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Harald Walser / Esther Martinet (2019): Widerstand an der Grenze. Die Zeugen Jehovas in Vorarlberg, 1933–1945

Ihre strikte Ablehnung jeder Gewaltanwendung im Allgemeinen und des Kriegsdienstes im Speziellen führte dazu, dass die "Bibelforscher" von den Nationalsozialisten besonders verfolgt wurden. Im Grenzgebiet Schweiz–Vorarlberg gab es einen regen Schmuggel religiöser Schriften, oft mit fatalen Folgen: KZ-Haft und sogar Hinrichtungen. Eine Erstfassung dieses Beitrags erfolgte aus Anlass der Ausstellung „Vergessene Opfer – Jehovas Zeugen unter dem Nazi-Regime“ im Waaghaus St. Gallen vom 30.04. bis zum 09.05.1999.

  

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Harald Walser und Esther Martinet

Widerstand an der Grenze

Die Zeugen Jehovas in Vorarlberg, 1933–1945

 

 

Überarbeitet erschienen als: Die Zeugen Jehovas in Vorarlberg, 1933-1945. In: Wanner, Gerhard (Hrsg.): Vorarlberg und Europa (= Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft 80). Feldkirch 2019, S. 215-235

 

Lange Zeit wurde die Geschichte der Zeugen Jehovas in der Zeit der Diktaturen kaum beachtet. Dabei waren ihr Mut und ihre Konsequenz herausragend, die Verfolgung insbesondere durch den NS-Staat dementsprechend brutal. Im kollektiven Gedächtnis aber fanden sie ebenso wenig Platz wie Sinti und Roma, Homosexuelle oder Deserteure.

Etwa 10.000 der insgesamt etwa 25.000 Bibelforscher*innen wurden inhaftiert, 2.000 kamen in ein Konzentrationslager, etwa 1.200 starben oder wurden hingerichtet – 250 davon wegen Kriegsdienstverweigerung. In den Frauen-Konzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück stellten die Zeuginnen Jehovas in den Vorkriegsjahren 1935 - 1939 eine der größten Häftlingsgruppen.[1]

In Österreich begann die Verfolgung der Zeugen Jehovas bereits lange vor der NS-Zeit. Nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 wurde die Unterdrückung brutaler, gleichzeitig aber organisierte sich der Widerstand konsequenter. 1937 gab es in Österreich offiziell 549 Zeugen, 445 von ihnen wurden in der NS-Zeit eingesperrt, mindestens 145 zum Tode verurteilt und hingerichtet oder in einem Konzentrationslager zu Tode gebracht.[2]

Noch vor einem Vierteljahrhundert hat sich der Verfasser erstmals mit der Geschichte dieser Glaubensgemeinschaft in Vorarlberg während der NS-Zeit auseinandergesetzt.[3] Damals gab es kaum Literatur zum Thema. Inzwischen gibt es sowohl für Deutschland als auch für Österreich und die Schweiz mehrere fundierte Publikationen.[4]


Verfolgung und Widerstand im Deutschen Reich

Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland im Januar 1933 gab es staatliche Repression: Die Verweigerung des Hitlergrußes und des Fahneneides, der Nicht-Beitritt in staatliche bzw. Partei-Organisationen, die Nichtteilnahme an Wahlen und NS-Volksabstimmungen sowie die Verweigerung des Kriegsdienstes führten zu Schikanen, Entlassungen und Verhaftungen. Zwischen April 1933 und Februar 1934 wurden die Bibelforscher-Vereinigungen, beginnend in Mecklenburg, nach und nach in allen deutschen Ländern verboten, ihre Büros und Druckereien beschlagnahmt.[5]

Die Magdeburger Zentrale der Glaubensgemeinschaft organisierte am 25. Juni 1933 in Berlin-Wilmersdorf gegen die staatliche Unterdrückung eine Großkundgebung, an der 7.000 Menschen teilnahmen. Erfolglos: Spätestens mit dem Basler Kongress der Zeugen Jehovas Anfang September 1934 erfolgten daher der Aufbau einer illegalen Organisation und die uneingeschränkte Wiederaufnahme und Intensivierung der Missions- und Propagandatätigkeit.

Das verschärfte auch die Repression: Ab Frühjahr 1936 wurde Anhängern der Vereinigung per Gerichtsbeschluss das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen, da sie diese „staatsfeindlich“ erzögen. In welchem Ausmaß dies geschehen ist, lässt sich bislang nicht exakt dokumentieren. Die Zeugen Jehovas selbst nennen 860 betroffene Kinder.[6]

Im Juni 1936 bildete die Gestapo ein Sonderkommando zur Verfolgung der Zeugen, wenig später kam es zu ersten Massenverhaftungen. Allein 17 Zeugen Jehovas starben bis Mitte 1937 bei Verhören und in Haft. Trotz der zunehmenden Unterdrückung gelang aber vorübergehend die Reorganisation, im Dezember 1936 und im Juni 1937 gab es groß angelegte Flugblattaktionen. Doch nach einer weiteren Verhaftungswelle im Herbst 1937 konnten die Zeugen Jehovas ihre Organisation nur noch in wenigen Regionen aufrechterhalten.

Ab dieser Zeit galten sie als „Rückfällige“ und waren in den Konzentrationslagern zunehmenden Schikanen ausgesetzt. Im KZ Dachau und später auch in Sachsenhausen wurden sie von den übrigen Insassen isoliert. Die Gestapo verfügte am 22. April 1937, dass Mitglieder der IBV „nach Beendigung der Strafhaft (...) unverzüglich in Schutzhaft zu nehmen“ seien. Im Frauen-KZ Moringen stieg daraufhin ihr Anteil von 17 Prozent im Juni auf vorübergehend 89 Prozent im Dezember 1937.[7] 1938 wurde in den Konzentrationslagern ein einheitlicher Farbcode für die einzelnen Häftlingsgruppen eingeführt, die Zeugen Jehovas erhielten den „lila Winkel“.


