Sie sind hier: Startseite / Texte / Politische Kultur / Leo Haffner (2009): Grabherr war nicht irgendwer - sondern: "ein besessener Vorarlberger"

Leo Haffner (2009): Grabherr war nicht irgendwer - sondern: "ein besessener Vorarlberger"

Eine Leseprobe aus Leo Haffners neuem, höchst aktuellem Buch zur Vorarlberger Zeitgeschichte: Ein besessener Vorarlberger. Elmar Grabherr und die Ablehnung der Aufklärung (Bucher Verlag Hohenems). Eine Geschichte der politischen Mentalitäten dieses Landes, ihrer Förderer und Gegner - und warum das 19. Jahrhundert bei uns so lange gedauert hat.

 

Text als PDF herunterladen

 

Leo Haffner

Grabherr war nicht irgendwer

 

Erschienen in: Leo Haffner: Ein besessener Vorarlberger. Elmar Grabherr und die Ablehnung der Aufklärung, Hohenems: Bucher Verlag 2009, S. 45-56


Dass mit Chefredakteur Franz Ortner von den VN und Landesamtsdirektor Elmar Grabherr zwei ehemalige Mitglieder der NSDAP zwei Schlüsselpositionen in der politischen Bewusstseinsbildung in Vorarlberg innehatten, blieb der breiten Öffentlichkeit weitgehend verborgen. Bis zum Jahre 1986. Kurt Greussing und Meinrad Pichler veröffentlichten in der Zeitschrift KULTUR ein Dokument, welches den Beweis erbrachte, dass Grabherr am 23. März 1939 einen Antrag zur Aufnahme in die NSDAP gestellt hatte und am 1. Jänner 1941 unter der Mitgliedsnummer 9672831 in die Partei aufgenommen worden war.

Grabherr, so die Verfasser, war nicht irgendwer. Bereits im Mai 1945 berief ihn Ulrich Ilg [...] zum Sekretär des Landesausschusses. Mit der Konstituierung der Landesregierung im November 1945 wurde Grabherr zum Leiter des Präsidiums im Amt der Vorarlberger Landesregierung und zum Schriftführer des Landtages bestellt, 1955 wurde er Landesamtsdirektor, das heißt höchster Laufbahnbeamter des Landes. In dieser Funktion blieb er bis 1976. Als hoher Beamter der ersten Stunde und als qualifizierter Jurist genoss Grabherr das besondere Vertrauen von Ulrich Ilg, der als Bauer und Nicht-Jurist auf das Fachwissen Grabherrs angewiesen war. Grabherr erhielt dadurch eine zentrale Position beim Wiederaufbau der Vorarlberger Landesverwaltung nach dem Krieg – und vor allem bei der Entnazifizierung. Dabei gelang es ihm, den anfänglichen Einfluss der Österreichischen Demokratischen Widerstandsbewegung – eine Nachkriegsgründung, die in Zusammenarbeit mit der französischen Besatzungsmacht die Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse und besonders die Entnazifizierung besorgen sollte – bis zur Bedeutungslosigkeit zurückzudrängen. Eine durchgreifende Entnazifizierung wurde dadurch niemals zu einem Anliegen der Landesverwaltung [...]

Grabherr hatte im Frühjahr seinen Posten in der Tiroler Gauverwaltung rechtzeitig verlassen [...], um sich der Feldkircher Widerstandsbewegung anzuschließen [...] Das alles könnte gut und gern unerwähnt bleiben, wenn Grabherr nicht einen Gutteil seiner Ideologie über den Zweiten Weltkrieg – freilich alemannisch modifiziert – im Jahre 1986 in Buchform der Öffentlichkeit als politisches Modell angepriesen hätte. Damit sind wir beim Kern der Sache: nämlich bei den rassistischen Denkmustern, mit denen Grabherr die Vergangenheit erklärt und die Gegenwart politisch geordnet sehen möchte. Grabherrs zentrales Anliegen ist die Verhinderung von „Rassenmischung“, vor allem wenn sie durch Zuwanderung aus dem Osten entsteht [...] Welch Glück, dass Vorarlberg [...] das einzige österreichische Bundesland [ist], das nie eine slawische Besiedlung hatte [...] Die Konsequenzen für das heutige Vorarlberg sind in Grabherrs Vorstellungswelt nur logisch: Abwehr alles Fremden, Kampf gegen „Übervölkerung“ und „Überfremdung“.1

