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Wilhelm Stärk (1987): Wesen und Art des Dornbirners. Eine Anthologie der schönsten Lesefrüchte

Der Mythos der Vorarlberger Alemannen reproduzierte sich - einige Stockwerke tiefer im Niveau - in Ethno-Charakteristiken von Dörfern und Städten. Hier nun ist zusammengetragen, was allen Ernstes zu den Dornbirnern zusammengeschrieben wurde: die Vermessung einer weitestgehend vernunft- und nachdenkfreien Zone.

Wilhelm Stärk

Wesen und Art des Dornbirners

Eine Anthologie der schönsten Lesefrüchte

 

Erschienen in: Dornbirner Statt-Geschichten. Kritische Anmerkungen zu 100 Jahren politischer und gesellschaftlicher Entwicklung. Hg. Werner Bundschuh / Harald Walser. Bregenz 1987, S. 14-28

 

 

Wesen, Geist, Charakter und Eigenart vergangener und gegenwärtiger Völker zu erfassen, stellt seit langer Zeit eine Hauptbeschäftigung unzähliger Fachleute - Historiker, Archäologen, Anthropologen, Philologen, Theologen, Philosophen usw. - dar. Berühmt ist Johann Joachim Winckelmanns Charakterisierung des Griechentums mit der eingängigen Formel: "edle Einfalt und stille Größe". Jüngere Untersuchungen haben vor allem das "starke Ichgefühl" und den "Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung" als typische Merkmale der Hellenen herausgestellt. Ihnen wurden die "praktischen, auf das Zweckhafte hin orientierten Römer" gegenübergestellt, ein Volk, welches unter anderem durch "Leidenschaftslosigkeit", "Rationalität", "Tapferkeit", "Rechtlichkeit" und "Familiensinn" gekennzeichnet ist (1). Gegenstand einer solchen Typisierungskunst wurden aber auch verschiedene Völker des Alten Orients: Sumerer, Assyrer, Israeliten, Phönizier usw.

Daß es auch zahlreiche Versuche - wissenschaftliche und literarische - gegeben hat, das Volk der Österreicher wesensmäßig zu bestimmen, stellt eine bekannte Tatsache dar. Franz Grillparzer etwa verdanken wir die Einsicht, daß der Österreicher "froh und frank" ist: "Trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden,/ Beneidet nicht, läßt lieber sich beneiden!" (2). Und erst in der letzten Zeit hat der Versuch des Psychotherapeuten und Tiefenpsychologen Erwin Ringel, der "österreichischen Seele" auf die Spur zu kommen, in der Öffentlichkeit große Beachtung gefunden (3).

Daß es auch über das Wesen des Vorarlbergers mehrere zum Teil recht umfangreiche Abhandlungen gibt (4), kann keineswegs überraschen: Findet man doch hierzulande eine ausgeprägte Neigung, die Vorarlberger als eigenständiges "Volk" (5) zu betrachten, bei dem es sich im Grunde nicht um "echte Österreicher" handelt (6).

Das Thema, mit dem wir uns in diesem kleinen Aufsatz befassen wollen, ist indes noch eine Etage tiefer angesiedelt. Es geht um die Frage: Wie ist der Dornbirner? Welches sind die unverwechselbaren Wesenszüge, die allen - oder zumindest den meisten - Dornbirnern gemeinsam sind und sie zugleich von den übrigen Vorarlbergern unterscheiden?

Daß es sich bei den Dornbirnern tatsächlich um einen eigenen Menschenschlag handelt, wurde von namhaften heimischen Persönlichkeiten mehrfach bestätigt. So etwa schrieb im Jahre 1926 der Müselbacher Pfarrer Alois Berchtold:

"Den Dornbirnern rühmt man eine starke, ausgeprägte Eigenart nach, Kraft, Charakter, entschlossenes, gemeinsames Vorgehen. Ein eigenes Volk sind sie, scharf geschieden gegen die Art des Ober- und Unterlandes und gegen Lustenau hin" (7).

Aus dem selben Jahr stammt die folgende Feststellung des Religionsprofessors Christian Hiller:

"Wenn auch der Dornbirner kein abgeschlossener Talbewohner ist, kann doch von ihm als einer typischen Erscheinung gesprochen werden. 'D' Dorobirar kennt ma', ist in Vorarlberg wenigstens kaum angezweifelt" (8).