Verhalten im KZ

Es gibt sehr viele Belege dafür, wie mutig Menschen in den Konzentrationslagern ihrer Überzeugung gefolgt sind; das gilt übrigens nicht nur für religiöse Gruppen, sondern auch für Kommunisten und andere Mitglieder politischer Organisationen.[8]

Die Bibelforscher hatten unter den Häftlingen im Allgemeinen hohes Ansehen. Das zeigt schon der Titel des Standardwerkes von Hans Hesse: „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“. Er geht zurück auf den Ausspruch einer im Frauen-KZ Moringen inhaftierten Kommunistin.[9]

Zu den wohl eindrucksvollsten Widerstandsaktionen zählt eine kollektive Arbeitsniederlegung im Frauen-KZ Ravensbrück, die viele Zeuginnen Jehovas mit dem Leben bezahlten. Am 19. Dezember 1939 verweigerten nahezu sämtliche hier inhaftierte Bibelforscherinnen die ihnen zugewiesene Herstellung von Nähtaschen, die – wie sie zu Recht vermuteten – später als Patronentaschen Verwendung finden sollten. Sie nahmen lieber schwerste Strafen in Kauf, als „Arbeiten für den Krieg“ zu verrichten.[10]

Sogar die Missionstätigkeit ging im Lager weiter. Entsprechende Versuche gab es nicht nur bei Mithäftlingen, sondern in Einzelfällen sogar beim Aufsichtspersonal. Im KZ Esterwegen mussten die Zeugen daher zusätzlich zu ihrer Kennzeichnung noch eine deutlich sichtbare weiße Armbinde tragen, damit die Bewacher allfällige Missionierungsversuche sofort unterbinden konnten. Im KZ Neuengamme wurden missionierte Häftlinge in das „Entkrautungskommando“ eingeschleust: In den Entwässerungskanälen rutschten sie wie zufällig ins Wasser und wurden schnell getauft.[11]

Nicht immer hatten im Konzentrationslager inhaftierte Zeugen Jehovas so viel Glück wie die aus Wolfurt stammende Girlanta Böhler. Die am 22. Februar 1939 in Innsbruck von der Gestapo verhaftete Bibelforscherin war am 15. Juni 1939 ins Frauen-KZ Ravensbrück überführt worden. Ihre Glaubensgenossin Marianne Defner berichtete: „Schwester Girlanta Böhler war dort der Wachhundezwinger zur Betreuung zugeteilt. Eines Tages haben sich SS-Männer einen üblen Scherz mit ihr erlaubt; sie sagten zu Schwester Böhler, sie müsse sofort zum Lagerkommandanten gehen – der Eingang seines Hauses war durch zwei Bluthunde bewacht; normalerweise konnte kein Mensch hindurch kommen. Die SS-Männer sahen von der Nähe zu, wie es der Bibelforscherin nun ergehen würde, (doch) sie wurden enttäuscht. Schwester Böhler kam ohne Schwierigkeiten vor den Lagerkommandanten.“ Der ihr anhaftende Geruch anderer Hunde hatte sie offenbar geschützt. Für die SS-Männer hatte es ein unangenehmes Nachspiel. Girlanta Böhler überlebte das KZ und wurde 1945 in Ravensbrück befreit.[12]

Es gab auch immer wieder Solidarität zwischen sehr unterschiedlichen Häftlingsgruppen. So berichtet die Hamburger Kommunistin Charlotte Groß, dass sich die Zeuginnen im KZ Lichtenburg weigerten, eine „Führerrede“ anzuhören. Die Kommunistinnen wollten sie davon abhalten, weil das ja nichts bringe. Doch es nutzte nichts, die Zeuginnen wurden dazu gezwungen und zudem arg misshandelt – mit kaltem Wasser abgespritzt und geprügelt, die erkrankten Frauen durften nicht zum Arzt und erhielten zudem für zwei bis drei Tage kein Essen; außerdem gab es Post- und Schreibverbot. Kommunistische Mithäftlinge versorgten sie daraufhin mit Essen, obwohl sie die „Demonstration“ für unnötig hielten.[13]

Am 15. September 1939 wurde der 39-jährige August Dickmann auf dem Appellplatz des KZ Sachsenhausen wegen Wehrdienstverweigerung vor den Augen der angetretenen Mithäftlinge erschossen. Die SS, die ein Exempel statuieren wollte, erreichte damit aber das Gegenteil – zwei Zeugen, die bereits eine „Erklärung“ unterschrieben hatten, sich von ihrem Glauben abwenden zu wollen, zogen die Unterschrift wieder zurück.[14] Über den schrecklichen Tod mehrerer Zeugen nach dem Besuch einer Musterungskommission im Februar 1940 im KZ Mauthausen berichtet der Häftling Erwin Gostner: Die Kriegsdienstverweigerer mussten so lange schwere Granitsteine auf ihren Schultern tragen, bis sie tot zusammenbrachen.[15]

Gegen Kriegsende verbesserte sich die Lage der Zeugen Jehovas, sie wurden zu begehrten Arbeitskräften, weil sie aus Glaubensgründen eine Flucht ablehnten. Somit konnte man sie auch außerhalb des Lagers an schwer zu überwachenden Arbeitsstellen einsetzen.[16]


Lage in Österreich

Schon seit den 20er-Jahren wurde der österreichische Zweig der Watch Tower Society von staatlichen Stellen massiv behindert. In der Zeit des Austrofaschismus zwischen 1933 und 1938 wurde das intensiviert. Ein interner SD-Bericht aus dem Jahre 1939 spricht für diese Zeit von einer engen Kooperation zwischen „der damaligen Systemregierung (und der) römisch-katholische(n) Kirche gegen die IBV“.[17]

Wie in Deutschland wurden die religiösen Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas zuerst auf regionaler Ebene und schließlich im Februar 1936 nach einem längeren Rechtsstreit landesweit verboten.[18]

Die Repression im austrofaschistischen Österreich war im Vergleich zum NS-Staat aber eher „milde“, zudem war die frühe Illegalität eine gute Vorbereitung auf die Zeit nach dem „Anschluss“. Das gilt insbesondere für den Kontakt zum Zentraleuropäischen Büro der Zeugen Jehovas in Bern, der nicht zuletzt für den Druckschriftenschmuggel von der Schweiz nach Österreich zentrale Bedeutung hatte. Diese Tätigkeit scheint erfolgreich gewesen zu sein: Über 200 österreichische Zeugen Jehovas sollen Ende August 1937 in Prag an einem internationalen Kongress teilgenommen haben.[19]


Drehscheibe Vorarlberg

Aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen herrschte in Vorarlberg bereits seit den 20er-Jahren ein reger Schriftenverkehr und persönlicher Austausch mit der Ostschweiz. Die Zeugen Jehovas fuhren beispielsweise nach St. Gallen oder Rorschach, um sich dort das „Photo-Drama der Schöpfung“ anzusehen, eine audio-visuelle Vorführung der Schöpfungsgeschichte.[20]

Bis Anfang der 30er-Jahre gab es in Vorarlberg nur etwa 20 Bibelforscher – sie waren somit wie in ganz Österreich nur eine winzige Randgruppe. Ihre Missionstätigkeit war dadurch sehr erschwert. Häufig waren es katholische Geistliche, die den Behörden Hinweise auf umherziehende Bibelforscher gaben. Ludwig Cyranek (1907 - 1941)[21] und der Dornbirner Johann Brotzge (1899 - 1992)[22] beispielsweise wurden in der Zeit vor dem „Anschluss“ vom Pfarrer von Mellau angezeigt, weil sie im Bregenzerwald Schriften verkaufen wollten. Beide wurden daraufhin festgenommen und drei Tage inhaftiert. Brotzge wurde bis 1938 mehrfach eingesperrt.[23]

Johann Brotzge war illegaler „Leiter der Zeugen Jehovas“ in Dornbirn und beteiligte sich nicht nur aktiv am Schriftenschmuggel über die Grenze, sondern organisierte auch das Untergrundwerk in ganz Vorarlberg. Ihm zur Seite stand zeitweise Ludwig Cyranek, in Vorarlberg auch unter dem Decknamen „Ziereneck“ bekannt.

