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Reinhard Mittersteiner (1987): Die Genossen Handwerker. Zur Geschichte der Dornbirner Sozialdemokratie in der Monarchie

Zwei - lange Zeit populäre - Annahmen zur Sozialgeschichte Vorarlbergs halten einer Prüfung anhand des historischen Materials nicht stand: dass die Vorarlberger Sozialdemokratie eine Bewegung des Fabriksproletariats gewesen sei; und dass die italienischen Arbeitszuwanderer besonders revolutionär und besonders sozialdemokratisch gewesen seien. Ein Bericht über kurze Gipfelstürme und lange Mühen der Ebene.

Reinhard Mittersteiner

Die Genossen Handwerker

Zur Geschichte der Dornbirner Sozialdemokratie in der Monarchie

 

Erschienen in: Dornbirner Statt-Geschichten. Kritische Anmerkungen zu 100 Jahren politischer und gesellschaftlicher Entwicklung. Hg. Werner Bundschuh / Harald Walser. Bregenz 1987, S. 122-168

 

 

Erste Versuche

 

Ende der 1860er, Anfang der 1870er Jahre entstanden in den Vorarlberger Städten und Gemeinden Bregenz, Feldkirch, Bludenz, Dornbirn, Hard und Hohenems Arbeiterbildungsvereine. Die Initiative für diese Zusammenschlüsse ging von liberalen bürgerlichen Gruppen sowie von Handwerker- und Facharbeiterkreisen aus.

Die Gründung des ersten Dornbirner Arbeiterbildungsvereines erfolgte 1873, wobei als Proponent der Berufsfotograf Jakob Steidl aufgetreten war (1). Die Obmannstelle der - wie sich herausstellen sollte - äußerst kurzlebigen Vereinigung bekleidete ein nicht näher bekannter Dornbirner Bürger namens Martin Herburger (2).

Nachdem sich die Mehrzahl der Vorarlberger Delegierten auf dem am 20. Mai 1877 in Lindau abgehaltenen Verbandstag der Arbeiterbildungsvereine des Bodenseegauverbandes "als Vollblut Sozialdemokraten geriert" (3) hatte, erfolgte die behördliche Auflösung der ersten Generation von Arbeiterorganisationen im Lande. Einzig dem als gemäßigt geltenden Hohenemser Verein blieb ein Verbot erspart. "Stehen", fragte das konservative "Vorarlberger Volksblatt", "bei solchen Vorkommnissen den liberalen Vorarlberger Mastbürgern die Haare nicht zu Berge?" (4) Sie standen. Allerdings änderte dies nichts daran, daß in jenen Jahren die Basis für eine lange, von beiden Seiten oftmals verfluchte, aber immer wieder fortgesetzte Bündnispolitik zwischen Liberalen und Sozialdemokraten gelegt wurde.

Im März 1878 reichte ein Proponentenkomitee, bestehend aus Hermann Hillizer, Julius Remmlinger, Geza Vaneso, Franz Senkrau und Paul Fitz, neuerlich Statuten für einen "Arbeiterfortbildungsverein Dornbirn" bei der Behörde ein. Am 4. April 1878 benachrichtigte die Statthalterei Innsbruck die für Dornbirn zuständige Bezirkshauptmannschaft Feldkirch, daß sie gegen eine Neugründung keinen Einwand vorbringe, ermahnte jedoch das dortige Amt, "das Gebaren dieses Vereines aufmerksam und strenge zu überwachen" (5). Am Ostermontag 1878 erfolgte dann im Mohrensaal der gleichnamigen Bierbrauerei die konstituierende Versammlung des zweiten Dornbirner Arbeiterbildungsvereines (6), der sich in der Folge im Gasthaus "Zum Anker" des Kasimir Walch niederließ (7). Später übersiedelte man in Jakob Rhombergs Wirtshaus "Zur Linde" (8).

Die neue Organisation enthielt sich - durch Schaden klug geworden - nach außen hin jeglicher politischen Äußerung, entwickelte dafür aber eine rege kulturelle und sportliche Tätigkeit. Wie aus den häufigen Ankündigungen im Dornbirner Gemeindeblatt zu ersehen, gehörten sogenannte Unterhaltungsschießen zu den damaligen Hauptattraktionen der organisierten Dornbirner Arbeiterschaft. Der Schießsport war unter den Mitgliedern so beliebt und hoch entwickelt, daß der Verein sogar über einen eigenen Schützenmeister verfügte (9).

Nach 1883 begannen, wie in der gesamten Monarchie, die Jahre politischer Verfolgung und Bespitzelung, in denen die Behörde in jedem organisierten Arbeiter einen potentiellen Anarchisten witterte. Öffentliche Unterhaltungen verschwanden gänzlich aus dem Leben der Organisation, und nur selten wagte man, eine Volksversammlung zu veranstalten. Meist referierte bei solchen Gelegenheiten der damalige Innsbrucker Funktionär der Allgemeinen Arbeiter-, Kranken- und Unterstützungskassa für Tirol und Vorarlberg und spätere Reichsratsabgeordnete Josef Holzhammer (10).

Der zum Jahreswechsel 1888/1889 abgehaltene Einigungsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie im niederösterreichischen Hainfeld wirkte auf die verunsicherten und inaktiven sozialistischen Gruppen im Lande verhalten stimulierend. Ihre Mitglieder begannen wieder leichter, sich öffentlich zu ihrer Überzeugung zu bekennen. So trugen die Dornbirner Genossen "gemeinsame Abzeichen, nämlich Filzhüte mit riesigen Krämpen und ein rothes Federchen auf dem Hute" (11). Auch setzte wieder verstärkt eine hauptsächlich von Innsbruck ausgehende Agitation ein. 1890 hielt sich zum Beispiel Ignaz Leimgruber, der für die Entwicklung der Vorarlberger sozialdemokratischen Partei noch wichtig werden sollte, zwei Monate zu diesem Zweck im Lande auf (12).

Obwohl Tirol einen weit geringeren Industrialisierungsgrad als Vorarlberg aufwies, befand sich der Aufbau der sozialdemokratischen Partei in einem weit fortgeschritteneren Stadium. Unter den 77 Delegierten zur ersten Landesversammlung von Tirol und Vorarlberg am 28. September 1890 in Telfs waren die Arbeiterbildungsvereine aus Vorarlberg lediglich mit zwölf Personen vertreten, davon zwei aus Dornbirn (13).

Die sozialistischen Organisationen im Lande rekrutierten sich bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht - wie zu vermuten und fälschlicherweise auch immer wieder behauptet - aus dem Textilarbeiterproletariat. Sie gewannen ihre Mitglieder hauptsächlich aus Handwerks- und bestimmten Facharbeiterkreisen sowie ab der Jahrhundertwende in starkem Maße aus den Reihen der Eisenbahner.

Die hier angesprochenen Facharbeiter standen auf Grund ihres Selbstverständnisses dem Handwerk in besonderer Weise nahe. Als geradezu klassisches Beispiel für diese Kategorie von Arbeitern können die in der Baumwolldruckindustrie beschäftigten Modellstecher herangezogen werden. So ist von den rund dreißig bei Jenny & Schindler, später Samuel Jenny, in Hard beschäftigten Stechern und Graveuren bekannt, daß sie den Kristallisationskern der örtlichen Sozialdemokratie bildeten. Es kann auch schwerlich als Zufall gewertet werden, daß zwei von drei Arbeiterbildungsvereinen mit Standort in nichtstädtischen Kommunen, nämlich jene von Hard und Hohenems, in Ortschaften entstanden, die die beiden größten Baumwolldruckereien des Landes beherbergten.

Hingegen bildeten sich in Landgemeinden mit ausschließlicher Baumwollfabrikation (Spinnerei und Weberei) und mit einem relativ kleinen, auf viele Abteilungen aufgesplitterten Facharbeiterstock keine Arbeiterbildungsvereine. Als Beispiele seien hier die Fabriksstandorte Kennelbach, Fußach, Schwarzach, Nenzing, Frastanz, Thüringen und Bürs genannt. Selbst bis zum Beginn der Ersten Republik - also im Verlauf von 45 Jahren - gelang es nur in Rankweil und zum Teil in Frastanz sowie Nenzing, sozialistische Arbeiterorganisationen aufzubauen. Um aber keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Auch diese drei Ortsgruppen wurden von allen möglichen Berufsgruppen getragen - nur nicht von den örtlichen Textilarbeitern beiderlei Geschlechts.

 

Die "Fremdhäßigen" kommen!

 

Das Jahr 1893 bildet in der Geschichte der Vorarlberger Arbeiterbewegungen eine bedeutende Wendemarke. Einerseits erfolgte bei den Sozialdemokraten nach einer langen Phase der Lethargie ein bislang nicht gekanntes, sogar mit der Jahreszeit zusammenfallendes "Frühlingserwachen". Andererseits wurde als Reaktion darauf in Dornbirn der erste christliche Arbeiterverein des Landes aus der Taufe gehoben. Die Ursache für diese Aufbruchsstimmung bei den Sozialdemokraten lag hauptsächlich in der Übersiedelung der beiden Arbeiterführer Johann Coufal (sprich: Zufal) und Ignaz Leimgruber von Innsbruck nach Dornbirn. Die beiden rhetorisch hochbegabten Agitatoren organisierten im ganzen Land "Versammlung auf Versammlung" (14) und setzten die politische Szene Vorarlbergs zumindest für ein paar Monate in helle Aufregung. Alles sprach nur noch "von den Socialdemokraten" (15). Unter dieser Spitzmarke gab sogar der erzkonservative "Landbote" einem fiktiven Mütterchen aus dem hintersten Montafon, das noch jahrelang keinen leibhaftigen "Soci" sehen sollte (16), politischen Nachhilfeunterricht:

"Nun liebes Wieble, die Soci oder die Socialdemokraten sind in der Regel junge Bürschlein ohne Schnauzer ... und nach ihrem Geburtsorte sind die allermeisten Fremdhäßige, d. h. sie sind außer Vorarlberg geboren, und stehen nur hier in Arbeit und Dienst oder sind extra hergeschickt worden, um unser Heimatland Vorarlberg socialdemokratisch zu machen ... Das sind schöne Kerle, nicht wahr?" (17)

Es mag einem heutigen Betrachter seltsam erscheinen, daß zwei Personen solchen Einfluß auf die politische Landschaft einer Region - wenn auch, wie sich bald herausstellen sollte, relativ kurzfristig - nehmen konnten. Es lassen sich aber zur Erklärung dieses Phänomens gute Gründe namhaft machen.

Zum einen muß ins Kalkül gezogen werden, daß damals die politischen Auseinandersetzungen in unvergleichlich höherem Maße als heute - im Zeitalter audiovisueller Medien - in Form öffentlicher Rededuelle in Versammlungen ausgetragen wurden. Die Hauptgegner der Sozialisten, die Christlichsozialen, verfügten über ein in der Kasinobewegung glänzend geschultes Kader von Priestern, das - zum Schrecken vieler Katholiken - es für seine Pflicht hielt, "sich mit Schuster- und Schneidergesellen herum(zu)balgen", bis diese, ihrer Argumente beraubt, "vor Aerger grün und gelb wie eine Gurke" (18) wurden.

In späteren Jahren besuchten zahlreiche Vorarlberger Geistliche regelmäßig die sozialen Schulungskurse des "Volksvereines für das Katholische Deutschland" in Mönchengladbach - eine Art Kaderschmiede für christliche Sozialpolitik (19), sodaß der sozialdemokratische Parteisekretär Eduard Ertl voller Zorn einmal notierte: "Fast in jedem Ort, wo es Industriearbeiter gibt, sitzt ein Pfaffe, der die Schule in Mönchen-Gladbach genossen hat" (20).

Dagegen braucht man, um jene Sozialisten zu zählen, die sich im Laufe der letzten vier Jahrzehnte der Monarchie in Vorarlberg mehr oder weniger lang niedergelassen hatten und in der Lage waren, in einer öffentlichen Versammlung erfolgreich aufzutreten, nicht die Finger zweier Hände. Studiert man die im Allgemeinen Verwaltungsarchiv in Wien aufbewahrten Briefe der Landesparteileitung an die Wiener Zentrale, ist man vom permanenten Flehen der Vorarlberger um Agitatoren schon fast peinlich berührt.

Unter diesen Gesichtspunkten wird klarer, wie wichtig diese beiden Arbeiterführer waren, die bei Bedarf jedem Kaplan, Pfarrer, christlichsozialen Landtags- oder Reichsratsabgeordneten rhetorisch das Wasser reichen konnten.

Weiters scheinen Coufal und Leimgruber exakt zum richtigen Zeitpunkt ins Land gekommen zu sein. War Leimgrubers bereits erwähnter zweimonatiger Agitationsaufenthalt im Jahre 1890 ohne jede Resonanz geblieben, so hatten sich drei Jahre später die Voraussetzungen wesentlich geändert. Nun bedurfte es offensichtlich nur noch eines Katalysators, um die isolierten sozialistischen Gruppen und Einzelpersonen des Landes zu einer Bewegung zusammenzufassen, die imstande war, mehr als nur ein paar Tage rund um den 1. Mai die Öffentlichkeit zu beschäftigen. Das Aufblühen der Linken im "heißen Frühling" 1893 beschleunigte auch einige Entwicklungen im gegnerischen Lager. Die Gründung des christlichen Arbeitervereines in Dornbirn wurde bereits erwähnt. Darüber hinaus forderte vor allem die Parteibasis der Konservativen: "Christlich-soziale Vereine sollten als Damm gegen die socialistischen Vereine gegründet werden" (21). Bereits am 17. Juli 1893 fand diesem Wunsch entsprechend in Dornbirn die Konstituierung des "Christlich-sozialen Volksvereines für Vorarlberg" statt (22).

