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Kurt Greussing (1996): Machtkampf und Weltanschauungsstreit nach 1867. Die politischen Lager Vorarlbergs und die Juden

1867 erfolgte in Österreich die Weichenstellung zu einem modernen demokratischen und säkularen Staatswesen. In den drei großen politischen Lagern - Katholisch-Konservative, Liberale und Sozialdemokraten - war der Umgang mit den nun gleichberechtigten Juden der Prüfstein für das Verständnis von religiöser Toleranz und Gleichberechtigung - also den heute vielzitierten "abendländischen Werten".

 

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Kurt Greussing

 

Machtkampf und Weltanschauungsstreit nach 1867

Die politischen Lager Vorarlbergs und die Juden


Erschienen in: Eva Grabherr (Hg.): „... eine ganz kleine Gemeinde, die nur von den Erinnerungen lebt!“ Juden in Hohenems (Katalog des Jüdischen Museums Hohen­ems). Hohenems 1996, S. 81-97

 

Als Österreich im Dezember 1867 sein erstes Staatsgrundgesetz erhielt, bedeutete das im Bewußt­sein vieler Zeitgenossen eine radikale Wende. Denn diese Verfas­sung ermöglichte die Erfüllung von Forderungen, die nach der niedergeschlagenen bürgerlichen Revolution von 1848 langfristig aussichtslos, ja mit dem antiliberalen Schulterschluß von Staat und katholischer Kirche durch das Konkordat des Jahres 1855 utopisch erschienen waren: ein interkonfessionelles Gesetz, das die Gleich­stellung der religiösen Bekenntnisse, die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und der Lehre festschrieb, dazu ein Schul- und Ehegesetz, das Grundschulbildung und Zivilstandsangelegenheiten der Oberaufsicht der katholischen Kirche entzog, und schließlich ein Gesetz, das Vereinsgründungen wesentlich erleichterte. Den Libera­len, die um diese Verfassung gerungen hatten, bedeutete das einen Sieg des Fort­schritts und der Vernunft, einen späten Triumph im Geiste Kaiser Josephs II. (1780-1790), jenes staatsaufklärerischen und kirchengegnerischen Reformers, "dessen bloßer Name die Feinde des Fortschrittes erzittern macht" – wie es ein Exponent der liberalen Sache in Vorarlberg, Staats­anwalt Guntram Hämmerle, in einer Lobrede auf dieses Grundgesetz damals formulierte.[1]

Vertreter der katholischen Kirche hingegen sahen den rechten Glauben durch libe­rales Gedankengut in seinen Grundfesten bedroht. In der Tat bedeutete die Verfas­sung eine ganz reale Beschränkung kirchlicher Macht – nicht nur institutionell, son­dern auch im öffentlichen Diskurs, weil sich die Funktionäre der katholischen Kirche nun, zumindest im Prinzip, auf dem freien Markt der Meinungen konkurrierenden religiösen Bekenntnissen und säkularen Weltanschauungen stellen mußten. Zudem wurde, nur wenig später, der katholischen Kirche eine – vor allem symbolisch – ver­heerende Niederlage zugefügt: die Beseitigung des römischen Kirchenstaats durch italienische Truppen im Dezember 1870. Das war der spektakuläre Einbruch des säkularen Zeitalters ins Herz des Katholizismus, nachdem Papst Pius IX. die 1860er Jahre hindurch unentwegt gegen die liberalen, religionstoleranten Zeitströmungen gefochten hatte: etwa 1864 mit seinem "Syllabus der Irrtümer", einer Revue aller angeblich glaubens- und kirchenfeindlichen weltlichen und theologischen Denk­systeme, wie "moderne Bildung", Meinungs- und Pressefreiheit sowie Demokratie,[2] oder noch 1870, im Jahr der Beseitigung des Kirchenstaats, mit dem vom Ersten Vatikanum beschlossenen Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Ex-cathedra-Entscheidungen. Liberale Kreise verstanden die Verkündigung des Dogmas, wie schon die des Syllabus, als amtskirchliche Kampfansage an den Geist des Individua­lismus, an die Selbstbestimmung in Glaubens- und Weltanschauungsfragen, an die Neutralität des Staats gegenüber den zugelassenen religiösen Bekenntnissen.

Die privilegierte Stellung der katholischen Kirche geriet nicht nur in Österreich und in Italien ins Wanken. Denn fast gleichzeitig wurden auch in anderen Staaten Mittel- und Westeuropas säkulare Strömungen mächtig: in Deutschland durch Bismarcks antikatholischen "Kulturkampf" zwischen 1871 und 1887, in Frankreich durch die Etablierung der Republik ab Herbst 1870.

Popularisiert wurde der Konflikt zwischen katholischem Konservativismus und libe­raler Fortschrittsgläubigkeit durch die entstehende Massenpresse und das sich ent­faltende Vereinswesen. In Österreich war beides durch die neue Verfassung von 1867 ermöglicht worden. Die Schärfe der Auseinandersetzung, wie sie in den Zeitungen – auch in Vorarlberg – zutage trat, ist heute kaum mehr vorstellbar. Es schien um alles oder nichts zu gehen: um die Freiheit des Individuums gegen die Herrschaft des bigotten Mittelalters (in den Augen der Liberalen), um die Rettung des göttlichen Heilsplans gegen die Anfechtung durch offene Kirchenfeindlichkeit und zügellosen Individualismus (in der Sicht der Katholisch-Konservativen). Eine solche Aufladung der Auseinandersetzung mit prinzipiellem und utopischem Denken war keine gute Voraussetzung für Bedachtsamkeit und Ausgleich, wohl aber für die radi­kale Ausprägung bestehender Vorurteile – zum Beispiel gegenüber Juden – zu Waffen der weltanschaulichen Propaganda.

 

Traditioneller christlicher Antijudaismus

 

Bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts war der Status der in Vorarlberg lebenden Juden mehr oder weniger klar bestimmt gewesen. Ihre Diskriminierung war institutio­nell geregelt und damit kontrolliert: keine Niederlassungsfreiheit, Beschränkung der wirtschaftlichen Tätigkeit, keine Teilhabe am politischen Geschehen der Mehrheits­gesellschaft, Identifizierbarkeit über alltags­typische Festlegungen wie Ausübung von bestimmten Gewerben, eigene Sprache und Namen und nicht zuletzt religiöse Praxis. Das zog klare kulturelle Grenzen, in Form einer ethnisch-religiösen Identität, die institutionell abgesichert war und derer sich niemand immer wieder kritisch verge­wissern mußte. Die Diskriminie­rung der Juden war somit Teil der kulturellen Norma­lität – der christlichen wie der jüdischen.

Der christliche Antijudaismus war durchaus mit einem friedfertigen Verhältnis zur jüdischen Minderheit verträglich – solange die Grenzziehungen deutlich waren, und die Juden in dem ihnen zugeschriebenen Status verharrten. Schließlich hatte man mit den Juden stets ein leibhaftiges Gegenbild zur eigenen "wahren" Religion zur Hand, somit jene "Anderen", von denen sich abzugrenzen erst die Herausbildung eigenen Selbst-Bewußtseins und eigener Identität erlaubt. Solche relative Toleranz gegenüber der jüdischen Gemeinde von Hohenems zeigte die katholische Kirche etwa im Jahre 1848. Im Mai jenes Jahres zirkulierte im ganzen Land eine Petition, die gegen ein liberales Verfassungsvorhaben die Forderung nach der "Kultuseinheit" – also der ausschließlichen Zulassung der katholischen Religion – für Tirol und Vorarlberg erhob. Als der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde gegen dieses Ansinnen protestierte, weil es sich formell auch gegen die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Vorarlberg hätte richten können, ließ der Feldkircher Generalvikar im "Bregenzer Wochenblatt" eine entschuldigende Erklärung abdrucken, diese Petition beabsichtige "keineswegs irgend eine Störung des schon lange bestehenden Verhältnisses der israelitischen Gemeinde in Hohenems; und ist auch nicht aus böswilliger Unduldsamkeit gegen einzelne Akatholiken hervorgegangen; sondern ... soll dadurch nur dem ... leicht möglichen Aufkommen eines andern Cultus als des katholischen thunlichst vorgebeugt werden". [3]

Die staatsbürgerliche Emanzipation aufgrund der liberalen Verfassung von 1867 schloß einen Prozeß der Gleichstellung der Juden ab, der sich kulturell und wirt­schaftlich schon seit der Toleranzpolitik Josephs II. (1781/82) sowie rechtlich nach 1848, besonders ab den Reformgesetzen von 1859/60, entwickelt hatte. [4] Mit der Emanzipation endete die institutionalisierte Diskriminierung: Die bisher bestehenden, in die Struktur der Gesellschaft eingebauten Grenzziehungen lösten sich endgültig auf. Juden verlangten nun, nach und nach, politische Teilhabe, nicht anders als Christen. Und genau dieser Schritt aus den alten ethnisch-religiösen Grenzen heraus bedeutete auch das Ende der Duldung durch die Vertreter des katholisch-konservati­ven Lagers.