Cyranek war seit Mitte der 30er-Jahre eine der führenden Persönlichkeiten der Zeugen Jehovas in Deutschland und Österreich. Zwischen Frühjahr 1939 und seiner endgültigen Verhaftung ein Jahr darauf koordinierte er ein weitreichendes illegales Netzwerk, das sich von den Niederlanden über das Ruhrgebiet und den deutschen Südwesten bis in die damalige „Ostmark“ zog.[24] Der am 1. September 1907 in Herten/Westfalen geborene Cyranek hatte sich 1925 als Zeuge Jehovas in Gelsenkirchen taufen lassen. Ab Anfang 1927 arbeitete er bis Ende Oktober 1931 als Bürogehilfe in der Zentrale in Magdeburg, wo er auch Fritz Kotermann, Maschinist aus Mülheim an der Ruhr, und den Vorarlberger Wilhelm Krieg (1894 - 1970) kennenlernte. Zusammen wurden die drei als „Pioniere“ nach Ungarn und Jugoslawien gesandt, von wo sie 1936 gemeinsam nach Vorarlberg zurückkehrten: Fritz Kotermann (1900 - 1980) wohnte bei Josef Wegeler, dessen jüngere Schwester Irma er 1949 heiratete. Cyranek fand zusammen mit Wilhelm Krieg in dessen Elternhaus in Dornbirn Unterschlupf. Seine Tätigkeit in Vorarlberg zu dieser Zeit blieb der Gestapo offenbar verborgen. Das gegen ihn am 18. März 1941 ergangene Sondergerichtsurteil enthält dazu jedenfalls keine Hinweise.[25]

Schon während des ersten sechsmonatigen Aufenthalts in Vorarlberg arbeitete Cyranek eng mit Johann Brotzge zusammen und lernte durch ihn auch den Zeugen Hermann Mayer aus Rheineck kennen. Die damals gewonnenen Ortskenntnisse und konspirativen Erfahrungen kamen Cyranek später zugute, als er im Jahre 1936 für kurze Zeit von Deutschland aus nach Vorarlberg zurückkehrte, um erneut zusammen mit Brotzge und Kotermann die illegale Arbeit zu organisieren. Anfang September besuchte er – nach illegalem Grenzübertritt – den Kongress der Zeugen Jehovas in Luzern.[26]

Zurück in Deutschland setzte er seine Arbeit bis zu seiner erstmaligen Verhaftung am 5. November 1936 in Mannheim fort. Über seine Aufenthaltsorte gab er der Gestapo-Außenstelle in Mannheim damals folgendes zu Protokoll: „Wo ich war, sage ich nicht, denn ich habe die Verpflichtung von Gott, darüber zu schweigen. Die bei mir vorgefundenen Bezirksfahrkarten benutze ich zum Besuch von Glaubensgenossen. Wen ich besucht habe, sage ich (aber) nicht. Die Druckschrift, die bei mir vorgefunden wurde, habe ich (ebenfalls) von jemandem bekommen, dessen Namen ich nicht angebe.“[27] Wegen „illegaler Betätigung für die IBV“ wurde Cyranek durch Urteil des Schöffengerichts Siegburg am 9. April 1937 zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt, die er teilweise in einem Konzentrationslager im Emsland absitzen musste. Nach seiner Entlassung am 9. Oktober 1938 nahm er die Untergrundtätigkeit sofort wieder auf.


Schmuggeltätigkeit

Das Vorarlberger Rheintal war der Zeit der Diktaturen die ideale Drehscheibe für den Schmuggel religiöser Schriften: Einerseits durch die Grenznähe zur Schweiz, die im Raum Altach-Lustenau über den Alten Rhein teilweise sogar trockenen Fußes erreicht werden konnte, andererseits durch die direkte Zugverbindung nach Wien und nach Buchs oder St. Margrethen in die Schweiz. Der Schmuggel illegalen Materials erfolgte aber auch mit Auto, Fahrrad und sogar mit einem Personenschiff.

Bis 1938 wurden die Schriften meistens im „Gütle“ nahe der Rappenlochschlucht in Dornbirn übergeben.[28] Die Behörden bemerkten diesen regen Literaturtransfer nicht, da es damals nichts Ungewöhnliches war, wenn Fahrzeuge mit Schweizer Kennzeichen die Grenze passierten. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich trat dann eine völlig neue Situation ein. Die Nationalsozialisten bauten auf dem Zanzenberg oberhalb der Rappenlochschlucht eine Wohnsiedlung, die hauptsächlich für Angehörige der SS vorgesehen war. Das machte diese Gegend für die Übergabe von Schriften ungeeignet, zumal Dornbirn ja als „braunes Nest“ galt.[29]

Die Zeugen wichen in einen Auwald in der Nähe von Lustenau aus, das mit einer Holzbrücke über den Rhein mit Au in der Schweiz verbunden war. Hier wurde die Literatur umgeladen und danach im Haus von Josef Wegeler in Dornbirn in der Fischbachgasse 60 (heute Hausnummer 64) im Dachgebälk versteckt. Da Wegeler bei der Polizei als Bibelforscher bekannt war, wurde sein Haus in regelmäßigen Abständen durchsucht, riss dabei Fußböden auf, klopfte Wände nach Hohlräumen ab und inspizierte den Dachboden. Das Dachgebälk wurde offenbar nicht näher in Augenschein genommen, denn die Schriften wurden nie entdeckt.