Im allgemeinen Aufschwung der Vorarlberger Sozialdemokratie im Jahre 1893 gab es auch einen Neubeginn der Dornbirner Organisation. Bereits am 30. April 1893 hatte eine außerordentliche Generalversammlung des "Politischen Vereines für Vorarlberg" - einer Art Dachverband der Sozialisten des Landes - beschlossen, den Vereinssitz von Bregenz nach Dornbirn zu verlegen, womit der damals noch nicht zur Stadt erhobenen Gemeinde die Führungsrolle in der Landespartei zufiel.

Im Juli 1893 reichte der Obmann des Arbeiterbildungsvereines, Josef Anton Witzemann, bei der Behörde neue Statuten ein, deren wichtigste Änderung in der Ausdehnung des Vereinsgebietes auf umliegende Gemeinden bestand.

Weit mehr historisches Interesse gebührt der Tatsache - um nicht gar von einer kleinen Sensation zu sprechen -, daß am 25. Februar 1894 ein sozialdemokratischer "Gewerbeverein" gegründet wurde, der sich eines starken Zulaufs von Gesellen und Meistern erfreute (23). Der Verein zählte in den folgenden Jahren zwischen 85 und 140 Mitglieder, das heißt, er war zumindest zahlenmäßig stärker als die eigentliche Parteiorganisation (24). Mit diesem Rückhalt unter den Gewerbetreibenden gelang es den Sozialdemokraten noch im selben Jahr, in die Verbandsleitung der "Genossenschaft der handwerksmäßigen Gewerbe Vorarlbergs" einzudringen (25). Die Christlichsozialen überschlugen sich fast vor Ärger über den außergewöhnlichen Erfolg der Sozialisten:

"Diesen Leuten vertrauen ehrsame, wackere Handwerker ihr Geschick an, glauben ihrem Geschwätz mehr als dem Evangelium und bejubeln ein paar hergelaufene Hetzer, die von Vorarlberg und seinem Volke nichts, rein nichts verstehen. - Wahrlich es hat weit herunter geschneit und wirft einen eigenen Schatten auf den gesunden Sinn der Bürger Dornbirns" (26).

Nach der stürmischen Entwicklung der Jahre 1893/94 mußten die Aktivitäten der Partei beträchtlich zurückgeschraubt werden. Johann Coufal, der inzwischen Marie Brüstle, eine der ersten Sozialdemokratinnen Dornbirns und darüber hinaus des ganzen Landes, geheiratet hatte, zog sich auf Grund seiner stark angegriffenen Gesundheit und wegen permanenter Verfolgung durch die Behörden immer mehr aus der Politik zurück (27).

Ignaz Leimgruber faßte im Sommer 1894 wegen Majestätsbeleidigung eine seiner zahlreichen politischen Haftstrafen aus, die allerdings diesmal mit drei Monaten übergebührlich hoch ausfiel (28). Dieser Gefängnisaufenthalt scheint den agitatorischen Elan Leimgrubers gebrochen zu haben. Er trat in der Folge nur noch selten in Versammlungen auf und eröffnete ein "Agentur- und Commissionsgeschäft" in der Dornbirner Bockackerstraße (29). Am 17. März floh er in Anbetracht des drohenden Zusammenbruches seiner Firma nach München, wurde dort von der Polizei gefaßt und zu weiteren vier Monaten Arrest verurteilt (30). Nach seinem Feldkircher Gefängnisaufenthalt verliert sich die Spur des ehemaligen Sozialistenführers (31).

Die Sozialdemokratische Partei leiteten in Dornbirn in der Folge der Schuhmachergeselle und spätere Straßenbahnschaffner Johann Heine, der Textilarbeiter Johann Jacob Heinzle, der aus Böhmen eingewanderte Schuhmachergeselle Thomas Lorenz sowie der Dachdeckermeister Martin Fußenegger. Die ersten drei der genannten Männer bekleideten auch in der Landesorganisation wichtige Funktionen.

Am 15. Juli 1898 starb fünfzigjährig der schon seit vier Jahren vom Tode gezeichnete Johann Coufal an Tuberkulose (32). Wie sehr Coufal von den Sozialdemokraten, namentlich jenen Dornbirns, verehrt wurde, zeigte sich noch lange nach seinem Tod. Ein örtlicher Korrespondent des christlichsozialen "Volksblattes" schrieb:

"Auf unserem Friedhof zieht gegenwärtig das Denkmal für J. Coufal, des vor etwa einem halben Jahre unkirchlich beerdigten Socialistenführers, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Dasselbe besteht im schroffen Gegensatz zu den übrigen fast durchwegs im christlichen Geiste gehaltenen Monumenten in einer an Größe die übrigen Denkmäler überragenden, großen abgebrochenen Säule aus weißem Marmor, deren Sockel die Inschrift trägt: Dem Kämpfer für Recht und Freiheit, gewidmet von seinen Parteigenossen und Freunden" (33).

In den folgenden Jahren gehörte es zum 1. Mai-Ritual der Dornbirner Sozialisten, das Grabmal des "Vorkämpfer(s) der Sozialdemokratie Vorarlbergs" (34) zu besuchen. So sehr Coufal von seinen Genossen verehrt wurde, so sehr schienen ihn seine Gegner auch nach dem Tod noch zu hassen. Im November 1909, also über elf Jahre nach seinem Begräbnis, berichtete die sozialdemokratische "Volkszeitung":

"Irgend ein klerikaler Lümmel brachte es nicht über sich, am Allerheiligentage am Grabe des Genossen Coufal ruhig vorüberzugehen, er mußte seinen Speichel auf die Kranzschleife spucken" (35).

 

Fraktionierung bis zur Lethargie

 

Am 1. April 1899 - um den chronologischen Faden von neuem aufzunehmen - hatte für die Vorarlberger SDAP wiederum eine neue Ära begonnen. Auf einer Kreiskonferenz im Februar desselben Jahres war überraschend ein Antrag auf Trennung von der Tiroler SDAP, mit der Vorarlberg bislang vereinigt war, ein-und auch durchgebracht worden (36). Obwohl dieser Schritt eher organisatorische Nachteile brachte, wurde er von den hiesigen Sozialisten wohlwollend bis freudig aufgenommen. Die Tiroler hingegen waren etwas konsterniert, daß man sie einfach "vor eine fertige Thatsache gestellt" hatte (37). Offiziell legitimierten die Vorarlberger ihr Ausscheren mit der sicheren Hoffnung, daß "die Thätigkeit der Organisation gehoben werden könne" (38). Diese Erwartung bewahrheitete sich allerdings nicht. Im Gegenteil: Die Dornbirner Ortsgruppe verfiel in den Monaten unmittelbar um die Jahrhundertwende in so heftige Fraktionskämpfe, daß die Landesparteileitung an die kleine, aber intakte Lokalorganisation Rankweil abgegeben werden mußte.

Im Sommer 1899 hatte sich Josef Harrich, der vormalige Obmann des wegen anarchistischer Strömungen aus der SDAP ausgeschlossenen Züricher "Österreichisch-ungarischen Arbeiterbildungsvereines" in Dornbirn niedergelassen. Auf Grund seiner hohen agitatorischen Fähigkeiten gelang es ihm in kürzester Zeit, die Dornbirner Holzarbeitergewerkschaft, die sich vor allem aus örtlichen Tischler- und Zimmerergesellen rekrutierte, von neun auf 79 Mitglieder auszubauen. Mit dieser "Hausmacht" im Rücken griff Harrich nun vehement die Mehrheitstendenz der Ortsgruppe an, der er vorwarf, "sich von den Kleingewerbetreibenden leiten" zu lassen (39). Der Konflikt schaukelte sich dermaßen auf, daß Harrich und sein Hauptgegner, der Dachdeckermeister Martin Fußenegger, nur mehr gerichtlich miteinander verkehrten. Die Holzarbeiter schrieben in einer Resolution an den Grazer Parteitag:

"Hier in Dornbirn sind die Verhältnisse in der Partei ganz anders als in allen übrigen Ländern und Ortschaften. Es gibt hier sogenannte Stammsozialisten, welche sehr eifersüchtig darüber wachen, daß ja kein Fremder festen Boden gewinnt und sie aus ihrer Lethargie und Schlaf aufrüttelt" (40).

Diese aus der Frustration der Stunde geborene Einschätzung - Harrich wurde am 29. Juli 1900 mit Hilfe des erst kurz zuvor eingestellten ersten Vorarlberger Parteisekretärs Franz Pechota aus der Organisation hinausgeworfen - muß als überspitzt eingestuft werden. Daß sie aber einen wahren Kern enthielt, steht außer Frage.

Im selben Monat, in dem Harrich aus der Partei ausgeschlossen wurde, ließ sich der aus Sindelfingen in Württemberg stammende Schriftsetzer Hermann Leibfried in Dornbirn nieder (41). Bereits 1901 wählten die Sozialisten den erst 23jährigen zum Landesvertrauensmann (42). In den folgenden Jahren wurde Leibfried, der auch in schweren Zeiten die Organisation zusammenhielt, für die SDAP unentbehrlich.

Was dem radikalen Harrich nicht gelungen war, nämlich die kleinbürgerlichen Dornbirner "Stammsozialisten" aus der Partei zu drängen, bewirkte ein geradezu grotesker Vorfall, der sich würdig in die Reihe der Treppenwitze der Vorarlberger Geschichte einfügt.

In den Jahren 1904/05 erlebte die Sozialdemokratie des Landes eine schwere Krise, die durch grobe persönliche Verfehlungen Franz Pechotas, der als Partei- und Gewerkschaftssekretär gemäß der damaligen Organisationsstruktur de facto die Parteiführung innehatte, hervorgerufen wurde. Die Aufdeckung seiner "amourösen Abenteuer" führte zu schweren Verlusten der SDAP. Man mußte parteiintern eingestehen:

"Hier in Dornbirn ist die Mehrzahl der Genossen ganz verzweifelt und Massenaustritte aus der Parteiorganisation, hauptsächlich einheimischer Genossen, wurden bereits angekündigt" (43).

Daß diese Ankündigungen nicht nur im Affekt ausgesprochene Drohungen blieben, zeigt ein Blick in die Parteisteuerlisten der folgenden Monate: Etwa die Hälfte der ehemaligen Mitglieder war ausgetreten (44).

Wie tief die Vorarlberger SDAP und im besonderen die Dornbirner Organisation getroffen war, mag folgende dramatische Begebenheit belegen. Pechota, der schon etliche Monate zuvor von der Partei auf Grund nicht verstummender Gerüchte zur Übersiedelung von Dornbirn nach Bregenz gezwungen worden war, beschloß am 27. Dezember 1903, seinem Leben durch Kohlendioxydgas ein Ende zu setzen. Landesvertrauensmann Hermann Leibfried wurde von ihm mündlich über sein Vorhaben in Kenntnis gesetzt und angewiesen, den Freitod als bedauerlichen Unfall zu deklarieren. Da die Fenster seiner Wohnung nicht ganz dicht schlossen, gelangte Pechota jedoch am Abend des folgenden Tages wieder zu Bewußtsein und floh mit seiner ihn erpressenden schwangeren Geliebten, einer verheirateten Dornbirner Frau mit fünf Kindern, zum sozialistischen Pastor Pflüger nach Zürich. Seine junge Ehegattin hatte er zuvor in ihre Heimatstadt Landeck abgeschoben (45). Da Franz Pechota ein - wie sein weiterer Lebensweg zeigt - mit allen Wassern gewaschener Tunichtgut war, kann trotz der glaubhaften Bestätigung Leibfrieds nicht ganz ausgeschlossen werden, daß er ein geschicktes Täuschungsmanöver inszeniert hatte.

Der hier beschriebene Vorfall mag heute nur mehr erstauntes Kopfschütteln hervorrufen. Vergegenwärtigt man sich jedoch die rigide Sexualmoral, die damals in Vorarlberg herrschte, wird die katastrophale Situation, in die sich Pechota hineinmanövriert hatte, begreifbarer. Vor allem in den frühen 1890er Jahren waren die Konservativen sehr erfolgreich mit dem Gespenst der "freien Liebe" hausieren gegangen. Die Sozialdemokraten, wurde der Landbevölkerung eingetrichtert, "sagen, jeder Bub könne ein Mädle nehmen, und wenn es ihm nicht mehr gefalle, so könne er davonlaufen und ein anderes Meike heimführen" (46). Nach jahrelangem, fast überangepaßtem Bemühen war es den Sozialisten gelungen, diesen Ruf abzuschütteln - und nun hatte er sie mächtiger denn je wieder eingeholt, sie standen "bis auf die Knochen blamiert" (47) da.

Daß die Dornbirner Organisation mehr als andere Ortsgruppen von dieser Affäre geschädigt wurde, bedarf noch einer Erklärung. Wie schon beschrieben, verfügte die dortige SDAP über einen überdurchschnittlich hohen Anteil an einheimischen, d.h. in Dornbirn geborenen und aufgewachsenen Parteimitgliedern. Diese waren im Unterschied zu den Zugewanderten meist einem starken sozialen Druck durch den Familienverband ausgesetzt, dem standzuhalten unter den oben beschriebenen Umständen äußerst schwer fiel. Die Sympathiewerte für die Ortsgruppe, die Pechota fast bis zuletzt die Stange gehalten hatte, stürzten in den folgenden Monaten in den Keller. So ließen die Rankweiler verlauten, daß sie mit den Dornbirnern "überhaupt nichts mehr zu verhandeln haben" (48). Viele der Genossen und Genossinnen waren völlig demoralisiert. Anläßlich der Gemeinderatswahl von 1904 hatte die liberale Partei aus Mangel an eigenen Leuten zwei Sozialdemokraten ohne deren Einverständnis als Zählkandidaten auf ihre Liste gesetzt. Die allgemeine Mutlosigkeit unter den Sozialisten saß so tief, daß die beiden Betroffenen nicht einmal dagegen protestierten. Verärgert stellte die "Volkszeitung" fest, "das wären sie der Partei schon schuldig gewesen" (49).

