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Kurt Bereuter (2021): Ehrenbürgerin von Rankweil etc.: Eine alte Debatte mit Folgen? Natalie Beer und ihre NS-Vergangenheit, die niemals vergangen war

Die Schriftstellerin Natalie Beer (1903-1987) erhielt noch 1978 den "Ehrenring" der Marktgemeinde Rankweil, obwohl sie sich nie von ihrer NS-Vergangenheit distanziert hat. Nun ist die Debatte über die Aberkennung ihrer zahlreichen Auszeichnungen von Bund und Land, dem Franz-Michael-Felder-Verein und den Gemeinden Au und Rankweil wieder entbrannt.

 

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Erschienen in: KULTUR – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Nr. 4/2021, Mai 2021, S. 60-64

 

Eine alte Debatte über Nationalsozialismus und Kulturarbeit und deren Wert in Vorarlberg ist wieder aufgeflammt. Die SPÖ Rankweil brachte vor drei Jahren einen Antrag in die Gemeindevertretung von Rankweil zur „Ehrenringträgerschaft Frau Prof. Natalie Beer“ ein. Die Fraktion unter GV Werner Nesensohn wollte damit „anregen, dass sich die Gremien der Marktgemeinde Rankweil mit dieser Thematik befassen“, wurde doch 1978 von der Gemeinde der Ehrenring an die Schriftstellerin und Heimatdichterin Natalie Beer verliehen und verschiedene historische Aufarbeitungen hätten zwischenzeitlich festgestellt, „dass Natalie Beer bis ins hohe Alter mit dem Gedankengut des Nationalsozialismus verbunden war“.

Unterstützt wurde dieses Anliegen von Beginn an von den Vertretern des „FORUM“ – der Rankweiler Grünen. Durch die Beiziehung einer externen Fachperson sollte eine Zusammenfassung der bestehenden Quellen in Auftrag gegeben werden und bis zum Herbst 2018 sollten entsprechende Ergebnisse vorliegen, um dann eine politische Entscheidung treffen zu können, wie mit dieser Würdigung durch die Gemeinde Rankweil umzugehen ist. In diesem Zusammenhang sollte auch geklärt werden, ob für die Verfolgten der Gemeinde eine Gedenktafel an einem passenden Ort angebracht werden sollte. Mit Hilfe des Gemeindearchivars Norbert Schnetzer sollte dazu eine Fachperson beauftragt werden, die über die Person der Natalie Beer hinaus, die Zeit des Nationalsozialismus in Rankweil aufzuarbeiten.

So lobenswert dieses Ansinnen war, so klar war auch, dass damit vorerst einmal Zeit gewonnen wurde, um sich dieser konkreten Person Natalie Beer und deren Ehrenring-Aberkennung zu nähern. Denn noch immer gibt es beim Waldfriedhof ein Turmzimmer zu Ehren der Natalie Beer und auch einen Freundeskreis der Natalie Beer in Rankweil, der sich dann auch im Namen eines Herrn Bereuter aus Rankweil (mit dem Schreiber dieser Zeilen nicht verwandt!) zu Wort meldete und mit Unverständnis reagierte, sei Natalie Beer doch eine noble und anständige Frau gewesen. Ich initiierte 2018 als Felder-Vereins-Vorstand mit Harald Walser eine Veranstaltung zur Thematik „Natalie Beer als Trägerin der Felder-Medaille“. Dem Felder-Vereins-Obmann Norbert Häfele gelang es dann sogar, Michael Köhlmeier zusammen mit dem ORF unter Markus Barnay auf ein Podium zu bringen, bei dem dieses Thema im ORF-Publikumsstudio diskutiert wurde. Viele Zuhörer waren erstaunt, wie im Rahmen lebendiger Vorarlberger Kulturgeschichte die moralischen Tiefen der Vorarlberger Nachkriegskulturpolitik ausgelotet wurden. So wurde Natalie Beer nicht nur das Silberne Ehrenzeichen Vorarlbergs verliehen, sondern sie wurde sogar als einzige Literatin im Lande mit einem lebenslangen Stipendium „versorgt“. Roger Vorderegger hatte als Podiumsteilnehmer schon im Jahrbuch 2016 des Felder-Archivs in seinem Beitrag „Ein Interview und die Folgen oder: das Besondere ist das Allgemeine“ das Thema sehr umfassend bearbeitet. Begonnen hatte diese Debatte in der breiteren Öffentlichkeit mit einem Interview, das Michael Köhlmeier am 2. Juli 1983 im Rahmen eines „Hörfensters“ im ORF Vorarlberg mit der Schriftstellerin führte und sie ihm ihre immer noch tief verwurzelte NS-Ideologie kundtat und all jene, die sich nach dem Nationalsozialismus von dieser Ideologie abwendeten, als Verräter bezeichnete „und lauter Leute, die einfach keinen Charakter hatten“. Dem blieb sie treu und publizierte weiter in rechten bis extrem rechten Netzwerken. Und jetzt liegt eine neue Zusammenfassung eines Historikers vor, der die Entscheidung der Gemeinde Rankweil zur Aberkennung des Ehrenringes klären soll. Neues ist daraus freilich nicht zu erwarten, denn die Faktenlage ist klar und liegt längst umfangreich vor. Dieses Gutachten kann dann nur eine Konsequenz haben, nämlich als klare Stellungnahme zur Aberkennung des Ehrenringes durch die Gemeinde Rankweil.