In Vorarlberg entwickelte sich die offene Feindlichkeit gegen die hier wohnenden Juden im Zuge des Hohenemser "Inkorporierungsstreits" während der 1870er Jahre. Bei dieser Auseinandersetzung ging es um die von den Juden gewünschte Ein­gliederung ihrer politisch selbständigen Gemeinde in die Hohenemser Gesamt­gemeinde. Sie wollten, aufgrund ihrer verfassungsgemäßen Rechte, vollwertige Hohenemser Bürger sein, genau wie ihre christlichen Nachbarn.

Zur Vorgeschichte der Inkorporierung: Die bayerische Verwaltung hatte aufgrund ihrer Emanzipationspolitik schon 1813 eine volle Eingliederung der jüdischen Unter­tanen in die Gemeinde Hohenems anvisiert. Durch das Ende der bayerischen Herr­schaft 1814 unterblieb dies jedoch. Nachdem im Jahre 1850 die jüdische Gemeinde mit Philipp Rosenthal einen eigenen Bürgermeister erhalten hatte, bestanden fast 30 Jahre lang, bis Anfang 1878, auf dem Gebiet der Katastralgemeinde Hohenems zwei politische Gemeinden – eine christliche und eine jüdische –, mit jeweils eigenen Bürgermeistern.

Mit dem Erreichen der vollen Gleichstellung durch die Staatsgrundgesetze 1867 wollten die Vertreter der jüdischen Gemeinde die Zusammenlegung mit der christli­chen – auch deshalb, weil die jüdische Gemeinde nun mit fünf Prozent der Einwoh­ner (1869) nach einem alten Schlüssel immer noch 30 Prozent der gesamten Steuern für die Ortschaft aufzubringen hatte.

Es folgte eine zum Teil erbittert geführte Auseinandersetzung, in der unterschiedliche Motive wirksam wurden: die Angst der Katholisch-Konservativen, die Juden würden das liberale Element in der Hohenemser Gemeindepolitik stärken; das wirtschaftliche Bedenken, den Gemeinbesitz an Weiden und Alpen mit weiteren Bürgern teilen zu müssen; und schließlich ein Antisemitismus, der mit wachsender Schärfe artikuliert wurde und sich in unterschiedlicher Form mit den beiden anderen Motiven verband. Erst 1878 wurde die von den Juden mehr als ein halbes Jahrzehnt lang betriebene Inkorporierung schließlich durch einen Gerichtsbeschluß vollzogen. Möglich wurde sie nur, weil die jüdischen Hohenemser auf ihren Anspruch am Allmend-Besitz verzichtet hatten. Sie wurden nicht voll nutzungsberechtigte "Bürger", sondern ledig­lich "Heimatberechtigte". [5]

Als schließlich in den Gemeindeausschußsitzungen im Februar und März 1879 über die konkrete Durchführung der Inkorporierung beschlossen werden sollte, da geschah dies unter der emotionalisierten Anteilnahme einer breiten Öffentlichkeit: Es gab Streit, Drohungen und Rufe "Verschlagt den Juden die Köpfe". [6]

Das "Vorarlberger Volksblatt", 1866 gegründet, wurde nun zunehmend judenfeind­lich. Das stets von einem Priester redigierte Organ des katholisch-konservativen Lagers war die weitestverbreitete Zeitung im Land. Sie hat vor allem durch konser­vative Honoratioren und Kapläne Eingang in das dichte Netz katholischer Vereine gefunden. Und jetzt tauchen auch Vorurteile auf, die sich nicht mehr allein auf wirt­schaftliche oder religiöse Traditionen der Juden beziehen, sondern die durchaus rassistisch sind. Vom "Schooße unserer orientalischen Einwanderung" wird nun angesichts eines kirchenfeindlichen Flugblatts gesprochen, dessen Verfasser das "Volksblatt" ohne weitere Umschweife unter den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde vermutet. Denn zu dieser Schmähschrift bedürfe es "einer völlig verwilderten orienta­lischen Phantasie, gepaart mit dem fanatischen Ingrimm eines richtigen Talmud­juden" [7].

Dieses Stereotyp des "Orientalischen" markiert nun nicht mehr nur eine kulturelle oder religiöse, sondern eine rassische Verschiedenheit: Denn der "orientalischen" Herkunft kann man nicht entrinnen, selbst wenn man sich taufen läßt.

Vom Vorwurf, ganz anders und fremd zu sein, ist es nicht weit zur Behauptung, die bloße Anwesenheit von Juden bedrohe die christliche Bevölkerung von Hohen­ems: "Die Juden werden nicht anders können, es wird ihnen vielleicht nicht einmal am besten Willen fehlen, allein sie sind einmal und bleiben ein fremder und fremd­artiger Bestandtheil und große wie kleine Gemeinwesen gehen zu Grunde, mit oder ohne Absicht der Juden, sobald dieselben auch nur mit geringeren Procentsätzen der christlichen Einwohnerschaft ohne Unterschied beigemengt werden."

In dieser "Volksblatt"-Korrespondenz ist auch wieder die Rede von den Juden als "orientalischen Gemeindemitgliedern" und von der "aufgezwungene(n) Beimischung des schwer verträglichen jüdischen Elements", was der Gemeinde sehr geschadet habe und begreiflich mache, "wie man im Norden und Süden, im Osten und Westen Europa’s gegen die Juden sich aufbäumt" [8] – also die Rechtfertigung des Pogroms und die Drohung damit.

Nach der Eingliederung der jüdischen politischen Gemeinde in die Gesamtgemeinde waren von der Wahl zum Gemeindeausschuß im September 1878 bis zu jener im Jahre 1888, also rund zehn Jahre lang, stets vier von zehn Mitgliedern des ersten Wahlkörpers Juden: Dr. Simon Steinach, Anton Rosenthal, Michael Menz und Hermann Hirsch; später kam statt Michael Menz Josua Brettauer – allesamt Liberale. Im kurzlebigen Gemeindeausschuß vom Dezember 1881 und Jänner 1882 waren sogar fünf Juden vertreten. Allerdings wurde nie einer zum Bürgermeister oder zu einem der vier Gemeinderäte bestimmt. [9]

Im September 1887 verzichtete jedoch Dr. Simon Steinach, der angesehene Arzt, ehemalige Bürgermeister und Vorstand der Israelitischen Gemeinde, auf sein Mandat im Gemeindeausschuß – angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Das hinderte ihn allerdings nicht, seine ärztliche Praxis bis Ende August 1893 weiter­zuführen. Dann übersiedelte er nach Wien. [10]

Nach dem Auslaufen jener Wahlperiode waren dann überhaupt keine Juden mehr im Hohenemser Gemeindeausschuß vertreten – weder bei den Wahlen von 1888 noch von 1891 oder von 1894. [11] Es war das Ende einer offiziellen Teilnahme von Hohenem­ser Juden an der Gemeindepolitik.

Daß bei der Wahl zum Hohenemser Gemeindeausschuß im Februar 1888 erstmals kein einziges Mitglied der jüdischen Gemeinde mehr kandidiert hatte, kann durchaus mit wachsender antisemitischer Stimmung in Verbindung gebracht werden: In der Nacht vom 14. auf den 15. Jänner 1888, einen Monat vor der Wahl, waren an mehre­ren Häusern – unter anderem auch an von Juden bewohnten – Zettel mit der Aufschrift "Tod den Juden" angeschlagen worden. Nachforschungen über die Täter wurden eingeleitet, blieben aber offensichtlich ohne Ergebnis. [12]

Der Hohenemser Korrespondent der liberalen "Feldkircher Zeitung" vom 18. Jänner 1888 meinte in einem Bericht über diese Vorfälle, daß sich der bessere Teil der Hohenemser Bevölkerung "nur mit Abscheu über dieses Bubenstück äußerte". Und gleichzeitig warnte er in Richtung "Volksblatt", man möge "sich ... versehen, welche Früchte eine systematisch gepflegte Verhetzung zeitigt".

