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Jonathan Kreutner (2022): Grenzerfahrungen durch den Nationalsozialismus – Vertreibung und Versuch einer Rückkehr

Jonathan Kreutner ist Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds in Zürich. Dies ist der Text seiner Rede anlässlich der Eröffnung des hundert Kilometer langen interaktiven Gedenk-Radweges „Über die Grenze“ am 3. Juli 2022 in Hohenems.

Meine Großeltern väterlicherseits, Jakob und Ida Kreutner, gelangten fast auf den Tag genau vierzig Jahre vor meiner Geburt, am 29. November 1938, über den Alten Rhein bei Diepoldsau in die Schweiz. Sie retteten sich und meinen Vater so vor der nationalsozialistischen Verfolgung.
Nur dank des beherzten Eingreifens eines regionalen Zollbeamten und dank der Anordnung von Polizeihauptmann Paul Grüninger konnten sie dem sicheren Tod entkommen. Meinen Urgroßvater mussten sie in Wien zurücklassen. Er überlebte nicht. Fast 85 Jahre ist das nun her.
Meine Großeltern leben heute nicht mehr. Mein Vater ist heute 85 Jahre alt, war aber damals ein Baby und hat keine Erinnerungen an die Flucht. Leider kann er heute nicht hier sein. Zu beschwerlich wäre ihm körperlich und mental die Reise hierher gewesen. Geblieben sind deshalb nur noch Fotos, Geschichten und Erinnerungen.

Flucht von Wien nach Hohenems

Meine Großeltern Jakob und Ida, beide 1912 geboren, flüchteten als 26-Jährige mit ihrem kleinen Sohn. In Wien gab es für die drei kein Zuhause mehr, nachdem sie Hals über Kopf Hab und Gut an der Wiener Rembrandt-Straße im zweiten Bezirk hatten zurücklassen müssen. Mein Großvater Jakob war zuvor von der Gestapo vor seiner Wohnung brutal geschlagen und bewusstlos liegen gelassen worden. Nur weil die Schergen glaubten, mein Großvater sei tot, ließen sie von ihm ab. Mutter und Kind versteckten sich zu Hause im Schrank und wurden wie durch ein Wunder nicht entdeckt. Es war der Abend des 9. Novembers 1938.

In Nazi-Deutschland und im von den Nazis besetzten Österreich brannten Synagogen und jüdische Geschäfte. Juden wurden wahllos zusammengeschlagen, nur weil sie Juden waren. An diesem Tag wurde meinen Großeltern klar, dass sie keine Österreicher mehr waren, sie waren als Juden in diesem Land nicht mehr geduldet. In dieser verhängnisvollen dunklen und kalten Nacht beschlossen sie, das Land, in dem sie aufgewachsen waren, dessen Kultur sie verinnerlicht hatten und dem gegenüber sie stets loyal gewesen waren, zu verlassen, ohne sich von der Familie zu verabschieden. Sie ließen alles zurück, vor allem aber ihre Vergangenheit.

Meine Großeltern flohen zuerst mit der Bahn nach Feldkirch. Zu Fuß kämpften sie sich die 16 Kilometer verletzt und mit dem Baby bis nach Hohenems und dann weiter an den Alten Rhein, wo sie mehrfach vergeblich versuchten, den eiskalten Fluss zu überqueren. Erst beim vierten Mal gelang die Überquerung. Das war am 29. November 1938, drei Wochen nach ihrer Flucht.

Ein Grenzpolizist entdeckte aber die Familie und wollte sie zurückschicken. Meine Großmutter stellte sich ihm beherzt entgegen und sagte: "Wenn Sie mich zurückschicken, dann erschießen Sie uns lieber gleich hier."

Dieser Satz brannte sich schon als Kind in meiner Erinnerung fest. Immer wieder wurde er erzählt.

Ein Abschied ohne Rückkehr

Der Grenzpolizist erbarmte sich der jungen Frau mit dem Baby und des schwer verletzten Manns, nahm sie zu sich nach Hause und bat seinen Chef Paul Grüninger in St. Gallen um die Erlaubnis, die Familie nach damaligem Recht illegal in der Schweiz zu beherbergen.

Paul Grüninger gab dem Grenzpolizisten Alphons Eigenmann grünes Licht. So überlebte mein Vater mit seinen Eltern, zuerst in einem Arbeitslager, später als staatenloser Flüchtling in Zürich, bis er im Jahr 1955 die Schweizer Staatsbürgerschaft erhielt. Ein Angebot auf Wiedererlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft lehnten meine Großeltern damals angeblich ab, genauso die Einladung, ihre alte Heimat wieder zu besuchen.

