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Werner Bundschuh (2021): Wie lange lässt sich Vergangenheit bewältigen, indem man sie vergessen macht?

Rezension zum Buch von Severin Holzknecht über den deutsch-völkisch-nationalsozialistischen "Industriegeschichteschreiber" und "Tagblatt"- Redakteur Hans Nägele (1884–1973).

       

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Erschienen in: KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 6/2021, Juli/August 2021, S. 122–124.

Als deutsch-völkischer „Vorarlberger Tagblatt“-Chefredakteur, als fanatischer Publizist des „Alemannen-Mythos“ und NS-verharmlosender Firmenbücherschreiber prägte der Chemiker Hans Nägele die Medienlandschaft. Severin Holzknecht hat diesem „Heimatforscher“ eine Biographie gewidmet. Heute würde Nägele unter die Rubrik Fake News-Produzent fallen. Den historischen Faktencheck übersteht er nicht.

Die Frage im Buchtitel stellte Kurt Greussing 1973 in der „Neuen Vorarlberger Tageszeitung“ in Zusammenhang mit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Hohenems und er regte die Gründung eines Jüdischen Museums an. Dank der akribischen Forschungstätigkeit von Severin Holzknecht, heute Präsident des Vereins zur Förderung des jüdischen Museums, wissen wir nun, dass Nägele die Anregungen Greussings und die gestellte Frage mit Aufmerksamkeit verfolgt hat. Nicht ohne Grund: Der einstige Chefredakteur des völkisch-großdeutsch-nationalsozialistischen Vorarlberger Tagblattes versuchte nach 1945 als „Heimatforscher“ in seiner beschönigenden Industriegeschichtsschreibung Fabrikanten wie den Dornbirner Ehrenbürger Hermann Rhomberg und sich selbst von NS-Schuld zu exkulpieren. Der deutschnational-völkische Initiator des 1. Franz-Michael-Felder-Vereins (1910) wurde nach dem 2. Weltkrieg auch im klerikal-konservativen Lager hofiert. Er galt als Kenner der Textilindustrie und der Kultur Vorarlbergs. Wer heute zur Wirtschafts- und Unternehmergeschichte im einstigen Textilland Vorarlberg forscht, greift zum Teil immer noch auf Nägele Publikationen zurück. Sein Weltbild bleibt dabei oft unreflektiert.

Nägele hat ein immenses Werk hinterlassen. Nach eigener Zählung veröffentlichte er 20 Bücher, sieben Sammelbände und hunderte Aufsätze. Seit 2017 ist sein Nachlass in 45 Schachteln im Vorarlberger Landesarchiv einsehbar.

Glühender Großdeutscher, Nationalsozialist, Antisemit


Holzknechts Darstellungslinien sind: Nägele der glühende Großdeutsche und Nationalsozialist, der Antisemit, der Förderer völkischer Literatur, der Alemanno-Rassist, der Verharmloser der NS-Verbrechen. Diese Studie macht die politische Sozialisation Nägeles „im dritten Lager“ nach-vollziehbar: Von der Beeinflussung der deutschnationalen Professorenschaft an der Dornbirner Realschule über die Studienzeit in Wien, eingebunden in das Vereinswesen der „Südmark“ und den „Verein der Vorarlberger in Wien“ mit Theodor Hämmerle und Bertram Rhomberg. Alle Lebensstationen werden sehr detailreich – manchmal fast zu ausführlich – nachgezeichnet.

Nägele wurde in der Nachkriegsgesellschaft zum „Nestor der Vorarlberger Publizisten“. So wurde der „Haus- und Hofschreiber der Industriellen“ in einem ORF-Interview 1969 angesprochen. Vom Land erhielt er 1962 in „Würdigung seines schriftstellerischen Wirkens die Ehrengabe des Landes Vorarlberg“ und Landeshauptmann Kessler verlieh ihm das silberne Ehrenzeichen des Landes. Diese Fakten sind nicht neu: Im Geburtsjahr von Severin Holzknecht (1987) erschienen die „Dornbirner Statt-Geschichten“. Darin findet sich die erste kritische Analyse der „Blut- und Bodenideologie“ Nägeles. Sie blieb bis zu dieser Publikation die einzige ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm.

In der Einleitung stellt Holzknecht die Frage: „Wozu eine Studie zu Hans Nägele?“ Die folgenden 446 Seiten beantworten diese Frage. Die Studie ist unentbehrlich, um den publizistischen Brain-Trust, das Netzwerk der „Ehemaligen“, in seinen Verästelungen noch besser zu verstehen. In einem Punkt könnte der Historiker mit Nägele verglichen werden. Er ist unglaublich fleißig. Letztes Jahr legte er den Band „Verhasst, verfolgt, vernichtet. Die Roma und Sinti im Bodenseeraum im 20. Jahrhundert“ vor, im Jahr davor „No pasarán! Vorarlberg und der Spanische Bürgerkrieg“, 2018 „Heute gegen Probst, morgen gegen Rüthi! Zwei Bürgerinitiativen im Vergleich.“

Alle diese Werke zeichnen sich durch ein akribisches Aktenstudium und eine gute Lesbarkeit aus. Holzknecht ist also ein Historiker, im Gegensatz zum Porträtierten: Nägele war von Beruf Chemiker, historisches Arbeiten lag im fern, ihm ging es um die Verbreitung der deutsch/alemannisch-völkischen Ideologie und als gut bezahlter Propagandist um die Verharmlosung und Aus-klammerung der NS-Wirtschaftstäter. Natürlich war er zeit seines Lebens nicht in der Lage oder willens, seinen eigenen Anteil an der NS-Herrschaft zu reflektieren. Weil er sich publizistisch auch mit Gauleiter Hofer anlegte und auf die Eigenständigkeit eines alemannischen Gaus pochte, galt er als Alemannentümler gar als „Widerstandskämpfer“!

