Gernot Egger-Kiermayr: Ausgrenzen - Erfassen - Vernichten. Arme und "Irre" in Vorarlberg

Studien zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, Band 7. 1990, 298 Seiten, kt., 56 Abb., ISBN 3-900754-07-1, öS 317,- / € 23,04

 

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Die Geschichte der Psychiatrie ist nicht zuletzt die Geschichte von Anstalten, welche der Kontrolle und Kanalisierung einer als bedrohlich empfundenen Randständigkeit dienten. Die Vorläufer der heutigen psychiatrischen Krankenhäuser waren somit Leprosorien und Siechenhäuser, Armenhäuser und Versorgungshäuser. Mildtätigkeit und Disziplinierung der Armen, Fahrenden, Bettler, "Arbeitsscheuen" und "Asozialen" sind untrennbar miteinander verknüpft.

Einen Untersuchungsschwerpunkt bildet die Entwicklung der 1862 als "Wohltätigkeitsanstalt" gegründeten Anstalt in Valduna vom überregionalen Armen- und Arbeitshaus zur modernen psychiatrischen Klinik.

Der Nationalsozialismus brachte 1938 eine neue Qualität: Rassistische Utopien wurden um den Preis ungeheuren menschlichen Leids zu realisieren versucht. 330 Patienten der Anstalt Valduna und zahlreicher Armenhäuser wurden Opfer der "Vernichtung lebensunwerten Lebens". Zwangssterilisierungen, Zwangsabtreibungen und die Verfolgung sogenannter "Asozialer" zerstörten das Leben vieler Menschen und die Existenz zahlreicher Familien.

Gerade die heute in weiten Kreisen geführte Debatte über das Lebensrecht Behinderter und die neuen Möglichkeiten der Medizintechnik erfordern eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte. Die Erinnerung an die Opfer einer jeder Kontrolle entzogenen Medizin könnte dazu beitragen, jene notwendige und neue Ethik herauszubilden und durchzusezten, von der heutzutage so viel die Rede ist.

 

Inhalt


Vorwort 11
I. Asylierung 13
1. Einleitung

1.1. "Krankheiten" und ihre Orte 13

1.2. Versuch einer Geschichte der Armut 18

1.3. Zur Geschichte der Psychiatrie 23

1.4. "Irrenanstalten" in Österreich 25
2. Spitäler und Leprosorien in Vorarlberg 32

2.1. Anfänge der Armen- und Krankenversorgung 32

2.2. Exkurs: Das Sondersiechenhaus im Töbele 34

2.3. Bettler und Fahrende 38
3. Armut in Vorarlberg im 19. Jahrhundert 44

3.1. Landwirtschaft und Industrie 44

3.2. Die Neuregelung des Armenwesens 46

3.3. Armenpflege und Armenhäuser 1830-1870 48
4. Lokale Armenverhältnisse: Arme und "Irre" in Nenzing 57

4.1. Stiftungen und Lokalarmenfonds 57

4.2. Das Armenhaus in Nenzing 1853-1859 60

4.3. Die Barmherzigen Schwestern in Nenzing 64

4.4. Kontroversen in der Gemeindestube 64

4.5. "Irre" und "Blödsinnige" 67
5. Die "Wohltätigkeitsanstalt" Valduna 70

5.1. Die Säkularisierung des Klarissenklosters Valduna 70

5.2. Die Gründung der "Wohltätigkeitsanstalt" 71

5.3. Die Zeichner 74

5.4. Die Statuten der Wohltätigkeitsanstalt 74

5.5. Zusammenfassung und Analyse: 78

5.6. Die "Wohltätigkeitsanstalt" bis 1869 80
6. Exkurs: Die "Irrenanstalt" in Hall 82
7. Der Plan eines "Versorgungshauses für landesangehörige Irren" 85
8. Zusammenfassung und Analyse der Gründungsphase der beiden Anstalten 88
9. Die "Landesirrenanstalt" nach der Wende 1870 89
10. Statistik und Versuch eines Vergleichs mit Tirol 1873-1883 90
11. Statuarische Festlegungen 93

11.1. "Bestimmungen über die Aufnahme von Geisteskranken in der Landes-Irrenanstalt" 93

11.2. Das "Statut der Landesirrenastalt" von 1869 94
12. Die Landesirrenanstalt in der Eröffnungsphase 96

12.1. Dr. Matthias Wachter 96

12.2. Verwaltung und wirtschaffliche Kontrolle 96

12.3. Diskussionen um eine Vereinigung der beiden Anstalten 99
13. Die öffentliche Auseinandersetzung zum Thema "Valduna" im Jahre 1872 101
14. Die Nachfolge Dr. Wachters 105

Exkurs: Ein Fall in Gaißau 110
15. Die unterbliebene Öffentlichkeitserklärung 111
16. Die "Wohltätigkeitsanstalt" 1870 bis 1900: eine katholische Privatanstalt in voller Blüte 113
17. Andere Korrektionsanstalten 120