Dass aber damit noch lange nicht Schluss ist, ergibt sich aus der Tatsache, dass die Gemeinde Rankweil nicht die einzige in dieser Thematik betroffene Institution ist. Auch die Gemeinde Au im Bregenzerwald, der Geburtsort von Natalie Beer, hat ihr den Ehrenring der Gemeinde im selben Jahr wie die Gemeinde Rankweil, 1978, verliehen. Schon 1975 erhielt sie von der damaligen Vorarlberger Landesregierung das „Silberne Ehrenzeichen Vorarlbergs“ und 1977 verlieh ihr Bundespräsident Rudolf Kirchschläger den Professorentitel. Und erst 1983 erhielt sie die Franz-Michael-Felder-Medaille, was dann für Monika Helfer 1987 Anlass war, ihre Medaille aus Protest an den Felder-Verein zurückzugeben. Seit damals hat sich der Felder-Verein nicht darüber hinweg getraut, diesen Fehler zu tilgen. Es gibt also viel zu tun, Rankweil kann den Anfang machen und muss ihn wohl auch machen, denn an diesem Punkt gibt es kein Zurück mehr, ohne dass es auch ein politisches Statement wäre, wie mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in unserem Lande umgegangen wird.

Zur Person von Natalie Beer (1903, Au – 1987, Rankweil)


Um es vorweg zu nehmen, Natalie Beer war – und blieb vor allem – bis zu ihrem Tod eine überzeugte Nationalsozialistin und machte daraus auch keinen Hehl, der aktuelle Forschungsstand aus mittlerweile fast 40 Jahren Forschungsarbeit ist völlig klar. So verwundert es auch nicht, dass der neue, von der Marktgemeinde Rankweil beauftragte Forschungsbericht des Innsbrucker Historikers Dr. Nikolaus Hagen inklusive Anmerkungen und Literaturverzeichnis gerade mal knapp 13 Seiten lang ist. Laut diesem Bericht war Natalie Beer seit Anfang der 30er-Jahre deklarierte NS-Sympathisantin, war ab Herbst 1938 Angestellte der NSDAP bei der Gauleitung Tirol-Vorarlberg, trat 1939 offiziell in die NSDAP ein und leitete von 1942 bis Kriegsende als Gau-Abteilungsleiterin das Amt „Presse-Propaganda der NS-Frauenschaft“ für Tirol-Vorarlberg und „war damit eine der ranghöchsten – wenn nicht sogar die ranghöchste Nationalsozialistin in Vorarlberg“ und gehörte somit „als Parteiführerin zum Kreis der belasteten Nationalsozialisten und Nationalsozialistinnen“. Nach ihrer Rückkehr nach Vorarlberg und ihrem „Karriereknick“ hätten laut Nikolaus Hagen ebenfalls NS-belastete Kreise ihr wieder zu einer beruflichen Stellung (bei der Dornbirner Messe) verholfen und sie publizierte ab 1951 sogar in den Vorarlberger Nachrichten. Zuvor schon arbeitete sie aber auch unter dem Pseudonym Ursula Berngath für das Radio in Vorarlberg, was auch den ORF (zumindest in der Person des Moderators Markus Barnay) bei der Publikumsdiskussion im ORF beschämte. Anlässlich der Verleihung der Franz-Michael-Felder-Medaille des Felder-Vereines habe der damalige Direktor der Vorarlberger Landesbibliothek, Eberhard Tiefenthaler, ihre NS-Vergangenheit ausgeklammert und später in der Anthologie „Funde am Lebensweg“ „unkritisch als Vorgeschichte eines späteren Leidensweges zu Beginn der Zweiten Republik“ erwähnt. Das Ende der NS-Herrschaft beschrieb sie selber als völligen Zusammenbruch und die Wiedererrichtung der Demokratie und die damit einhergehende Entnazifizierung als Zeit des Hasses. Wer sich mehr einlesen will, dem seien unten drei Literaturhinweise gegeben, inklusive der Transkription des entlarvenden Interviews mit Michael Köhlmeier in der Magisterarbeit von Karin Spiegl.   