Und Ida Bammert-Ulmer brachte es im Jahre 1951 zu der Erkenntnis, daß der Dornbirner von einer "ausgeprägten völkischen Eigenart" ist. So verfügte beispielsweise der bekannte Heimatdichter Armin Diem über ein "richtiges Dornbirner Gesicht" (9).

Die letzten Zitate machen deutlich, daß sich der Verfasser auf eine Anzahl von Vorarbeiten stützen kann, die zum Teil recht weit zurückreichen. Schrieb doch schon um das Jahr 1830 Pfarrer Pius Moosbrugger in seiner "Topographie von Dornbirn", "daß ungezwungene Offenheit, deutscher Biedersinn, echter Patriotismus, ein spekulierender Unternehmungsgeist, ein edler Gemeinsinn zur Ausführung wohl überlegter Pläne ... unabsprechliche Charakterzüge des größten Theiles der Einwohner von Dornbirn" sind (10).

Als wahre Fundgrube für unser Thema erweist sich das im Jahre 1926 erschienene "Sonderheft Dornbirn" der Zeitschrift "Heimat" (11), in dem unter anderem ein Aufsatz mit dem Titel "Der Dornbirner Volks-Charakter" von Christian Hiller enthalten ist. Aber auch manche Vorarlbergensien jüngeren Datums - etwa die Schriften von Hans Nägele - sind reich an bemerkenswerten Feststellungen über die Dornbirner Wesensart.

Eine kritische Sichtung dieser heimatkundlichen Schriften führt zu dem erfreulichen Resultat, daß über das Wesen des Dornbirners bereits alles gesagt wurde, was es darüber zu sagen gibt. Die folgenden Ausführungen wollen daher keine neuen, eigenständigen Erkenntnisse vorlegen, sondern stellen lediglich eine Sammlung von Zitaten aus dem bisherigen Schrifttum, gewissermaßen eine Anthologie der schönsten Lesefrüchte, dar. Dabei wurde - entsprechend dem statischen, einer entwicklungsgeschichtlichen Betrachtungsweise kaum verpflichteten Weltbild, das dem Thema zugrunde liegt - darauf verzichtet, die Textstellen in ihrer zeitlichen Reihenfolge anzuordnen. Der Verfasser gesteht auch reumütig ein, daß er bei seiner Arbeit nicht ausschließlich von dem Streben nach Erkenntnis geleitet wurde, sondern auch ein wenig den Unterhaltungswert der ausgewählten Zitate im Auge hatte.


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Als besonders charakteristisches Merkmal des Dornbirner Wesens wurden von zahlreichen Autoren immer wieder der außerordentliche Fleiß, die Arbeitsfreudigkeit, Tatkraft, Zähigkeit und Strebsamkeit herausgestrichen: Die Dornbirner sind mit einem "ganz ungewöhnlichen Gewerbefleiß" (12) ausgestattet, sie sind "streng in geschäftlichen Belangen" (13), "Fleiß und Unternehmungsgeist, das sind von jeher zwei Eigenschaften der Dornbirner Bevölkerung gewesen" (14). "Das Leistungsprinzip ist überhaupt in großem Ansehen" (15), und dementsprechend findet man hier "verläßliche und gute Arbeiter" (16). Dieser "strebsame, gegen alle Hindernisse mutig ankämpfende Geist der Dornbirner" (17) hat dem Gemeinwesen den Ruf als "Stadt emsiger Betriebsamkeit" (18), als "Stadt des gewerblichen und industriellen Fleißes" (19) eingebracht.

Ob es in Dornbirn jemals auch faule, arbeitsscheue Menschen gegeben hat, denen das hier herrschende Leistungsdenken innerlich fremd geblieben ist, darüber finden sich in der vom Verfasser durchgesehenen Dornbirn-Literatur keine Hinweise. Sollte so etwas dennoch irgendwann vorgekommen sein, so kann es sich unmöglich um richtige Dornbirner "vom guten alten Schlag" (20) gehandelt haben.

Neben seiner Arbeitsfreudigkeit besitzt der Dornbirner auch einen "ausgesprochenen Sinn für Sauberkeit und Qualität" (21). "Der auf den Beschauer wohltuende Gesamteindruck der Stadt läßt auf größte Reinlichkeit ... schließen" (22).