 

Die liberale Option

 

In jenen Jahren hatten jüdische Männer, die politisch aktiv werden oder auch nur von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen wollten, keine andere Chance, als zum libera­len Lager zu tendieren. Denn die andere große Gruppierung, die katholisch-konser­vative, verstand sich als Partei zur Verteidigung der Rechte der Kirche – gegen einen religionsneutralen Staat und gegen die Gleichberechtigung der religiösen Bekennt­nisse, selbst (oder gerade) der christlichen. Sie brachte katholisches Bekenntnis und Parteipolitik in einen untrennbaren Zusammenhang. Juden fanden hier keinen Platz (es sei denn, sie konvertierten und verbargen tunlichst ihre Herkunft).

Anders die Liberalen: Sie feierten die Verfassung von 1867, die die Gleichstellung aller Staatsbürger, unabhängig vom religiösen Bekenntnis, bedeutete, als gewaltigen Fortschritt. Diese Liberalen waren in der Regel nicht religionslos. Aber sie wandten sich vehement gegen die Erscheinung in der "Geschichte aller Religionen, welche sich siegreich über den Erdkreis ausgebreitet haben, ... daß nach und nach in der herrschenden Kirche hierarchische Gelüste erwachten" und die kirchlichen Funktio­näre "die geistliche Gewalt auf weltliche Dinge zu übertragen und mehr und mehr auszubreiten suchten"[13] – wie es im Grundsatzreferat bei der konstituierenden Versammlung des Vorarlberger "Vereins der Verfassungsfreunde" am 12. Juli 1868 in Feldkirch formuliert wurde.

Gegen das liberale Projekt der Religionstoleranz ist von heutigen Autoren einge­wandt worden, auch der säkulare Philosemitismus der Liberalen habe das Judentum nicht als eigene Größe positiv angenommen, sondern auf dessen Assimilation gedrängt, nämlich auf vernunftgeleitete Verbürgerlichung. [14] Doch muß man hier sehen, daß der aufklärerische Liberalismus grundsätzlich religionskritisch war, und zwar nicht nur gegenüber dem (traditionsgebundenen) Judentum, sondern auch und in erster Linie gegenüber dem Christentum und dessen amtskirchlichen Organisa­tio­nen. Als Wurzel der meisten Übel galt die weltliche Macht der Geistlichkeit, egal welcher Konfession.

Die frühen Vorarlberger Liberalen meinten es mit der Religionstoleranz durchaus ernst. In der Gründungsversammlung des erwähnten "Vereins der Verfassungs­freunde", der nach eigenen Angaben mehr als 450 Mitglieder zählenden Zentral­organisation der Vorarlberger Liberalen,[15] wählten sie demonstrativ einen Protestan­ten und einen Juden in den Vorstand. Beide Herren, der Fabrikant Dr. Samuel Jenny aus Hard und der Arzt Dr. Simon Steinach aus Hohenems, hatten das zuerst gar nicht gewollt – aus Angst, protestanten- und judenfeindliche Ressentiments in der Vorarlberger Bevölkerung könnten dem Anliegen der Liberalen schaden. [16]

Wie sehr eine derartige Befürchtung in Vorarlberg schon damals berechtigt war, läßt sich schlecht beurteilen. In der kirchlichen Presse Wiens jedenfalls war bereits ab Anfang der 1860er Jahre mit dem antisemitischen Schlagwort des "Judenliberalis­mus" gegen die liberale Bewegung operiert worden. [17] In Vorarlberg war es das 1866 gegründete und ab 1887 als Tageszeitung erscheinende "Vorarlberger Volksblatt" — als katholische Parteizeitung das meistverbreitete Presseprodukt des Landes —, das in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Liberalen, nicht zuletzt jene von Hohenems, mit antisemitischen Phrasen angriff. [18] Einen Höhepunkt erreichte diese Art der antiliberalen Propaganda zur Mitte der 1890er Jahre, als sich auch in Vorarl­berg die alte katholisch-konservative Partei zur – radikal antisemitischen – christlich­sozialen Partei umwandelte. Deren Held war der Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger, dessen Amtsübernahme nicht zuletzt wegen seines Antisemitismus von Regierung und Kaiser ursprünglich mehrfach verhindert worden war. Luegers politi­sche Erfolge motivierten auch die Vorarlberger Katholisch-Konservativen zu einem strikt antisemitischen Kurs.[19] Liberalismus und Judentum wurden in der Propaganda des christlichsozialen "Volksblatts" in einen unlösbaren Zusammenhang gebracht. Eine Auswahl von entsprechenden antisemitischen Stereotypen ab der Mitte der 1890er Jahre: "judenliberale Clique"[20], "Juden und ihre Lakaien, die Liberalen" [21], "die arg getretene Schlange des Judenliberalismus"[22], "die in Oesterreich alles ver­mögende Judenpartei", "Judenknechte" [23], "Befreiung aus der jüdisch-liberalen Knecht­schaft"[24], "vaterlandsverrätherischer Judenliberalis­mus" [25], "judenliberale Rück­sichtslosigkeit" [26], "judenliberale Freimaurerherrschaft" [27], "... fühlt sich bekannt­lich der Judenliberale glücklich unter der Herrschaft der Krummnase" [28], "der mit dem Judenthum verbündete Liberalismus" [29], "volksaussaugender Judenliberalismus", "judenliberale Geldgrößen"[30], "Clienten des Judenthums" [31].

In diesem Zusammenhang steht die ständige Bezeichnung liberaler Zeitungen als "Judenblätter" und liberaler Journalisten als "Tintenjuden": "das unverfälscht juden­liberale ‘Bregenzer Tagblatt’"[32] , die Wiener "Neue Freie Presse" als "Haupt­judenblatt" [33], die in Bregenz erscheinende deutsch-freisinnige "Vorarlberger Freie Rundschau" als "westasiatische Rundschau", "asiatisches Blatt"[34], "Judenblätter ... von der Oberjüdin ‘Neue Freie Presse’ bis herab zur kleinen Provinzjüdin ‘Vorarlber­ger Freie Rundschau’"[35] , die "Vorarlberger Freie Rundschau" "von Juden geschrie­ben", "jüdisches Machwerk", "Es jüdelt halt in der liberalen Presse stark ..." [36], "elende und hinterlistige Judenpresse", "Tintenjuden"[37] .

Obwohl also auch in Vorarlberg der Antisemitismus zum wichtigsten Instrument der christlichsozialen Propaganda gegen das liberale Lager wurde, hielten christliche Liberale lange Zeit an ihrem religionstoleranten Programm und an einem nicht diskriminierenden Umgang mit den Juden fest. In einer Atmosphäre, in der der Anti­semitismus zu einem Stück alltagskultureller Normalität geworden war – dazu im folgenden mehr –, war das keine Selbstverständlichkeit. Das beste Beispiel dieser Haltung ist das gute Verhältnis christlicher liberaler Hohenemser zu Mitgliedern der jüdischen Gemeinde des Ortes bei der Zusammenarbeit in diversen Kultur-, Wohl­tätigkeits- und Bildungsvereinen.

Besonders das volksbildnerische Engagement des Rabbiners Dr. Aron Tänzer (in Hohenems 1896-1905) zeugt von dieser Kooperation. Er referierte immer wieder in liberalen Vereinen. Seine Themen waren weit gespannt: beispielsweise von "Shakespeare und seine Dramen" im "Bildungsclub Hohenems" im November 1901 über "Wesen und Wert der Stenographie" beim "Gabelsberger Steno­graphenverein Hohenems" im November 1902 bis zu "Leben und Wissenschaft" beim "Werk­meister- und Industriebeamten-Verein Hohenems und Umgebung" im August 1903.[38] Seinen Vortrag beim Abschied aus Hohenems im Mai 1905, zum Thema "Friedrich v. Schiller", hielt er ebenfalls für den "Werkmeister- und Industriebeamten­verein", im Gasthaus zur "Post", der Traditionsgaststätte der Hohenemser Libera­len. [39] Die Wahl dieses Themas war nicht zufällig: Galt doch Schiller den Liberalen als Symbolfigur der Aufklärung, den Katholisch-Konservativen jedoch als Autor, dessen Werke tunlichst zu unterdrücken waren.

