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Meinrad Pichler (1995): Befreiung und Wiederaufbau - Vorarlberg 1945

"Befreiung", "Besatzung", "Stunde null": Die Begriffe umfassen jeweils andere Wahrnehmungen des Endes der nationalsozialistischen Herrschaft. In Vorarlberg ging vieles in jenen mentalen Bahnen weiter, die die nationalsozialistische Propaganda gelegt hatte - bis hin zur Abwertung und zur Verdrängung der Opfer des NS-Regimes und des Widerstandes.

Meinrad Pichler (1995)

Befreiung und Wiederaufbau - Vorarlberg 1945

 

Erschienen in: Wieder Österreich! Befreiung und Wiederaufbau - Vorarlberg 1945. Hg. Werner Bundschuh / Meinrad Pichler / Harald Walser. Bregenz 1995, S. 7-12

 

 

50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und 50 Jahre nach der Befreiung vom Hitler-Faschismus tun sich viele Österreicher immer noch schwer damit, die alliierten Truppen, die zwischen Ende April und Anfang Mai 1945 in Österreich einmarschierten, als Befreier anzusehen. Dies resultiert aus einer schwierigen historischen Selbstzuordnung der Österreicher bis hin zum Jahre 1938 und ihrer daraus erwachsenen ambivalenten Stellung innerhalb des nationalsozialistischen Deutschland. Denn neben der Ablehnung dieses Regimes als Fremd- und Gewaltherrschaft gab es zumindest in den blendenden Anfangsjahren eine breitflächige Identifikation mit einzelnen Maßnahmen, mit den Siegen der Wehrmacht, mit der Person des Führers oder mit dem System als ganzem. Mit der Rekrutierung von Hunderttausenden von österreichischen Männern in die deutsche Wehrmacht wurden immer mehr Familien in das nazideutsche Freund-Feind-Schema mithineingezogen. Ein übriges taten sechs Jahre intensivster Greuelpropaganda, die auf alte Vorurteile bauen konnte und mit aktuellen Ereignissen unterlegt wurde. Auch die Soldaten, selbst wenn sie systemkritisch waren, sahen als Verursacher für die Strapazen und Entbehrungen, die ihnen abverlangt wurden, die feindlichen Armeen und weniger den großdeutschen Eroberungswahn.

Und selbst für kriegsmüde Soldaten war dieses Kriegsende zweischneidig, wenn damit die gefahrvolle und Ungewisse Zeit einer Gefangenschaft einherging. Zudem mußte man, ob man wollte oder nicht, zur Kenntnis nehmen, daß die übermenschlichen Anstrengungen und Opfer eines jeden einzelnen deutschen Soldaten nicht nur vergeblich waren, sondern einer ungerechten Sache gedient hatten. Viele wollten das nicht wahrhaben und ließen sich deshalb später von unbelehrbaren Nazis mißbrauchen: in der soldatischen Traditionspflege ebenso wie in der trotzigen Beurteilung der Rolle der deutschen Wehrmacht insgesamt. Und gerade diese biographisch bedingte subjektive Sicht des Nationalsozialismus aus der Perspektive des "bloß" Soldaten hat eine rationale Aufarbeitung dieser unmenschlichsten Epoche deutscher Geschichte fast verunmöglicht. Davon - und damit sind wir wieder im Jahre 1995 - profitieren jene, die die Ressentiments von ehedem, die deshalb noch fortwirken, weil eine wirkliche Trauerarbeit kaum stattgefunden hat, zum politischen Stimmenfang aktivieren.

Noch bis vor einigen Jahren haben sich die Altnazis zumindest auf offizieller Ebene der NS-Terminologie weitgehend enthalten, um dem antifaschistischen Grundkonsens, auf dem die Zweite Republik bisher fußte, vordergründig zu genügen. Einer jungen Gruppe um Jörg Haider blieb es vorenthalten, dieses ungeschriebene Übereinkommen zu brechen, indem in regelmäßigen Abständen Begriffe der NS-Sprache wiederbenutzt und damit diskursfähig gemacht werden. Konnte man hinter Mölzers "Umvolkung" noch einen braunen Rülpser vermuten, so weiß man spätestens seit Haiders "Straflagern", daß diese Sprecher System haben. Die Voraussetzungen dafür, daß Haider sein ideologisches Outing mit Beginn der 90er Jahre für politisch opportun erachtete, wurden im Waldheim-Wahlkampf geschaffen. Hier wurden erstmals Positionen, die bisher als tabu gegolten hatten, publikationsfähig, und Haider sah, wie sehr sich die Mehrheit der sogenannten Kriegsgeneration mit einem Manne identifizierte, der zuerst seine Biografie begradigt hatte und dann in seiner Tätigkeit als Wehrmachtsoffizier überhaupt nichts Unrechtes sehen konnte. Das Selbstmitleid versperrte den Blick auf das Leid derer, die zu Millionen in den eroberten Gebieten der unumschränkten Willkür und dem Terror von NS-Verwaltern und Wehrmacht ausgesetzt waren.