Am 8. Februar 1904 zeigte Johann Heine als letzter Vorstand des Arbeiterbildungsvereines bei der Statthalterei Innsbruck dessen Auflösung an (50). Eine bündige Erklärung für diese Entscheidung zu finden fällt auf Grund mangelnder Quellen über die innerparteiliche Diskussion schwer. Der Wahrheit am nächsten dürfte die Einschätzung kommen, daß einige beherzte Kadermitglieder die "Gunst der Stunde" - nämlich die allgemeine Lethargie - nützten und die von der Gesamtpartei schon lange beschlossene Umwandlung der Arbeiterbildungsvereine in Ortsgruppen der SDAP und Gewerkschaftssektionen durchführten, ohne auf Widerstand zu stoßen. Im Unterschied zu Dornbirn nämlich verharrten die meisten übrigen Vorarlberger sozialistischen Gruppen entgegen verschiedener Beschlüsse auf Gesamtparteitagen der SDAP "widerrechtlich" auf dem Status von Arbeiterbildungsvereinen. Die Ursache dafür lag in der starken Dominanz von Handwerkerschichten, denen es schwer fiel, ihre noch stark mit ständischen Organisationsformen versetzten Traditionen über Bord zu werfen. Die schwere Krise dürfte daher wenigstens den Vorteil geboten haben, die Dornbirner Partei erfolgreich einem Entschlackungsprozeß zu unterziehen.

 

Ein neuer Beginn

 

Bis zur wirtschaftlichen Hochkonjunktur der Jahre 1906/07, die mit einer starken autonomen politischen Mobilisierung der Vorarlberger Arbeiterschaft einherging, war die Gesamt- und auch die Dornbirner Partei soweit wiederhergestellt, daß eine neue Etappe in der Entwicklung in Angriff genommen werden konnte. Allderdings gab es immer noch zu viele Ressentiments unter den anderen Ortsgruppen, um Dornbirn ohne weiteres neuerlich die Führung zu überlassen. Über die Frage, in welcher Stadt der mit Anfang 1906 angestellte neue Partei- und Gewerkschaftssekretär Eduard Ertl sich niederlassen solle, entbrannten auf einer Landeskonferenz zu Weihnachten 1905 - also ganze zwei Jahre nach dem Höhepunkt der Pechota-Affäre - heftige Debatten. Die Genossen mußten "von allen Seiten hören, daß gegenüber Dornbirn von der Pechota-Geschichte her ein gewisses Mißtrauen vorhanden sei, daß auch der neue Sekretär von den Dornbirnern auf Abwege gebracht werden" könnte. Worauf im Landesparteikomitee "Krisenluft wehte", weil - so die einleuchtende Erklärung Hermann Leibfrieds - auch in den Adern der Dornbirner "kein Fischblut" floß (51).

Die geäußerten Befürchtungen sollten sich jedoch in der Folge als völlig grundlos erweisen. Eduard Ertl, der "rote Edi", wie er auf Grund seiner Haarfarbe und wohl auch seiner politischen Überzeugung bald genannt wurde, zeigte ein zu Franz Pechota völlig unterschiedliches Persönlichkeitsprofil. Zwar fehlte ihm die rhetorische und journalistische Brillanz seines Vorgängers, dafür zeichnete er sich durch persönliche Integrität, unbeugsamen Arbeitswillen und Handfestigkeit aus - Tugenden, die der zu Streit und Mißgunst neigenden Partei zu großem Vorteil gereichten.

Die Landespartei, und darin eingeschlossen die Ortsgruppe Dornbirn, erlebte zwischen 1906 und 1908 eine etwa um ein Jahr zur wirtschaftlichen Hochkonjunktur phasenverschobene Blüte. Die Organisation, die schon 1896 eine erste Form des Vertrauensmännersystems eingeführt und 1904 den Arbeiterfortbildungsverein aufgelöst hatte, galt als quantitativ und qualitativ bedeutendste Ortsgruppe der SDAP im Lande. Die Genossen wiesen, so sich eine Gelegenheit dazu bot, auch gerne darauf hin: "Was Innsbruck für Tirol, ist Dornbirn für Vorarlberg" (52).

Auch die sozialistischen Gewerkschaften der Stadt erlebten in jenen Jahren einen bedeutenden Aufschwung. Stellvertretend für alle anderen soll hier die Union der Textilarbeiter genannt sein, die 1907 einen in der Monarchie nie mehr erreichten Höchststand von 173 Mitgliedern erreichte. Bis 1912 schrumpfte sie wieder auf rund ein Drittel dieses Wertes zusammen. Die SDAP verfügte zumindest in Teilen der Stadt über ein relativ gut ausgebautes Straßenvertrauensmännersystem, von dem die meisten anderen noch in Arbeiterbildungsvereinen zusammengeschlossenen Vorarlberger Ortsgruppen meilenweit entfernt waren (53).

Allerdings lassen sich innerhalb Dornbirns von Bezirk zu Bezirk bedeutende Unterschiede in der Organisationsdichte feststellen. So wurde immer wieder moniert, daß die Genossen und Genossinnen des stark textilindustriell dominierten 3. Bezirks, "ob alt ob jung, endlich ihre Schlafmütze abnehmen (sollten), denn der Versammlungsschwänzerei (hätten) sie Genüge getan" (54). Die schlechtesten Ergebnisse brachte der Bezirk Haselstauden, von dem man allerdings auf Grund seiner eher agrarischen Ausrichtung nicht besonders viel erwartete. Genauere Aufschlüsse über die Stärke der Sozialdemokratie in den Bezirken liefern die Wahlresultate.


Stimmenanteil der Sozialdemokratischen Partei Dornbirns
bei den Gemeinderatswahlen 1910
(in Prozenten, nach Wahlkörpern und Bezirken)
(55)

 

1

2

3

4

5

1. Bezirk

6,9

14,2

15,3

37,6

21,1

2. Bezirk

8,6

6,7

15,2

31,3

17,5

3. Bezirk

8,9

4,3

9,4

32,2

15,4

4. Bezirk

1,9

4,1

7,6

23,8

8,5

1 = erster Wahlkörper (WK)
2 = zweiter WK,
3 = dritter WK,
4 = vierter WK,
5 = alle Wahlkörper zusammen


Wie aus der Datenzusammenstellung ersichtlich, nahm die Stärke der Partei mit höherer Bezirksnummerierung ab (vgl. Spalte 5). Während im Rayon Markt etwas mehr als ein Fünftel der Wähler für die Sozialdemokratie gestimmt hatte, war es in Haselstauden weniger als ein Zehntel.

Ein interessantes Detailergebnis zeigen der erste, teilweise auch der zweite Bezirk. Dort konnten die Sozialisten in den nichtproletarischen Wahlkörpern zwei und drei, die an die Leistung direkter Steuern gebunden waren, bis zu 15 Prozent erringen (vgl. die Spalten 2 und 3). Diese hauptsächlich einkommensteuerpflichtigen Stimmen rekrutierten sich aus den Reihen der selbständigen Gewerbetreibenden. Im ausgesprochen begüterten ersten Wahlkörper gewann die Partei in den Bezirken Markt und Hatlerdorf immerhin noch 34 Personen, das entsprach 7,3 Prozent der Wähler dieses Körpers (56).

Die zur Analyse der Organisationsstärke der einzelnen Rayone Dombims herangezogene Stadtvertretungswahl von 1910 war für die örtlichen Sozialdemokraten ohne Zweifel die wichtigste bis zum Ersten Weltkrieg. Auch reichte eine der zahlreichen Landtagsund Reichsratswahlen an deren Bedeutung heran. Am 13. Jänner 1909 hatte der christlichsozial dominierte Vorarlberger Landtag ein neues, im Hinblick auf die Eroberung der liberalen Stadt Dornbirn maßgeschneidertes Gemeindewahlgesetz beschlossen. Durch die Festlegung der direkten Steuerleistung auf 4722,64 bis 24,28 Kronen für den ersten, 24,27 bis 7,47 für den zweiten und 7,46 bis 0,01 Kronen für den dritten Wahlkörper anläßlich der Dornbirner Wahl von 1910 war gewährleistet, daß auch weniger bemittelte Schichten, vor allem jene des Kleinbürgertums, zu politischer Macht gelangen konnten. Um jedoch im Gegenzug möglichst viele Nichteinheimische von einer entsprechenden Einflußnahme auszuschließen, verfügte die christlichsoziale Mehrheitsfraktion im Landtag eine Seßhaftigkeitsklausel von drei Jahren, die tendenziell vor allem die Sozialdemokratie schädigte (57).

Die Wahlrechtsreform gab jedoch trotz ihrer geschickten Konstruktion - der Pelz ließ sich nicht ganz ohne Naßwerden waschen - den Sozialdemokraten die "sichere Gewähr, einige Genossen in die Gemeinde ohne Kompromiß hineinzubringen" (58). Angesichts dieser historischen Chance entwickelte die Ortsgruppe einen bislang kaum gekannten Elan. Die "Seele der Bewegung" (59), Hermann Leibfried, frischgebackener Redakteur des im selben Jahr gegründeten Parteiorgans "Vorarlberger Wacht", ließ seine guten Kontakte zur Wiener Zentrale spielen und konnte von dort optimale Unterstützung sicherstellen. "Bis 20. März möchte ich den Artikel über sozialist.(ische) Gemeindepolitik haben", erbat er sich in bekannt geradliniger Art von Parteisekretär Skaret, "den du oder Winarsky oder von mir aus eine andere Kapazität für die Wacht schreiben soll" (60).

Gleichzeitig wurde ein Wahlredner angefordert, der aber "ein Zugpferd" sein mußte. Unter einem Reichsratsabgeordneten, schlechtestenfalls einem Wiener Gemeinderatsmitglied, gaben sich die Dornbirner Sozialisten nicht zufrieden (61). Tatsächlich bestritt dann auch der mit Leibfried befreundete Parlamentarier Ferdinand Skaret eine Großveranstaltung in Dornbirn (62).

Zu den Schwerpunkten der sozialistischen Wahlagitation gehörte die Frage der drückenden Wohnungsnot in Dornbirn. Im Jahre 1907 hatte der kommunale Sanitätsausschuß nach einer Untersuchung von Erdgeschoßwohnungen in der Stadt festgestellt, daß nur ein Bruchteil "als halbwegs bewohnbar bezeichnet" werden konnte (63). Seit dieser Zeit gehörte das Wohnungsthema neben der damals grassierenden Teuerungswelle zu den Dauerbrennern in der Partei. Der intensiv geführte Wahlkampf wurde schließlich mit der Erringung von vier sozialistischen Mandaten - und zwar, wie oben schon erwähnt, ohne sogenannten Kompromiß - belohnt (64). Dieser heute anders gebrauchte politische Begriff bedarf einer näheren Erklärung. Auf Grund der relativen Schwäche einerseits und der starken Benachteiligung durch Wahlgesetze andererseits war die sozialistische Arbeiterbewegung in Vorarlberg normalerweise gezwungen, als "Kompromisse" bezeichnete Wahlbündnisse mit der ihr politisch noch am nächsten stehende liberalen Partei einzugehen. So errang die Kompromißliste der Freisinnigen und der Sozialdemokraten bei den Härder Gemeindewahlen des Jahres 1909 zwölf Sitze, von denen drei den Genossen abgegeben wurden (65). Da diese Bündnisse meist den liberalen Seniorpartner bevorzugten, wurden sie mehr und mehr zum sauren Apfel, in den die Parteibasis nur widerwillig biß.

Umso verständlicher erscheint die Freude über den selbständig errungenen Erfolg der Sozialdemokraten Dornbirns, die nach Ansicht der Genossen und Genossinnen meist nur "gut genug (waren), den Herren Freisinnigen die Kastanien aus dem Feuer zu holen, dafür aber Undank (ernteten)" (66).

In der Folge nahmen sich die vier Ausschußmitglieder, nämlich Parteisekretär Eduard Ertl, Fabriksheizer Thomas Rein, Maschinensticker Franz Rusch und Buchbindermeister Franz Pazout (sprich: Paschut) ein umfangreiches Arbeitspensum vor, zu dessen Schwerpunkten vor allem die Erstellung eines kommunalen Wohnungsbeschaffungsprogrammes gehörte (67). Bereits im Wahlkampf hatte ja die Wohnungsfrage zu den zentralen Inhalten der Sozialisten gehört (68). Um ein plastischeres Bild der Misere auf diesem Gebiet zu zeichnen, die unter dem Schutzschild der Gartenstadt-Methapher mit Vorliebe der allgemeinen Verdrängung anheimfiel, sei hier eine etwas längere Passage aus der Erzählung eines betroffenen Arbeiters aus dem Jahre 1909 zitiert:

"Wer einmal auf der Wohnungssuche war, wird mir bestätigen, daß in Dornbirn eine Wohnungsnot ist. Letzthin erzählte mir ein Hausherr in der Moosmahdstraße, daß 20 Parteien sich um seine ausgeschriebene Wohnung erkundigten. Auch ich war auf der Suche nach einer Wohnung; die erste Frage war stets: 'Haben sie Kinder?' - 'Ja, aber ich kann sie doch nicht totschlagen!' - 'Das weiß ich wohl, aber ich gebe meine Wohnung nur an eine Partei ohne Kinder, oder höchstens mit einem Kinde!' - So und ähnliche Antworten bekam ich meistens. Ein Arbeiter, der mit fünf oder mehr Kindern gesegnet ist, kann wochen-, ja monatelang herumrennen, bis er eine Wohnung erhält, oder eine mitleidige Seele ihn hineinläßt um teures Geld" (69).