17.1. Zwangsarbeits - und Besserungsanstalten 120

17.2. Die Privatanstalt Jagdberg 122
18. Die weitere Entwicklung der "Landesirrenanstalt" 126

18.1. Die provisorische Direktion des Dr. August Greussing 126

18.2. Der "Vorarlbergische Hülfsverein für Geisteskranke" 128

18.3. Die Ära Hoesterniann 1876-1882 129

18.4. Dr. Julius Huber 131

18.5. Dr. Heinrich Hepperger, Direktor 1884-1896 132
19. Rechtliche Lage der "Irren" in Vorarlberg 134
20. Gescheiterte Reform, gescheiterte Vereinigung 139

20.1. Zur Person des Dr. Peter Paul Pfausler 139

20.2. Der Konflikt mit der "Wohltätigkeitsanstalt" 140

20.3. Die Reformversuche Pfauslers 146

20.4. Die drohende Schließung der "Wohltätigkeitsanstalt" 1906-1910 150

20.5. Zusammenfassung 154
II. Rassismus, Eugenik, Selektion und Vernichtung: Psychisch Kranke im 20. Jahrhundert 157
1. Vom Sozialdarwinismus zur "Vernichtung lebensunwerten Lebens" - ein Überblick 157

1.1. Sozialdarwinismus und Rassehygiene als Paradigma 157

1.2. Eugenische und rassehygienische Ideologien in der Psychiatrie 159

1.3. Die "Euthanasie"-Diskussion nach dem Ersten Weltkrieg 160

1.4. Von der Zwangssterilisierung zum Massenmord: "Euthanasie" im Nationalsozialismus 161
2. "Euthanasie" und Psychiatrie 172
3. "Euthanasie" in Österreich 174

3.1. Die Ausrichtung des Gesundheitswesens 174

3.2. Die Erfassung der Bevölkerung unter rassehygienischen Kriterien 176

3.3. Schlo" Hartheim 176

3.4. Österreichische Ärzte in der Organisation zur "Vernichtung lebensunwerten Lebens" 180
4. Die Anstalten in Valduna 1918-1938 181
5. Versorgungshäuser 1919-1938 184
6. Der "Anschluß" des Sozial- und Gesundheitssystems
7. Die Internierung "Asozialer" und "Gemeinschaftsfremder" 187
8. Zuständigkeiten im Gesundheitswesen im Gau Tirol-Vorarlberg 188
9. Die "Landes- Heil- und Pflegeanstalt Valduna" unter der Leitung des Dr. Josef Vonbun 190

9.1. Die Enteigung der "Wohltätigkeitsanstalt" 192

9.2. Personelle Veränderungen 192

9.3. Valduna vom Dezember 1938 bis zum Beginn der Deportationen 193
10. Die Deportationen im Rahmen der "Aktion T 4" in Tirol und Vorarlberg 195

10.1. Die Meldebögen 195

10.2. Der Beginn der Deportationen 197

10.3. Weitere Deportationen aus Tirol 199

10.4. Die Transporte aus Valduna 201
11. "Wir machen eine Fahrt ins Blaue" - Der Zugriff auf die Versorgungshäuser 205
12. Die unterbliebene Deportation von Armenhausinsassen im Bezirk Feldkirch 210
13. Tirol-Vorarlberg - ein "Mustergau" der "Euthanasie"? 214

13.1. Dr. Hans Czermak und die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" 214

13.2. Der ungeklärte Tod der nach Hall deportierten Vorarlberger Patienten 218
14. Die Rolle der Vorarlberger Psychiatrie bei der Verurteilung von "Gewohnheitsverbrechern" 220
15. Tötungen von psychisch Kranken und Behinderten - eine Bilanz 221
16. Zwangssterilisierungen in Vorarlberg 224
17. Valduna als Lazarett und TBC-Krankenhaus 230
18. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Valduna 232
19. Das Verhalten der katholischen Kirche 234
20. Nach 1945 - "Bewältigung" oder Verdrängung? 238

20.1. Die Besitzfrage in Valduna 238

20.2. Verfolgung medizinischer Verbrechen nach 1945 239

20.3. Verdrängung der "Euthanasie" in Vorarlberg 240
21. Eberl und Vonbun: Vorarlberger Ärzte angesichts des Genozids 243

21.1. Irmfried Eberl 243

21.2. Josef Vonbun 244
22. Schluß 247
Anmerkungen 250
Quellenverzeichnis 275
Literaturverzeichnis 276
Bildquellennachweis 291
Namensregister 292
Ortsregister 296

 

Leseprobe

"Die Morde an den Patienten im Rahmen der nationalsozialistischen 'Vernichtung lebensunwerten Lebens' als Taten eines brutalen Regimes oder einer menschenverachtenden Ideologie zu erklären, ist zuwenig.

Was damals möglich war und daß es möglich war, muß als radikale Konsequenz einer 'schwarzen Psychiatrie' verstanden werden, die mit dem Wechsel des Regimes nicht einfach zu Ende war.

Gerade in der heutigen Situation scheint jedoch Nachdenken über das Geschehene dringend geboten. Die Lage psychiatrischer Patienten hat sich zweifelsohne stark verbessert. Schmerzhafte und in ihren Auswirkungen verheerende Behandlungsmethoden wie Elektroschock und Lobotomie sind fast verschwunden; moderne Krankenhäuser ... haben die alten ersetzt. Dennoch ist der rechtliche Status psychisch kranker oder hilfloser Menschen weitgehend unbefriedigend."

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