Sie sind hier: Startseite / Texte / Nationalsozialismus / Kurt Bereuter (2020): Der KZ-Häftling in Auschwitz mit der letzten Nummer

Kurt Bereuter (2020): Der KZ-Häftling in Auschwitz mit der letzten Nummer

Erschienen in: Thema Vorarlberg, Ausgabe 61, September 2020, S. 33

 Text als PDF herunterladen

 

Großgewachsen, schlank, im Alter eher langsam und schlaksig dahingehend, mit gutmütigen, großen Augen hinter seiner Brille und sehr geduldig und zurückhaltend, so habe ich ihn vor Augen, jenen Mann, dem in seinen jungen Mannesjahren die letzte Nummer der KZ-Häftlinge in Auschwitz eintätowiert wurde. Und – er hatte überlebt und wohnte in meiner Gemeinde, ohne, dass ich oder wohl ein anderer davon wusste. Und dabei hatte ich doch vor mehr als einem Jahrzehnt viele Erkundungen zur NS-Zeit in unserem Dorf angestellt und auch noch einige Zeitzeugen interviewen können. Nie kam die Rede auf ihn, aber er war ja auch nicht gebürtig aus unserem Ort stammend. Auch von einem Deserteur war nie die Rede, obwohl er als solcher längst in die historischen Untersuchungen der Malin-Gesellschaft aufgenommen war und diesen Umstand mit Glück und Haft überlebt hatte. Auch der Deserteur stammte nicht aus unserem Dorf, war aber sehr gut integriert und in einem der Vereine an „vorderster Front“.

 Zurück zum KZ-Auschwitz-Häftling mit der letzten vergebenen Nummer. Er lebte in unserem Dorf mit seiner Familie ein bescheidenes und -- von außen besehen -- ein unaufgeregtes Leben mit Arbeitsstätte außerhalb unseres Dorfes, die er mit dem öffentlichen Bus erreichte. Aus den Akten wissen wir, dass er mit der Häftlingsnummer 202.499 am 18. Jänner 1945 in das KZ Auschwitz als „Berufsverbrecher“ eingeliefert wurde.1 Grundlage dafür war das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher und über Maßregeln der Sicherung und Besserung“ vom 24. November 1933, mit dem eine zeitlich unbefristete Sicherungsverwahrung möglich war. Im „Vorbeugungshafterlass“ vom 13. November 1933 wurde der Berufsverbrecher als jener definiert, der wenigstens dreimal in fünf Jahren verurteilt wurde. Also auch für „Kleinkriminelle“ und Unliebsame des Regimes wurde Recht zu Unrecht.

Die Häftlingszahl 202.499 soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass im KZ Auschwitz-Birkenau über eine Million Menschen grausamst ermordet wurden, 90 % davon waren jüdisch und wurden zumeist gar nicht registriert, sondern von der Rampe weg direkt in den Tod geschickt. Am 27. Jänner, also 9 Tage nach der Ankunft des Häftlings mit der letzten Nummer, wurde das KZ von russischen Truppen befreit und bereits ab dem 17. Jänner wurden noch Tausende von Häftlingen von der SS erschossen oder auf sogenannte Todesmärsche geschickt. Diese Evakuierung startete also schon einen Tag bevor E. M. dort ankam und registriert wurde. Die Erklärung fand eine Journalistin aus Hamburg, die mich im letzten Jahr über den Obmann der Malingesellschaft kontaktierte. Alexandra Rojkov recherchierte für einen Beitrag in der Süddeutschen Zeitung über den Häftling mit der letzten vergebenen Nummer im KZ Auschwitz und fand im „Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau“ der polnischen Historikerin Danuta Czech die Erklärung. In einer Fußnote zum letzten Häftling fand sie den Satz „Dieser Häftling wird in das KZ Auschwitz überstellt, um ihn in die SS-Sondereinheit Direlwanger einzugliedern“.2 Schon seit dem Juli 1942 wurden diesem Sonderkommando KZ-Häftlinge zugewiesen und ab 1943 waren aus den Reihen der „Berufsverbrecher“ und „Asozialen“ in den KZs „freiwillige“ Häftlinge für Dirlewanger zu ernennen. Dr. Oskar Dirlewanger selber soll zur Auswahl der Häftlinge für seine Brigade in die Konzentrationslager gefahren sein, und seine Einheit wurde immer mehr zu einer „Bewährungseinheit“ für Todgeweihte.   

Diese Dirlewanger-Einheit wurde von dem Zeithistoriker Hellmuth Auerbach wie folgt beschrieben: „Den Kernbestand der Dirlewangerschen Einheit bildeten Wildschützen. Diese echten Wildschützen, d. h. Männer, die mit der Büchse wilderten und keine Fallensteller waren, wurden von Hitler ihres Wagemutes wegen hoch geachtet. Möglicherweise stammt von ihm selbst die Idee, diese Leute, die doch gute Scharfschützen waren, an der Front einzusetzen.“Das sah auch die SS so und gab zu Protokoll: „Der Wilddieb ist kein ,Charakter-Verbrecher', kein Rechtsbrecher aus Minderwertigkeit, sondern aus Leidenschaft. Man wird ihm eine schwere Last abnehmen, nämlich gleich einem ,Kriminellen' behandelt zu werden, wenn man ihm die Chance gibt, sich vor dem Feind für seine Heimat zu bewähren, und kann dabei seine Jagdleidenschaft in den weiten Wäldern und Sümpfen des Ostens im Kampf gegen Partisanen ausnützen."4