Der Dornbirner ist weiters "ein Mann der Neuerungen, mit dem sicheren Blick für das Notwendige und Praktische" (23). Er hat einen Sinn "für das Neue, Leichtere und Vorteilhaftere, für ... Verbesserungen in der Wirtschaft, Einstellung von technischen Hilfsmitteln. Man ist in Vorarlberg gewohnt, im Dornbirner den Mann des Fortschrittes zu sehen. Viele Anregungen in politischer, wirtschaftlicher Beziehung gingen von hier aus" (24). Bemerkenswert scheint in diesem Zusammenhang auch die folgende Tatsache: "Die Dornbirner wissen, wie wertvoll gute Straßen sind" (25) - eine Feststellung, die gerade in unserer Zeit durch die in Bau befindliche und vor ihrer Fertigstellung stehende Stadtstraße ihre neuerliche Bestätigung findet.

Angesichts eines solchen Fleißes und "gesunden Fortschrittssinnes" (26) ist es nur natürlich, daß Dornbirn schon seit langem als "wohlhabendste Stadt des Landes" (27) dasteht. "Der Hang zum Realen und damit auch die Hochschätzung festen Besitzes hat den Dornbirner (sic!) ... den Ausdruck eingetragen: 'Mir hends' (Wir haben es)" (28). Von diesem Reichtum profitiert indes nicht nur die bürgerliche Oberschicht, sondern - wie könnte es anders sein! - die gesamte Bevölkerung: "Von Armen, wie sie in anderen Industriegebieten vorkommen mögen, konnte in Dornbirn überhaupt nicht die Rede sein" (29).

Mit dem Fleiß, mit der Geschäftstüchtigkeit hängt auch zusammen, daß man den Dornbirner wiederholt als "nüchternen und kühl überlegenden" Menschen (30) beschrieben hat:

"Als man die Verstandesgaben verteilte, drängte sich der Dornbirner herzu und erhielt ein starkes Los, bei der Gemütsabgabe war er zu spät daran oder bald zufrieden. Im Verhalten ist der Dornbirner ein ausgesprochener Verstandesmensch mit ausgeprägtem Willen. Das zeigt sich in seinem besonnenen begründeten Urteil. Er läßt sich nicht schnell hinreißen oder umstimmen. Im Sturm ist da nichts einzunehmen' (Goethe). Wofür er sich aber einmal entscheidet, das hält er mit Mut und Beharrlichkeit fest. Weil er alles überlegt, sieht er auch Vor- und Nachteile einer Sache bälder und gründlicher. Wie ein guter Kaufmann prüft und trifft er die Entscheidung."

Bei aller Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen, bei aller Geschäftstüchtigkeit ist der Dornbirner ansonsten ein eher einfacher, geradliniger Mensch. Er besitzt eine "bemerkenswerte Charakterstärke, die sich in gerader Offenheit äußert und von Schmeichelei weit mehr entfernt ist als von kräftiger Derbheit" (31). Diese Seite des Dornbirner Wesens läßt sich ja auch klar aus dem Namen "Dornbirn" ableiten: "Wer würde nun aus den Worten Dornbirn und Lustenau nicht an zwei in der Bezeichnung ihrer Heimat schon stark charakterisierte Menschenschläge erinnert? Heiter und weich der eine (der Lustenauer; der Verf.), rauh und fest der andere" (32).

Diese "derbe und mitunter rücksichtslos scheinende Note" der Dornbirner hängt mit ihrer bäuerlichen Herkunft zusammen. "Aus der größten und landreichsten Bauerngemeinde des Landes hervorgegangen, steckt ihnen bis heute die Verbundenheit mit dem bäuerlichen Boden im Blut... Ländlicher Grundbesitz und die Beschäftigung mit ihm gilt ihnen als wertvolle Unterlage bürgerlichen Ansehens. Ein betont städtisches Gehaben wird abgelehnt und die Einfachheit der Sitten wird bewußt tradiert" (33). "Auch dem städtischen Dornbirner blieb als Ahnenerbe die Freude an schönem Vieh" (34). "Die ganze Anschauungswelt und Ausdrucksform ist die des werktätigen Landmannes und Handwerkers" (35), dessen Sinnen und Trachten auf das eigene Häuschen mit dem Stück eigenen Grund und Boden drum herum steht... Denn wenn der Dornbirner sich ein Haus baut, muß er auch seinen Garten dabei haben, in dem er Salat und Radieschen zieht, in dem er sich seine Blumenfreude pflegt und auch ein paar Obstbäume stehen hat."