Häufig benutzten die Zeugen Jehovas aus Rorschach das Fahrrad und tarnten ihre Schmuggeltätigkeit etwa als Ausflug ins Grüne. Hermann Sprenger und August Scherrer sowie der in der Schweiz wohnende Deutsche Karl Senft (1893 - 1967) fuhren in die Umgebung von Feldkirch, um in einem Waldstück Literatur zu verstecken. Das Schriftenmaterial wurde vergraben und dann von Vorarlberger Zeugen zur weiteren Verwendung nach Dornbirn gebracht. Außerdem lieferte Senft Schriften per Schiff von Rorschach über den Bodensee nach Lindau, von wo sie weiter nach Süddeutschland gebracht wurden. Senft konnte bis zum Ausbruch des Krieges die Grenze problemlos überschreiten, da er mit einer Schweizerin verheiratet war und als deutscher Staatsbürger und nicht weiter auffiel.[30]

Die Schriftenlager in der Schweiz, die für die verfolgten „Brüder“ im „Ausland“ – im Falle eines deutschen Einmarsches aber auch für den Eigenbedarf – bestimmt waren, wurden zu Tarnungszwecken auf verschiedene Personen und Orte verteilt. Karl Senft etwa hatte zwei Depots für die Literatur eingerichtet: das eine getarnt im Dachboden, das andere im Keller, unter einem Mostfass im Boden vergraben. Als Behältnis diente hier ein zweites Mostfass, das von oben geöffnet werden konnte. Anlässlich einer Hausdurchsuchung durch die St. Galler Kantonspolizei am 31. Juli 1940 wurde nur die persönliche Literatur der Familie beschlagnahmt[31], die verborgenen Lager wurden nie entdeckt.

Auf dem Bauernhof der Familie Kuhn in Staad in der Nähe des Flugplatzes Altenrhein befand sich ebenfalls deponiertes Schriftenmaterial. Die 1932 geborene Martha Steimann-Kuhn war damals noch ein Kind und erinnert sich: „Meine Eltern dachten sich als Verstecke den Hühnerstall und ein großes Mostfass in der Scheune aus. Diese zwei Verstecke erwiesen sich als gute Orte. Unsere Eltern haben uns Kindern nie verraten, wohin sich diese Literatur bewegte, damit wir nichts ausplaudern konnten.“ Unser Bauernhof lag nur wenige Kilometer von der deutsch-österreichischen Grenze entfernt. „Viele Bewohner von Staad hatten sich bereits ins Landesinnere begeben, weil sie Angst vor Hitlers Eindringen hatten. Selbst wir Zeugen Jehovas ließen Namen und Adressen aus unsern Karteien verschwinden, und wir tarnten uns mit Nummern statt Namen. Es war eine Zeit großen Misstrauens. Wer war Freund, und wer war Feind? Das war sehr schwer auszumachen. Überall klebte die Regierung Plakate an, mit der Mahnung: ‘Wer nicht schweigt, schadet der Heimat’.“ Die Armee ordnete während des Krieges an, „dass wegen der strategisch guten Lage eine Kompanie Soldaten auf unserem Hof stationiert werden sollte. (...) So durften wir und unsere Literatur ungewollt den besten Schutz der Schweizer Armee während des Zweiten Weltkrieges geniessen (...)“.[32]

Einerseits schmuggelten Schweizer Zeugen Jehovas biblische Literatur nach Österreich, andererseits holten ihre Vorarlberger Glaubensgeschwister diese auch direkt in der Schweiz ab. Auf Vorarlberger Seite waren am Schriftenschmuggel neben Josef Wegeler aktiv beteiligt dessen Frau Maria, der schon genannte Johann Brotzge, die Zeuginnen Lina Grabherr, Josefine Rümmele und Agatha Thaler sowie Cilla Luga und Engelbert Lenz.[33] Sie verteilten die Literatur anfänglich in ganz Vorarlberg mit dem Fahrrad. Mit der Zeit wurde es aufgrund von Verhaftungen aber immer schwieriger, eine Schriftenübergabe zu organisieren. Deshalb wählte man als möglichst unauffällige Kuriere Frauen aus, die die „Wachtturm“-Ausgaben aus der Schweiz über die Grenze bringen sollten. Von Lina Grabherr aus Dornbirn erzählt man, dass ihr einmal ein Zöllner nachrief: „A dicke Nudel bischt scho“, worauf sie zurückgab, „Mir isch des wurscht“. Niemandem fiel auf, dass sie auf ihrem vollschlanken Körper „Wachtturm“-Ausgaben trug.[34] Es ist anzunehmen, dass auf diese Weise noch bis 1942/43 vereinzelt Schriften über die Grenze gebracht wurden.

Johann Brotzge fuhr bis 1938 regelmäßig mit seinem Fahrrad zur Brasselmühle in der Gemeinde St. Margrethen. Dort wohnte der Zeuge Hermann Mayer, der wie Karl Senft deutscher Reichsangehöriger und mit der Schweizerin Anna Ritsch verheiratet war. Die Kantonspolizei St. Gallen sah in ihm einen „fanatischen Anhänger“ der Zeugen Jehovas.[35]

Von 1936 bis zu seiner Verhaftung im Mai 1939 reiste der damalige Leiter der Bibelforscher in Österreich, August Kraft (1886 - 1940)[36], mit großen Koffern und als Huthändler getarnt per Eisenbahn von Wien nach Bregenz, wo er Hans Hölterhoff (1894 - 1971) mit seinen beiden Söhnen Henoch (* 1921) und Rudi (* 1923) traf. Sie kamen von St. Gallen her mit dem Auto und übergaben Literatur, die vom Zentraleuropäischen Büro in Bern bereitgestellt wurde. Unter dem Auto waren Metallkisten montiert, die mit Büchern, Zeitschriften und Broschüren gefüllt und so ohne größere Probleme nach Österreich eingeschleust werden konnten.

Kraft stammte aus Ostpreußen und war Vertreter. Zu Beginn der NS-Zeit reorganisierte er die illegale Arbeit und die Schmuggeltätigkeit aus der Schweiz nach Vorarlberg. Im Anschluss an eine größere Zahl von Verhaftungen im April 1939 ging Kraft der Gestapo aber bereits am 25. Mai 1939 ins Netz. Er kam ins Polizeigefängnis Wien, wurde am 14. Juli 1939 ins Konzentrationslager Dachau und dann am 29. September 1939 zusammen mit 144 weiteren Bibelforschern nach Mauthausen überstellt, wo er an den unmenschlichen Haftbedingungen am 1. Februar 1940 verstarb.[37]