Teure Jubelschriften für Vorarlberger Unternehmen


Wie Nägele nach 1945 „gekauft“ wurde, zeigt Holzknecht anhand zahlreicher Beispiele auf. Sein Honorar – um das er erbittert kämpfte – war großzügig bemessen. Bis zu 20.000 S (ein gutes Jahresgehalt eines Facharbeiters) mussten für eine Jubelschrift berappt werden, auch wenn sie dann nicht erschienen ist:

"In Nägeles Nachlass finden sich mehrere firmengeschichtliche Manuskripte zu Unternehmen wie Doppelmayr in Wolfurt, Wilhelm Benger & Söhne in Bregenz, Benedikt Mäser in Dornbirn, der Taschentuchfabrik Böhler in Schwarzach oder auch dem Rohrbogenwerk Josef Erne in Schlins. Viele dieser Manuskripte wurden zwar nie gedruckt, Nägele wurde aber dennoch für seine Recherche und journalistische Arbeit entlohnt. Für sein Buch über die Firma Ganahl, an dem er fünf Monate gearbeitet hatte, verlangte er 1955 beispielsweise 15.000 Schilling. Für Arbeiten an längeren Broschüren zu den Unternehmen Sannwald, Benger und Mohrenbräu, an denen er jeweils zwei Monate gearbeitet hatte, erhielt er jeweils 6.000 Schilling.“

Auch die ÖVP hatte keine Berührungsängste mit dem Lohnschreiber. 1950 schlug Rudolf Hämmerle im Dornbirner Gemeinderat Nägele als Redakteur für das geplante Dornbirner Heimatbuch vor. Nur der sozialistische Stadtvertreter Stadler störte sich an der NS-Vergangenheit und am vorgeschlagenen Salär für Nägele.

Dass Nägele mit den Hämmerles und Rhombergs sehr eng verbunden war, ist bekannt. Dass Hermann Rhomberg Nägeles Privatbibliothek mit 4000 Büchern erwarb, dürfte allerdings Neuigkeitswert besitzen: Dafür erhielt Nägele insgesamt 163.800 S.

Viele Kapitel geben neue Einblicke. Der junge Chemiker nahm 1913 eine Stelle im Zarenreich an. Nach Kriegsbeginn wurde er interniert und landete unter Sabotageverdacht 1916
in Charkov vor Gericht. Mit Glück überlebte er die russischen Gefängnisse. Nach seiner Rückkehr hielt er als „Zeitzeuge“ Vorträge über den „Bolschewismus“.

Besonders wichtig ist die Darstellung von Nägeles Internierung nach 1945 im Anhaltelager Lochau. Der Briefverkehr mit seiner Gattin Grete zeigt die Larmoyanz und Uneinsichtigkeit, mit der Nägele und Co. auf die Zeit 1938 - 45 zurück schauten. Hier findet sich jene klassische Täter-Opfer-Umkehr, die zum vorherrschenden Narrativ in der Landesgeschichte wurde. Erst in den Achtzigerjahren begannen die „Maliner“ dieses verfälschte Geschichtsbild zu dekonstruieren.

Nägele war ein schwieriger Charakter: Er konnte missgünstig, nachtragend, streitsüchtig und widerborstig sein – letzteres auch gegenüber Gauleiter Hofer. Das Buch zeigt auch, wie stark die Eliten-Kontinuität im Lande war: Die Brüche 1918 - 1933/34 - 1938 - 1945 waren lange nicht so stark, wie vermutet werden könnte.

„…dass unter die Vergangenheit ein Strich gezogen werde“ 


Im Nachlass findet sich auch ein unveröffentlichtes Manuskript über NS-Landeshauptmann Anton Plankensteiner. Seine gerichtliche Verurteilung nach 1945 wird von Nägele „zum Martyrium“ hochstilisiert. In diesem Elaborat fordert er: „Im Mai 1970 werden 25 Jahre seit dem Ende des Nationalsozialistischen Reiches verstrichen sein. Es ist an der Zeit, dass unter die Vergangenheit ein Strich gezogen werde.“ Dieser Wunsch Nägeles ging nicht in Erfüllung.

Dass sich bei solch einer umfangreichen Arbeit auch einige wenige Fehler einschleichen, ist fast unvermeidlich. Auf S. 417 werden „VN-Chefredakteur Franz Ortner und Landesamtsdirektor Elmar Vonbank“ als Nachrufschreiber, die den Verstorbenen als „aufrechten und ehrlichen Mann charakterisierten“, „der zeitlebens loyal zu seiner Vorarlberger Heimat gestanden hätte“, angeführt. Elmar Vonbank (1921–2009) war Landesmuseumsdirektor, Elmar Grabherr – ein anderer „besessener Alemanne“ – Landesamtsdirektor. Eine Verwechslung, die zumindest ideologisch passt.

Holzknecht möchte mit diesem gut lesbaren und kenntnisreichen Buch den „fanatischen Alemannen“ Nägele wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit bringen. Möge dies gelingen! Denn wie die völkisch-deutschnationalen-schwabentümelnden-alemannorassistischen Überzeugungen Nägeles weit über seinen Tod hinauswirkten, sollte nicht vergessen werden.

Hans Nägele

Hans Nägele