Wenn man nun aber von den komplizierten Verstrickungen absieht, die selbst noch 50 Jahre nach dem historischen Ereignis die subjektiven Bilder prägen, so lassen sich gerade aus der zeitlichen Distanz gewichtige objektive Tatbestände rekonstruieren: Es waren die alliierten Truppen, die hunderttausende unschuldige Menschen aus Deutschland, Österreich und den übrigen europäischen Ländern aus ihrem Lagerelend befreit haben, es waren die Alliierten, die dem nur noch selbstzerstörerischen Krieg ein Ende setzten, es waren die Alliierten, die dem Zustand der all- und gegenseitigen Bespitzelung und Verunsicherung ein Ende setzten und die glückhafte Atmosphäre schufen, "daß man wieder reden konnte" (Eugen Leißing), und es waren schließlich die Alliierten, die die Wiedereinrichtung demokratischer und rechtstaatlicher Verhältnisse nicht nur zuließen, sondern nachdrücklich förderten. Wer also immer das nationalsozialistische Regime als Unrechts- und Gewaltherrschaft erlebt hat und das auch heute so empfindet, kann in den alliierten Truppen nur Befreier gesehen haben bzw. sehen; dies umso mehr als die Einwohner Österreichs die Unterdrückung aus eigenen Kräften abzuschütteln nicht imstande waren. Und selbst wenn das Erlebnis der Befreiung durch die anschließende Besatzung bisweilen getrübt wurde, bleibt das Faktum, daß im Mai 1945 unter Mithilfe und Duldung der Siegermächte das neue Österreich erstanden ist. Der militärische Einmarsch der alliierten Truppen war die unabdingbare Voraussetzung dafür.

Wesentlich leichter als mit dem Begriff der "Befreiung" tut sich die volkstümliche Geschichtsbetrachtung in Österreich mit dem Schlagwort von der sogenannten "Stunde null". Doch auch hier ist der Befund einer kritischen Geschichtsbetrachtung ein anderer.

Zweifellos bedeutete das Ende der Naziherrschaft für Verfolgte, aber auch für die exponierten Träger des Systems einen einschneidenden biografischen Bruch, für das Gros der Bevölkerung sind aber die Kontinuitäten kennzeichnender. Wer etwa das jüngst veröffentlichte Tagebuch der damals 14jährigen Bregenzerin Anni Forster liest, kann unschwer feststellen, daß die Wende vom Mai 45 mentalitätsgeschichtlich überhaupt keinen Einschnitt darstellte. Für die meisten Vorarlberger ging das Leben in den gewohnten Bahnen weiter, nur der äußere Rahmen veränderte sich. Die materielle Knappheit war dieselbe wie in den letzten Kriegsjahren, und in einigen Gemeinden und Ämtern änderten sich nicht einmal die leitenden Funktionäre. Auch die neuen Landespolitiker waren allesamt aus der Vornaziära bekannt: Der neue Landeshauptmann Ulrich Ilg war vor 1938 Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium gewesen, Wirtschaftslandesrat Eduard Ulmer Führer der Vaterländischen Front, Eugen Leißing Sekretär der ständestaatlichen Einheitsjugend. Auch die sozialdemokratischen Regierungsmitglieder waren schon vor dem Verbot ihrer Partei im Jahre 1934 zumindest auf kommunaler oder gewerkschaftlicher Ebene politisch aktiv gewesen. In die provisorische Bundesregierung wurde der ehemalige Landeshauptmann Ernst Winsauer entsandt und zum neuen Arbeiterkammerpräsident der vormalige Landesparteisekretär der Sozialdemokratischen Partei Anton Linder bestellt.

Ebenso hielten sich die Veränderungen in der Justiz, in der Exekutive und in den Schulen in Grenzen. Hier wurden die diskreditiertesten Exponenten zwar abberufen, der größere Teil blieb im Dienst oder wurde zumindest bald wieder in ein solches übernommen. Nicht anders verhielt es sich mit der Wirtschaftselite. Außer einigen Bauernopfern nichts Neues; nach schlimmstenfalls einigen Wochen im Anhaltelager, dort noch dazu mit Sonderbehandlung, war alles wieder beim alten.