Die Verhaftung Krafts Ende Mai 1939 war ein Rückschlag für den Schmuggel religiöser Schriften aus der Schweiz. Der damals 15-jährige Rudi Hölterhoff erinnert sich an seinen letzten Besuch um diese Zeit in Bregenz: „Beim letzten Literaturschmuggel waren wie immer mein Bruder Henoch und ich dabei. Wir warteten mit unserem Vater wie üblich nahe der abgemachten Waldlichtung. August Kraft kam aber nicht, um die Literatur abzuholen. Nach einiger Zeit schickte mich mein Vater ins nächste Dorf, ich solle bei einem dort lebenden Zeugen Jehovas nachfragen, wo der ‚Bruder‘ bleibe, der die Literatur entgegennehmen soll. Als ich mich dem Hause näherte, sah ich gerade, wie der dort wohnhafte Zeuge von der Polizei abgeführt wurde. Ich rannte darauf zurück zur Waldlichtung und berichtete dies meinem Vater. So mussten wir unverrichteter Dinge zurückkehren.“[38]


Flucht vor den Nazis: Fritz Kotermann

Mit der Machtergreifung der Nazis in Österreich wurde die Tätigkeit der Zeugen Jehovas schwieriger und vor allem gefährlicher. Die Gestapo hatte das Grenzgebiet Vorarlberg-Schweiz besonders unter Kontrolle, da es sich für die Flucht gefährdeter Menschen in die neutrale Schweiz und den Schriftenschmuggel besonders gut eignete.

Es wurde bereits erwähnt, dass Johann Brotzge im Herbst 1938 wegen Fluchthilfe für einen Glaubensbruder angeklagt worden war. Obwohl das Verfahren damals mangels Beweisen eingestellt wurde, weiß man heute, dass er seinem Glaubensbruder aus gemeinsamen Vorarlberger Zeiten, dem im Dezember 1936 von Jugoslawien nach Österreich ausgewiesenen Fritz Kotermann, 1938 geholfen hat, über den Grenzposten Lustenau nach Au in die Schweiz zu fliehen.[39]

Am 28. März 1938 informierte die Kantonspolizei St. Gallen das Bezirksamt Rorschach, dass Kotermann mit einem Passierschein des städtischen Melde- und Passamts Dornbirn, gültig bis 31. März 1938, ausgestellt vom Gendarmerieposten-Kommando, am 27. März in Au/Rheintal in die Schweiz gekommen sei. Kotermann, der zunächst Aufnahme bei Hermann und Marie Sprenger in Rorschach fand, meldete sich auch rechtzeitig beim „Kontrollbureau“ der Gemeinde, wo er durch das Bezirksamt protokollarisch einvernommen wurde. Als Ergebnis teilte die Kantonspolizei St. Gallen am 4. April 1938 der Bundesanwaltschaft in Bern mit, dass es sich bei Kotermann um einen „Agenten der sogenannten Ernsten Bibelforscher handelt, die ihr Heimatland schon vor der Machtergreifung Hitlers verlassen haben“; die Angaben des Mannes seien insgesamt „mit Vorsicht aufzunehmen“.

Kotermann hatte per 29. März 1938 zu Protokoll gegeben, dass er von einem Schuster in Dornbirn wegen angeblich regimekritischer Äußerungen („Hitler sei ein Schuft und Mörder“) bei der NSDAP-Parteileitung in Dornbirn denunziert worden sei.[40] Der deutsche Konsul, an den ihn die Parteileitung verwiesen habe, habe ihm dann in Bregenz mitgeteilt, die Sache sei „schon der Gestapo übergeben“. Bereits am 15. Dezember 1937 hatte ihm das deutsche Konsulat in Innsbruck die Erneuerung seines abgelaufenen Reisepasses verweigert. Seine Schwester in Weilheim an der Ruhr, an die er sich wegen der Ausstellung eines Heimatscheines hilfesuchend gewandt hatte, habe ihm geschrieben, dass er in Deutschland von der Gestapo gesucht werde. Nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 sei damit die Flucht in die Schweiz als einzige Möglichkeit offengeblieben.

Die Bundesanwaltschaft in Bern, die vom Polizeikommando St. Gallen wegen der Grundsätzlichkeit des Falles hinzugezogen worden war, lehnte es in ihren Antwortschreiben vom 20. April und 31. Mai 1938 ab, Kotermann als politischen Flüchtling anzuerkennen und überließ ihn der „fremdenpolizeilichen Behandlung“: „Nach Prüfung der Aktenlage kommen wir zu der Auffassung, dass eine politische Verfolgung des Kotermann zu wenig glaubhaft gemacht ist“, lautete das Fazit ihrer Ermittlungen.[41] Dies bedeutete, dass es dem freien Ermessen der Polizei des Kantons St. Gallen überlassen blieb, Kotermann entweder eine befristete Toleranzbewilligung zu erteilen oder ihn über die Grenze ins Deutsche Reich abzuschieben, wo ihm langjährige Gefängnis- oder KZ-Haft und sogar die Todesstrafe als Kriegsdienstverweigerer drohten. Erst nach Hinterlegung einer Kaution von 5.000 Franken durch Hermann Sprenger erhielt Kotermann die gewünschte Toleranzbewilligung und durfte in der Schweiz bleiben.

Durch Bemühungen des Zentraleuropäischen Büros der Zeugen Jehovas in Bern wurde die Toleranzbewilligung schließlich immer wieder, zuletzt bis Oktober 1945, verlängert. Kotermann hielt sich bis Dezember 1938 illegal auf dem Bauernhof der Familie Kuhn in Staad am Bodensee versteckt, bis ihm im Januar 1939 nach Zahlung der erwähnten Kaution gestattet wurde, auf das Landgut Chanélaz bei Cortaillod im Kanton Neuenburg überzusiedeln, ein Flüchtlingsheim, das die Schweizer Zeugen Jehovas 1938 für ihre verfolgten Glaubensgenoss*innen eingerichtet hatten. Von Mai bis Dezember 1943 wurde der aus dem deutschen Staatsverband ausgebürgerte[42] Kotermann im Arbeitslager Bad Schauenburg bei Liestal dienstverpflichtet, im Januar 1945 brachte er einige Tage in einem Internierungslager in Locarno zu. Kotermann, der, wie erwähnt, nach dem Krieg die Vorarlbergerin Irma Wegeler heiratete, kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern blieb bis zu seinem Tod in Dornbirn wohnhaft.


Zerschlagung der illegalen Organisation

Sowohl die Ostschweizer als auch die Vorarlberger Bibelforscher hielten engen Kontakt zum Leiter des Widerstands in der „Ostmark“, dem Wiener Gemüsewarenhändler Peter Gölles (1891 - 1975).[43] Gölles und Ludwig Cyranek spielten in den ersten Jahren nach Kriegsbeginn nicht nur in Vorarlberg eine führende Rolle, sondern auch überregional. Cyranek avancierte in ganz West- und Südwestdeutschland zum führenden Kopf des illegalen Werkes der Zeugen Jehovas.