Tänzers aufgeklärte wissenschaftliche Weltsicht – unter anderem seine Propagie­rung der Darwinschen Abstammungslehre im Zusammenhang mit einer reformeri­schen Sicht jüdischer Religion [40] – rief denn auch prompt die antisemitischen Hohen­ems-Korrespondenten des "Volksblatts" auf den Plan. Da wurde der liberale Rabbi­ner als "Darwin-Rabbi" und"geisttriefendes Männlein" verspottet.[41]

Eine besonders herzliche Freundschaft scheint Rabbiner Aron Tänzer mit dem libe­ralen Hohenemser Bürgermeister August Reis (1896 bis 1904) verbunden zu haben. So erhielt Tänzer von Reis nicht nur den Auftrag zur Erschließung des Hohenemser Gemeindearchivs, was Material für sein bis heute in der Vorarlberger Historiographie unentbehrliches Standardwerk "Die Geschichte der Juden in Hohenems und im übri­gen Vorarlberg" beibrachte. Es war auch keinesweg ungewöhnlich, daß sich nach der Wiederwahl von August Reis als Bürgermeister im Mai 1903 Aron Tänzer zur Gratulation einstellte und dabei eine Rede hielt – sehr zum Mißfallen des antisemiti­schen "Vorarlberger Volksblatts".[42]

Am 20. Dezember 1904 schrieb Tänzer in einem berührenden Brief an den Bruder des Bürgermeisters, der am 16. Februar 1904, nur 43 Jahre alt, überraschend verstorben war: "August Reis war keiner jener Alltags-Menschen, deren Erinnerung nur durch sichtbare Mittel aufrecht erhalten werden kann. Wer diesen tüchtigen, gewissenhaften Prachtmenschen kannte, wird seiner nimmer vergessen. Ich habe ihn aufrichtig verehrt, beklage heute noch tief sein frühes Ableben und habe seinem wohlgelungenen Bild einen Ehrenplatz in meinem Arbeitszimmer, neben dem sel. Dr. Simon Steinach (Arzt, liberaler Politiker, Vorsteher der Israelitischen Gemeinde; Anm. KG) eingeräumt. Waren beide prächtige Hohenemser. Gott gebe uns ent­sprechenden Nachwuchs. Wir könnten diesen brauchen." [43]

Der "Nachwuchs" der Vorarlberger Liberalen gedieh leider nicht im Sinne eines August Reis. Eine neue, radikal gestimmte Generation von jungen Politikern und Schreibern, darunter der spätere Chefredakteur des nationalsozialistischen "Vorarl­berger Tagblatts" Hans Nägele, brachte bald nach der Jahrhundertwende die so­genannten Deutschfreisinnigen, die Partei des liberalen Lagers, auf antisemitischen Kurs. Während das Traditionsblatt der Vorarlberger Liberalen, die "Feldkircher Zeitung", an Reichweite und lokalen Korrespondenten verlor, gewann der "Vorarl­berger Volksfreund", ab 1890 vom "Constitutionellen Verein" in Dornbirn heraus­gegeben und anfänglich noch nicht antisemitisch, zusammen mit den deutsch­völkischen "Südostmarkortsgruppen" landesweit Verbreitung. Juden verächtlich machende Meldungen erschienen in diesem Blatt erst nur gelegentlich, [44] dann – in der Ära des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts ab 1905 – immer häufiger und im Tonfall gehässiger. [45] Im Vordergrund der Agitation freilich stand ein erbitter­ter Antiklerikalis­mus, in dessen Dienst auch der Antisemitismus gestellt wurde. Tenor: Die katholische Kirche sei noch viel schlimmer als das Judentum.[46] An die Stelle des politisch erfolglos gewordenen liberalen Programms, das die Idee der Aufklärung und der Religionstoleranz hochgehalten hatte, trat ein rassistisches "Deutschtum" – lediglich der antiklerikale Impuls wirkte weiter als Versatzstück einer versunkenen liberalen Tradition.

 

Der christlichsoziale Antisemitismus – Veralltäglichung und Programm

 

Im katholisch-konservativen bzw. christlichsozialen Lager Vorarlbergs wurde die ursprünglich mehr oder weniger nur religiös begründete Feindschaft gegen Juden mit immer mehr Vorurteilselementen angereichert – bis aus dem christlichen Antijudais­mus ein ganzes Weltbild, der Antisemitismus, entstanden war. [47] Im "Vorarlberger Volksblatt" ist das Ergebnis dieser Entwicklung ab 1896 greifbar, dem Jahr des Vorarlberg-Besuchs des Führers der Wiener Christlichsozialen Dr. Karl Lueger. Am Jahresbeginn hatte die Zeitung in einem aus der "Reichspost", dem Wiener Zentral­organ der christlichsozialen Partei, übernommenen Artikel auf der Titelseite als die "furchtbare gegnerische Coalition ... Liberalismus, Atheismus, Materialismus, Judenthum" ausgemacht – "alle von Haus aus geschworene Feinde der Gerechtig­keit, materiellen und geistigen Volkswohles" [48].

Knapp eineinhalb Jahre später hat die Zeitung den Antisemitismus dann ganz explizit als Kern christlichsozialer Politik, christlicher Sozialreform und christlichen Lebens bestimmt. In einem längeren Grundsatzartikel im Juli 1897 wurde unter der Überschrift "Die Bedeutung des Antisemitismus" dargelegt, daß mit dem antisemiti­schen Programm vier zentrale Stoßrichtungen verbunden sind: Der Antisemitismus "ist zunächst ein Kampf gegen den Capitalismus und all das Unheil, das seine Herrschaft über die Völker gebracht hat ... Der Jude ist eben so recht der Vertreter des herzlosen, unersättlichen, aller Achtung vor Menschenwert und Menschenwürde baren Capitalismus unserer Zeit ..." Zum zweiten sei der Antisemitismus ein Kampf gegen den Liberalismus, denn "Judenthum und Liberalismus haben sich zu fester Bundesgenossenschaft geeiniget von Anfang an, und sie gehören auch zusammen. ... Sie sind Gesinnungsbrüder." Der Antisemitismus sei "weiter auch ein Kampf gegen den Socialismus. ... Namentlich die österreichische Socialdemokratie hat sich ganz an das Judenthum ausgeliefert. Sie muß sich darum einfach Judokratie und ihre Anhänger judensocial nennen lassen. ..." Und viertens, den Antisemitismus zur religiösen Doktrin erhebend: "Der Antisemitismus ist aber endlich auch ein Kampf für christlichen Glauben und christliche Sitte. Indem das Judenthum in die Dienste des Liberalismus und des Socialismus sich gestellt, oder vielmehr, indem es sich zu deren Leiter und Fahnenträger gemacht hat, mußte es auch zu einem Widersacher alles dessen werden, was christlich heißt. Allein das Judenthum ist schon ein solcher an sich. Der Jude kämpft überall gegen Christus und sein Reich."[49]

Der Antisemitismus wurde somit zum ideologischen Konzentrat der christlichsozialen Bewegung. Er war das programmatische Rationale dieser neuen Partei. In ihm bündelte sich, offiziellen Erklärungen zufolge und in der konkreten Agitation, explizit alles, was diese Partei wollte: Antikapitalismus, Antiliberalismus, Antisozialdemokra­tismus, wahrhaft christliche, da antijüdische, Religiosität. Implizit stand Antisemitis­mus für: soziale Reform und christlichen Sozialismus, ein kirchenkonformes Staats­verständnis, einen traditionellen katholischen Moralkosmos, ein Leben in Würde und Anstand.