Eine solche Bodenständigkeit findet man gleichermaßen in allen Bevölkerungsschichten, zeigt es sich doch, daß nicht nur "die Dornbirner Industrieherren ihre bäuerlichen Ahnen achten" (36), sondern auch "der Fabrikarbeiter ... in der Heimatscholle verwurzelt (ist)" (37).

Obwohl der Dornbirner durch seinen Fleiß und seine Geschäftstüchtigkeit zu Wohlstand gekommen ist, lebt er einfach und bescheiden, ja man kann ihn durchaus als sparsam bezeichnen. "Mühsam Erworbenes wird selten leichtsinnig verschleudert" (39). "Die nüchterne Lebensart verzichtet auch im allgemeinen auf Luxus, hält sich an kräftigere Kost ohne nach Delikatessen zu fragen... Solche Lebensgenüsse stünden auch im Widerspruche mit 'Kaffee und Ribel' (sic!), dem täglichen Nationalgericht der meisten Bewohner" (40). Selbst ein Fabrikant wie der frühere Landeshauptmann Adolf Rhomberg "wahrte ... in seinem Haushalt die Einfachheit und kannte keinen Luxus auf seiner Tafel" (41).

Trotz ihrer nüchternen Art besitzen die Dornbirner "Humor und Lebensfreude" (42), freilich nicht in dem Maß wie die Bewohner manch anderer Vorarlberger Gemeinden. Sind sie doch "im Frohsinn viel sparsamer als die benachbarten Lustenauer", und ihre "offene Fröhlichkeit setzt keine großen Ansprüche voraus" (43). Immerhin kann man über Siegfried Fussenegger, den Gründer der "Vorarlberger Naturschau", nachlesen, daß er "voll des trockenen und etwas untergründigen Humors, wie man ihn bei den richtigen Dornbirnern so oft findet", gewesen ist (44). Und ein vor wenigen Jahren erschienener Zeitungsbericht über den "Martini-Markt" trug sogar die Überschrift: "Dorobioror künnant g'hörig feschta" (Die Dornbirner verstehen es, Feste zu feiern) (45). Die Geselligkeit der Menschen in Dornbirn steht jedenfalls außer Zweifel, denn "Vereinsleben ist dem Dornbirner Herzenssache, dort verbringt er schöne Stunden in gesellschaftlicher Unterhaltung, sportlichem Erholen und kultureller Hingabe" (46).

Die soziale Gesinnung des Dornbirners macht sich jedoch nicht nur bei geselligen Anlässen bemerkbar, sondern zeigt sich ganz allgemein in der Bereitschaft, jederzeit verantwortungsbewußt und selbstlos für die Belange des Gemeinwesens und der Mitbürger einzutreten. Die Dornbirner sind geradezu beseelt von einem Gemeinsinn, welcher "im allgemeinen Wohle und im Wohle der Nachkommenschaft sein eigenes sucht" (47). Zwar gibt es - wie überall, wo Menschen leben - "auch hier verschiedene Auffassungen und Meinungen. Immer aber finden sich die Bürger dieser Stadt über alle Schranken gegensätzlicher Auffassungen zusammen, wenn es gilt, zu Nutz und Frommen unserer Stadt ein Werk zu schaffen" (48). Wenn sich Dornbirner politisch betätigen, so dienen sie damit "nur dem Wohl ihrer Stadt und dem des Vaterlandes, ohne ehrgeizige und überhebliche Wünsche" (49).

Standesdenken ist dem Dornbirner völlig fremd. "Auf Äußeres, Rang und Titel gibt man nicht viel. Die Visitenkarte hat wenig zu bedeuten und der Umgang kennt nicht viele Formalitäten" (50). "Von sozialen Gegensätzen zwischen Bürgern und Bauern war hier nichts zu bemerken" (51), und die Fabrikanten "haben den Zusammenhang mit den Mitbürgern nie verloren" (52).

So fortschrittlich und weltoffen der Dornbiner in geschäftlichen Belangen auch sein mag, so konservativ und beständig sind umgekehrt seine politischen und weltanschaulichen Überzeugungen. "Man hält viel auf Volksüberlieferung und Althergebrachtem (sic!) und trinkt damit aus gesunder Quelle" (53).