Die ohne Erfolg eine Nachdenkpause, Trauer und Sühne über das Gewesene und dann einen wirklichen Neubeginn forderten, waren die Widerstandskämpfer. Sie durften nun ihre gegenläufigen Ansichten zwar öffentlich dartun, gehört wurden sie kaum. Sooft sie über das Erlittene reden und zur Rede stellen wollten, störten sie den neuen Frieden. In einer Vorarlberger Gemeinde wurde ein Kommunist, der aus dem Konzentrationslager Dachau heimgekehrt war, handgreiflich aus der Gemeindestube entfernt, nachdem er geglaubt hatte, durch seine mehrjährige Haft aus politischen Gründen das Recht zur Mitsprache erworben zu haben. Die vormals schweigende Mehrheit hatte das Sagen bereits übernommen, Querdenker waren auch jetzt nicht gefragt.

Der annähernd hundert Vorarlberger/innen, die von NS-Gerichten und in Konzentrationslagern aus politischen und rassistischen Gründen zu Tode gebracht worden waren, erinnerte man sich kaum. Im Gegenteil, ihre Angehörigen wie auch die überlebenden Opfer des Unrechtregimes mußten sich in teilweise erniedrigenden Verwaltungsverfahren ihre geringen Entschädigungen erstreiten, während ehemalige SS-Mitglieder die betreffenden Jahre automatisch auf ihre Pensionsversicherungszeiten angerechnet bekamen. Auch wenn die Oppositionellen mit ihrem Widerstand das Ansehen Österreichs vor der Welt gerettet und damit die Basis für die Wiedererlangung der staatlichen Selbständigkeit gelegt hatten, dankte das Vaterland nur widerwillig. Maria Stromberger, die als Krankenschwester im KZ Auschwitz den dortigen Widerstand mitorganisiert hatte, wurde nach ihrer Rückkehr nach Bregenz nicht belohnt, sondern zusammen mit den Nazis in Brederis eingesperrt. An einen polnischen Mitkämpfer schrieb sie (nach Walser, S. 76):

" Wissen Sie, ich bin mitten unter Nazis, SS und Gestapo! Ich als ihr größter Feind! Und muß ihre Redensarten täglich anhören über die 'Ungerechtigkeit', höre Klagen, was die Menschen jetzt mit ihnen tun. Dann stehen vor meinem geistigen Auge die Erlebnisse von Auschwitz!... Das Tollste daran ist, daß ich noch still sein muß, sonst boykottieren sie mich noch."

Ein Dornbirner, der sich 1953 für eine Bewerbung ein Leumundszeugnis ausstellen ließ, fand auf diesem den Vermerk, daß er im Jahre 1942 wegen des "Verbrechens der Fahnenflucht" zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt worden sei. Mit dieser nochmaligen Diffamierung des Widerstandskämpfers legt das entlarvende Schriftstück tatsächlich Zeugnis ab: vom nicht stattgefundenen Perspektivenwechsel, von der Kontinuität in der Verwaltung und vom Umgang mit Widerstandskämpfern. Bei näherem Hinsehen erweist sich der Neubeginn als ein Fortfahren in gewohnten Bahnen. Ausgetauscht wurden die politischen Eliten, und die unmenschlichsten Auswüchse des NS-Regimes öffentlich verurteilt. Der Rest war Schweigen, d. h. die NS-Ideologie als ganzes wurde nicht in ihrer Entstehung, in ihren Zutaten und Wirkungsweisen wirklich aufgearbeitet, sondern in den Untergrund abgedrängt. Analoges geschah mit den Trägern des Systems; auch sie wurden zwar weitgehend aus dem offiziellen Verkehr gezogen, eine tatsächliche, vielleicht Einsicht vermittelnde Konfrontation mit den Auswirkungen ihres politischen Irrlaufs fand nicht statt. Deshalb sind all die alltagsfaschistischen Mythen (z. B. "ordentliche Beschäftigungspolitik" oder "die Juden haben den Holocaust durch ihr Verhalten selbst mitverschuldet") noch heute so hartnäckig im Umlauf. Gerade diese Beispiele zeigen, welch nachhaltige Resonanz der nationalsozialistischen Propaganda beschieden war, wenn sie selbst noch 50 Jahre nach ihrer Entlarvung Attraktivität ausübt.

Die ausländischen Truppen konnten Österreich zwar von der nationalsozialistischen Herrschaft befreien, die mentale Vergiftung, die die nationalsozialistische Indoktrination in zahlreichen Österreichern hinterlassen hatte, konnten sie nicht ausmerzen. Diese Altlast schleppen wir noch heute mit uns. Schon von daher war der Mai 1945 keine "Stunde null", sondern eine nachhaltige Wende zu einem gerechteren, demokratischen und der Menschlichkeit verpflichteten Staatswesen, das aber heute mehr denn je vor den Verunglimpfungen der alten und nachgewachsenen Unbelehrbaren verteidigt werden muß.