Dieses antisemitische Weltbild – ein Modell von der Welt ebenso wie ein Modell für die Welt, somit ein Erklärungs- wie ein Handlungsmodell – wurde gerade auch durch Priester in den katholischen Vereinen popularisiert [50] und wirkte auf diese Weise beim gläubigen Volk besonders nachhaltig. Der Antisemitismus – so erklärte zum Beispiel Pfarrer Josef Hartmann 1896 in Gaschurn auf einer Versammlung des dorti­gen Bauernvereins – sei "voll berechtigt als eigentlicher Kampf gegen das Juden­volk. ... ein Vertheidigungskrieg der christlichen Völker gegen die zwei großen Laster des Judenvolkes: Christenhaß und Wuchergeist."[51] Antisemitismus und katholisches Bekenntnis wurden auf diese Weise eins, gleichsam in einem elften Gebot: Du sollst Antisemit sein.

Der Antisemitismus des "Volksblatts" tritt uns nicht nur programmatisch, sondern gleichzeitig in einer Vielzahl von Klein- und Lokalmeldungen entgegen. Auf diese Weise geriet er, auch optisch, zu einem Teil des Alltagslebens, zu einem Stück kultu­reller Normalität, zwischen Blasmusikfesten, Unfällen, Behördenmitteilungen und Wetterberichten. Antisemitische Stereotype wurden so zu einem Bestandteil der "Plausibilitätsstruktur" der Gesellschaft – jener Grundmuster des Fühlens und Denkens, die keiner weiteren Begründung mehr bedürfen und das Alltagshandeln steuern.

Der Antisemitismus des Lokalberichts ist in der sozialwissenschaftlichen Analyse oft übergangen worden, weil er als lediglich abgeleitete, primitivere Variante des programmatischen, von den Ideologen formulierten Antisemitismus verstanden wurde. Doch gerade aus dem Lokalteil erfahren wir, was "unten", im Alltagsleben der einfachen Bevölkerung, an antisemitischen Stereotypen angekommen ist, wie es von den örtlichen Korrespondenten reflektiert wurde und in welchem Ausmaß es zu einem Bestandteil des selbstverständlichen Alltagswissens geworden ist.

Von den vielfältigen Formen, in denen antisemitische Stereotype in Vorarlberg herausgebildet und im Denken der Menschen angesiedelt wurden, sollen hier nur zwei dargestellt werden.

Zum einen werden Alltagserfahrungen angesprochen, antisemitisch aufgeladen und die damit erzeugten antisemitischen Gefühle zur kulturellen Norm erklärt. Hier bot sich unter anderem der zu jener Zeit übliche Hausier- und Wanderhandel an. Angriffe auf jüdische Hausierer oder kleine Geschäftsleute sind denn auch Standardthemen des "Volksblatts". Aus allen Gegen­den des Landes berichten die Korrespondenten, die geäußerten Motive sind immer dieselben: Der Jude schädige mit seiner minderwertigen und daher billigen Ware den Käufer ebenso wie den einheimischen christlichen Kaufmann. Etwa aus Bezau im Bregenzerwald: "Schon fast die ganze Woche läuft ein Hausierjude mit seinem Bündel im Dorfe herum von Thür zu Thür und bietet mit der diesen Leuten eigenen Aufdringlichkeit seine Schnittwaren zum Kaufe an, auch diesmal nicht ohne Erfolg, wie es scheint. ... Der stabile ehrliche Geschäftsmann aber hat das Nachsehen und muß sich vertrösten auf die Zeit, wo den Leuten das Bargeld ausgegangen ist."[52] So wird auch vom Hohenemser Korrespondenten ein Jude angegriffen, der mit Heiligenbildern hausiere und diese doppelt so teuer verkaufe wie die christlichen Handelsgeschäfte: "Also aufgepaßt ihr Leute auf dem Lande! Hütet euch vor den hausierenden Juden! Augen auf! Man kennt sie schon!"[53]

Wenn möglich, wird der jüdische Hausierer gleich namentlich der Öffentlichkeit preisgegeben, und dabei wird noch angedeutet, er sei eine Gefahr für die Ehre der christlichen Mädchen: "In der Gegend von Egg, Schwarzenberg und Andelsbuch treibt sich gegenwärtig ein Jude aus Galizien, namens Stellwag herum. Derselbe benimmt sich höchst arrogant, wovon Käse- und Viehhändler zu erzählen wissen. Auch die Mädchen wollen seine Nähe meiden." [54]

Das hier eingebaute Stereotyp des "Juden aus Galizien" führt uns zu einer zweiten, sehr häufigen Form der Erzeugung antisemitischer Denk- und Gefühlsmuster: zur stigmatisierenden Markierung von Familien- und Vornamen sowie von Herkunfts­orten als "jüdisch".[55] Erst einmal ist ja davon auszugehen, daß der Mehrheit der Vorarl­bergerinnen und Vorarlberger "Galizien" so egal und fern war wie – sagen wir – "Grönland". Warum ist dann dieses Wort – die Bezeichnung des polnischen Teils der österreichisch-ungarischen Monarchie mit seinen vielen jüdischen Bewohnern – zum Synonym für "jüdisch", mit einer extrem negativen Gefühlsaufladung, geworden? Dies geschah durch systematische Namenspolemiken, eine Methode, durch die übrigens auch Vor- und Familiennamen antisemitisch stigmatisiert wurden. [56]

Zur antisemitischen Aufladung des Wortes "Galizien", "galizianischer Jude" usw. haben wir im "Vorarlberger Volksblatt" eine Serie von Belegen:[57] Juden aus Galizien werden als mögliche Überträger der Cholera bezeichnet ("bei dem bekannten Wan­derungstriebe der Juden"[58]), "Galizien – die Schande eines christlichen Staates"[59] , "jüdische Brunnenvergifter" [60] usw.

Damit die antisemitische Markierung von Namen im öffentlichen Diskurs auch funktioniert, muß sie Teil der Plausibilitätsstruktur geworden sein. Die bloße Nennung des Namens muß genügen, um bei den Zuhörern oder Lesern gleichsam als bedingten Reflex die Erkenntnis und die Abwehr auszulösen: Aha, Jude! Nachdem dann die antisemitische Markierung hergestellt und im öffentlichen Bewußtsein angesiedelt ist, braucht sie in der politischen Auseinandersetzung nur mehr, ohne jedes weitere Argument, abgerufen zu werden, damit bei Zuhörern oder Lesern der abwehrende antisemitische Reflex entsteht. "Herr Spindler (Samuel aus Galizien)" [61] – so zum Beispiel wird der sozialdemokratische Funktionär aus Bregenz im Arbeiterkammerwahlkampf 1921 vom "Volksblatt" tituliert, ohne daß es der Berichterstatter für nötig empfunden hätte, irgendwie weiter auf die Person Spindlers, selbst dessen jüdische Herkunft, oder dessen politisches Programm einzugehen. "Samuel" und "Galizien" sind also im öffentlichen Bewußtsein schon derart stark markiert und mit antisemitischen Bildern aufgeladen, daß sie zu einem völlig eingepaßten Element der Plausibilitätsstruktur des christlichsozialen Lagers – und wohl weiter Bevölkerungskreise darüber hinaus – geworden sind. Die Namens­markierung funktioniert nun wie ein militärischer Appell. Sie identifiziert jemanden gleichsam automatisch als "Juden" und setzt damit Gefühle der Angst, der Abwehr und des Hasses frei.

Es sei am Rande vermerkt, daß auch heute immer wieder Wörter zu einer solchen zweifelhaften Karriere als Träger von Bedeutungen kommen, die im Publikum schließlich – wie einen bedingten Reflex – Ablehnung, Angst oder Haß erzeugen. "Asylant" und "Wirtschaftsflüchtling" zum Beispiel sind um 1991/92 auf diese Weise von Medien und von Politikern markiert und emotional völlig negativ aufgeladen worden. Eine solche Bewertung von begrifflichen Symbolen ist das Ergebnis eines öffentlichen Diskurses. Antisemitische und fremdenfeindliche Stereotype entstehen nicht von selbst, sie werden "erzeugt". Deshalb ist es notwendig und sinnvoll, gegen die abwertende Besetzung und Markierung von Begriffen wie "Asylant" – oder damals eben "Jude" – in der öffentlichen Auseinandersetzung Stellung zu beziehen. Sonst werden solche Begriffe umstands- und bedenkenlos erst mit negativen Bildern und Emotionen aufgeladen und dann zu Wegweisern für politisches Handeln.