"Im religiösen, politischen und gesellschaftlichen Leben zeigt sich eine große Beständigkeit. Bekehrungsversuche in allen Belangen erfordern ausdauernde Arbeit. Mit Überraschungsmomenten ist da nicht viel auszurichten, die Strohfeuerbegeisterung liegt ihm recht ferne. So ist ein starker Zug seines Wesens eine bemerkenswerte Charakterstärke" (54). Dieser konservativen Grundhaltung entsprechend, ist der Dornbirner von einer "tiefen Gottesfürchtigkeit" geprägt. "Gläubigkeit und Gottvertrauen sind zwei Eigenschaften, die dem Dornbirner im hohen Maße eigen sind" (55). "Die sittlichen Auffassungen sind eben ernst und das sittliche Verhalten wenigstens vor dem Kriege auf großer Höhe" (56).

Unzweifelhaft ist dem Dornbirner eine zutiefst demokratische Gesinnung eigen. "Die Dornbirner waren nie gewillt, alles widerspruchslos hinzunehmen, was man ihnen zu diktieren versuchte. Sie waren nie gewohnt, nach oben nachzugeben. Die Dornbirner Bürger ... waren seit jeher Demokraten" (57).

Der Nüchternheit und dem hochentwickelten Geschäftsgeist zum Trotz hat der Dornbirner dennoch einen Blick "für Kunst, Musik, ... für das Gediegene. Dieser von innen gewachsene Kunstsinn äußert sich an verschiedenen alten Häusern und Bauernhöfen, an Gebrauchsgegenständen des täglichen Lebens. Die Achtung vor dem Großen, Wahren und Schönen ruht wie Gold im Berge in lange verschlossener Brust" (58).

Ein weiteres Merkmal, welches das Wesen des Dornbirners kennzeichnet, ist schließlich seine ausgeprägte Heimatliebe. Der Dornbirner weiß, daß Fremde, die der Gemeinde einen Besuch abstatten, "auf jeden Fall in eine schöne Stadt geraten. Auf diese seine Stadt ist der Dornbirner stolz, und das mit Fug und Recht" (59). Wer als richtiger Dornbirner gelten kann, der ist "durchglüht von Heimatliebe nach echter Dornbirner Art" (60). "Bei welchem Dornbirner wäre es anders? Ich lernte noch keinen kennen, der anders dachte und empfand. Ich tadle das nicht, denn es zeugt von edlem und gesundem Heimatsinn" (61).

Die Summe aller hier aufgelisteten Eigenschaften des Dornbirners ergibt zweifellos ein überaus erfreuliches Gesamtergebnis. Lebt hier doch "ein zufriedener gesunder Menschenschlag ..., der die Gerichte nicht mit Händeln überbürdet" (62). Für den Besucher bedeutet es eine Wohltat, "unter diesen einfachen, treuherzigen Menschen wandern" zu dürfen (63). "In ein freundliches Städtchen tret' ich ein', summt man unwillkürlich", wenn man nach Dornbirn kommt. "Man landet auf dem Marktplatz, freut sich des Giebelzaubers, weil unter ihm wahrscheinlich noch Mörike-Menschen leben" (64), und man erkennt: Es ist tatsächlich "ein freundliches Städtchen in einer großartigen Alpenlandschaft mit Mörikemenschen" (65).

 

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Natürlich ist den Verfassern heimatkundlicher Schriften keineswegs verborgen geblieben, daß auch in Dornbirn die Zeiten sich ändern und mit ihnen die Menschen, so daß die Gefahr droht, daß das Dornbirner Wesen allmählich verloren geht oder zumindest verwässert wird. Am deutlichsten macht sich diese unerfreuliche Entwicklung in der Sprache bemerkbar, da "nur mehr die alten Leute an den vererbten Redensarten festhalten... Die jüngere Generation ist durch den nivellierenden, modernen Verkehr und durch den Einfluß der Schrift und des Zeitungswesens der guten alten Hausmannskost der Redensarten stark entwöhnt worden... Das Eigenleben und die Eigenart einer Gemeinde werden durch die heutigen Verkehrsmöglichkeiten immer mehr verwischt, ... und so tritt das Allgemeine an Stelle des Typischen" (66).

Daß man sich angesichts einer im 20. Jahrhundert immer bedrohlicher werdenden Zersetzung der Dornbirner Wesensart wiederholt die Frage gestellt hat, welche Bevölkerungsgruppe denn heute noch am reinsten den Typus des echten Dornbirners verkörpert, ist nur zu verständlich. Die Antworten darauf sind zwar verschieden ausgefallen, stehen aber keineswegs im Widerspruch zueinander.