Nicht selten kam es in der "Kaffernstadt" - so einer der Spitznamen für das "schwarze" Dornbirn - auch vor, daß "einem Familienvater die Wohnung gekündigt wurde, weil er zu wenig in die Kirche" ging (70). So brachte zum Beispiel der Pfarrer des Bezirkes Oberdorf, Franz Josef Steinhauser, eine Vermieterin dazu, einem als Sozialdemokraten bekannten Arbeiter die Wohnung zu kündigen. "Daß diese Frau nichts Eiligeres zu thun hatte, als den Wunsch des famosen Verkünders der christlichen Nächstenliebe zu erfüllen" (71), durfte in Anbetracht einer fast abergläubischen Bigotterie mancher Leute nicht verwundern. Hatte doch eine benachbarte Bäuerin "behauptet, daß ihre Hühner keine Eier mehr legen, weil sie der vorerwähnten Arbeiterfamilie Eier verkauft habe. Wahrhaftig", polemisierte die sozialdemokratische "Volkszeitung", "jetzt können die Soci zusammenpacken, jetzt sind sie fertig, weil, nun weil sogar die Oberdorfer Hühner gegen sie demonstrieren" (72).

Bereits in der Gemeindeausschußsitzung vom 18. Mai 1910, also knapp nach der Wahl, brachte Eduard Ertl unter dem Punkt Beschwerden "den unerträglichen Zustand der Wohnungsnot zur Sprache" und stellte den Antrag, der Stadtrat sei zu beauftragen, Verhandlungen mit der damals für Vorarlberg zuständigen Salzburger Unfallversicherungs-Anstalt aufzunehmen, die unter bestimmten Bedingungen Arbeiterwohnhäuser vorfinanzierte (73). In der Folge stellte sich heraus, daß die Christlichsozialen den Sozialdemokraten in dieser Frage sehr geschickt das Heft aus der Hand nahmen. Man gab ihnen im eigens gebildeten Unterausschuß für kommunalen Wohnbau "weder Sitz noch Stimme" (74). Die solcherart kaltgestellten Sozialisten mußten bald erkennen, daß in die 1913 fertiggestellte Arbeitersiedlung "Fischbachhäuser" nur Familien mit christlichsozialer Gesinnung einziehen würden. Eduard Ertl schrieb voll Zorn nach Wien:

"Nach alldem was man hört, werden eine Anzahl Christlichsozialer, die protegiert werden, denen man zur Anzahlung verhilft, ein Häuschen bekommen. ... Dazu ist meines Erachtens der Wohnungsfürsorgefonds nicht geschaffen worden! Und daß die Unfallversicherung ihre Kapitalien so verwenden will, kann ich unmöglich glauben!" (75).

Das Wiener Gemeinderatsmitglied Leopold Winarsky antwortete dem Vorarlberger Parteisekretär, der gerade seine erste große Lektion in Sachen Kommunalpolitik erhalten hatte, mit dem lapidaren Hinweis, der Vorfall sei "nur ein Beweis für die von uns schon so oft festgestellte Wahrheit ..., daß innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung die Wohnungsfrage nicht ganz gelöst werden " könne (76). Ob diese "Analyse" Ertl über seinen Mißerfolg hinwegtrösten konnte, bleibt zu bezweifeln.

Auf Grund der gebotenen Kürze wurde zur Charakterisierung der kommunalpolitischen Ära der Dornbirner Sozialdemokraten während der Monarchie der Sektor öffentlicher Wohnbau herangezogen. Im Prinzip scheiterten auch alle anderen Initiativen in den Bereichen Lebensmittelteuerung, Schlachthausfrage und öffentliche Badeanstalt, um die wichtigsten zu nennen. Nach einem euphorischen und fast etwas blauäugigen Beginn mußten die im Gemeinderat vertretenen Genossen feststellen, daß ihnen die christlichsoziale Mehrheit in allen wichtigen Fragen das Wasser abgegraben hatte. Ließ sich mit einer sozialdemokratischen Idee eine Popularitätssteigerung erreichen, kopierte man ohne Scham, wurden einem die Sozialisten mit ihrer Kritik zu lästig, bemühte man die Gerichte. So geschehen im Falle des sogenannten "Schlachthausprozesses", den der vielgeprüfte Eduard Ertl auszustehen hatte (77).

 

Streiks und Solidarität - Wandlung zu einer modernen Arbeiterpartei

 

Im Unterschied zur weitgehenden Lähmung der sozialistischen Fraktion in der Gemeindestube stellten sich außerhalb des Stadtparlamentes in den Jahren unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges beachtliche Erfolge der Partei ein: Es gelang ihr die letzte Häutung zu einer modernen Arbeiterpartei. Durch die damalige Wirtschaftskrise provoziert, brachen verdeckte gesellschaftliche Widersprüche in einer bislang nicht gekannten Heftigkeit auf, die in einer Reihe von politisch sehr bedeutenden Streiks ihren Ausdruck fanden. Die Arbeitskämpfe, die im hier behandelten Zeitraum in Vorarlberg stattfanden, trugen in den allermeisten Fällen spontanen Charakter und dauerten selten länger als einige Tage, ja manchmal nur wenige Stunden. Außerdem wurden sie eher nur im Ausnahmefall von der sozialistischen Partei bzw. Gewerkschaft geführt. Bestenfalls hängten sich beide Organisationen nach dem Ausbruch des Streikes an die Aktion an. Dies sollte sich nun ändern.

Nachdem in der Maschinenfabrik Rüsch-Ganahl AG Kollektivvertragsverhandlungen über die Festsetzung von Mindestlöhnen gescheitert waren, traten nach Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Kündigungsfrist am 25. Juli 1910 bis auf drei Mann sämtliche Eisengießer in den Streik (78). Auf Druck der Industriellenvereinigung, namentlich auf Druck von Obmann und "Erzscharfmacher Julius Rhomberg" (79), beschloß die Firmenleitung, den Forderungen der Arbeiter nicht nachzugeben und ein Exempel zu statuieren. Der Kampf zwischen den Gießern und den Unternehmern, der sich immer deutlicher "als eine Machtprobe der Industriellen den Arbeitern gegenüber entpuppt(e)" (80), entwickelte sich in der Folge zu einer in dieser Härte weder in Dornbirn noch im übrigen Vorarlberg gekannten Klassenauseinandersetzung.

Rüsch-Ganahl versuchte zunächst, aus ferneren Regionen Eisengießer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen anzuwerben.

Vor Ort über den wahren Sachverhalt aufgeklärt, solidarisierten sich diese jedoch mit den Streikenden. Daraufhin ließ Rüsch-Ganahl von der Schweizer Maschinenfabrik Escher-Wyss und deren Vertragspartnern im benachbarten Ausland Lohngüsse fertigen, die - bis zur Entdeckung durch Streikposten am Dornbirner Bahnhof - in geschlossenen Eisenbahnwaggons geliefert wurden (81). Weiters aktivierte die Firmenleitung jede denkbare Arbeitskraftreserve einschließlich alter, bereits lange aus dem Produktionsprozeß ausgeschiedener Gießer. Traurige Berühmtheit erlangte der Fall des über 70jährigen asthmatischen Streikbrechers Feierle, der "bei seiner Arbeit in der Gießerei vor lauter Atemnot umfiel" und einige Wochen später verstarb (82).

Nach zahlreichen Verhandlungen, bei denen Gewerbeinspektor Franz Eberl mehrmals als Vermittler fungieren mußte, nahmen die Gießer nach 91 Streiktagen am 25. Oktober 1910 die Arbeit wieder auf (83). Eberl berichtete:

"Die Firma stellte sämtliche Arbeiter wieder ein und bewilligte eine 10%ige Lohnerhöhung, wöchentliche, vorschußweise Entlohnung und Durchführung der bereits im Zuge gewesenen Verbesserungen hinsichtlich Heizung und Lüftung in der Gießerei" (84).

Auf Grund der Solidarität der übrigen organisierten Arbeiterschaft der Region, die sich in beträchtlichen Geldspenden manifestierte, erkämpften die Dornbirner Eisengießer einen, wenn auch nicht vollständigen, so doch für Vorarlberger Verhältnisse beachtlichen Erfolg. Vor allem erbrachten sie den Beweis, daß auch lange, dazu noch in Rezessionsphasen fallende Ausstände sowohl ökonomisch als auch disziplinär durchzustehen waren. Die führenden Dornbirner Sozialisten gestanden anläßlich einer Zwischenbilanz des mittlerweile zehn Wochen alten Ausstandes:

"Mit Bangen haben wir den Streik kommen sehen, da wir den an die Scholle gebundenen Arbeitern, den echten Vorarlbergern, die Kraft auszuharren, standhaft zu bleiben, nicht zutrauen wollten. Indessen, wir haben uns getäuscht. Wie eine Mauer aus Granit stehen die Lohnsklaven, jung und alt, ledige und Familienväter, auf ihren Posten Wache. Diese tapferen Proletarier haben im Verlaufe der zehn Wochen die Feuerprobe als Pioniere im Kampf um die Existenz glänzend bestanden" (85).

Auch das noch in seinen Kinderschuhen steckende Presseorgan der Sozialdemokraten, die "Vorarlberger Wacht", hatte sich trotz gerichtlicher Auseinandersetzungen "als schneidige Waffe bewährt" (86). "Wegen Beleidigung von Streikbrechern (6 Mann) habe ich eine Anklage erhalten. Kommt vor das nächste Schwurgericht im Dezember oder November. 1 Monat Loch ist mir sicher" (87), berichtete Redakteur Leibfried seinem Freund Ferdinand Skaret. Das "Loch" blieb Leibfried allerdings zu seiner Überraschung erspart: Die Geschworenen der am 28. November 1910 stattgefundenen Gerichtsverhandlung sprachen ihn einstimmig frei. Dieses Urteil wurde von den Sozialisten als Krönung ihres Sieges über die Unternehmer und speziell über Industriellenpräsident Julius Rhomberg empfunden, der sich während des Streikes zu der Äußerung hinreißen hatte lassen:

"Eher geht mein Organismus in Kohlensäure über, als (daß) mit den Arbeitern Verträge geschlossen werden" (88).

Es sollte gar nicht lange dauern, bis Rhomberg selbst in seiner eigenen Fabrik gezwungen war, mit den Arbeitern und Arbeiterinnen "Verträge" zu schließen - übrigens ohne besagte chemische Umwandlung seines Körpers.

Am Montag, dem 29. August 1910, also vier Tage nach den Eisengießern, traten 72 Dornbirner Holzarbeiter, meist Tischler und sogenannte Maschinenarbeiter, nach gescheiterten Tarifverhandlungen ebenfalls in den Ausstand. "Das Kommando eines Scharfmachers (hatte) genügt, um alle Kleinmeister in ihren Willensbestrebungen zu betören" (89), klagte die "Wacht", die noch zwei Wochen zuvor mit bangen Gefühlen verlautet hatte:

"Hoffentlich bekunden unsere Schreinermeister und Baugeschäfte so viel soziales Empfinden, insbesondere jene, die früher Mitglieder der Holzarbeiterorganisation oder des Arbeitervereins waren, damit es zu einer Einigung, zu einem friedlichen Vertragsabschlusse kommt" (90).

Diese Hoffnung war nun zerstoben: Auch die sozialistischen Kleinmeister - die "Wacht" erweckt fälschlicherweise den Eindruck, als ob es solche in der Organisation nur früher gegeben hätte - blieben gegenüber den Forderungen der Gehilfen unerbittlich. Damit war augenfällig geworden, daß die selbständigen Handwerker in einer etwas schärfer geführten Klassenauseinandersetzung jederzeit bereit waren, die politischen Fronten zu wechseln. Von einem der nunmehrigen "Oberscharfmacher", dem ehemaligen Sozialdemokraten Albert Niederer, wußten die Genossen in nicht sehr schmeichelhafter Weise zu berichten, daß dieser seinerzeit, wenn es darum gegangen war, Mißstände anzuprangern, "das Maul nicht weit genug aufreißen" hatte können (91).

Die Holzarbeiter, die auch von der christlichen Gewerkschaft Dornbirns unterstützt wurden, orientierten sich mit zunehmender Härte der Auseinandersetzung am erfolgreichen Kampf der Metaller bei Rüsch-Ganahl. In der vierten Streikwoche war bereits fast die Hälfte der im Ausstand befindlichen Arbeiter, nämlich der unverheiratete Teil, aus Dornbirn abgereist, um den verbleibenden Familienvätern eine bessere Verhandlungsposition zu verschaffen. Auf Grund der hervorragenden Disziplin konnte der Streik dann Mitte November nach elf Wochen siegreich beendet werden. Als wesentliches Ergebnis dieses Arbeitskampfes muß - abgesehen vom unmittelbaren Erfolg der Streikenden - der Differenzierungsprozeß im sozialen Gefüge der Organisation vermerkt werden. Die Kleinmeister, die innerhalb der sozialdemokratischen Bewegung in den vergangenen Jahren Stück für Stück an den Rand gedrängt worden waren, hörten auf, ein relevanter Teil der Partei zu sein.

Im Jahre 1913 kam es zu einem weiteren bedeutenden Streik, der dem damaligen politischen Beobachter klar vor Augen führte, daß die vielgepriesene Zeit des unternehmerischen Patriarchalismus endgültig der Vergangenheit angehörte. Da es sich bei dem betroffenen Unternehmen, der Firma Herrburger & Rhomberg, um das traditionsreichste des Landes handelte, erregte dieser längste Vorarlberger Textilarbeiterstreik in der Monarchie die besondere Aufmerksamkeit der Zeitgenossen. Nach der Überwindung einer von Kinderarbeit geprägten frühkapitalistischen Phase (92) hatte während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Firma "ein wahrhaft patriarchalisches" (93) und damit relativ arbeiterfreundliches Klima geherrscht. Besonders der Miteigentümer und langjährige Landeshauptmann Adolf Rhomberg, der sich ideologisch einem von Clemens Maria Hofbauer geprägten romantischen Konservativismus verpflichtet fühlte, war - schon aus Rücksicht auf sein öffentliches Amt - an einem guten Firmenimage interessiert. Seinem Neffen Arthur Rhomberg billigten selbst die Sozialdemokraten den seltenen Status eines Arbeiterfreundes zu (94).