Tatsächlich war diese Dirlewanger-Brigade eine der berüchtigsten Einheiten des nationalsozialistischen Deutschlands, die sich durch ihre Brutalität und ihre mannigfachen Kriegsverbrechen „auszeichnete“. An erster Stelle wird immer die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes genannt, bei der die Dirlewanger-Truppe ein fürchterliches Gemetzel anrichtete und davor und danach schon mit äußerster unmenschlicher Brutalität durch Osteuropa marodierte.5 Auf den Kopf von Dr. Oskar Dirlewanger schrieben die Russen deswegen ein Kopfgeld von einer Million Rubel aus, und Dirlewanger war tatsächlich auch privat ein Verbrecher, Sadist und Menschenverachter, was ihn sogar vor die deutschen Rechtsbehörden brachte. Aber als „erfolgreicher“ Soldatenführer war er wegen der schützenden Hand seines ehemaligen Kriegskameraden, SS-General und Chef des SS-Hauptamtes Gottlob Berger, verschont geblieben. Erst nach Kriegsende soll ihn ein ehemaliger KZ-Häftling im Gefängnis erkannt haben, und dort sei er von polnischen Aufsehern zu Tode gefoltert worden.6

Und es ist an Zynismus fast nicht zu überbieten, dass gerade KZ-Häftlinge, darunter auch solche, die wegen regimefeindlichem Verhalten als Kommunisten und Widerstandskämpfer im KZ waren, für diese Einheit zwangsrekrutiert wurden, um als Opfer zum Täter zu werden.

Aus heutiger Sicht kann ich nur sagen, dass in mir immer noch dieser bescheidene, ruhige und stille Mann vor Augen erscheint, wenn ich an ihn denke, ohne zu wissen, was wirklich war, was er tat oder auch nicht tat. Mittlerweile ist er auch gestorben und seine Familie aus dem Dorf weggezogen. Auf alle Fälle erlebte er mehr als vier Jahre KZ-Haft, die ihn zum Opfer des NS-Staates machten. Seine Einlieferung in ein mörderisches KZ war, wie in allen Fällen, nicht nur von damals so bezeichneten „Asozialen“ und „Berufsverbrechern“, grenzenlose totalitäre Menschenverachtung. Und wie freiwillig die „Bewährung“ durch die Dirlewanger-Einheit war, zeigt eine Aussage eines politischen Häftlings, dem eröffnet worden sei, es gäbe für ihn nur zwei Möglichkeiten: Genickschuss oder „Sonderkommando Dirlewanger“, und sie hätten nicht den Tod gewollt.7 Und wenn schon in der Dirlewanger-Brigade eine „mittelalterliche“ Regimentsführung angesagt war, sei die Behandlung der ehemaligen KZ-Häftlinge besonders rigoros gewesen, und sie seien weiterhin wie Häftlinge behandelt und auf bloße Verdächtigung hin von Dirlewanger persönlich erschossen worden.8 „Über die KZ-Häftlinge erhält der Kommandeur des Bataillons, SS-Obersturmbannführer Dirlewanger, die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod auch im Ruhequartier und der Feldgarnison.“9

Was der KZ-Auschwitz-Häftling mit der letzten Nummer in der Dirlewanger-Brigade tat oder nicht tat, entzieht sich unserer Kenntnis und kann ihm folgedessen auch nicht angelastet werden. Dem Zeithistoriker Hellmuth Auerbach folgend, erhielten die KZ-Häftlinge, die Mitte Jänner rekrutiert worden waren, etwa zwei Wochen militärische Ausbildung, und die gesamte Brigade wurde Ende Januar 45 nach Deutschland transportiert, wo sie am 12. Februar eingetroffen sei und am 27. April bei Halle in sowjetische Gefangenschaft geriet. Ab da war das Dirlewanger-Regiment die 36. Waffen-Grenadier-Division der SS und im Verteidigungskampf gegen die anrückenden sowjetischen Truppen.10 Die grausamen und menschenverachtenden Ausschreitungen Dirlewangers und seiner Brigade können ab dieser Zeit, als der letzte Häftling Teil dieser Brigade war, nicht festgestellt werden, wie es sie vorher in den besetzten Gebieten fast überall gab, wo Dirlewanger mit seiner Brigade im Einsatz war. Möglicherweise entzog sich der „letzte Häftling“ aber schon früher durch Desertion, um zu überleben, was gegen Ende des Krieges gar nicht so selten geschah.11 Sie wollten überleben, und das tat er, der Häftling mit der letzten Nummer und wurde sogar sehr alt, mitsamt seinem Wissen und seiner tragischen Geschichte im Kopf und wohl auch im Herzen. 



1   https://www.zeit.de/1992/39/die-auschwitz-luegen/seite-2, abgerufen am 3. Juli 2014:452   

2  Süddeutsche Zeitung Magazin, Nr. 35, 30. August 2019, S. 133   

3  Hellmuth Auerbach: Die Einheit Dirlewanger (PDF; 5,6 MB) in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 1962, Seite 250

4   Ebd., S. 250

5   Vgl. https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-29193699.html, abgerufen am 6. Juli 2020, 15h10

6   Vgl. Der Spiegel, 30/2008, S. 48 f. „Ein braver Schwabe“

7   Ebd., S. 258

8   Vgl. ebd., S. 259

9    Zit. nach ebd., S. 260

10   Vgl. ebd., S. 262

11   Vgl. ebd., S. 259