Klar ist natürlich, daß der typische Dornbirner nicht unter den Angehörigen jener Familien zu finden ist, die erst in jüngerer Zeit zugewandert sind und durch "das leichte, oberflächliche Getue auf der Straße und in Gasthäusern, das Nachäffen von Großstadtsitten" (67) übel auffallen. Hingegen verkörpern verschiedene alteingesessene Geschlechter in allerhöchstem Maße den Dornbirner, sind sie doch "ein Zeugnis für Blutgewicht und Bodenständigkeit" (68): An diesen Familien - man denke etwa an die Namen Thurnher, Schwendinger, Rhomberg, Spiegel, Hämmerle, Mäser, Wohlgenannt, Fussenegger u.a. -, deren "Erbversessenheit ... auch dem oberflächlichen Beobachter sofort klar (wird)" (69), zeigt sich mit aller Deutlichkeit, "daß das Dornbirner Wesen innen in den Leuten ist, in ihrem Blute steckt... Dornbirn hat eine nicht bloß kleine, sondern sehr große Anzahl von Namen, denen man beim ersten Hören schon zurufen kann: das ist ein echter Dornbirner Name! ...Was aber für unsere Sache erst recht ins Gewicht fällt, ist die kräftige Sättigung des Blutes in Dornbirn. In Dornbirn sind Geschlechter mit 50 und 60 Familien keine Seltenheit. Alle diese starken Geschlechter zusammengezählt, machen Dornbirn aus" (70).

Eine Bevölkerungsgruppe, die ebenfalls in besonderer Weise als Verkörperung des echten Dornbirners gelten kann, sind die Fabrikanten. Denn "wer das Wesen der Dornbirner erfassen und die Kultur, Politik und Wirtschaft der Stadt studieren will, wird am besten tun, sich in das Schicksal Franz Martin Rhombergs, seiner Gattin Ursula und ihrer Nachkommen zu vertiefen." Fast alle heutigen Dornbirner Fabrikanten stammen von Franz Martin Rhomberg ab und sind "in allen Graden miteinander verwandt... So ist die Eigenart der Dornbirner entstanden. Diese Nachkommen des Franz Martin Rhomberg sind echte Dornbirner, sie verkörpern den Charakter der Bewohner ihrer Vaterstadt" (71). Viktor Hämmerle beispielsweise hatte "das Herz eines Dornbirners" (72), und was in Dornbirn als sehenswert gilt, "ist nicht ... dem allgemein gut ausgeprägten, opferbereiten Bürgersinn der Einwohner, sondern fast ausschließlich einem einzigen Manne zu verdanken, dem Herrn Viktor Hämmerle." Dieser "paßt in diese Stadt, hier muß er festgewurzelt stehen" (73).

Und noch eine Bevölkerungsgruppe kann schließlich als besonders dornbirnerisch gelten: die Bauern, und zwar vor allem jene am Berg. Sie bilden "den urwüchsigsten und ursprünglichsten Teil unserer Dornbirner Bevölkerung: Fuhrleute, Holzfäller, Bergbauern, Alpknechte" (74). Dieses Bauerntum war stets der "treueste Hüter von Brauch und Vätersitte", und in seinen Bräuchen "liegt ein Reichtum von sinnigem Gemüt, derber Urwüchsigkeit, ehrwürdiger, oft jahrhundertealter Überlieferung" (75). Das "kühle, jeder Gefühlsschwärmerei abholde, nüchterne Temperament des wurzelechten Dornbirner Berglers ... zeigt den Erdgeruch der Heimatscholle" (76).

 

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Herrn Professor Andreas Gabriel (Dornbirn) verdankt der Verfasser die Anregung, einen "Bin-ich-ein-Dornbirner?-Quiz" zu veranstalten, der nicht nur der Unterhaltung dienen könnte, sondern den Teilnehmern auch eine kritische Überprüfung ihres Dornbirnertums ermöglichen würde. Bei einem solchen Spiel könnte man sich eine Reihe von Fragen wie etwa die folgenden vorstellen:

Ø      Sind Sie ein nüchterner Verstandesmensch? (4 Punkte)

Ø      Besitzen Sie Fleiß, Arbeitsfreudigkeit, Tatkraft und Zähigkeit? (5 Punkte)