Etwas pathetisch und sicher beschönigend, im Kern jedoch richtig, wußte man daher anläßlich der 100-Jahresfeier des Unternehmens am 30. April 1895 zu berichten:

"In begeisterten Ansprachen wurde von Arbeitgebern und Arbeitern die schöne Harmonie gepriesen, die zwischen beiden ungetrübt und ungestört herrscht(e), und ein Wunsch beseelte alle, daß es immer so bleibe" (95).

Allein, es blieb nicht so. Unter der Geschäftsführung des oben erwähnten Julius Rhomberg häuften sich ab der Jahrhundertwende Klagen über Klagen (96). Den Tiefstpunkt der stetig sinkenden Sympathie erreichte das Unternehmen - zumindest in Kreisen der Arbeiterschaft - mit einem aus einer Lappalie entstandenen Streik im Jahre 1913.

Schon über längere Zeit hatten fünf Arbeiterinnen, sogenannte Andreherinnen, die Firmenleitung um Sitzgelegenheiten an den Webstühlen gebeten, damit sie nicht stundenlang in verkrüppelter Haltung ihre Tätigkeit verrichten mußten. Ihren mehrmals erfolglos vorgebrachten Bitten nach dieser durchaus branchenüblichen Arbeitserleichterung wollten sie zuletzt durch eine Arbeitsniederlegung Nachdruck verleihen. Die Folge: Sie wurden von Julius Rhomberg fristlos entlassen.

Dieser Vorfall brachte das Faß angestauter Aggressionen zum Überlaufen: Der Betrieb wurde zwei Wochen lang bestreikt, bis die Arbeiterinnen wieder eingestellt und Sitzgelegenheiten angebracht waren. "Es dürfte wohl kaum einen Fabrikanten land auf land ab geben", schrieb die "Vorarlberger Wacht" im Zuge dieses Arbeitskonfliktes, "der stets so herausfordernd den Protzenstandpunkt, den Standpunkt 'Ich bin der Herr; jeder Arbeiter hat sich willenlos meinen Anordnungen und jedem meiner Antreiber zu fügen', einnimmt. Ein Sklavenhalter des Altertums kann nicht herrischer aufgetreten sein" (97).

 

"Il Vorarlberg non e la California" (98)

 

Zwischen 1870 und 1910 erlebte die Vorarlberger Industrie einen bedeutenden Wachstumsschub. Mit ihm fiel eine starke Ausdehnung des Arbeitsmarktes zusammen. Die Vorarlberger Unternehmer griffen zunehmend auf Bevölkerungsgruppen fern der Region zurück, die noch nicht industriegesellschaftlich formiert waren. Der Import von Arbeitern und Arbeiterinnen erfolgte aus anderen deutschsprachigen Kronländern, aus Italien, hauptsächlich aus dem damals noch zu Österreich gehörenden Trentino, aus Böhmen und Kroatien, teilweise auch aus Deutschland und der Schweiz. Aus den beiden letztgenannten Ländern bezog man vorwiegend Facharbeiter für hochqualifizierte Branchen wie etwa die Seidenbandindustrie.

Die größte ethnische Gruppe unter diesen Zuwanderern bildeten die Italiener, die nach offizieller Zählung im Jahre 1900 fünf Prozent der Vorarlberger Gesamtbevölkerung ausmachten (99). Auf Grund der besonderen Fragestellung - es wurde aus politischen Gründen nach der Umgangssprache und nicht nach der Muttersprache gefragt - gaben viele der unter hohem Anpassungsdruck stehenden Angehörigen dieser ethnischen Gruppe falsche Antworten. So stellten zum Beispiel die Italiener in Hard nach amtlicher Zählung im Jahre 1910 ein Fünftel der örtlichen Einwohnerschaft (100), tatsächlich aber befanden sich nach Angaben aus der fremdsprachigen Kolonie rund 1400 Menschen italienischer Zunge in Hard (101), das entsprach 40 Prozent der ortsansässigen Bevölkerung. Statistik und Wirklichkeit wichen also in eklatantester Weise, nämlich in einem Verhältnis von eins zu zwei, voneinander ab. Es scheint nun jedoch nicht zielführend, die Harder Ergebnisse taxfrei auf das ganze Land zu übertragen, d.h. die jeweiligen Zahlen einfach zu verdoppeln, wie dies vom deutschnationalen Verein "Südmark" aus durchsichtigen Gründen praktiziert wurde (102).

Realistischerweise kann angenommen werden, daß der Anteil der Menschen italienischer Herkunft an der Gesamtbevölkerung Vorarlbergs zwischen 1900 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sieben bis acht Prozent betragen hat.

Da viele der großen Textilfirmen Vorarlbergs unter außergewöhnlich starker Fluktuation litten - vor der sich die Unternehmer durch illegale Zwangsarbeitsverpflichtungen bis zur Dauer von drei Jahren zu schützen suchten (103) ‑, waren ständig betriebseigene Anwerber in den einschlägigen Regionen Norditaliens unterwegs. Vielfach versprachen diese Werber den Arbeitsauswanderern das Blaue vom Himmel (104). Darauf fühlte sich selbst die in ihrer Grundtendenz eher unternehmerfreundliche katholische Intelligenz des Trentino bemüßigt, den Auswanderungswilligen anzuraten, die Fahrt in das "gelobte Land" im äußersten Westen der Monarchie sich doppelt und dreifach zu überlegen (105). "Vorarlberg ist", so die Zeitung "La Squilla", "nicht Kalifornien" (106).

Im Unterschied etwa zu Bludenz setzte die italienische Zuwanderung in Dornbirn verhältnismäßig spät ein. Wie folgende kleine Datenzusammenstellung zeigt, erreichte sie auch nie die Bedeutung, die ihr in anderen Industrieorten zukam.


Anzahl der in Dornbirn ansässigen Personen mit italienischer Umgangssprache
(nach den amtlichen Volkszählungen)
(107):

Jahr

1

2


1880


2


0,02

1890

143

1,3

1900

379

2,9

1910

588

3,6

 

1 = Personen mit italienischer Umgangssprache
2 = Anteil an der Gesamtbevölkerung Dornbirns (in Prozent)

 

Bis auf ganz wenige Ausnahmen wurde bislang in Kreisen der Vorarlberger Historikerschaft der Mythos aufrechterhalten und weitergesponnen, daß die Sozialdemokratie im Lande in den Jahren der Monarchie wesentlich oder überhaupt ausschließlich von italienischen Migranten getragen wurde. So führte - um ein willkürliches Beispiel herauszugreifen - Dorle Petsche-Rüsch in ihrem Standardwerk "Die Entwicklung der politischen Parteien Vorarlbergs von 1870 bis 1918" (108) den starken Mitgliederschwund um 334 Personen in den Freien Gewerkschaften zwischen 1908 und 1909 "auf die schlechte Baukonjunktur" zurück (109).

Tatsächlich war die einzige einigermaßen funktionierende Ortsgruppe der Bauarbeitergewerkschaft im Lande, nämlich jene von Dornbirn, so schwach, daß sie die im Gesetz vorgeschriebene Anzahl von Vereinsfunktionären wie Obmann, Kassier usw. personell zwischen 1902 und 1906 nicht besetzen konnte und stillgelegt werden mußte (110). 1911 konnte dann die gegnerische christlichsoziale Arbeiterpresse unwidersprochen höhnen, daß die mit 28 Mann und einigen Mühen 1906 neuerlich konstituierte Ortsgruppe Dornbirn - sie war wie erwähnt die einzige halbwegs beständige im Lande - inzwischen auf drei Mitglieder zusammengeschmolzen war (111). Wie diese Gewerkschaftssektion, die nur in Jubeljahren an einen Mitgliederstand von zwei, drei Dutzend Bauarbeitern heranreichte, einen Verlust von 334 Personen wesentlich mitverantworten sollte, bleibt ein Rätsel.

Im übrigen zeigen schon etwas genauer erstellte Analysen der verschiedenen Wahlen in der Monarchie klar, daß die These, die italienischen Zuwanderer "trugen wesentlich zum Wachstum der sozialistischen Arbeiterbewegung in Vorarlberg in den zwei Jahrzehnten vor dem 1. Weltkrieg bei" (112), nicht haltbar ist (113). Thüringen zum Beispiel, mit seinem amtlichen 25 Prozent "Welschanteil" (114), wählte einschließlich seiner Italiener regelmäßig ausschließlich christlichsozial und liberal (115). Dabei bietet die Gemeinde den großen Vorteil, daß das Wahlergebnis unmittelbar mit dem örtlichen Textilproletariat, d.h. ohne Vermischung mit anderen Berufsgruppen wie Eisenbahner, Handwerker usw., die in Wahrheit den Löwenanteil unter den Sozialdemokraten Vorarlbergs stellten, zusammenhängt.

Exakt dieselben Verhältnisse lassen sich in Kennelbach mit vier Italienern unter zehn Einwohnern nachweisen (116). Nicht einmal Spurenelemente eines Arbeiterbildungsvereines, einer Ortsgruppe oder zumindest einer Zahlstelle der sozialdemokratischen Partei oder der Freien Gewerkschaft sind auffindbar, ja selbst sich zur Sozialdemokratie bekennende Einzelpersonen muß man wie die berühmte Nadel im Heuhaufen suchen. In der Nachbargemeinde Wolfurt, in der es eine italienische Kolonie gab, deren Mitglieder über die Bregenzer Ache in die Kennelbacher Fabriken pendelten, unternahmen im Herbst 1903 sozialistisch gesinnte Textilarbeiter einmal kurzfristig einen Versuch, etwas Boden unter die Füße zu bekommen (117). Trotz massiver Anstrengungen der Parteileitung - 1909 wurde z.B. als "Generalangriff der Maiaufmarsch des Unterlandes nach Wolfurt verlegt - konnte das "Volksblatt" voller Häme schreiben, die Gemeinde sei nach wie vor "sozirein" (118).

Selbst die "welsche Stadt" Bludenz, die sich auf Grund des 10-Stundentag-Streikes bei Getzner, Muther & Cie zum Jahreswechsel 1907/1908 - ein nebenbei bemerkt verspäteter Nachzügler eines in der übrigen Region schon erfolgreich zu Ende geführten Arbeitskampfs - scheinbar so gut als Beleg für sozialistisch-revolutionäres Italienertum anbietet, war in Wirklichkeit, wie die örtlichen Genossen unter anderem 1904 einmal freimütig eingestanden, das Stiefkind der Vorarlberger Sozialdemokratie.

"Daß Bludenz immer ein Schmerzenskind Vorarlbergs war, ist leider Tatsache, wer aber die hiesigen Verhältnisse kennt und in denselben zu leben gezwungen ist, der weiß, wie schwer es fällt und wieviel Mühe und Ausdauer es kostet, um nur zollbreit vorwärts zu kommen. Die berüchtigte österreichische Denkfaulheit scheint sich in der hiesigen Arbeiterschaft zu verkörpern" (119).

Am Ende des Textes gaben die Genossen für die Ineffizienz der Bludenzer Ortsgruppe als Ursache bekannt: "Der weitaus größte Teil der arbeitenden Bevölkerung besteht aus Italienern, unter denen sich eben gar nichts rührt" (120).

Aus einem anläßlich der Landtagswahlen von 1909 erstellten internen Parteibericht geht hervor, daß nicht nur die Stadt Bludenz selbst, sondern der gesamte Bezirk einschließlich der Italienerhochburgen Bürs, Thüringen und Nenzing "noch fast ohne Organisation (war), außer den Eisenbahnern" (121), die bekanntlich nur eine Minderheit von italienischen Kollegen in ihren Reihen zählten. Sieben Jahre später kam ein auf Landesleitungsebene erstellter Bericht zu exakt derselben Analyse: Ohne Eisenbahner wäre die sozialistische Partei de facto inexistent gewesen (122).

Es ist hier nicht der Platz und auch nicht die Notwendigkeit, für alle Städte und Gemeinden des Landes nachzuweisen, daß die These einer auf Dauer relevanten oder gar dominanten italienischen Organisation innerhalb der Vorarlberger Gesamtpartei nicht haltbar ist. Dies wird unter Berücksichtigung der graduellen und strukturellen Unterschiede der einzelnen Ortsgruppen an anderer Stelle ausführlich geschehen.

Mit den vorangegangenen Aussagen soll nun jedoch nicht unterstellt werden, daß es von seiten der Partei keine Versuche gab, den Durchbruch zu einer kräftigen Italienerorganisation zu erreichen. In den Jahren 1899/1900 und 1907/08 wurden unter beträchtlicher materieller und ideeller Mithilfe der italienischen Parteiorganisation des Trentino zwei große Initiativen in die Wege geleitet. In beiden Fällen erwiesen sich die anfänglichen überraschenden Erfolge jedoch als Strohfeuer.