Gölles oblag unter anderem die Verwaltung der Spendengelder der IBV. Teile dieser Gelder und später auch Wertgegenstände wie Fotoapparate oder optische Geräte brachte er durch einen Mittelsmann über die Vorarlberger Grenze in das Büro in Bern. Einer der Beteiligten, der Kaufmann Ernst Bojanowsky, war allerdings ein Vertrauensmann der Gestapo und mitverantwortlich dafür, dass ein großer Teil der organisatorischen Strukturen der Zeugen in Österreich aufgedeckt wurde. Anschließend setzte er diese Tätigkeit im Großraum Berlin fort.[44]

In Vorarlberg und der Schweiz blieb die Spitzeltätigkeit Bojanowskys unter den Zeugen unentdeckt. Hermann (1885 - 1970) und Marie (1888 - 1961) Sprenger aus Rorschach fuhren im Auftrag von Gölles nach Bregenz, um solche Geräte entgegenzunehmen und im Gegenzug religiöse Druckschriften zu übergeben.

Als Gölles zusammen mit 44 weiteren Bibelforschern am 12. Juni 1940 verhaftet wurde, war die landesweite Organisation der Bibelforscher in der ganzen „Ostmark“ praktisch zerschlagen.[45] Auch die zentralen Figuren in Vorarlberg wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Wegen „Teilnahme an einer wehrfeindlichen Verbindung“ wurde vor dem Landgericht in Feldkirch am 6. September 1940 ein Verfahren gegen Johann Brotzge, Maria Wegeler, Martin Thaler und Josef Berndorfer eingeleitet. Brotzge war zuvor bereits wegen Fluchthilfe für einen Glaubensbruder im Herbst 1938 angeklagt worden, was ihm das Gericht aber nicht nachweisen konnte. Die Beschuldigten wurden zu vier beziehungsweise sechs Monaten Haft verurteilt. Ebenfalls im Jahre 1940 verhaftete die Gestapo weitere Mitglieder der Glaubensgemeinschaft: Josef Wegeler, Theresia Brotzge und Engelbert Lenz. Sie waren zwischen drei und acht Wochen in Haft.[46]


Ludwig Cyranek: zum Tode verurteilt

Fatal endete für Ludwig Cyranek der Einsatz für seinen Glauben. Schon im Oktober 1939 hatte er von Arthur Winkler (1898 – 1972) die Anweisung erhalten, sich um die Verhältnisse der Zeugen Jehovas in der „Ostmark“ zu kümmern. Winkler war einer der Hauptverantwortlichen des Untergrundwerkes in Deutschland und operierte über das Büro der Wachtturm-Gesellschaft in Holland.

August Kraft befand sich bereits seit Mai in Haft, die Organisation im ehemaligen Österreich lag brach. So fuhr Cyranek etwa Anfang November mit einem gefälschten Pass nach Wien und stellte dort den Glaubensbrüdern seine Erfahrungen für die Arbeit in der Illegalität zur Verfügung. Er beteiligte sich auch hier an der gefährlichen Aufgabe, den „Wachtturm“ zu vervielfältigen.[47]

Sein neuerlicher Aufenthalt führte ihn bald wieder nach Vorarlberg, wo er aber nur noch Wilhelm Krieg antraf. Für Fritz Kotermann war – wie schon erwähnt – der Boden zu heiß geworden, er musste schon kurz nach dem „Anschluss“ am 27. März 1938 in die Schweiz flüchten. Ein weiterer, wahrscheinlich letzter Besuch in der Schweiz wäre Cyranek fast zum Verhängnis geworden. Ob er Anweisungen vom Zentraleuropäischen Büro in Bern einholen oder persönlich Druckschriften in die „Ostmark“ schmuggeln wollte, ist unklar. Jedenfalls fiel sein dilettantisch gefälschter Pass auf, als er Ende Juli 1939 an einem Grenzübergang nahe von Altstätten in eine Personenkontrolle geriet. Bei der Befragung verwickelte er sich in Widersprüche, so dass ihm der deutsche Grenzbeamte für die Einreise nach Deutschland nur eine eintägige Aufenthaltsgenehmigung ausstellte. Mit diesem Vermerk war der Pass für ihn unbrauchbar geworden.[48]

Wenige Monate später, am 1. März 1940, wurde Ludwig Cyranek in Dresden festgenommen. Am 18. März 1941 fand der Strafprozess vor dem dortigen Sondergericht statt, das ihn zum Tode verurteilte.[49] Am 3. Juli 1941 wurde Cyranek in Dresden durch das Fallbeil hingerichtet. Das erregte in Vorarlberg erhebliches Aufsehen. Das Vorarlberger Tagblatt berichtete in seiner Ausgabe vom 21. März 1941 unter dem Titel „Bibelforscher als Saboteure des Luftschutzes – Leben und Gut des deutschen Volkes gefährdet – Todesstrafe für den Haupträdelsführer“ ausführlich über den Strafprozess und das Urteil. Auch die Schweizer Zeitung „Wächter am Rhein“ in St. Margrethen veröffentlichte am 22. März 1941 zu Cyraneks Verurteilung unter der Überschrift „Todesurteil gegen Ernsten Bibelforscher“ einen eigenen Bericht.[50] Beide Artikel deuten darauf hin, dass Cyraneks Tätigkeit im Untergrundwerk der Zeugen Jehovas in Vorarlberg bei der Hauptverhandlung in Dresden eine Rolle gespielt hat.


Opfer des Rassenwahns: Frieda Nagelberg

Das Schicksal von Frieda Nagelberg (1889-1942) aus Hohenems zeigt, dass der nationalsozialistische Vernichtungswahn gegenüber den Juden im Einzelfall auch Mitglieder anderer religiöser Minderheiten treffen konnte. Die aus Galizien stammende Frau war am 3. April 1930 vom damaligen Prediger der Siebenten-Tags-Adventisten in Vorarlberg, Pastor Mühlbacher, getauft worden. 1940 gab sie vor der Gestapo zu Protokoll, dass sie in dieser Glaubensgemeinschaft seit längerer Zeit nicht mehr aktiv mitgewirkt habe. Augenzeugen berichten, dass sich Frieda Nagelberg im Laufe der 30er-Jahre den Zeugen Jehovas zugewandt habe.[51]