Und wie geht es jetzt weiter?


Nachdem nun ein weiterer Bericht vorliegt, sieht der Gemeindearchivar von Rankweil, Norbert Schnetzer, der das weitere Gutachten einholte, die Gemeinde am Zug. Im Gemeindevorstand wurde das Anliegen besprochen und laut der neuen Bürgermeisterin Katharina Wöß-Krall war die Meinung im Gemeindevorstand (ÖVP und Grünes Forum) mit klarer Tendenz zur Aberkennung des Ehrenringes gegeben, aber für einen Gemeindevertretungsbeschluss gibt es noch keinen Termin. Vorher soll es den Kontakt zum Land Vorarlberg, der Gemeinde Au und dem Franz-Michael-Felder-Verein geben, die Natalie Beer ebenfalls würdig(t)en. Es solle im besten Falle ein gemeinsamer Weg dieser Institutionen geben und dafür will die Gemeinde aber erst die Rückmeldungen abwarten, nachdem diese von der Vorgehensweise der Gemeinde Rankweil brieflich informiert worden sind und ihnen das Gutachten vorliegt. Dass die gesamte NS-Geschichte von Rankweil aufgearbeitet wird, wie es 2018 noch das Anliegen der Gemeindevertretung war, ist vorläufig auf Eis gelegt, weil bisher dazu nichts geschah, es viel Zeit und auch finanzieller Mittel bedürfte. Aber eine so große Aufarbeitung sei zurzeit gar nicht gewollt. Sie wäre aber nicht abgeneigt für alle Opfer des NS in der Gemeinde eine damals angesprochene Gedenktafel zu installieren, eventuell gemeinsam mit dem LKH Rankweil. Aber jetzt geht es einmal um die Person Natalie Beer und ihren verliehenen Ehrenring der Gemeinde. Ob und welche Widerstände im Falle einer Aberkennung des Ehrenringes aus der Bevölkerung kämen, kann sie nicht beurteilen, es gebe ja auch noch den „Verein der Freunde von Natalie Beer“ in Rankweil, mit dem noch nicht Kontakt aufgenommen worden sei.   

Andreas Simma als Bürgermeister der Gemeinde Au im Bregenzerwald, Geburtsort von Natalie Beer, die Natalie Beer auch 1978 den Ehrenring der Gemeinde zuerkannte, hat sich nach meinem ersten Anruf im Internet und im Gemeindearchiv informiert, und wenn ihr Rankweil den Ehrenring aberkenne, dann werde er dies in die Gremien bringen und sie damit beschäftigen. Damals sei ihr (Beers) Ansehen im Lande groß gewesen und fünf Jahre später hätte man ihr vermutlich den Ring nicht mehr verliehen, als ihre Aussagen aus dem Jahre 1983 vorlagen. Soweit eine kurze und klare Antwort aus Au, wenngleich zu prüfen sei, ob dies überhaupt rechtlich möglich sei, ihr den Ring posthum abzuerkennen.   

Der Felder-Verein unter Obmann Norbert Häfele würde sich einem Beschluss zur Aberkennung des Ehrenringes durch die Gemeinde Rankweil nicht so einfach anschließen. Norbert Häfele vertritt ein „dynamisches Geschichtsverständnis“ und dabei müsse man sich allen historischen Strömungen der Vergangenheit stellen und auch vor einer historischen Perspektive urteilen. Insofern könne man auch nicht den verstorbenen Obmann Elmar Haller zur Rechenschaft ziehen, unter dem damals die Felder-Medaille an Natalie Beer verliehen worden sei. Der Verein habe sich vor zwei Jahren im Rahmen der ORF-Publikumsdiskussion dem Thema gestellt und aus heutiger Sicht habe man sich klar distanziert – vor allem von den Lügen und der eigenen Rechtfertigung Beers. Insofern fühle er sich der klaren Stellungnahme verpflichtet und werde auch gerne eine entsprechende Erklärung abgeben, falls Rankweil ihr den Ehrenring aberkenne, aber der neue Vorstand sehe es nicht als seine Aufgabe ihr die Felder-Medaille abzuerkennen, wenngleich es den Vermerk auf die Aberkennung durch die Gemeinde Rankweil in den Vereinspublikationen geben würde. Die Verleihung könne so nicht aus der Vereinsgeschichte gestrichen werden, aber die klare Stellungnahme und das Einfügen einer allfälligen Aberkennung werde geschehen. Dass man heute diesen Griff nicht mehr machen würde, sei klar, aber damals war es ein Ehrenmantel für eine abtretende Generation von Literaten (Eugen Andergassen) und Literatinnen (Gertrud Fussenegger und Natalie Beer) aus Vorarlberg, die viel publiziert hatten und mit ihren im Grunde katholisch-konservativen, aber reichlich „verbrämten“ Wertekanon Vorarlbergs Literaturverständnis massiv geprägt hatten, bis dann doch die „Neue Literatur“ auch in Vorarlberg Einzug gehalten habe, so die Meinung des Felder-Vereins-Obmannes Norbert Häfele.  