Die erste "Italieneroffensive" begann im Spätherbst 1898 in Dornbirn. Ende des Jahres reichten Giorgio Fanton und Josef Begnini als Proponenten bei der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch die Statuten für eine "Società Italiana Lavoratori e Lavoratrici di Dornbirn" ein (123). Die Satzungen waren jenen der Arbeiterbildungsvereine nachempfunden und wiesen die Società als sozialdemokratischen Verein aus. Mit Datum 16. Dezember 1898 wurde die Società von der Statthalterei Innsbruck erlaubt (124). "In Dornbirn hat sich ein italienischer Arbeiter- und Arbeiterinnenverein gebildet", kommentierte das "Volksblatt" etwas verängstigt, "dessen Statuten von der k. k. Statthalterei genehmigt worden sind. Die dortigen Socialdemokraten setzen große Hoffnung auf dies ihre neueste Errungenschaft. Wenn sie nur keine schlimmen Folgen zeitigt!" (125).

Einige Monate später erfolgten gleichartige Gründungen italienischer Arbeitervereine in Feldkirch, Bludenz und Bregenz, die zunächst alle starken Zulauf verzeichneten. Ende Mai, Anfang Juni wurde eine erste gemischtsprachige Agitationstour durch Vorarlberg unternommen, bei der Abrahm aus Innsbruck zu den Deutschen und Costanzi aus Trient zu den Italienern sprach (126). Es folgte eine Zeit hektischer Aktivitäten mit Versammlungen, Ausflügen und Vereinsgründungen (127), von denen - so hat man den Eindruck - die bestehende deutsche Organisation fast etwas überfordert war. Als kleines Detail am Rande sei zum Beispiel erwähnt, daß die Parteidruckerei Feuerstein in Dornbirn beim ersten italienischsprachigen politischen Plakat, das in Vorarlberg gedruckt wurde, offensichtlich mit der ungewohnten Sprache noch Schwierigkeiten hatte. "Feuerstein wird entschuldigen", ätzte das gegnerische "Volksblatt", "wenn wir sein nell' Arlbergo mit im Gasthaus übersetzen" (128).

Solche Schönheitsfehler konnten natürlich der allgemeinen Hochstimmung unter den sich organisierenden Italienern und Italienerinnen keinen Abbruch tun. Und um eine Art Euphorie dürfte es sich damals tatsächlich gehandelt haben. So zogen beispielsweise am 24. Juli 1899 etwa 80 italienische Arbeiter und Arbeiterinnen singend und scherzend unter der roten Fahne durch Bregenz, lagerten in den Seeanlagen, machten ein Gruppenfoto und ließen sich anschließend im Garten des Bregenzer Parteilokals "Bavaria" zu einem Fest nieder. Es handelte sich bei dieser Personengruppe um die Dornbirner Società, die gleichsam in animatorischer Weise der im Entstehen begriffenen Bregenzer Schwesterorganisation unter die Arme griff. Gegen soviel südländische Ausgelassenheit, ja "Unverfrorenheit", die sich im übrigen in dieser fast happeningartigen Form nie mehr wiederholte, glaubten die Christlichsozialen von Bregenz energisch Einspruch erheben zu müssen. In ihrem Sprachrohr war zu lesen:

"Wir protestieren hiermit gegen dieses Vorgehen in unserer Stadt und erwarten sicher, es werde in Zukunft Vorsorge getroffen, daß die italienischen Arbeiter, welche uns die echtdeutschen Fabrikanten in's Land gebracht, nicht so ohne weiteres Versammlungen halten, worin gehetzt und geschürt wird" (129).

Bis Ende 1900 wuchsen die italienischen Arbeitervereine in den vier Städten des Landes äußerst schnell und erreichten einen Höchststand von 195 männlichen und 15 weiblichen Mitgliedern (130). Davon entfielen auf die Dornbirner Società etwa 70 Personen. Die Italiener in der SDAP Vorarlbergs waren damit kurzfristig zu einem wichtigen quantitativen Faktor in der Partei geworden.

So glänzend sich der Aufstieg der zu starkem Spontanismus neigenden italienischen Vereine gestaltet hatte, so jämmerlich brachen die Organisationen in der Folge wieder zusammen, was für die Sozialdemokraten "in Anbetracht des Umstandes, daß die Zahl der italienischen Arbeiter in Vorarlberg stetig (zunahm), sehr zu bedauern" war (131). Ein unbefangener Gewährsmann, Romeo Solki, der um die Jahrhundertwende die italienischen Arbeitseinwanderer in Wien politisch zu schulen trachtete, beschrieb die Hauptschwierigkeit einer kontinuierlichen Organisationsarbeit folgendermaßen:

"Der italienische Arbeiter (ist) begeisterungsfähig, aber gerade deshalb unbeständig. Man muß immer seine Thätigkeit und seinen Enthusiasmus neuen Unternehmungen zulenken. Dasselbe ist nothwendig, um unter immer neuen Formen das Gefühl der Zusammengehörigkeit wach zu erhalten, bis es zur Gewohnheit geworden ist. Nach dem Vortrage muß man übergehen zu Ausflügen, zu Festen, Bällen, Gesangsvorträgen, zum Unterricht, zu speciellen Unternehmungen" (132).

Studiert man die zeitgenössische Presse im Lande, gewinnt man den sicheren Eindruck, daß nicht nur die einfachen Mitglieder, sondern auch die politischen Kader nach 1900 vielfach wieder in die "sprichwörtlich gewordene trentinische Teilnahmslosigkeit" verfielen (133). "Es ist dies schon die dritte angekündigte italienische Versammlung", klagte ein Harder Sozialist im Juni 1900, "und stets ist der Referent nicht erschienen, auf eine solche Agitation können wir getrost verzichten, da werden ja die Leute vor den Kopf gestoßen" (134).

Gleich den anderen Ortsgruppen verfiel auch die von Dornbirn in eine "lungo letargo" (135), die von der christlichen Arbeiterbewegung genützt wurde, um Terrain in den italienischen Kolonien - namentlich unter deren weiblichen Mitgliedern - gut zu machen. Die eingesessenen Dornbirner Sozialisten forderten daraufhin ihre "schlafenden" italienischen Parteigenossen ebenso vehement wie erfolglos auf, "sich die Zipfelmütze vom Kopfe herunter(zu)ziehen" (136). Selbst die üblicherweise geliebten Feste fanden in jenen Jahren wenig Resonanz in der italienischen Kolonie Dornbirns. So war auch dem sonst gutbesuchten jährlichen Weinlesefest der sozialistischen Italiener 1904 ein Mißerfolg beschieden, den man auf den Einfluß der Christlichsozialen bzw. der Kirche zurückführte. "Schließlich wundert uns dies auch nicht", verlauteten die Sozialisten, "wenn wir erfahren, daß in der Kapuzinerkirche die italienische Bevölkerung von der Kanzlei herab aufgefordert wurde, das Fest nicht zu besuchen und zu Hause lieber ein Vaterunser für die armen Seelen zu beten" (137).

Daß die hier kurz skizzierten Strukturen in den italienischen sozialistischen Arbeitervereinen dem Unmut unter den nichtitalienischen Genossen und Genossinnen immer wieder neue Nahrung gaben, scheint offensichtlich. Schon die Funktion der Zuwanderer als Lohndrücker schürte Aversionen in Kreisen der übrigen Arbeiterschaft, auch in deren sozialdemokratisch organisierten und damit zumindest auf dem Papier internationalistisch eingestellten Teilen. Die Einschätzung, "die welschen Arbeiter werden hauptsächlich deshalb den deutschen vorgezogen, weil sie billiger arbeiten und sich mehr schuhriegeln lassen" (138), wurde um die Jahrhundertwende zum gängigen Stereotyp.

Zu dieser aus der Beschäftigungspolitik der Vorarlberger Fabrikanten resultierenden latenten Aversion gesellte sich unter den Parteigängern ein Mißbehagen über den "welschen Spontanismus". Nicht selten erschwerten nach Ansicht der andersnationalen Genossen (verbal) radikale Italiener die ohnehin schwere Parteiarbeit. "Die Italiener", berichtete die "Volkszeitung" anläßlich der Maifeiern von 1904, "vertraten ihre Forderungen mit (dem) ihnen eigenen Temperament und es war dem Vorsitzenden schwer, die Versammlung zwischen der Lebhaftigkeit des Redners und der Empfindlichkeit des Regierungsvertreters durchzulanzieren, doch es gelang" (139).

Aus offiziellen Stellungnahmen der Vorarlberger Sozialisten können bestenfalls zwischen den Zeilen Hinweise auf ein nicht ganz reibungsloses Zusammenarbeiten der einzelnen Volksgruppen in der Organisation herausgelesen werden. Parteiintern hingegen nahm man sich weniger ein Blatt vor den Mund. So schrieb Hermann Leibfried 1905 an die Wiener Zentrale, daß man nun daran gehen wolle, die Italiener zu "germanisieren", d.h. sie im Sinne der deutschen Mehrheit zu disziplinieren (140).

Paolo Cinanni hat darauf hingewiesen, daß Arbeiterparteien in Einwanderungsländern dazu neigen, den eingewanderten Arbeitern autonome und spezifische Organisationsformen zu verweigern. "Auf politischer Ebene tun diese Parteien so, als könnten nur sie eine authentische Interpretation aller Ereignisse liefern, deshalb verlangen sie von den militanten Einwanderern nur Gehorsam und Zustimmung zu allem, was sie tun. In solchen Fällen ist die Instrumentalisierung der eingewanderten Arbeiter ganz offensichtlich" (141).

Daß es in Vorarlberg zumindest den Versuch einer derartigen Instrumentalisierung gegeben hat, kann als erwiesen angenommen werden. Die betroffenen Italiener reagierten auf ihre Art: Sie zogen sich aus der sozialdemokratischen Partei zurück und führten ihre Kämpfe vielfach ohne Anleitung der Organisation. Von 88 in Vorarlberg zwischen 1890 und 1914 bislang nachgewiesenen Ausständen fanden 38 unter maßgeblicher Beteiligung italienischer Arbeiter und Arbeiterinnen statt. Kein einziger dieser Arbeitskämpfe hielt sich an das strenge Regulativ der Gewerkschaftskommissionen. In der Mehrzahl der Fälle führten die Arbeiter und Arbeiterinnen diese wilden, manchmal nur wenige Stunden dauernden Streiks autonom. Ein kleinerer Rest der Ausstände wurde - getragen von dem Bemühen, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen - von Partei und Gewerkschaft nach deren Ausbruch "legitimiert".

Mit der Gesundung der Gesamtpartei nach 1906 und der Anstellung eines neuen Sekretärs setzte "dopo una lunga pausa" (142) eine zweite Offensive der SDAP zur Gewinnung der italienischen Zuwanderer in Vorarlberg ein. Auf einer italienischen Vertrauensmännerkonferenz im Dornbirner Parteilokal wurde am 13. Oktober 1907 zum ersten Mal offiziell über die Anstellung eines italienischen Sekretärs verhandelt (143). Nach der am 29. März 1908 am selben Ort stattgefundenen italienischen Landeskonferenz teilte die "Volkszeitung" ihren Lesern "gerne mit, daß die italienischen Genossen mit dem bis heute herrschenden Schlendrian gebrochen haben... Sogar an die Anstellung eines italienischen Sekretärs wurde geschritten und Genosse Gasperini für dieses Amt berufen" (144).

War im Verlauf der ersten "Italieneroffensive" um 1900 Bludenz die führende Rolle zugefallen, so bildete sich nun als Zentrum der Agitation Dornbirn heraus, wo sich der neue Sekretär niederließ. Gasperini begann seine Tätigkeit mit bewundernswertem Elan: Im Jahre 1908 referierte er in über 100 Versammlungen und brachte 81.000 Flugblätter und Broschüren in Umlauf (145). Zudem organisierte er Agitationstouren mit den Arbeiterführern und -führerinnen Flor, Lippa, Piscel und Balabanoff (146).

Trotz eifrigen Bemühens blieben die Erfolge hinter den Erwartungen des Sekretärs weit zurück. Auf einem Parteikongreß in Trient im Herbst 1908 machte er seinem Ärger und seiner Frustration Luft, indem er seinen mäßigen Erfolg dem überdurchschnittlichen Alkoholgenusse seiner Landsleute zuschrieb. Diese nicht ganz aus der Luft gegriffene, aber taktisch höchst unkluge Äußerung weckte heftige Emotionen und kostete Gasperini viele Sympathien in den Kreisen der Zuwanderer (147). Gasperini selbst verlor im Laufe des nächsten halben Jahres, zermürbt durch eine versuchte Ausweisung (148) und zahlreiche andere polizeiliche Schikanen, zunehmend das Interesse an der italienischen Sektion in Vorarlberg. Er quittierte im Sommer des Jahres 1909 seinen Dienst und floh - so das christlichsoziale "Arbeiterblatt" - wegen einer noch ausstehenden Arreststrafe aus Vorarlberg (149). Zu seinem Nachfolger wurde ein slowenischer Genosse namens Milost bestellt, der während der folgenden Monate mit geringem Erfolg die Italieneragitation im Lande leitete (150). Am 1. November desselben Jahres kam das endgültige Aus für das Italienersekretariat (151).

Von der neuerlichen schweren Niederlage der italienischen Organisation im Lande blieb auch die Ortsgruppe Dornbirn nicht verschont. Am 13. Juli 1909 wurde der Bezirkshauptmannschaft Feldkirch durch Enrico Berti, den Anführer einer Minderheitenfraktion der Società, bekanntgegeben, daß der Verein nicht mehr existiere. Gleichzeitig schickte er die widerrechtlich in seinem Besitze gehaltenen Vereinsbücher an die Behörde (152).