Als im Frühsommer 1940, wie überall in Deutschland, die Vorbereitungen zur zentralen Erfassung und Zwangsumsiedlung der Juden in Angriff genommen wurden, protestierte Josef Wolfgang, der Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter von Hohenems, gegen die Zurückbehaltung von Frieda Nagelberg an ihrem Wohnort. Der Vorstand der jüdischen Kultusgemeinde, Theodor Elkan, der mit der organisatorisch-technischen Abwicklung der „Umsiedlung“ beauftragt war, hatte die als „Rassejüdin“ eingestufte Frau in die Aktion nicht mit einbezogen. Dass die frühere glaubensmäßige Jüdin inzwischen „einer anderen Glaubenssekte“ angehöre, wollte der Bürgermeister nicht gelten lassen. „Nachdem durch diese Umsiedlungsaktion nun alle anderen Juden aus Vorarlberg entfernt“ worden seien, teilte er dem Landrat in Feldkirch mit, „halte ich es für angezeigt, dass auch Frieda Nagelberg aus dem Lande entfernt wird, trotzdem sie im Versorgungsheim regelmäßig als Wäscherin schon seit Jahren verwendet wird und ihr Verhalten zu keinerlei Klagen Anstoß gibt. Ich bitte Sie zu veranlassen, dass auch Frieda Nagelberg den Auftrag zur Umsiedlung nach Wien erhält“.[52] Unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit wurde sie schließlich als so genannte „letzte Jüdin“ am 25. Februar 1942 nach Wien und kurze Zeit später in den Osten deportiert, von wo sie nicht mehr zurückkehrte. Letzte Hinweise zu ihrer Person datieren vom 9. April 1942 im „Durchgangslager“ Izbica/Polen, unweit vom Vernichtungslager Majdanek/Lublin entfernt.


Schlussbemerkung

Für die letzten Jahre der NS-Herrschaft sind kaum mehr Aktivitäten der Zeugen Jehovas überliefert. Zu viele waren von den Nazis inhaftiert oder gar ermordet worden, die illegale Organisation größtenteils zerschlagen.

Es ist erstaunlich, mit welchem Mut die wenigen Bibelforscher im Land im Zeitalter der beiden Diktaturen versucht haben, ihren Glauben zu verbreiten.

Wie auch immer man zu religiösen oder politischen Minderheiten stehen mag: Der Mut und die Konsequenz, die von Zeugen Jehovas in der Zeit an den Tag gelegt worden ist, ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, was Menschen in einem Unrechtsstaat zu leisten vermögen. Das verdient Anerkennung und großen Respekt.

 


Literaturverzeichnis

Aigner, Franz: Überblick über die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Österreich 1938-1945. In: DÖW (Hrsg.) 1998, S. 37-43

DÖW (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands) (Hrsg): Zeugen Jehovas. Vergessene Opfer des Nationalsozialismus? Wien 1998

Elling, Hanna: Frauen im deutschen Widerstand 1933-1945. Frankfurt a.M. 19864

Garbe, Detlef: Widerstand aus dem Glauben. Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland und Österreich unter nationalsozialistischer Herrschaft. In: DÖW (Hrsg) 1998, S. 11-19

Hacke, Gerald: Die Zeugen Jehovas im Dritten Reich und in der DDR. Wahrnehmung und Verfolgung der Zeugen Jehovas. Göttingen 2011

Harder, Jürgen / Hesse, Hans: Die Zeuginnen Jehovas im Frauen-KZ Moringen: ein Beitrag zum Widerstand von Frauen im Nationalsozialismus. In: Hesse 1998, S. 35-62

Maršálek, Hans: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. Wien 19802

Hesse, Hans: Einleitung. In: Hesse, Hans (Hrsg.): „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Bremen 1998, S. 9-13

Jehovas Zeugen Österreich (Hsg.): Die vergessenen Opfer der NS-Zeit. Standhaft trotz Verfolgung, Wien 1999

Lebensberichte von Zeugen Jehovas https://wol.jw.org/de/wol/d/r10/lp-x/1200273453

Martinet, Esther: Jehovas Zeugen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. In: Besier, Gerhard / Stoklosa, Katarzyna (Hrsg.): Jehovas Zeugen in Europa – Geschichte und Gegenwart. Band 3. Berlin 2018, Seite 571-702

Roser, Hubert: Widerstand und Verweigerung der Zeugen Jehovas im deutschen Südwesten. In: Roser, Hubert: Widerstand als Bekenntnis. Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg (Portraits des Widerstands Bd. 6). Konstanz 1999, S. 75-79

Schröder, Karl: Vom Leben und Sterben des Bibelforschers Ludwig Cyranek aus Adscheid, Gemeinde Hennef. Ein Beitrag zur Verfolgung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich. In: Die vierziger Jahre. Der Siegburger Raum zwischen Kriegsanfang und Währungsreform. Siegburg 1988

Tätigkeit der Zeugen Jehovas in der Neuzeit: Österreich. In: Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1989, S. 67-147

Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft Deutscher Zweig e.V. (Hrsg.), Jehovas Zeugen – Verkündiger des Königreiches Gottes, Selters/Ts. 1993

Walser, Harald: Die illegale NSDAP in Tirol und Vorarlberg 1933-1938. Wien/Zürich 1983

Walser, Harald: Die Zeugen Jehovas. In: Johann-August-Malin-Gesellschaft (Hrsg.): Von Herren und Menschen. Verfolgung und Widerstand in Vorarlberg. Bregenz 1985, S. 127 f.

 



[1]
Hesse 1998, S. 9.

[2] Zur Verfolgung der Zeugen Jehovas in Österreich siehe Aigner 1998 und DÖW 1998.

[3] Siehe Walser 1985, S. 127 f.

[4] Siehe zuletzt Martinet 2018, Seite 571-702; Siehe auch die im Internet abrufbaren Lebensberichte von Zeugen Jehovas https://wol.jw.org/de/wol/d/r10/lp-x/1200273453.

[5] Siehe Hesse 1998, S. 426.

[6] Angaben der Wachtturm-Gesellschaft, nach Garbe 1998, S. 208.

[7] Siehe Harder 1998, S. 44 und S. 56.

[8] Siehe dazu Maršálek 19802, S. 294-317.

[9] Zit. nach Harder / Hesse 1998, S. 35.

[10] Ebenda.

[11] Siehe Garbe 1998, S. 488 f..

[12] Lebensberichte von Zeugen Jehovas, Felix Deffner, Innsbruck, o.D. (Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien). Siehe auch die fälschliche Darstellung bei Jehovas Zeugen Österreich 1999, S. 44.

[13] Siehe Elling 19864, S. 104.

[14] Siehe Garbe 1998, S. 420-425..

[15]  Zit. nach Aigner 1998, S. 39..

[16] Siehe Garbe 1998, S. 17.