 

Das sozialdemokratische Lager

 

In Vorarlberg hat sich das sozialdemokratische Lager, als drittes neben Christlich­sozialen und Liberalen, erst in den 1890er Jahren nennenswert entwickelt. Es spielte quantitativ die geringste Rolle. Doch wurde den Sozialdemokraten, nicht anders als den Liberalen, von den katholisch-konservativen und erst recht dann von den christ­lichsozialen Medien und Politikern unterstellt, sie stünden als "Judensoci" im Dienst jüdischer Kapitalisten, seien, obwohl "Deutsche", von "Juden" geführt usw. [62]

Das Verhältnis der sozialdemokratischen Bewegung zu Judentum und Antisemitis­mus wird in der Biographie eines ihrer Funktionäre, Samuel Spindler, exemplarisch deutlich. [63] Der 1882 in Galizien geborene und aus armen Verhältnissen stammende Schustergeselle war 1907 auf seiner Wanderschaft nach Bregenz gekommen und hatte sich hier niedergelassen. Dabei hatte er, später auch offiziell, seinen Namen von Spindel in Spindler geändert – eine Namensflucht offenbar aus dem Gefühl heraus, Spindler klinge in den Ohren von Antisemiten weniger "jüdisch" als Spindel. Bald engagierte er sich in der Sozialdemokratie, unter anderem durch Ansprachen auf politischen Versammlungen. Während das "Volksblatt" Spindlers erste öffentliche Auftritte im Jahre 1910 noch ohne antisemitische Unter- und Obertöne kommentiert hatte, [64] fand die Zeitung im folgenden Jahr, als er bei einem sozialdemokratischen Frauentag im März 1911 für die politische und wirtschaftliche Gleichberechtigung der Frau plädierte, endlich ihr Thema: Spindler war Jude. "Als Hauptredner figurierte der Jude Spindler aus Bregenz. ... Mag der Spindler noch so viel und noch so radikal reden, unsere Frauen und Mädchen gehen nicht auf so etwas ein. Zu was aber auch uns von einem Juden vorschreiben lassen, was unsere Mädchen zu tun haben. Schuster bleib bei deinen Leisten!" [65]

Diese Attacke des "Volksblatts" hatte ins volle getroffen. Denn die Art und Weise, wie sich die angegriffenen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten – wohl in Übereinstimmung mit Samuel Spindler – zur Wehr setzten, zeigt, daß sie selbst die jüdische Herkunft Spindlers als Problem empfanden. Der Antisemitismus war offen­sichtlich schon so ins allgemeine Bewußtsein eingedrungen, daß ein offensives Bekenntnis zu jüdischer Herkunft und jüdischer Existenz nicht mehr politisch diskursfähig erschien. Statt dessen ließen sich die Sozialdemokraten, und in der Folge auch Samuel Spindler selbst, auf etwas ein, was man als "defensiven Anti­semitismus" bezeichnen kann: ein Antisemitismus der vorsichtigen Distanzierung von allem Jüdischen, ein Antisemitismus des Versuchs, den judenfeindlichen Anwurf mit dem Gegenvorwurf zu entkräften, Christen seien oft ja noch viel schlimmer als Juden. So kommentierte die sozialdemokratische Parteizeitung "Vorarlberger Wacht" die Behauptung des "Volksblattes", Samuel Spindler sei Jude: "Es ist dies zwar eine Lüge, denn Spindler ist seit Jahren schon konfessionslos. [66] Aber angenommen, er wäre wirklich ein Jude, so besagt das gar nichts. Wir kennen gute ‘Volksblatt’-Christen, die wie verrückt in die Kirche rennen, aber ihre christlichen Neben­menschen jederzeit beschummeln, mehr wie der gerissenste Jude. ... Christen sind sie doch und dem ‘Juden’ Spindler an Ansehen über." [67]

Samuel Spindler war der einzige Vorarlberger jüdischer Herkunft, der sich in diesem Land nach dem Ende des 19. Jahrhunderts als Oppositioneller politisch engagierte. 1918/19, nach dem Ende der Monarchie und im politisch turbulenten Übergang zur Republik, geriet er voll ins Schußfeld der antisemitischen Christlichsozialen. Als er Ende 1918 als sozialdemokratischer Vertreter in den Bregenzer Gemeindeausschuß einzog, da gab der christlichsoziale Stadtrat Albert Ölz, laut "Volksblatt", in der konstituierenden Sitzung seinem Bedauern darüber Ausdruck, "daß die Sozialdemo­kratie in der Person des Herrn Spindler einen galizianischen Juden entsende"[68] .

Und Samuel Spindler reagierte in der sozialdemokratischen Parteizeitung "Vorarl­berger Wacht" mit eben jener defensiven Haltung, die sich selbst einen antisemiti­schen Unterton einprägen ließ und die für die Stellung der Sozialdemokratie zum Antisemitismus insgesamt typisch war – wobei es dennoch als Leistung dieser Partei zu werten ist, daß sie den dumpfen Antisemitismus vieler Arbeiter bändigte und ihn als einzige große weltanschauliche Gemeinschaft der Zwischenkriegszeit nie zu ihrem Programm machte. In einem offenen Brief versuchte Spindler, die "Bedenken gegen die Wahlfähigkeit meiner Person" zu entkräften, die Ölz vorgebracht hatte, "weil ich aus Galizien stamme und von der Sozialdemokratie als  J u d e  in die Gemeindevertretung eintrete bezw. entsendet werde". "Dieser bezeichnenden, boshaften und unwahren Verdächtigung meiner Person" hielt er entgegen: Er sei nicht Jude, sondern Mitglied der evangelischen Religionsgemeinschaft in Bregenz, wobei auch seine Kinder evangelisch erzogen würden; er habe schon seit seinem siebten Lebensjahr deutsche Erziehung genossen und seit dem Beginn seiner Wanderschaft, im 15. Lebensjahr, seinen Geburts- und Zuständigkeitsort nicht mehr gesehen. Seit seiner Niederlassung in Bregenz, ab dem 5. Dezember 1907, sei er ein pflichtbewußter Arbeiter, und kein Mensch könne ihm eine unehrenhafte Handlung vorwerfen.

Dieser offene Brief war mit "S. Spindler, Schuhmachergehilfe" unterzeichnet: [69] Nicht einmal mehr seinen Vornamen Samuel wollte Spindler öffentlich machen.

Der christlichsoziale Stadtrat Ölz dachte natürlich nicht einmal im Traum daran, etwas von seinen Äußerungen zurückzunehmen. Im Zweifelsfalle konnten sich die Antisemiten ja immer auf die Behauptung zurückziehen, mit der Bezeichnung "gali­zianischer Jude" sei lediglich eine Tatsachenfeststellung getroffen und keine Wertung verbunden. Darin liegt auch die Funktion der antisemitischen Markierung und Aufladung von Namen und Herkunftsbezeichnungen. Sie gewinnen ihre Wirkung, indem sie auf ein stillschweigendes, reflexhaftes Einverständnis mit den Adressaten solcher Äußerungen treffen: "Galizianischer Jude" funktionierte als Beleidigung, weil "Galizien" und "galizianisch" schon so antisemitisch markiert waren, daß für den Betroffenen nur noch eine abwehrende Geste des Verbergens möglich war. Offensiv zur Wehr setzen konnte er sich nicht.

Ein weiteres Beispiel, ebenfalls aus dem Jahr 1911: Bald nachdem Spindler vom "Volksblatt" als Jude angegriffen worden war, hatte Hermann Leibfried, der leitende Redakteur der sozialdemokratischen Parteizeitung "Vorarlberger Wacht", einen Prozeß angestrengt, weil ihn das "Volksblatt" einen "fremden, jüdischen (!) Sozial­demokraten schlimmster Sorte" [70] genannt hatte. Leibfried erklärte, durch das Wort "jüdisch" beleidigt worden zu sein. Denn dieses Wort gelte "hier als eine Beleidigung, die Partei versucht man als eine jüdische Partei hinzustellen. ... Man hat mich beleidigt und verspottet." [71]

Der verantwortliche "Volksblatt"-Redakteur Fritz wurde vom Gericht freigesprochen, zumal er erklärt hatte, "Jude" sei kein beleidigender Vorwurf. Doch Redakteur und Priester Wilhelm Fritz wußte natürlich nur zu gut, was er mit der Behauptung, Leibfried sei Jude, beabsichtigt hatte. Es sei "Pflicht der Presse, zu warnen vor den heillosen Ideen, die in der ‘Wacht’ verfochten werden", kommentierte er die Entscheidung der Geschworenen, die "dem Willen unseres braven Volkes Ausdruck gegeben" [72] hätten.