Elmar Grabherr und die Rassenlehre

 

Im Wörterbuch der Nationalsozialisten gehörte der Begriff »Rasse« zu den wichtigsten Vokabeln. Die nachstehenden Ausführungen folgen der Darstellung von Wolfgang Benz.2 An den Schulen und Universitäten wurde »Rassenkunde« als Fach gelehrt, und der Kernsatz dieser Lehre lautete, dass die Menschheit in ethnische Gruppen von verschiedenem Wert einzuteilen sei. Ganz oben in der Werteskala stand die »nordische Rasse« der Germanen, und zwar am schönsten und edelsten verkörpert im »deutschen Herrenmenschen«. Ganz unten standen die Juden, in der NS-Ideologie als »Untermenschen« diffamiert und verachtet.

Als Klassiker verehrten die Rassenideologen den französischen Diplomaten und Schriftsteller Gobineau, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein vierbändiges Elaborat über die Ungleichheit der menschlichen Rassen publiziert hatte. Einer der wichtigsten Propheten des Rassismus war dann der Kulturphilosoph Chamberlain, der als Schwiegersohn Richard Wagners im Dunstkreis Bayreuths lebte und schrieb. In seinem 1899 veröffentlichten Hauptwerk »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts« wurde die Rassenideologie weiterentwickelt. Der Kerngedanke war, dass die »Arier« zu Höherem berufen seien als andere Menschen. Damit wurden die Arier gleichsam zur »Elite« alle Völker.

Gobineau und Chamberlain waren als Denker zwar Außenseiter, doch ihre Ideen blieben nicht ohne Wirkung. Adolf Hitler machte das Rassendenken zur Heilslehre und predigte das Recht des Stärkeren im Umgang mit vermeintlich minderen Rassen. Die weitere Verbreitung des Rassenwahns als politischer Kult, wie er im nationalsozialistischen Deutschland mit entsetzlichen Konsequenzen gepflegt wurde, gelang aber nicht auf Anhieb. Die schwer lesbaren Wälzer Gobineaus und Chamberlains wurden zwar vom Bildungsbürgertum geschätzt, waren aber nicht für jedermann verständlich. Es gab aber ein handliches Büchlein, das mit wissenschaftlichem Anspruch auftrat und in leicht fasslicher Form einen Überblick bot, nämlich die »Kleine Rassenkunde des deutschen Volkes« von Hans F. K. Günther.

Das Buch gab einen Überblick über angebliche Merkmale und Eigenschaften europäischer Rassen. Der Verfasser bekannte sich nachdrücklich zum »Nordischen Gedanken« und machte konkrete Vorschläge zur Umsetzung in der Praxis. In dem wissenschaftlich völlig wertlosen, reich bebilderten Machwerk beschrieb Hans F. K. Günther die angeblichen Unterschiede zwischen der »nordischen«, »westischen«, »dinarischen«, »ostischen«, »ostbaltischen«, »fälischen« und der »sudetischen Rasse«. Nach der Aufzählung körperlicher Unterscheidungsmerkmale wie z.B. »breit- und hochgewachsen«, »wuchtig«, »hochbeinig«, »derb-schlank« usw. folgt die Beschreibung der seelischen Eigenschaften [sic!] positiver und negativer Art. Viele Passagen lesen sich heute wie Erzeugnisse unfreiwilligen Humors. Einige Beispiele:

Die Ostbalten

-            Sie neigen zum Massengeist und Geführtwerden und werden dadurch bei angemessener Führung [...] zu willigen Untertanen, deren Anhänglichkeit an sie leitende Menschen sich bis zur Unterwürfigkeit steigern kann.

-            Nahestehenden Menschen gegenüber sind sie meist hilfreich und gastfrei, oft überschwänglich entgegenkommend, zu ihren Angehörigen zärtlich.

-            Fernerstehenden gegenüber neigen viele ostbaltische Menschen zur Verschlagenheit und bei Anlässen dazu auch zu berechnender Rachsucht.


Der fälische Mensch

-            Im Seelischen ebenso wuchtig-schwer geartet wie im Leiblichen.

-            Eine Neigung zu Rohheit und Hinterlist ist unverkennbar, sie bedingt es wahrscheinlich, dass Ostpreußen, Posen und Schlesien kriminell stark belastet erscheinen, vor allem durch gefährliche Körperverletzung und einfachen und schweren Diebstahl.

