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1998 / Rede des Obmannes der Malin-Gesellschaft, gehalten im Rathaus von Luhansk am 7. September 1998 anlässlich einer Spendenübergabe an ehemalige Zwangsarbeiter/innen.

Die Spenden wurden auf Initiative von Margarethe Ruff, den Vorarlberger "Grünen", dem Theater "Kosmos" und der Johann-August-Malin-Gesellschaft gesammelt.

 


Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Meine geschätzten Damen und Herren!

Es freut mich von ganzem Herzen, dass wir den heutigen Tag hier mit Ihnen verbringen dürfen.

Teile Ihres Heimatlandes, der Ukraine, und Österreich hatten bis zum Untergang der Donaumonarchie eine gemeinsame Geschichte. Die Entfesselung des 2. Weltkrieges durch das Hitler-Regime, durch den nationalsozialistischen Weltherrschaftswahn, verknüpfte noch einmal auf unselige Weise das Schicksal unserer beiden Nationen. Der sogenannte "Rassekrieg" gegen die slawischen Völker hat Vernichtung, Zerstörung und Zwangsarbeit mit sich gebracht.

Viel Unrecht ist geschehen, viel Leid ist über die betroffenen Völker gebracht worden. Die damaligen Verbrechen - in diesem Zusammenhang möchte ich besonders auch an die Ermordung Tausender Juden in der Schlucht von Babi Yar in der Nähe von Kiew erinnern - können nicht wieder gut gemacht werden. Man soll sich daran erinnern - mit einem Ziel: So etwas darf nie mehr geschehen!

Manche wollen heute die Kriegsverbrechen gegeneinander aufrechnen: Hitler und Stalin werden oft gleichgesetzt. Beide Terrorregime sind blutbefleckt, doch es gibt fundamentale Unterschiede in der Motivation: Die NS-Herrscher wollten ganze Völker aus rassistischen Gründen ausrotten und zur immerwährenden Sklavenarbeit verurteilen. Die Herrschaftsform war deswegen von Grund auf verbrecherisch und menschenverachtend.

Wir sind Nachgeborene, wir haben glücklicherweise die damalige schreckliche Zeit nicht miterlebt, wir haben "die Gnade der späten Geburt."

Margarethe Ruff und ich sind Lehrer und gleichzeitig Historiker. Daraus erwächst eine zweifache Verpflichtung: Im Umgang mit jungen Menschen ist es unsere Aufgabe, das demokratische Bewusstsein zu stärken und damit beizutragen, dass nie wieder rassistisches-nationalsozialistisches Gedankengut so viel Leid und Unglück über die Menschen bringen kann.

Sie wurden von einem verbrecherischen Regime in jungen Jahren unter Zwang aus ihrer Heimat verschleppt und nach Vorarlberg gebracht. Als Historiker haben wir uns mit dieser Problematik auseinandergesetzt und den Zwangsarbeitseinsatz in Vorarlberg von 1939-45 erforscht. Vor allem M. Ruff kommt das Verdienst zu, durch ihr Buch "Um ihre Jugend betrogen" die Erinnerung an diesen schrecklichen Zeitabschnitt in unserem Land wachgehalten zu haben.

Viele Firmen und Unternehmen, die Zwangsarbeiter/innen beschäftigt haben, existieren nicht mehr. Sie können deshalb auch keine angemessene Entschädigung mehr leisten. Manche jedoch wollen sich heute aus der historischen Verantwortung stehlen, sie wollen mit dieser Zeit nichts mehr zu tun haben, ja sie behaupten, es gäbe keine Betroffen mehr. Sie meine Damen und Herrn, sie sind der lebende Gegenbeweis: Ihr Leben wurde durch die Verschleppung in jungen Jahren nachhaltig geprägt: Wir wissen, dass auch ihre Rückkehr in ihre Heimat schwer war, dass sie jahrzehntelang auch in ihrer Heimat unter dem "Aufenthalt in Feindesland" gelitten haben!

Die Johann-August-Malin-Gesellschaft, eine Gesellschaft, die besonders die Zeitgeschichte erforscht und nach einem hingerichteten NS-Widerstandskämpfer benannt ist, das Theater "Kosmos" und eine kleine politische Partei - "Die Grünen" - haben aus all diesen Erkenntnissen heraus einen privaten Opferfonds für die ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiter/innen eingerichtet. Spontan haben sich Menschen in unserem Land bereit erklärt, etwas zu helfen. Wir wissen: Die materielle Hilfe kann heute das Geschehene nicht ungeschehen machen, aber sie kann den zugefügten Schmerz vielleicht nachträglich etwas lindern. Vor allem aber soll sie etwas sein: Ein Zeichen des guten Willens, ein Zeichen dafür, dass Sie in unserem Land nicht völlig vergessen sind!

M. Ruff war im Frühjahr dieses Jahres bereits in Krementschug. Heute sind wir hier, um jenen aus dieser Gegend, die nachweislich auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Vorarlberg beschäftigt waren, die eingegangenen Spendengelder zu überbringen. Leider sind die Mittel knapp, so dass wir nicht alle Betroffenen in der Ukraine erreichen können. Wir bringen keine Almosen, auch keine Entschädigungen. Wir bedauern auch sehr, dass wir nicht mehr tun können. Wir werden uns jedoch weiter bemühen, das Problem der ehemaligen Zwangsarbeiter(innen) bei den zuständigen Stellen bewusst zu machen und über die Medien die Öffentlichkeit in Vorarlberg und in ganz Österreich zu mobilisieren. Deshalb hat uns auch Markus Barnay, selbst Historiker und Reporter beim Österreichischen Rundfunk, mit einem Kameramann begleitet. Sein Bericht von dieser Übergabe wird sicherlich in unserer Heimat Beachtung finden.

Wir sind hier in Lugansk jedoch nicht nur um Spendengelder zu überbringen, sondern wir wollen auch Kontakte knüpfen und Verbindungen herstellen. Die Vergangenheit sollte uns Lehren geben, wie wir die gemeinsame Zukunft in Europa besser gestalten können. Wir wollen mit unserer Aktion einen bescheidenen Beitrag zu einem besseren Verstehen leisten, wir wollen einen kleinen Baustein zum "gemeinsamen Haus Europa" setzen. Und so hoffen wir, dass unser Besuch, der nach mehr als fünfzig Jahren vielleicht auch manche persönliche, manche schmerzliche Wunde wieder aufgerissen hat, ein Hoffnungsschimmer für eine friedliche Zukunft für uns, unsere Kinder und Kindeskinder ist. In diesem Sinne fassen sie unseren Besuch hier in Lugansk als ein kleines Zeichen für eine notwendige Völkerverständigung auf, damit wir nie mehr das erleben müssen, was sie erlebt haben.

Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie hier erschienen sind, denn dies ist auch ein Zeichen dafür, dass sie bereit sind, ein bisschen zu verzeihen, was ihnen einst angetan wurde.

Als Nachgeborene tragen wir keine unmittelbare Schuld an den Ereignissen von damals. Aber niemand kann sich aus der moralischen Verantwortung und aus der Geschichte stehlen, die ihm durch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, Land oder Staat auferlegt ist. Wir müssen diese Erkenntnisse an unsere Jugend weitergeben, in der Erwartung, dass die Zukunft besser wird als die Vergangenheit. Danke.