Gegen die Judenhetze auftretend und doch den Christlichsozialen auf dem Klavier des Antisemitismus ihre eigene Melodie vorspielend: so versuchte die sozialdemo­kratische Presse Vorarlbergs, dem Antisemitismus gegenzusteuern und sich gleich­zeitig der antisemitischen Grundstimmung nicht ganz zu verschließen. Als ebenfalls 1911 beispielsweise ein gesetzliches Verbot des Hausierhandels debattiert wurde – der ja in der antisemitischen Propaganda als typisch "jüdisch" galt –, da wandten sich die Sozialdemokraten in der "Vorarlberger Wacht" mit dem Argument dagegen, sie seien keine "Zünftler", sondern Anhänger der Gewerbefreiheit: "Wer dem Hausie­rer nichts abkaufen will, läßt dies eben sein. Jeder kann doch tun und lassen, was er will" – ein Argument des gesunden Menschenverstandes. Doch dann der übliche Griff in das Repertoire des defensiven sozialdemokratischen Antisemitismus: "Wenn es den großen Juden an den Kragen gehen soll, wenn diese in ihren Prozenten geschmälert werden sollen, dann sieht man keine Christlichsozialen gegen die Juden auftreten. ... unsere kleinen Judenfresser wagen sich an die großen Juden nicht heran." [73]

Samuel Spindler machte eine bescheidene Karriere als Sekretär der sozialdemokra­tischen Textilarbeitergewerkschaft und als Funktionär der Vorarlberger Arbeiter­kammer. Als er bei den ersten Kammerwahlen 1921 für die sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften kandidierte, reagierten die christlichen Gewerkschafter im "Vorarlberger Volksblatt" mit der Parole: "Vorarlberger, wählt die judenreine und judenfreie Liste: Christliche Gewerkschaften" [74].

Nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei und deren Gewerkschaften im Februar 1934 verlor Samuel Spindler seine Arbeit als Gewerkschaftssekretär. Krankheit und Arbeitslosigkeit folgten. Nachdem die Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 an die Macht gekommen waren, fühlte er sich zu entmutigt und zu schwach, um den Weg ins nahegelegene Schweizer Exil zu versuchen. Vom 10. auf den 11. November 1942 nahm sich Samuel Spindler das Leben, um der Deportation in ein Konzentrationslager zu entgehen. Fast genau ein Jahr nach seinem Tod, in der Weihnachtsnummer des Jahres 1943, schrieb das nationalsozialistische "Vorarl­berger Tagblatt" einen gehässigen Nachruf, in welchem all das nachtönt, was die Vorarlberger Antisemiten jahrzehntelang vorformuliert hatten: "Ein Jude in der Bregenzer Stadtvertretung. Auch das hat es einmal gegeben ... Alle Nichtsozial­demokraten in der Stadtvertretung lehnten es ab, neben einem Juden zu sitzen, aber die Sozialdemokraten legten Wert darauf, ausgerechnet diesen jüdischen Galizianer als ihren geistigen Führer in die Selbstverwaltungskörperschaft der damaligen Landeshauptstadt zu entsenden. ... Samuel Spindler war der erste und der letzte Jude, der im Rathause der Stadt Bregenz mitreden durfte." [75]

In Hohenems hatte die liberale jüdische Gemeinde zur sozialdemokratischen Bewegung, die in den 1890er Jahren aus zugewanderten Handwerksgesellen entstand, kein besonderes Naheverhältnis gefunden – und umgekehrt. Erst in der Zwischenkriegszeit, als das ehemals christlich-liberale Lager im deutschvölkischen aufgegangen und das liberale jüdische Bürgertum durch Abwanderung praktisch verschwunden war, wurde die Sozialdemokratie für die wenigen jüdischen Hohen­emser zu einer politischen Option – zur einzig verbleibenden. Harry Weil zum Beispiel, der Sohn des Synagogendiener-Ehepaares Jakob und Rachel Weil, leitete in den zwanziger Jahren den sozialdemokratischen Arbeitergesangsverein "Nibelun­genhort", [76] und Jenny Bollag-Landauer (1897-1990) erinnerte sich, daß im Gasthaus ihrer Eltern, in der "Frohen Aussicht", am Emsbach hinten im "Judenwinkel", gern und viel Sozialdemokraten verkehrt hatten. [77]



[1]      Vorarlberger Landeszeitung, 21.7.1868.

[2]      Text des Syllabus in Huber, Ernst Rudolf/Huber, Wolfgang: Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert. Dokumente zur Geschichte des deutschen Staatskirchenrechts, Bd. 2, Berlin 1976, S. 395-406.

[3]      Bregenzer Wochenblatt, Nr. 22/1848, Beilage, in Sch. Konfessionelles I. Mappe Kultuseinheit, 332/1848, Diözesanarchiv Feldkirch.

[4]      Zusammenfassend Lohrmann, Klaus: Eine schwierige Emanzipation. Die Lage der Juden in Österreich 1848 bis 1867, in: Purin, Bernhard (Red.): Salomon Sulzer — Kantor, Komponist, Reformer. Katalog zur Ausstellung des Landes Vorarlberg im Jüdischen Museum der Stadt Wien, Bregenz 1991, S. 38-51.

[5]      Hierzu Walser, Harald: Emanzipation und Ausgrenzung. Die Hohenemser Judengemeinde im 19. Jahrhundert, in: Dreier, Werner (Hrsg.): Antisemitismus in Vorarlberg. Regionalstudie zur Geschichte einer Weltanschauung (= Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 4), Bregenz 1988, S. 84-131, hier S. 116-127.

[6]      Peter, Norbert: Die parteipolitischen Verhältnisse in der Marktgemeinde Hohenems in den Jahren 1849—1918, phil. Diss. Innsbruck 1974, S. 52.

[7]      Vorarlberger Volksblatt, 21.9.1880.

[8]      Vorarlberger Volksblatt, 20.1.1882.

[9]      Hierzu Peter: Die parteipolitischen Verhältnisse in der Marktgemeinde Hohenems, S. 47, 62, 67, 70, 78.

[10]    Ebda., S. 86.

[11]    Ebda., S. 88, 92, 96.

[12]    TLA (= Tiroler Landesarchiv), Statth. Präs. Nr. 14/371, Bezirkshauptmannschaft Feldkirch an Statthalterei, 16.1.1888.

[13]    Vorarlberger Landeszeitung, 21.7.1868; siehe auch Feldkircher Zeitung, 15.7.1868.

[14]    Siehe Brenner, Michael: "Gott schütze uns vor unseren Freunden" – Zur Ambivalenz des Philosemitismus im Kaiserreich, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 2, Frankfurt-New York 1993, S. 174-199.

[15]    Feldkircher Zeitung, 15.7.1868.

[16]    Vorarlberger Landeszeitung, 16.7.1868. Dieser Bericht der "Vorarlberger Landeszeitung" wurde, als Hinweis auf eine beispielhafte religionstolerante Haltung, auch in der vom ehemaligen Hohenemser Rabbiner Daniel Ehrmann herausgegebenen jüdischen Zeitschrift "Das Abendland", Brünn 1868, S. 118, nachgedruckt.

[17]    Siehe Venus, Theodor: Der Antisemitismus im österreichischen Pressewesen 1848-1938, in: Die Macht der Bilder. Antisemitische Vorurteile und Mythen, hrsg. vom Jüdischen Museum der Stadt Wien, Wien 1995, S. 192-211, hier S. 197.

[18]    Zu antisemitischen Angriffen des "Vorarlberger Volksblatts" auf die Hohenemser Liberalen nach dem Eintritt der Juden in die allgemeine Gemeindepolitik 1878 siehe Dreier, Werner: "Rücksichtslos und mit aller Kraft". Antisemitismus in Vorarlberg 1880-1945, in: Antisemitismus in Vorarlberg. Regionalstudie zur Geschichte einer Weltanschauung, hrsg. von Werner Dreier, Bregenz 1988, S. 132-249, hier S. 155-158.