Ø      Haben Sie ein richtiges Dornbirner Gesicht? (3 Punkte)

Ø      Sind Sie ein Mörike-Mensch? (2 Punkte)

Ø      Sind Ihre sittlichen Auffassungen ernst? (4 Punkte)

Ø      Halten Sie an den vererbten Dornbirner Redensarten fest? (4 Punkte)

Ø      Arbeiten Sie im Raum Dornbirn als Holzfäller, Bergbauer oder Alpknecht? (5 Punkte)

Ø      Sind Sie Demokrat? (1 Punkt)

Ø      Haben Sie sich schon einmal mit einem richtigen Dornbirner Fabrikanten oder mit dessen Ehefrau unterhalten? (3 Punkte)

Ø      Gehören Sie einer Dornbirner Familie an, die eine kräftige Sättigung des Blutes aufweist (z.B. Thurnher, Rhomberg, Hämmerle, Spiegel)? (10 Punkte)

Der Verfasser ist davon überzeugt, daß auch Sie, geschätzter Leser, sofern Sie mindestens 34 Punkte erreichen, endlich jene Frage positiv beantworten können, mit der Sie sich schon seit langem intensiv beschäftigen: Bin ich ein echter Dornbirner ?

 

 

Anmerkungen

 

1)    Eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Verallgemeinerungen bietet Weiler, Ingomar: Von 'Wesen', 'Geist' und 'Eigenart' der Völker der Alten Welt. Eine Anthologie altertumswissenschaftlicher Typisierungs­kunst. In: Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Band 18. Innsbruck 1974, S. 243-291. Dieser Studie sind auch die Zitate entnommen.

2)    Grillparzer, Franz: König Ottokars Glück und Ende (Trauerspiel), 3. Aufzug

3)    Ringel, Erwin: Die österreichische Seele. 10 Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion. 6. Auflage, Wien-Köln-Graz 1984

4)    Ilg, Karl: Zusammenfassung zum Gesamtwerk. Der Volkscharakter. In: Ilg, Karl (Hg.): Landes- und Volks­kunde. Geschichte, Wirtschaft und Kunst Vorarlbergs, Band IV. Innsbruck- München 1967, S.359-405; Nägele, Hans: Vorarlberg, das Alemannenland am Bodensee und Rhein. Dornbirn 1972, S. 7-55

5)    Grabherr, Elmar: Vorarlberger Geschichte. Eine volkstümliche Darstellung. Bregenz 1986, S. 5

6)    Nägele (Anm. 4), S. 31-34

7)    Berchtold, Alois: Dornbirner Geschlechter. In: Heimat. Volkstümliche Beiträge zur Kultur- und Naturkunde Vorarl­bergs. Sonderheft Dornbirn. 7. Jahrgang. Bregenz 1926, S. 88-91, hier S. 62

8)    Hiller, Christian: Der Dornbirner Volks-Charakter. In: Heimat (Anm. 7), S. 81 f., hier S. 81

9)    Bammert-Ulmer, Ida: Dornbirnerisch in der Dichtung. In: 50 Jahre Stadt Dornbirn, 1901-1951. Dornbirn 1951, S. 62-64, hier S. 62

10)  Moosbrugger, Pius: Topographie von Dornbirn nach dem Plane von 1832. Dornbirn 1898, S. 54

11)  Heimat (Anm. 7)

12)  Diem, Julius / Karrer, Bruno: Dornbirns Gewerbe und Industrie. In: Heimat (Anm. 7), S. 173-191, hier S. 173

13)  125 Jahre J.M. Fussenegger. Dornbirn 1971, ohne Seitenangabe

14)  Diem / Karrer (Anm. 12), S. 173

15)  Hiller (Anm. 8), S. 82

16)  Moosbrugger, G. A.: Zum Stadtjubiläum 1951. In: 50 Jahre (Anm. 9), S. 3 f., hier S. 4

17)  Stroh, Paul: Geschichte der Anstalt. In: 75. Jahresbericht der Bundesrealschule in Dornbirn. Dornbirn 1953, S. 14-31, hier S. 14

18)  Karlinger, Theodor: Dornbirn – Stadt und Leute. In: Dornbirn. Antlitz einer Stadt. Dornbirn 1974, S. 4 f.

