nur aus ihren Informationsblasen beziehen, dann ist das zwar erschre­ckend, aber alles andere als neu. Denken wir nur an parteipolitisch beziehungsweise welt­anschaulich ausgerichtete Zeitungen der ersten Nachkriegsjahrzehnte, von der sozialisti­schen Arbeiter-Zeitung bis zum Neuen Volksblatt der ÖVP. Oder schauen wir uns an, wie die Einführung der Druckerpresse ab dem 15. Jahrhundert eine wahre Flut von Schriften ver­ursachte, die Hass und Entzweiung säten. Denn auf Hass und Polarisierung beruhten schon damals die Geschäftsmodelle der Medienunternehmen: Mit Aufrufen zur Jagd auf Hexen und zur Verfol­gung von Andersgläubigen ließ sich mehr Auflage generieren und Geld verdienen als mit den Schriften der Aufklärer. Es dauerte Jahrhunderte, diese destruktive Kraft der Druckerpresse zu zähmen, und ich zweifle daran, dass uns heute so viel Zeit bleibt, die Algorithmen der Tech-Konzerne unter Kontrolle zu bringen.

Vieles, was vor zehn Jahren noch selbstverständlich schien, ist heute in Frage gestellt. Die sogenannte „Mitte-Studie“ der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung 2024/25 zu rechtsextre­men und demokratiegefährdenden Einstellungen trägt den Titel „Die angespannte Mitte“. Die Herausgeberin beginnt ihr Vorwort mit dem Satz:

„Gewissheiten und Gelerntes sind nicht mehr selbstverständlich.“[12]

Die Studie zeigt, dass sich rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen zuneh­mend in der Gesellschaft normalisieren und die gesellschaftliche Mitte an Stabilität verliert, sie ist gespalten und zerrissen. Das nützen rechtsextreme Gruppen aus, um ihre demokratie- und menschenfeindlichen Diskurse und Weltbilder in breiteren Gesellschaftsschichten zu verankern. In der Studie wird die Schule zwischen den Polen „ideologische Kampfarena“ und „Rettungsanker der Demokratie“ verortet. Doch – und das stimmt hoffnungsfroh – belegt die Studie eindringlich die Wirkmacht von Schule und Bildung:

„Bildung und schließlich Schule zeigen sich als zentrale Einflussfaktoren für die Ableh­nung von Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit“.

Diese wie auch weitere Studien verweisen auf diese positive Bedeutung von Bildung.[13] Sie zeigen eine klare Verbindung von historisch-politischer wie auch medienkritischer Bildung und der Ablehnung von Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit und Antisemitismus. Angesichts der gegenwärtig hohen Zustimmung zu diesen zerstörerischen Haltungen wäre doch wohl eine Schlussfolgerung, dass mehr Kinder und Jugendliche mehr und bessere Bildung bräuchten. Insbesondere jene, die wenig davon bekommen, weil sie nur wenig Zeit in Schulen verbringen – etwa Berufsschüler.

Vor einiger Zeit erschien im „Standard“ ein „Kommentar der anderen“, verfasst von Gerald Lamprecht, dem Leiter der Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, und seinem Kollegen Niklas Herrberg.[14] Darin stellen sie angesichts des in Österreich zu messenden Anstiegs von Antisemitismus nach dem Terror­angriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 dieselbe Frage, die auch dieser Beitrag stellt:

„Sind also unsere Erinnerungsarbeit und die ‚Holocaust Education‘ gescheitert?“,
und sie schließen die Frage an:
„Ist Bildung vielleicht gar der falsche Ansatzpunkt für Prävention von Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit?“