Erst in den 1990er Jahren im Zuge eines Dokumentarfilms über die Fluchtgeschichten am Alten Rhein, genau 60 Jahre nach ihrer Rettung, waren sie überhaupt bereit, darüber zu sprechen. Damals erfuhr auch ich das erste Mal die Tragweite ihres Schicksals.Beide starben vor über 20 Jahren, ohne ihre alte Heimat je wieder gesehen zu haben.

Mit dem Überqueren der Landesgrenze zwischen der Schweiz und Österreich im Winter 1938 ließen sie ihre Erinnerungen zurück. Die Grenzerfahrung bedeutete für sie in mehrfacher Hinsicht Abschluss und Neuanfang zugleich.

Mit der Grenzerfahrung von Diepoldsau ließen meine Großeltern auch ihre Vergangenheit zurück. Das letzte Stück Österreich, das sie je sehen sollten, war das Umland um Hohenems. Obwohl sie in Zürich so nahe an ihrer alten Heimat lebten, hielten sie sich von ihr Jahrzehnte fern.

Eine Chance für das neue Österreich?

Meine Geschichte mit dem Österreich meiner Großeltern begann in Hohenems. Fast auf den Tag genau vor 18 Jahren fand ich mich im Rahmen eines studentischen Progamms hier im Schlosspark wieder.

Der Zufall brachte mich dem Ursprungsland meiner Großeltern näher. Es war der Ursprung meiner persönlichen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Im Nachlass meiner Großeltern fanden sich Heimatscheine und Urkunden. Immer wieder wurde die Geschichte aufgefrollt, erst vor wenigen Jahren wieder, als ich durch Zufall entdeckte, dass die Geschichte der Flucht meiner Großeltern im Spielfilm "Akte Grüninger – Die Geschichte eines Grenzgängers" dokumentiert wird. Vermutlich ist mein Vater die letzte noch lebende Person, die in diesem Film dargestellt wird.

In diesem Jahr schließlich schloss sich ein Kreis. Ich habe keine direkte persönliche Erfahrung mit diesem Land, mit diesem Österreich. Doch meine Großeltern und mein Vater wurden hier auf österreichischem Boden entrechtet und ausgebürgert. Sie waren Östereicher, bis zu diesem verhänglisvollem Tag, als sie die Grenze hier überschritten und dadurch zu Staatenlosen wurden.

85 Jahre später habe ich mich nun entschieden, dem neuen Österreich eine Chance zu geben. Ich wollte für meine beiden kleinen Kinder die Gerechtigkeit zurückholen, die ihren Urgroßeltern verwehrt geblieben war.

Man darf, ohne die Vergangenheit zu vergessen, einen Blick in die Zukunft wagen. In diesem Sinne habe ich vor wenigen Monaten einen zentralen mentalen Schritt für die ganze Familie zurück über die Grenze gewagt, als ich gemäß der neuesten Rechtslage in Österreich die Möglichkeit wahrnahm, als Nachkomme von Opfern der NS- Diktatur die österreichische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Seit wenigen Monaten bin ich auch Österreicher, meine Kinder sind es ebenso. Fast 85 Jahre später holt uns die Geschichte immer noch ein. Es geht um späte Gerechtigkeit. Aber es geht auch um mehr.

Meine kleine Tochter wollte wissen, was sie mit Österreich zu tun habe, und ich musste ihr erklären, dass sie Österreicherin geworden ist, weil ihre Urgroßeltern es nicht mehr sein durften. Als junger Schüler widmete ich einen Aufsatz dem Buch "Weiter leben" der Autorin Ruth Klüger. Dabei wurde mir die Vernichtung des europäischen Judentums einmal mehr bewusst, aber auch die Mahnung, dass man diejenigen, die überlebt haben, nie vergessen darf. Wir, die Nachkommen jener, die dem Schrecken entkommen sind, bezeugen durch unser Weiterleben, dass die Vernichtung nicht vollendet werden konnte.

Der Holocaust hat das Leben meiner Urgroßeltern beendet, das meiner Großeltern stark verändert, das meiner Eltern auf ein ganzes Leben geprägt und bei mir Fragezeichen hinterlassen. Diese Fragen gibt es bei mir heute noch. Sie lassen mich nicht mehr los und werden mich wohl nie mehr loslassen.
Grenzen kann man überschreiten, aber auch wieder zurückkehren. Grenzerfahrungen wirken länger, auch über Generationen.