Und das Land Vorarlberg, das Natalie Beer 1975 das Silberne Ehrenzeichen verliehen hatte? Die Landesrätin für Kultur, Bettina Schöbi-Fink, stellt klar, dass das Land Vorarlberg nicht von sich aus tätig werden wird, aber wenn eine Gemeinde oder auch einer oder mehrere Bürger einen solchen Sachverhalt wie bei Natalie Beer melden und sogar noch ein wissenschaftliches Gutachten vorlegen, wird das von der Landesregierung geprüft, und diese kommt dann zu einem Ergebnis, das dasselbe sein könne, wie jenes von der Gemeinde Rankweil. Das sei zwar ihres Wissens bisher noch nie geschehen, aber selbstverständlich werde so ein Sachverhalt von der Landesregierung geprüft und dann entschieden, denn zuständig für die Verleihung sei die Landesregierung und nicht das Landesparlament. Auf die gesetzliche Situation angesprochen, ob eine posthume Aberkennung überhaupt möglich ist, meint sie, dass sie das prüfen lassen muss, es klinge aber überschaubar die gesetzlichen Anforderungen zu leisten. Für sie persönlich stelle es sich schon als sehr schwierig dar, so ein Ehrenzeichen aufrecht zu erhalten, wenn das Gutachten eine klare Sprache spreche, und davon gehe sie aus.

Auf meine Anfrage an Bundespräsident Alexander Van der Bellen wegen einer möglichen Aberkennung des verliehenen Professorentitels an Natalie Beer, hat sich sein Pressesprecher Reinhard Pickl-Herk mit der Auskunft gemeldet: "Wir recherchieren gerade die Fakten, kann Ihnen daher Ihre Frage noch nicht beantworten. Sobald wir etwas mehr wissen, kann ich Ihnen antworten.“ Bleibt also abzuwarten, wie Bundespräsident Alexander Van der Bellen entscheiden wird. 

 Stellt sich nun die Frage wie die betreffenden Institutionen mit diesem Vorhaben umgehen werden. Einerseits ist eine akkordierte Vorgehensweise der Aberkennung ein logischer Schlusspunkt einer schon viel zu lange schwelenden öffentlichen Debatte, andererseits hat sich die Gemeinde Rankweil mit dem neuerlichen Gutachten in Vorlage gebracht und kann sich nun schon gar nicht mehr auf eine unklare Faktenlage stützen. Insofern wird wohl die Gemeinde Rankweil mutig vorangehen müssen, wenn sie nicht selber eingestehen will, dass das bestellte und bezahlte Gutachten nicht ernst genommen wird, sollte es doch die Grundlage für einen Beschluss (wie auch immer) in der Gemeindevertretung sein. Auf alle Fälle ist diese Debatte ein weiterer „Baustein“ in der Vorarlberger Kulturpolitik und deren Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe. Und da kann es keinen Spielraum geben.


Zu Natalie Beer siehe auch Harald Walser: „… nicht die Letzten?“ Der „Fall Beer“ und die Vorarlberger Kulturpolitik, in: Allmende 9/1984, S. 169–174

Weitere Literaturhinweise:

Karin Spiegl: Natalie Beer (1903-1987). Stationen einer Karriere vor dem Hintergrund österreichischer Kulturpolitik vor und nach 1945, Magisterarbeit, Universität Wien 2010
http://othes.univie.ac.at/12938/1/2010-11-23_0401569.pdf

Roger Vorderegger: Ein Interview und die Folgen oder: das Besondere ist das Allgemeine, in: Jahrbuch Franz-Michael-Felder-Archiv 2016, S. 157–190

 

Natalie Beer bei Landeshauptmann Herbert Keßler, 1973

Natalie Beer bei Landeshauptmann Herbert Keßler, 1973