[19]    Siehe Greussing, Kurt: Die Erzeugung des Antisemitismus in Vorarlberg um 1900 (= Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 10), Bregenz 1992,S. 45-47.

[20]    Vorarlberger Volksblatt, 5.4.1895.

[21]    Vorarlberger Volksblatt, 17.5.1895.

[22]    Vorarlberger Volksblatt, 24.9.1895.

[23]    Vorarlberger Volksblatt, 15.11.1895 (Stellungnahmen und Zuschriften aus Lauterach, Vorderland, Oberland, Montafon, Schruns, St. Gallenkirch, Von der Ill).

[24]    Vorarlberger Volksblatt, 11.8.1896.

[25]    Vorarlberger Volksblatt, 13.11.1895.

[26]    Vorarlberger Volksblatt, 3.1.1896.

[27]    Vorarlberger Volksblatt, 24.1.1896.

[28]    Vorarlberger Volksblatt, 18.10.1896 (Hervorhebung im Orig.).

[29]    Vorarlberger Volksblatt, 12.11.1897.

[30]    Vorarlberger Volksblatt, 7.6.1898.

[31]    Vorarlberger Volksblatt, 31.5.1902.

[32]    Vorarlberger Volksblatt, 23.7.1895.

[33]    Vorarlberger Volksblatt, 5.12.1896.

[34]    Vorarlberger Volksblatt, 23.1.1898.

[35]    Vorarlberger Volksblatt, 27.5.1898.

[36]    Vorarlberger Volksblatt, 25.6.1898.

[37]    Vorarlberger Volksblatt, 16.11.1900; zahlreiche weitere Belege in Greussing: Die Erzeugung des Antisemitismus, S. 145 f., 148 sowie Dreier: "Rücksichtslos und mit aller Kraft", S. 153 f.

[38]    Hohenemser Gemeindeblatt, 10.11.1901, S. 201; 23.11.1902, S. 259; 23.8.1903, S. 161.

[39]    Hohenemser Gemeindeblatt, 21.5.1905, S. 116; Bericht in Vorarlberger Landeszeitung, 24.5.1905.

[40]    Als Überblick zu Leben und Werk Aron Tänzers siehe Burmeister, Karl Heinz (Hrsg.): Rabbiner Dr. Aron Tänzer. Gelehrter und Menschenfreund 1871-1937, (= Schriften des Vorarlberger Landesarchivs 3), Bregenz 1987; speziell zu Tänzers aufklärerischen theologischen und wissenschaftlichen Positionen siehe Greussing: Die Erzeugung des Antisemitismus, S. 121-124.

[41]    Vorarlberger Volksblatt, 24.11.1903.

[42]    Vorarlberger Volksblatt, 17.5.1903.

[43]    Brief im Archiv des Jüdischen Museums Hohenems, A 66.

[44]    Z.B. Vorarlberger Volksfreund, 5.12.1903.

[45]    Siehe u.a. Vorarlberger Volksfreund, 10.1.1907, 22.1.1907, 5.2.1907 (Kritik an einem "Judenstämmling" dürfe sich, im Unterschied zu den Christlichsozialen, "nur ernsthafter Antisemitismus, d.h. R a s s e n antisemitismus leisten" – Hervorhebung im Orig.).

[46]    Vorarlberger Volksfreund, 24.1.1907: "Der jüdische Mammonismus ist gewiß kein sympathisches Ding, noch viel weniger aber ist es der 'der' Kirche ..."

[47]    Zu vergleichbaren weiträumigen Entwicklungen des Antisemitismus im deutschen Katholizismus siehe Blaschke, Olaf: Wider die "Herrschaft des modern-jüdischen Geistes". Der Katholizismus zwischen traditionellem Antijudaismus und modernem Antisemitismus, in: Loth, Wilfried (Hrsg.): Deutscher Katholizismus im Umbruch zur Moderne, Stuttgart-Berlin-Köln 1991, S. 236-265; zu Österreich Weinzierl, Erika: Katholizismus in Österreich, in: Rengstorf, Karl Heinrich und Kortzfleisch, Siegfried von (Hrsg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden. Darstellung mit Quellen, Bd. 2, Stuttgart 1970 (München 1988), S. 483-531.

[48]    Vorarlberger Volksblatt, 3.1.1896.

[49]    Vorarlberger Volksblatt, 20.7.1897 (Hervorhebungen im Orig.).

[50]    Siehe Greussing: Die Erzeugung des Antisemitismus, S. 50-51, 53-56.

[51]    Vorarlberger Volksblatt, 22.5.1896.

[52]    Vorarlberger Volksblatt, 29.1.1895.

[53]    Vorarlberger Volksblatt, 19.8.1896.

[54]    Vorarlberger Volksblatt, 17.1.1900.

[55]    Hierzu grundlegend Bering, Dietz: Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag 1812-1933, Stuttgart 1987.

[56]    Hierzu ausführlicher, mit weiterführender Literatur und Hinweisen auf lokale Belege, Greussing: Die Erzeugung des Antisemitismus, S. 85-90.

[57]    Greussing: Die Erzeugung des Antisemitismus, S. 157.

[58]    Vorarlberger Volksblatt, 4.9.1895.

[59]    Vorarlberger Volksblatt, 28.6.1898.

[60]    Vorarlberger Volksblatt, 2.9.1902.

[61]    Vorarlberger Volksblatt, 24.4.1921.

[62]    Arbeiterblatt, 3.5.1907 – Das "Arbeiterblatt" war das Organ der katholischen Arbeitervereine; weitere Belege in Greussing: Die Erzeugung des Antisemitismus, S. 53-57.

[63]    Zu Spindler umfassend: Böckle, Eveline: Landfremd, sozialdemokratisch, jüdisch. Die dreifache Ausgrenzung des Samuel Spindler, in: Greussing, Kurt (Hrsg.): Die Roten am Land. Arbeitsleben und Arbeiterbewegung im westlichen Österreich, Steyr 1989, S. 114-119.

        Böckle, Eveline: Samuel Spindler (1882-1942). Sozialdemokrat und Gewerkschafter. Eine Spurensicherung, Diplomarbeit Innsbruck 1990.

[64]    Siehe Böckle: Samuel Spindler, S. 33-37.

[65]    Vorarlberger Volksblatt, 28.3.1911.

[66]    Am 3. November 1912 hat sich Spindler in Bregenz evangelisch taufen lassen; siehe Böckle: Samuel Spindler, S. 51 f.

[67]    Vorarlberger Wacht, 30.3.1911.

[68]    Vorarlberger Volksblatt, 1.1.1919.

[69]    Vorarlberger Wacht, 3.1.1919 (zitierte Hervorhebung im Orig.).

[70]    Vorarlberger Volksblatt, 11.6.1911 und 21.6.1911 (Ausrufezeichen im Orig.).

[71]    Vorarlberger Volksblatt, 12.12.1911.

[72]    Vorarlberger Volksblatt, 10.12.1911; zum Hintergrund des Angriffs auf Leibfried siehe Mittersteiner, Reinhard: "Fremdhäßige", Handwerker & Genossen. Die Entstehung der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Vorarlberg (= Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs 12), Bregenz 1994, S. 71 f.

[73]    Vorarlberger Wacht, 16.2.1911.

[74]    Vorarlberger Volksblatt, 24.4.1921.

[75]    Vorarlberger Tagblatt, 24.12.1943.

[76]    Zu Harry Weil siehe Purin, Bernhard: "Ich habe nie aufgehört, ein Vorarlberger zu sein." Hohenemser Juden in der Fremde, in: Allmende 13 (1993), Nr. 36/37, S. 69-84, hier S. 75, 78-80.

[77]    Interview mit Jenny Bollag-Landauer, Widnau/CH, 20.8.1990, in: Greussing, Kurt (Buch und Gestaltung): "Eine ganz kleine Gemeinde”. Jüdisches Leben in Vorarlberg, TV-Produktion des ORF Landesstudio Vorarlberg, Dornbirn. Erstsendung FS 1, 13.4.1991.