[17] Siehe Garbe 1998, S. 12 und SD-Unterabschnitt Oberdonau an den SD-Führer des SS-Oberabschnittes Donau in Wien, 15. Juni 1939 (Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien).

[18] Vorgang nach Unterlagen von Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien; vgl. auch Garbe 1998, S. 12.

[19] Über weiterbeförderte Schützlinge der Wachtturm-Gesellschaft, Bern, 20. Mai 1939 (Ebenda 1605: EFP, allgemein).

[20] Zum Hintergrund vgl. Wachtturm 1993, S. 56 f.

[21] Lebensberichte von Zeugen Jehovas, Ludwig Cyranek.

[22] Lebensberichte von Zeugen Jehovas, Johann Brotzge.

[23] Siehe Walser, Harald 1983, S. 128.

[24] Siehe Roser 1999, S. 75–79.

[25] Interview mit Ingrid Ruck-Kotermann, Gaißau, 24. April 2019 und mit Frieda Salzgeber-Krieg in Dornbirn, November 2000; StA Dresden Zuchthaus Waldheim, Nr. 5995/1: Gefangenenakte G. Franke.

[26] Siehe Schröder 1988, S. 36.

[27] Protokoll der Gestapo Mannheim vom 5. November 1936 (GLA 507/6582).

[28] Die folgenden Ausführungen beruhen großteils auf Recherchen, die Markus Hess, Ittigen/BE, für die Ausstellung in St. Gallen im Mai 1999 durchführte. Hierfür sind wir ihm zu großem Dank verpflichtet.

[29] Siehe Walser 1983, S. 59–62.

[30] Zur Person Senfts siehe auch seine sowie die (Wieder-)Einbürgerungsakten seiner Ehefrau Frieda (BA Bern E 4264 (-) EJPD, Polizeiabteilung u. Vorläufer, 1988/2, Bd. 273, P 29.929: K. Senft; ebenda, 1988/77, Bd. 64, W 13.853: F. Senft).

[31] Bericht der Polizei St. Gallen an das Polizeikommando des Kantons St. Gallen, 31. Juli 1940 (BA Bern E 5330 Eidgen. Militärdepartement, 1975/90, Bd. 98/40/11220).

[32] Mitteilung von Martha Steimann-Kuhn, Goldach, an Esther Martinet, November 2000.

[33] Zu ihrem Schicksal vgl. die Angaben bei Jehovas Zeugen Österreich 1999, S. 44.

[34] Mitteilung von Markus Hess, Ittigen/BE, an Esther Martinet auf Basis seiner Recherchen für die Ausstellung in St. Gallen im Mai 1999.

[35] Kantonspolizei St. Gallen, Polit. Abteilung, an Polizeikommando des Kantons St. Gallen betr. „Zeugen Jehovas im Bezirk Unterrheintal“, 9. September 1940 (BA Bern E 5330 EMD, 1975/95, Bd. 98/40/11220).

[36] Lebensberichte von Zeugen Jehovas, August Kraft.

[37] Angaben nach Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien; siehe auch Garbe 1998, S. 31.

[38] Erinnerungen von Henoch und Rudi Hölterhoff, St. Gallen, Mai 1999 (Jehovas Zeugen der Schweiz, Geschichtsarchiv Thun 1774 u. 1689: H. u. R. Hölterhoff). Bei dem Verhafteten handelt es sich nach Angaben von Frieda Salzgeber-Krieg, Dornbirn, um Gutensohn in Schwarzenberg.

[39] Fritz (Friedrich Wilhelm) Kotermann hatte als früherer Magdeburger „Bethel“-Mitarbeiter mit Unterbrechungen von 1932 bis Ende 1936 als „Pionier“ der Zeugen Jehovas in Jugoslawien und Ungarn Missionsdienst geleistet. Zu dem gut dokumentierten Fall siehe die Akten der Schweizerischen Bundesanwaltschaft (BA Bern E 4320 (B) Bundesanwaltschaft, 1991/243, Bd. 64, C.13.503: F. Kotermann); die Flüchtlingsakten (BA Bern E 4264 (-) EJPD, Polizeiabt. u. Vorläufer, 1988/2, Bd. 389, P 44.274: F. Kotermann); das Dossier im Geschichtsarchiv der WTG in Thun (Jehovas Zeugen der Schweiz, Geschichtsarchiv Thun 1496: F. Kotermann).

[40] Protokoll der Vernehmung von Fritz Kotermann vor dem Bezirksamt in Rorschach vom 29. 3. 1938; Kopie im Besitz der Verfasser.

[41] Bundesanwaltschaft an Polizeikommando St. Gallen, 20. April 1938 (BA Bern E 4320 (B) Bundesanwaltschaft, 1991/243, Bd. 64, C.13.503: F. Kotermann).

[42] Gemäß Reichsanzeiger, Liste Nr. 250 vom 18. Oktober 1940, wurde Kotermann die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt. Erst 1956 erhielt er diese zurück (Interview mit Ingrid Ruck-Kotermann, Gaißau, 24. April 2019).

[43] Lebensberichte von Zeugen Jehovas, Peter Gölles.

[44] Wiener Stadt- und Landesarchiv, SHV 5787/47. Siehe auch den Hinweis in der Urteilsschrift des Sondergerichts 1 beim Landgericht Dresden gegen Cyranek, Bojanowski u.a. vom 18. März 1941, S. 14 (StA Dresden Zuchthaus Waldheim, Nr. 5995/1: Gefangenenakte G. Franke). Zu Bojanowski als Gestapo-Spitzel siehe Hacke 2011, S. 168, Anm. 839.

[45] Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien.

[46] Siehe Walser 1985, S. 128; Kopien der Anklageschrift und des Einstellungsbeschlusses im Besitz der Verfasser.

[47] Siehe Garbe 1998, S. 15 f.

[48] Zum Hergang siehe Schröder 1998, S. 38.

[49] Prozessakten sind nicht mehr erhalten. Eine Urteilsausfertigung des Sondergerichts I beim Landgericht Dresden enthalten die Gefangenenakten einer Mitverurteilten (StA Dresden Zuchthaus Waldheim, Nr. 5995/1: G. Franke).

[50] Vorarlberger Tagblatt vom 21. März 1941, S. 4; Wächter am Rhein (St. Margrethen) vom 22. März 1941.

[51] Laut Aussagen von ZeitzeugInnen (R. K.-K., Hohenems; Lorly Hegetsweiler-Mayer, Bern) sowie Memoiren des Johann Brotzge (Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv Wien) hatte sie in den Jahren vor der Deportation Verbindungen zu den Zeugen Jehovas in Dornbirn.

[52] Ebenda.