19)  Weihnachtliches Dornbirn. In: 50 Jahre (Anm. 9), S. 36

20)  125 Jahre (Anm. 13)

21)  Bammert-Ulmer, Ida: Dornbirn – eine Stadt und ihre Menschen. Dornbirn. Garten- und Messestadt. Dornbirn 1965, S. 4 f.

22)  Das Urteil eines Fremden über Dornbirn. In: Feierabend 1929, S. 513-517, hier S. 516

23)  Finckh, Ludwig: Dornbirn. In: Feierabend 1931, S. 4 f.

24)  Hiller (Anm. 8), S. 81

25)  Nägele, Hans: Das Textilland Vorarlberg. Werden und Wachsen einer alpenländischen Industrie. Dornbirn 1949, S. 42

26)  Stroh, Paul: Dornbirn 50 Jahre Stadt. In: 50 Jahre (Anm. 9), S. 5-8, hier S. 7

27)  Binder, Ingo: Geschichte von Dornbirn von 1860-1918. Hausarbeit (Typoskript). Innsbruck 1949, S. 42

28)  Ilg (Anm. 4), S. 396

29)  Nägele (Anm. 25), S. 300

30)  Binder (Anm. 27), S. 23

31)  Hiller (Anm. 8), S. 81

32)  ebenda, S. 82

33)  Ilg (Anm. 4), S. 395 f.

34)  Dornbirn (Anm. 21), S. 23

35)  Ennemoser, Herbert: Die Redensarten in Dornbirn. In: Heimat (Anm. 7), S. 71-80, hier S. 80

36)  Bammert-Ulmer (Anm. 21), S. 4 f.

37)  Nägele (Anm. 25), S. 298

38)  Hiller (Anm. 8), S. 81

39)  Moosbrugger (Anm. 16), S. 4

40)  Hiller (Anm. 8), S. 82

41)  Ender, Otto: Landeshauptmann Adolf Rhomberg. In: Heimat (Anm. 7), S. 102-105, hier S. 103

42)  Nägele, Hans: Dornbirner Unternehmer. Leistung und Bedeutung der Gründer und Gesellschafter einiger Textil­firmen für die Wirtschaft, Politik und Kultur der Heimat. Lustenau 1965, S. 88

43)  Ilg (Anm. 4), S. 396

44)  Bammert-Ulmer, Ida: Siegfried Fussenegger. In: 50 Jahre (Anm. 9), S. 61

45)  Neue Vorarlberger Tageszeitung, 15. 11. 1982

46)  Binder (Anm. 27), S. 69

47)  Moosbrugger (Anm. 10), S. 54

48)  Moosbrugger (Anm. 16), S. 3

49)  Binder (Anm. 27), S. 23

50)  Hiller (Anm. 8), S. 82

51)  Nägele (Anm. 42), S. 91

52)  ebenda, S. 22

53)  Hiller (Anm. 8), S. 82

54)  ebenda, S. 81

55)  Binder (Anm. 27), S. 23 und S. 58

56)  Hiller  (Anm. 8), S. 82

57)  Nägele (Anm. 42), S. 23

58)  Hiller (Anm. 8), S. 81 f .

59)  Karlinger (Anm. 18),  S. 4

60)  Natter, Martin: Engelbert Luger. In: Heimat (Anm. 7), S. 105-108, hier S. 105

61)  Ender (Anm. 41), S. 104

62)  Das Urteil eines Fremden (Anm. 22), S. 516

63)  Nägele (Anm. 25), S. 296

64)  Decsey, Ernst: In ein freundliches Städtchen tretet ein. In: Feierabend 1931, S. 5 f.

65)  Nägele (Anm. 25), S. 306

66)  Ennemoser (Anm. 35), S. 80

67)  Hiller (Anm. 8), S. 82

68)  Finckh (Anm. 23), S. 4

69)  IIg (Anm. 4), S.n 395

70)  Berchtold (Anm. 7), S. 88 und S. 90

71)  Nägele (Anm. 42), S. 24 und S. 21

72)  Nägele: Viktor Hämmerle zum 100. Geburtstag. Dornbirn 1955, S. 57

73)  Das Urteil eines Fremden (Anm.  22), S. 517

74)  Bammert-Ulmer (Anm. 44), S. 62

75)  Hämmerle, Josef: Ewas über Dornbiner Volksbräuche. In: Heimat (Anm. 7), S. 64-71, hier S. 64 f.

76)  Thurnher, Emanuel: Der kühle Patriot. In: Heimat (Anm. 7), S. 84