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Barbara Motter (2024): Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus, Dornbirn 1993

Der Dornbirner Gedenkstein für die Todesopfer nationalsozialistischer Verfolgung hat eine eigene, nicht unumstrittene Geschichte – hier wird sie berichtet.


Dem Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus in Dornbirn ging eine langjährige politische Debatte um den Aufstellungsort und die Namensnennung der Opfer voraus. Die Johann-August-Malin-Gesellschaft, ein Verein, der sich Anfang der 1980er-Jahre unter anderem mit dem Ziel gegründet hatte, den Widerstand gegen den Faschismus zu erforschen, war die Initiatorin des Gedenksteins. Bereits 1988 wurde dem Dornbirner Stadtrat eine Gedenktafel mit elf Namen übergeben. Die Tafel wurde jedoch nie öffentlich aufgehängt. Am 23. Oktober 1993 ließ die Stadt Dornbirn schließlich einen schlichten, leider etwas unscheinbaren Gedenkstein mit denselben elf Namen auf der Grünfläche hinter dem Stadtmuseum und Stadtarchiv aufstellen.

Die auf dem Gedenkstein erwähnten und von einem Historikerteam ausgewählten Namen der Opfer sind: Rudolf Bodemann (1912–1942, Pakkina), Wilhelm Himmer (1910–1942, Innsbruck), Julius Kilga (1899–1939, Mauthausen), Hugo Lunardon (1893–1940, Mauthausen), Hilar Paterno (1905–1944, Mauthausen), Franz Perle (1900–1939, Mauthausen), Johann Prantl (1906–1939, Dachau), Oswald Schwendinger (1920–1941, Dachau), Arthur Sohm (1908–1944, Gusen), Maria Wieland, geb. Gunz (1904–1944, Innsbruck) und Otto Wohlgenannt (1889–1942, Flossenbürg).

Diese Menschen wurden aufgrund ihres politischen Widerstands, wegen sogenannter Wehrkraftzersetzung oder weil sie von den NS-Behörden als „asozial“ abgestempelt wurden, verfolgt. Weitere Opfer, wie beispielsweise die über dreißig Dornbirner*innen, die im Rahmen des NS-Krankenmords getötet wurden, wurden auf dem Gedenkstein nicht namentlich erwähnt.

1996 wurde durch ein Forschungsprojekt der Universität Innsbruck bekannt, dass Edmund und Gertrud Turteltaub und ihre zwei Söhne Hans und Walter 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet worden waren. Sie hatten seit 1930 in Dornbirn ein Textilwarengeschäft betrieben und mussten 1939 zwangsweise nach Wien übersiedeln. Ihre Dornbirner Bekannten gingen nach dem Zweiten Weltkrieg davon aus, dass der Familie eine Überfahrt nach Südamerika geglückt war. Tatsache war aber, dass die Flucht missglückte und sie in Italien in die NS-Verfolgung gerieten. Die Namen der Familie Turteltaub wurden 1996 auf dem Gedenkstein ergänzt.

Julius Kilga, Hugo Lunardon, Hilar Paterno, Franz Perle und Arthur Sohm starben in den KZ Mauthausen und Gusen. Sie verhungerten, wurden auf der Todesstiege erschlagen oder zu Tode geschunden. Aus ihrer Zeit in der Lagerhaft ist kaum etwas überliefert. Überlebende Mithäftlinge konnten den Familien über das Schicksal ihrer Angehörigen berichten.

Eine Grabstelle in Dornbirn und ein Gedenken waren nach dem Ende der NS-Schreckensherrschaft viele Jahrzehnte nicht möglich. Das öffentliche Erinnern war dominiert von der Opferthese und dem Heldengedenken an gefallene Wehrmachtssoldaten. Der Gedenkstein ist bei einigen Namen bis heute der einzige öffentliche Verweis auf den gewaltsamen Tod dieser Opfer der NS-Verfolgung. Seit 2023 gibt es als Vermittlungsangebot des Stadtmuseums Dornbirn einen geführten Rundgang zu diesem Denkmal. 

Barbara Motter
Stadtmuseum Dornbirn
Quelle: liberationobjects.mauthausen-memorial.org

Veranstaltung des Stadtmuseums und des Stadtarchivs zum Gedenkstein am 27.01.2026

Gedenkstein für die Dornbirner Opfer des Nationalsozialismus, errichtet 1993 Neuhauser Granit, 165 x 45 x 45 cm  © Stadtmuseum Dornbirn, 2024

Gedenkstein für die Dornbirner Opfer des Nationalsozialismus, errichtet 1993 Neuhauser Granit, 165 x 45 x 45 cm © Stadtmuseum Dornbirn, 2024

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