Den politischen Hintergrund für diese Aktion bildete der damals seinem Höhepunkt zustrebende Konflikt mit den Anarchosyndikalisten und Separatisten innerhalb der italienischen Sozialdemokratie Vorarlbergs (153). Die Bezirkshauptmannschaft ließ in der Folge nach verschiedenen Funktionären der Società forschen, um die Vereinsauflösung ordnungsgemäß über die Bühne zu bringen. Die Suche nach ehemaligen Kaderleuten erwies sich jedoch als recht schwierig, da die wichtigsten von ihnen aus Dornbirn weggezogen waren. Es mutet geradezu komisch an, wie hilflos die in formalen Belangen fast überkorrekte Behörde dieser chaotischen Selbstauflösung gegenüberstand. Die mehrmonatigen Ermittlungen schloß letztlich ein Brief eines gewissen Fortinato Perezzoli mit der offiziellen Auflösungserklärung ab. Das Schreiben war allerdings, wie ein Handschriftenvergleich unzweifelhaft belegt, von Hermann Leibfried verfaßt und auch unterschrieben worden. Offensichtlich wollte der Führer der Dornbirner Sozialisten dem traurigen "Funktionärsuchspiel" ein Ende setzen (154). Damit hatte auch formaljuristisch die italienische Ortsgruppe der Dornbirner SDAP aufgehört zu existieren. Die wenigen verbliebenen Mitglieder wurden fortan in die deutsche Organisation integriert.

 

Mitgliederstatistik und soziologisches Profil

 

Auf Grund der äußerst schlechten Quellenlage, die auf verschiedene Unbill wie Brandkatastrophen oder schlicht auf Desinteresse und Nachlässigkeit der damals Verantwortlichen zurückzuführen ist, läßt sich kein lückenloses Bild der Mitgliederbewegung der sozialdemokratischen politischen Organisation Dornbirns in der Monarchie zeichnen. Gesicherte Zahlen waren bislang nur für einige Stichdaten in den 1880er und 1890er Jahren sowie für 1916 zu finden. Für die Zeit von 1900 bis 1906 läßt sich zur Not ein annähernder Wert aus den an Reichsparteisteuer bezahlten Summen errechnen. Die entsprechenden Zahlen sind in der folgenden Zusammenstellung in Klammer angegeben.

 

Mitgliederbewegung des Arbeiterfortbildungsvereines bzw. der Ortsgruppe Dornbirn der SDAP
in den Jahren 1880 bis 1916
(155):

1880

44

1885

48

1890

72

1895

67

1899

35

1900

(95)

1901

(90)

1902

(65)

1903

(115)

1904

(35)

1905

(80)

1906

(100)

1916

70

 

Der durchschnittliche Mitgliederstand der Ortsgruppe Dornbirn betrug in den letzten drei Jahrzehnten der Monarchie rund 80 Personen. Abweichungen von diesem Normalwert zeigten vor allem die Jahre unmittelbar nach 1900, als es den örtlichen Sozialdemokraten gelang, verstärkt unter den Einheimischen Fuß zu fassen. Dieser Aufwärtstrend wurde dann Anfang 1904 jäh durch die an anderer Stelle beschriebene Pechota-Affäre gestoppt. Wie aus dem Protokoll des Salzburger Parteitages vom September desselben Jahres hervorgeht, schrumpften die Mitgliedsbeiträge seit Jänner zunächst auf die Hälfte zusammen und wurden in der Folge für einige Monate überhaupt verweigert (156).

Mit dem 1906 einsetzenden Neubeginn erreichten die Mitgliederzahlen dann wieder die alten Werte. Während des Krieges konnte Dornbirn im Unterschied zu anderen Ortsgruppen, die meist nur "weiter vegetierten" (157) oder überhaupt zusammenbrachen, seinen Mitgliederstand auf relativ hoher Stufe halten.

Ebenso schwer fällt es auf Grund der erwähnten schlechten Quellenlage, Erkenntnisse über die soziale Zusammensetzung der Dornbirner Sozialdemokraten zu gewinnen. Von 134 während der letzten zwei Jahrzehnte der Monarchie ansässigen Personen, bei denen eine vieljährige Mitgliedschaft in der Partei nachgewiesen und/oder deren besonderes politisches Engagement durch die Übernahme von wichtigen Funktionen in der sozialdemokratischen Bewegung deutlich ersichtlich ist, ließen sich aus einer Reihe von Quellen die Berufe eruieren. Das ermöglicht zwar keine vollständige Darstellung der Berufszugehörigkeit der gesamten Organisation über einen längeren Zeitraum; die relativ breite Datenbasis erlaubt jedoch zweifellos, bestimmte Tendenzen abzulesen. Von den 134 Personen arbeiteten als (158):

 

1.

Textilarbeiter

28

(20,9%)

2.

Textilvorarbeiter

2

(1,5%)

3.

Sticker

4

(3,0%)

 

Summe 1 - 3

34

(25,4%)

4.

Metallarbeiter

15

(11,2%)

5.

Schlosser-, Spengler-
u. Feilenhauergesellen


12


(9,0%)

6.

Schlossermeister

1

(0,7%)

 

Summe 4-6

28

(20,9%)

7.

Tischlergesellen

9

(6,7%)

8.

Tischlermeister

5

(3,7%)

 

Summe 7 - 8

14

(10,4%)

9.

Schneidergesellen

9

(6,7%)

10.

Schneidermeister

4

(3,0%)

 

Summe 9 - 10

13

(9,7%)

11.

Schuhmachergesellen

9

(6,7%)

12.

Schuhmachermeister

2

(1,5%)

 

Summe 11-12

11

(8,2%)

13.

Brauereiarbeiter

7

(5,2%)

14.

Heizer und Maschinisten

5

(3,7%)

15.

Maurer und Steinmetze

4

(3,0%)

16.

Eisenbahner

3

(2,2%)

17.

Straßenbahner

2

(1,5%)

18.

Schriftsetzer

2

(1,5%)

19.

Gastwirte

2

(1,5%)

20.

div. Berufe

9

(6,7%)

 

Gesamtsumme

134

 

 

Die Textilarbeiter - darunter sind angelernte Arbeiter und Arbeiterinnen der Baumwollindustrie wie Spinner, Weber, Textildrucker und dergleichen zu verstehen - stellten rund ein Fünftel der Mitglieder der Dornbirner SDAP. Angesichts der Dominanz dieses Industriezweiges - um 1900 waren 2600 Menschen in den einschlägigen Fabriken der Stadt beschäftigt - muß eine deutliche Unterrepräsentanz dieser Berufsgruppe festgestellt werden (159). Von 100 Dornbirner Textilarbeitern und -arbeiterinnen gehörten zwischen 1900 und 1914 im Durchschnitt lediglich drei der Freien Gewerkschaft an (160). Der Organisationsgrad dieser Berufsgruppe in der sozialistischen Partei lag in jedem Fall darunter und dürfte 1,5 bis 2 Prozent betragen haben.

Eine gänzlich entgegengesetzte Tendenz läßt sich bei den Arbeitern bzw. Handwerkern in den metallverarbeitenden Berufen feststellen. Neben einigen Schlossereien und Spenglereien, die den lokalen Markt versorgten, zwei aus Feilenhauereien hervorgegangen Spannstabfabrikationen, die beide jeweils etwa 10 Arbeiter beschäftigten, und einer Verzinkerei (161) war in Dornbirn nur ein einziger fabriksmäßiger Betrieb dieser Branche angesiedelt: die Turbinenfabrik J.G. Rüsch bzw. seit ihrer Fusion mit Ganahl im Jahre 1907 die Vereinigte Maschinenfabriken Rüsch-Ganahl Aktiengesellschaft (162). Dieses Unternehmen erreichte 1913 einen Höchststand von 220 Beschäftigten (163). Somit arbeitete im hier behandelten Zeitraum in der Metallindustrie einschließlich des Gewerbes rund ein Zehntel der in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiterschaft - die gewerbsmäßige und hausindustrielle Stickerei gar nicht mit eingerechnet. Aus der Gruppe der Metallarbeiter rekrutierte sich jedoch fast dieselbe Anzahl sozialdemokratischer Parteigänger wie aus der zehnmal größeren Textilarbeiterschaft.

Bislang vernachlässigte bis negierte die Vorarlberger Zeitgeschichtsschreibung mit beeindruckender Konsequenz jene Personengruppe, die bis über die Jahrhundertwende hinweg den Kern der sozialistischen Arbeiterbewegung im Lande bildete: die Handwerker. Sie stellten, wie aus der Datenzusammenstellung ersichtlich, mit über 40 Prozent den Löwenanteil der Dornbirner Mitglieder. Bereits Eduard P. Thompson hat in seinem inzwischen zum "Klassiker" der neueren Arbeiterbewegungsforschung gewordenen Werk "The Making of the English Working Class" (164) darauf hingewiesen, "daß die Arbeiterbewegung nicht aus einem homogenen Fabriksproletariat, sondern aus durchaus heterogenen Gruppen, wie Handwerkern, Landarbeitern, Webern, in Zünften integrierten oder aus diesen bereits ausgeschlossenen Gesellen usw. hervorgegangen ist" (165).

Noch anläßlich des 1. Mai 1905 konnte man in den Straßen Dornbirns beobachten, daß sich das "Hauptkontingent (der Feiernden; Anm. d. Verf.) aus kleingewerblichen Betrieben rekrutierte". Beim Umzug durch die Stadt wurden "vor verschiedenen Fabriken lebhafte Rufe laut, die Arbeit einzustellen" (166). Die Aufforderung der Handwerker an die Fabriksarbeiter, sich ihnen anzuschließen, verhallte zwar nicht ungehört - aber folgenlos (167).

 

 

Anmerkungen

 

1)        vgl. Oberkofler, Gerhard: Anfänge - Die Vorarlberger Arbeiterbewegung bis 1890. Vom Arbeiterbildungsverein zur Arbeiterpartei. In: Greussing, Kurt (Hg.): Im Prinzip: Hoffnung. Bregenz 1984, S. 39

2)        vgl. ebenda S. 48

3)        VL (Vorarlberger Landeszeitung) Nr. 72/1877

4)        VV (Vorarlberger Volksblatt) Nr. 48/1877

5)        VLA, BH Feldkirch, Sch (=Schachtel) 433, Zl (=Zahl) V 35

6)        vgl. GBlD Nr. 15/1878

7)        vgl. GBlD Nr. 20/1878

8)        vgl. GBlD Nr. 38/1878

9)        vgl. GBlD Nr. 45/1879

10)      vgl. VW Nr. 46/1910

11)      VV Nr. 105/1892

12)      vgl. Brief Ignaz Leimgrubers an das Reichsparteisekretariat vom 20. Dezember 1890, AVA, SD-Parteistellen Karton 99

13)      vgl. Der Arbeiterwille Nr. 9/1890

14)      VV Nr. 161/1893

15)      Landbote Nr. 16/1893

16)      Die erste sozialdemokratische Versammlung in diesem abgeschiedenen Tal fand am 17. März 1901 in Schruns statt; vgl. Volkszeitung Nr. 12/1901; eine erste Flugblattaktion im vordersten Teil des Montafons hatten Bludenzer Genossen per Fahrrad anlässlich der Reichsratswahlen 1897 duchgeführt; vgl. VV Nr. 8/1897

17)      Landbote Nr. 16/1893

18)      VV Nr. 139/1893

19)      vgl. Arbeiterblatt Nr. 26/1908; Deuring, Hermann: Prälat Dr. Karl Drexel. Dornbirn 1956, S. 105

20)      Brief Eduard Ertls an das Reichsparteisekretariat vom 11. Sept. 1906, AVA, SD-Parteistellen Karton 106

21)      VV Nr. 103/1893

22)      vgl. VV Nr. 163/1893

23)      vgl. Vorarlberger Volksfreund Nr. 5/1894; vgl. auch VLA, BH Feldkirch, Sch 436, Zl 269

24)      vgl. StAD, Albrichsche Chronik, Heft 13, S. 9

25)      vgl. Mittersteiner, Reinhard: Wachstum und Krise - Vorarlberger Arbeiterbewegung 1890-1918. In: Greussing (Anm. 1), S. 76

26)      VV Nr. 58/1894

27)      vgl. VV Nr. 161/1893, 44/1894, 50/1894, 183/1895, 7/1896; Vorarlberger Volksfreund Nr. 9/1894

28)      vgl. Vorarlberger Volksfreund Nr. 11/1894

29)      vgl. Beilage zum Vorarlberger Volksfreund Nr. 21/1894; VV Nr. 64/1895

30)      VV Nr. 160/1895

31)      Die Angabe Bilgeris, Leimgruber sei noch 1899 den Bregenzer Sozialdemokraten vorgestanden, beruht auf einer durch Namensgleichheit hervorgerufenen Mißinterpretation. Der Bregenzer Leimgruber nannte sich Sebastian und war von Beruf Bahnmagazineur. Vgl. Bilgeri, Benedikt: Bregenz. Geschichte der Stadt. Wien-München 1980, S. 514 und 732; Der Eisenbahner Nr. 32/1896, Der Eisenbahner Nr. 16/1899, Volkszeitung Nr. 41/1900

32)      vgl. VV Nr. 183/1895

33)      VV Nr. 89/1899

34)      Volkszeitung Nr. 133/1909

35)      ebenda

36)      vgl. Brief Johann Heines an das Reichsparteisekretariat vom 25. Februar 1899, AVA, SD-Parteistellen Karton 100

37)      Volkszeitung Nr. 34/1899

38)      ebenda

39)      Resolution der freigewerkschaftlich organisierten Dornbirner Holzarbeiter an den Grazer Parteitag der SDAP 1900, AVA, SD-Parteistellen Karton 102

40)      ebenda

41)      Leibfried wechselte per 1. Juni 1900 von der Buchdruckerei Teutsch in Bregenz zur Firma Kaiser und Höfle in Dornbirn. Vgl. Arbeitszeugnis der Buchdruckerei Teutsch in Bregenz vom 30. Juni 1900; mündliche Mitteilung von Frieda Leibfried, Dornbirn, 25. August 1984.