Lamprecht und Herrberg sehen das allerdings anders. Sie argumentieren, man wisse ja gar nicht, wie schlimm das alles ohne die Bildungsmaßnahmen wäre. Dann belegen sie am Bei­spiel der vom Parlament in Auftrag gegebenen Studie zu Antisemitismus 2024, dass jene Personen, die Erfahrungen mit Bildungsarbeit zu Holocaust und Nationalsozialismus in ihrer Schulzeit gemacht zu haben, signifikant geringere antisemitische Einstellungen zeigen. Das gelte allerdings nicht für den auf Israel bezogenen Antisemitismus – hier hilft die Beschäfti­gung mit der Geschichte des Nationalsozialismus nicht weiter, sondern es braucht Bildungs­angebote, die sich direkt mit der Geschichte der Konflikte im Nahen Osten und mit der israe­lischen Geschichte befassen. Dabei, so möchte ich ergänzen, sollte auch auf die in Israel lebenden muslimischen und christlichen Araber:innen Bezug genommen werden – denn auch diese sind Israelis.

 

Oder verfolgen wir unrealistische, eventuell sogar falsche Ziele?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Geschichtsunterricht wie auch die Gedenk- und Erinne­rungsarbeit mit Erwartungen hinsichtlich Demokratieerziehung und der Entwicklung von antifaschistischen Haltungen verbunden werden. Der Besuch einer Gedenkstätte wird in der Öffentlichkeit noch häufig als eine Art Impfung gegen Nationalsozialismus oder auch gegen Diskriminierung, Rassenhass, Antisemitismus, Intoleranz usw. gesehen – was von der Fachwelt schon seit vielen Jahren als uneinlösbarer Anspruch kritisiert wird.[15]

Es gibt meines Wissens keine belastbaren Indizien, dass die steigende Bereitschaft, rechts­populistische oder rechtsextreme Parteien zu wählen, auf schlechten Geschichtsunterricht oder zu wenig Gedenkstättenbesuche zurückzuführen ist. Die Gründe dafür sind andere: nämlich die sich überlappenden und verstärkenden großen Krisen und Zukunftssorgen, denen Jugendliche wie auch Erwachsene weitgehend vereinzelt und weitgehend orientie­rungslos gegenüberstehen. Dazu eine radikal gewandelte Weise, wie heute Informationen über die Welt den Einzelnen erreichen, nämlich vermehrt nicht mehr durch verantwortliche Redaktionen ausgewählt und eingeordnet, sondern durch auf Erregung programmierte Algo­rithmen befeuert.

Wir können kurz einem Gedankengang von Yuval Harari folgen, der in einem seiner Bücher die Weltgeschichte unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung der Informationstechnologien betrachtet: Die Druckerpresse ermöglichte die Hexenverfolgungen; Telefon, Telegramm, Radio und Funk waren die Instrumente von Hitler und Stalin; Internet, Social Media und die Künstliche Intelligenz sind die heutige Revolution in der Informationstechnologie.[16] Die Frage nach der Wahrheit war auch zu Zeiten von Druckerpresse und Propagandaradio jeweils dringlich, so dringlich stellt sie sich heute. Wie begegnen wir den Lügen und Verzerrungen, wie ringen wir um die historische Wahrheit?

Jedenfalls können wir mit Aussicht auf Erfolg nicht vereinzelt kämpfen, sondern müssen das gemeinsam tun. Unser gemeinsames gesellschaftliches Gespräch über die Suche nach histo­rischen Wahrheiten, über daraus erwachsende Verbindlichkeiten und Ziele kann uns weiter­bringen. Damit wir nicht in unseren kommunikativen Echokammern uns nur selbst beschal­len, braucht es solche Tagungen wie die heutige in Oberwart und solche Initiativen wie RE.F.U.G.I.U.S.

Was tun?

Damit abschließend nochmals zur Frage, ob die von mir eingangs beschriebenen erinne­rungspolitischen Erfolge nur dem linksliberalen Zeitgeist der Jahrzehnte um die Jahrtausend­wende zu verdanken waren oder gar nur milieubedingt sind? Oder sind diese Erfolge in der Zeit stabil und in der gesellschaftlichen Mitte, dem zentralen Milieu, angekommen? Der Erfolg ist wohl eng mit zivilgesellschaftlichen Initiativen einer gewissen Alterskohorte, der sogenannten „Generation Aufarbeitung“, verbunden.[17] Viele davon sind Lehrerinnen und Lehrer oder sonst sozial engagierte Akademiker:innen. Haben diese Gruppen nur eine Zeit­lang den Diskurs dominiert oder gelang es ihnen, ihre Anliegen gesellschaftlich breiter und dauerhafter zu verankern?

Die nächsten Jahre werden wohl eine Antwort auf diese Frage bringen, denn der Zeitgeist, also die in einer Zeit dominierenden Werte, Deutungsmuster und Lebensgefühle, scheint gedreht zu haben. Und wir können wohl zusehen, was Bestand haben und was der Sturm­wind der Geschichte in Trümmern uns um die Ohren hauen wird. Wie auch immer, diese erinnerungspolitischen Erfolge sind der Verdienst eines bestimmten Milieus und sie ent­springen einer bestimmten Zeit.

Doch bedingen nicht nur unsere Lebensmilieus und der Zeitgeist unser Gedenken, sondern unser Gedenken an die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und an die zu Opfern gemachten Menschen stabilisiert auch unseren Zusammenhalt. Dieses Gedenken hat eben auch Einfluss auf die jeweils geteilten geistigen Haltungen und Werte und damit auf den Zeitgeist. Die Art und Weise unseres Tuns, also die Handlungspraktiken, sowie der Sinn, den wir ihnen geben, beeinflussen unsere Umgebung, also unser Milieu. Das heißt, durch Ge­denkfeiern, künstlerische Interventionen oder Tagungen verdichten sich Haltungen und Handlungen zu erlebbaren Wirklichkeiten. Die daran Beteiligten erfahren sich als sichtbar und handlungsfähig, fühlen sich als Teil eines größeren Ganzen und einer sinnvollen gesell­schaftspolitischen Praxis.

Damit wir das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus lebendig halten können, müssen wir es weiterhin über unseren Kreis in andere Kreise hinaustragen, etwa durch Programme, die Schulen, Vereine, Gewerkschaften, Betriebe usw. erreichen. Diese Anstren­gung wird sich lohnen.




[1]
    Der Text entstand für einen Vortrag im Rahmen der Tagung „Jugend & Politik in Zeiten gesell­schaftlicher Polarisierung“ der Rechnitzer Gedenkinitiative RE.F.U.G.I.U.S. in Oberwart am 21. März 2026.
Vielen Dank an Eva Schwarzmayer für die Einladung und die damit verbundene Gelegenheit, intensiver über die Fragestellung nachdenken zu dürfen. Vielen Dank an Kurt Greussing für seine kritische und anregende Lektüre des Texts.

[2]     www.kreuzstadl.net (20.3.2026).

[4]     Gerhard Baumgartner und Herbert Brettl: "Einfach weg!" Verschwundene Romasiedlungen im Burgenland. Mattersburg 2020

[6]     Ebda.

[8]     Kurier, 17.02.2026.

[10]   Yuval N. Harari: Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz. München 2024.

[11]   UNESCO, Countering Holocaust denial and distortion through education. A guide for teachers. https://www.unesco.org/en/articles/countering-holocaust-denial-and-distortion-guide-teachers (20.3.2026).

[13]   Onraet, Emma, Van Hiel, Alain, Dhont, Kristof, Hodson, Gordon, Schittekatte, Mark, De Pauw, Sarah (2015) The Association of Cognitive Ability with Right-wing Ideological Attitudes and Prejudice: A Meta-analytic Review. European Journal of Personality, 29 (6). pp. 599-621, https://kar.kent.ac.uk/53610/ (20.3.2026).

[16]   Yuval N. Harari, Nexus (wie Anm. 10).

Kreuzstadl Rechnitz, 2024 (© Kumar)

Kreuzstadl Rechnitz, 2024 (© Kumar)

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