42)      vgl. Mittersteiner (Anm. 25), S. 80

43)      Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 3. Jänner 1904, AVA, SD-Parteistellen Karton 104

44)      vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich. Abgehalten in Salzburg vom 26. bis 29. September 1904. Wien 1904, S. 25

45)      vgl. Brief Franz Pechotas an das Reichsparteisekretariat vom 5. Jänner 1904, AVA, SD-Parteistellen Karton 104; Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 6. Jänner 1904, ebenda

46)      Landbote Nr. 16/1893

47)      Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 6. Jänner 1904, AVA, SD-Parteistellen Karton 104

48)      Brief Coloman Markarts an das Reichsparteisekretariat vom 15. Jänner 1904, AVA, SD-Parteistellen Karton 104

49)      Volkszeitung Nr. 9/1904

50)      vgl. VLA, BH Feldkirch, Sch 433, Zl V 35

51)      Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretatiat vom 26. Dezember 1905, AVA, SD-Parteistellen Karton 104

52)      Volkszeitung Nr. 8/1903

53)      vgl. VW Nr. 1/1911

54)      vgl. Volkszeitung Nr. 67/1906; vgl. auch Volkszeitung Nr. 19/1908 und Nr. 99/1909

55)      Berechnet nach VW Nr. 14/1910

56)      vgl. ebenda

57)      vgl. VV Nr. 27/1910, VW Nr. 12/1910

58)      Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 14. Februar 1910, AVA, SD-Parteistellen Karton 107

59)      VW Nr. 42/1918

60)      Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat Mitte März 1910 (Einlaufdatum Wien: 19. März 1910), AVA, SD-Parteistellen Karton 107

61)      vgl. Brief Leibfrieds (Anm. 58)

62)      vgl. VW Nr. 13/1910

63)      VW Nr. 21/1910

64)      vgl. VW Nr. 14/1910

65)      vgl. Volkszeitung Nr. 129/1909

66)      Volkszeitung Nr. 15/1906

67)      vgl. VW Nr. 14/1910

68)      vgl. Beilage zu VW Nr. 12/1910

69)      Volkszeitung Nr. 85/1909

70)      VW Nr. 21/1910

71)      Volkszeitung Nr. 24/1900

72)      ebenda

73)      vgl. VW Nr. 21/1910

74)      Brief Eduard Ertls an das Reichsparteisekretariat vom 29. August 1912, AVA, SD-Parteistellen Karton 109

75)      ebenda

76)      Durchschlag eines Briefes von Leopold Winarsky an Eduard Ertl vom 30. August 1912, AVA, SD-Parteistellen Karton 109

77)      vgl. VW Nr. 8/1911, 55/1911, 14/1912

78)      vgl. Bericht der k. k. Gewerbeinspektoren über ihre Amtstätigkeit im Jahr 1910. Wien 1911, S. 263

79)      VW Nr. 42/1910

80)      ebenda

81)      vgl. ebenda

82)      VW Nr. 35/1910

83)      vgl. Gewerbeinspektor 1910 (Anm. 76), S. 264

84)      ebenda

85)      VW Nr. 39/1910

86)      VW Nr. 49/1910

87)      Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 11. Oktober 1910, AVA, SD-Parteistellen Karton 107

88)      VW Nr. 39/1910

89)      VW Nr. 35/1910

90)      VW Nr. 32/1910

91)      VW Nr. 41/1910; vgl. auch Der Arbeiter Nr. 45/1910

92)      vgl. Die Berichte des Kreishauptmannes Ebner. Ein Zeitbild Vorarlbergs aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Bilgeri, Benedikt, Tiefenthaler, Meinrad (Hg.): Schriften zur Vorarlberger Landeskunde, Band 2. Dornbirn 1950, S. 52

93)      Herrburger & Rhomberg. In: Die Gross-Industrie Österreichs. Wien 1898, Band 4, S. 218

94)      vgl. Volkszeitung Nr. 5/1900

95)      Herrburger & Rhomberg (Anm. 93), S. 219

96)      vgl. Volkszeitung Nr. 7/1899, 5/1900, 19/1901, 47/1901, 49/1902, 9/1904, 20/1904, 6/1906, 21/1906, 32/1906, 12/1909; VW Nr. 44/1910, 51/1910, 2/1913, 27/1914; VV Nr. 137/1913, 140/1913, 148/1913; Der Textilarbeiter Nr. 29/1914, 11/1915

97)      VW Nr. 25/1913

98)      La Squilla Nr. 23/1908

99)      vgl. Special-Orts-Repertorium von Tirol und Vorarlberg. Bearbeitet auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1900. Wien 1907, S. 22

100)   vgl. Spezialortsrepertorium von Tirol und Vorarlberg. Bearbeitet auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung vom 31. Dezember 1910. Wien 1917, S. 6

101)   vgl. La Squilla Nr. 23/1908

102)   vgl. Sutterlütti, Robert: Italiener in Vorarlberg 1870 - 1914: Materielle Not und sozialer Widerstand. In: Greussing (Anm. 1), S. 134

103)   vgl. Bericht der k. k. Gewerbeinspektoren über ihre
Amtsthätigkeit im Jahre 1896. S. 145; VLA, BH Bludenz, Sch 180, Zl J 156/1898; Volkszeitung Nr. 20/1899, 21/1901

104)   vgl. Die Gewerkschaft 3/1899, 21/1901

105)   vgl. La Squilla Nr. 23/1908; Bonfanti, R.: Le operaie trentine negli opifici del Vorarlberg. In: Pro Cultura. Rivista bimestrale di studi trentini. V. Jahrgang, Band 1, Heft 1, Trient 1914

106)   La Squilla Nr. 23/1908

107)   Berechnet nach den Spezialortsrepertorien von 1885, 1893, 1907 und 1917 (Anm. 99, 100)

108)   Petsche-Rüsch, Dorle: Die Entwicklung der politischen Parteien Vorarlbergs von 1870 bis 1918. In: Montfort, 1960, Heft 1/2

109)   ebenda, S. 90

110)   vgl. VLA, BH Feldkirch, Sch 433, Zl V 35; Sch 432, Zl V 561; Die Gewerkschaft Nr. 2/1903, Nr. 18/1906; Volkszeitung 29/1906

111)   vgl. Der Arbeiter Nr. 42/1911

112)   Sutterlütti, Robert: Die italienische Arbeiterschaft in Vorarlberg in der Phase der zweiten Industrialisierung des Landes (1870-1918). Innsbruck 1981 (Hausarbeit in Geschichte), S. 175

113)   vgl. die Selbsteinschätzungen der italienischen sozialistischen Ortsgruppen in Vorarlberg in L' Avvenire del Lavoratore Nr. 10/1905, 11/1906, 35/1906,40/1906

114)   vgl. Ulmer, Ferdinand: Das Eindringen der Italiener in Vorarlberg. Eine historische Reminiszenz. In: Vorarlberger Wirtschafts- und Sozialstatistik II (1946), Band 1, S. 17

115)   vgl. VW Nr. 49/1918, Volkszeitung Nr. 58/1909

116)   vgl. Ortsrepertorium 1907 (Anm. 99), S. 10

117)   vgl. VV Nr. 282/1903

118)   VV Nr. 100/1909

119)   Volkszeitung Nr. 45/1904

120)   ebenda

121)   Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 13. April 1909, AVA, SD-Parteistellen Karton 106

122)   vgl. Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 2. Jänner 1916, AVA, SD- Parteistellen Karton 152, Mappe 1916

123)   vgl. VLA, BH Feldkirch, Sch 430, Zl 379/1898

124)   vgl. ebenda

125)   VV Nr. 293/1898

126)   vgl. Volkszeitung Nr. 18/1899

127)   vgl. VV Nr. 188/1898, 130/1899, 145/1899, 168/1899, 205/1899, 108/1899; 210/1899, 137/1899, 137/1900; Volkszeitung Nr. 15/1899, 18/1899, 23/1899, 24/1900, 26/1900, 42/1900

128)   VV Nr. 145/1899

129)   VV Nr. 168/1899

130)   vgl. Protokoll über die Verhandlungen des Gesamtparteitages der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich. Abgehalten zu Wien vom 2. bis 6. November 1901. Wien 1901, S. 32

131)   Die Gewerkschaft Nr. 2/1902

132)   Die Gewerkschaft Nr. 3/1899

133)   Der Arbeitsnachweis Nr. 2/1907

134)   Volkszeitung Nr. 26/1900

135)   L' Avvenire del Lavoratore Nr. 36/1907

136)   Volkszeitung Nr. 40/1903

137)   Volkszeitung Nr. 44/1904

138)   Volkszeitung Nr. 40/1903

139)   Volkszeitung Nr. 20/1904

140)   vgl. Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 26. Dezember 1905. AVA, SD-Parteistellen Karton 104

141)   Cinanni, Paolo: Emigration und Imperialismus. München o.J. (1969), S. 37

142)   L' Avvenire del Lavoratore Nr. 38/1907

143)   vgl. L' Avvenire del Lavoratore Nr. 39/1907

144)   Volkszeitung Nr. 39/1908

145)   vgl. Die Gewerkschaft Nr. 6/1909

146)   vgl. La Squilla Nr. 18/1909, VV Nr. 75/1909, Volkszeitung 127/1907

147)   vgl. La Squilla Nr. 47/1908

148)   Scheuch und Sutterlütti nehmen fälschlicherweise an, daß Gasperini tatsächlich ausgewiesen wurde. Zwar wollte die Bezirkshauptmannschaft Feldkirch den "Italienersekretär" als "lästigen Ausländer" im April 1908 aus Vorarlberg hinauswerfen, scheiterte aber an dessen Rekurs an die Statthalterei Innsbruck; vgl. Scheuch, Manfred: Geschichte der Arbeiterschaft Vorarlbergs bis 1918. Feldkirch 1978 (2. Aufl.), S. 107; Sutterlütti (Anm. 102), S. 153; Volkszeitung Nr. 52/1908 und 56/1908; Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung Wien, Personenkartei, Mappe Gasperini

149)   vgl. Arbeiterblatt Nr. 37/1909

150)   vgl. ebenda

151)   vgl. Arbeiterblatt Nr. 43/1909

152)   vgl. VLA, BH Feldkirch, Sch 438, Zl V 379

153)   vgl. VW 46/1910, Volkszeitung 127/1907, Der Arbeiter 48/1911, VV 137/1912

154)   vgl. VLA, BH Feldkirch, Sch 438, Zl 379

155)   Zusammengestellt und errechnet aus: StAD, Albrichsche Chronik, Heft 13, S. 5; Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 21. Jänner 1916, AVA, SD-Parteistellen Karton 152, Mappe 1916; Verhandlungen des Parteitages der Deutschen Socialdemokratie Oesterreichs, abgehalten zu Graz vom 2. September bis einschließlich 6. September 1900. Wien 1900, S. 20 ff.; Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Oesterreich. Abgehalten in Aussig vom 15. bis 18. August 1902. Wien 1902, S. 24 ff.; Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Oesterreich. Abgehalten in Wien vom 20. September bis 4. Oktober 1907, Wien 1907, S. 26 ff.

156)   vgl. Parteitag der SDAP 1904 (Anm. 44), S. 25

157)   Brief Hermann Leibfrieds an das Reichsparteisekretariat vom 21. Jänner 1916, AVA, SD-Parteistellen Karton 152, Mappe 1916

158)   aus folgenden Quellen zusammengestellt: VLA, BH Feldkirch Sch 433, Zl V 35; Sch 436, Zl V 226, Zl V 248, Zl V 249; Sch 437, Zl V 349; Sch 438, Zl V 436; Sch 440, Zl V 596; BH Bludenz: Sch 437, Zl V 369; AVA, SD-Parteistellen: Karton 99 bis 113 und Karton 152 (diverse Briefe, ohne Zahl); Volkszeitung Nr. 7/1903; 32/1904; 40/1907; 10, 43, 44/1909; VW Nr. 3, 6, 7, 12, 14, 18, 20, 26, 33, 47, 52/1910; 36/1911; 7, 4, 8, 9, 14, 19, 23, 33, 46, 47, 48/1915; 1, 4, 5, 7, 21, 24, 29, 32/1916; 16, 22, 23, 28, 29, 30, 32, 35, 38/1917; Der Metallarbeiter Nr. 34/1897, 5/1902, 29/1906; Verbandsblatt der Brauer Nr. 2/1910; Arbeiterblatt Nr. 15/1908; Feldkircher Zeitung 65/1902; Interview mit Frieda Leibfried (Tochter Hermann Leibfrieds und Maria Leibfried-Brüstles), Dornbirn, 25. August und 2. September 1984; Interview mit Klara Lorenz (Tochter von Thomas Lorenz), Dornbirn, 28. Juni 1986; Vollständiges Adreß-Buch von Bregenz, Dornbirn, Feldkirch und Bludenz. Innsbruck 1904

159)   vgl. Die Gewerkschaft Nr. 2/1902

160)   berechnet aus: Union der Textilarbeiter. Berichte über die Tätigkeit in der 3. bis 6. Verwaltungsperiode. Wien 1907-1913

161)   vgl. Jahrbuch der Österreichischen Industrie. Wien 1914, Band 1, S. 467; Österreichisches-Reichs-Industrie-Adressbuch. Wien 1900, S. 190

162)   vgl. Statuten der "Vereinigten Maschinenfabriken Rüsch-Ganahl Aktiengesellschaft". Wien 1907

163)   vgl. VL Nr. 234/1913

164)   Thompson, Eduard P.: The Making of the English Working Class. Harmondsworth 1970

165)   Maderthaner, Wolfgang: Leben und Kämpfen auf dem Land. Die Metallarbeiter des Traisen- und Ybbstales von der Jahrhundertwende bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges. Eine Fallstudie. Diss., Wien 1980, S. 8

166)   Volkszeitung Nr. 18/1905

167)   vgl. ebenda