-            Im Leiblichen: wuchtiges Standhalten, unerschütterliche Ausführung ruhig gefasster Entschlüsse, Drang zu Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit usw.

»Während der nordische Mensch ‚vordringend’ ist und von kühner, angreifender Willenskraft, zeichnet den fälischen Menschen eine beharrende, trotzige Willenskraft aus, die ihn zu stoßkräftiger Abwehr befähigt, aber auch zu Starrköpfigkeit werden kann usw.«

Wie in einem Horoskop die Gestirne werden bei Günther die Eigenarten von Menschen dargestellt – nach »Rassen« unterschieden – als Mischung von gut und böse. Die wissenschaftlich klingenden Erkenntnisse wurden von ideologisch geimpften Parteigängern in die Praxis umgesetzt, die Diskriminierung und Verfolgung von Menschen wurde zur täglichen Praxis. Den Anfang bildeten die Gesetze zur »Rassenhygiene«. Begriffe wie Rassenreinheit, Aufartung, Auslese und Rassenschande waren die fatalen Marksteine auf dem Weg in die Konzentrations- und Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau, Sobibor, Treblinka, Bergen-Belsen und eine Reihe anderer. Die Schriften Günthers mit ihren hohen Auflagen schufen die geistige Grundlage für den Kern der nationalsozialistischen Politik: den rassistischen Vernichtungskrieg gegen angeblich Minderwertige.

Dass Elmar Grabherrs Weltbild von Denklinien der NS-Ideologie durchwirkt war, zeigt ein Vergleich. Nach seiner Pensionierung im Jahre 1976 räumte ihm die Landesregierung die Möglichkeit ein, die Verwaltungskurse für Vorarlberger Beamten auch weiterhin durchzuführen. Dem Verfasser liegt ein Manuskript Grabherrs aus dem Jahre 1977 vor, das eine Kurzfassung des Prüfungsstoffes darstellt. Die folgenden Zitate sind dem Kapitel über die angeblichen »Wesensmerkmale der Vorarlberger, Bajuwaren und Slawen«3 gewidmet:

Alemannen

Einige Prozente mehr [sic!] liegen auf dem rationalen Element als bei anderen Völkern; vgl.: der »nüchterne Vorarlberger«, bei dem nicht das emotionale Element überwiegt. Was hat der vorgenannte Umstand für Auswirkungen? Die Wissenschaft [sic!] sagt, dass er sowohl gute als auch schlechte Auswirkungen haben könne.

Negative Eigenschaften:

-            Kulturelle Bemühungen sind nur zweitrangig (Geisteskultur): z. B. in den Bereichen der Literatur (vielleicht noch am ehesten in der Prosa Impulse. Prosa mit belehrendem Charakter: Franz Michael Felder)

-            Büchereiwesen: 1976 [wurden] in Südtirol 56 Bücher über Südtirol herausgebracht, in Vorarlberg nur 10.

 Dieter Zehentmayr: Elmar Grabherrs Evolutionslehre Elmar Grabherrs Evolutionslehre (Karikatur: Dieter Zehentmayr)

 

-            Kunst (diese ist nämlich eine Frage des Gefühls, vgl. Musik): im alemannischen Gebiet gibt es keinen über Zeit und Raum stehenden großen Musikschöpfer

-            Theater: es fehlen große Dramen

-            Lyrik: es fehlen bedeutende Gedichte

-            Der Alemanne sieht keinen Sinn in der äußeren Form, entscheidend ist der Inhalt (z. B. bei Bauwerken etc.)

-            Der Alemanne ist wenig begeisterungsfähig

-            Der Alemanne ist nicht sehr phantasiebegabt

-            Der Alemanne ist dem Mitmenschen gegenüber distanzierter als andere Völker. (»Im Alemannen ist der Egoismus auf das Materielle ausgerichtet«.)

Positive Eigenschaften:

-            Sachlichkeit

-            Ordnungsliebe

-            Gefühl der Dauerhaftigkeit (Stabilität)

-            Konservativ

-            Leistungsmensch

-            Wirtschaftlichkeit

-            Aufgeschlossenheit gegenüber jedem Fortschritt technischer, wirtschaftlicher und sonstiger Natur

-            Interesse an Wirtschaftsfragen [...] nicht an staatspolitischen Grundsatzfragen (Bundesheer etc.)

-            Streben nach persönlicher Freiheit (Individualismus)

-            Selbständigkeit (Eigenheim etc.)

-            Der Alemanne liebt nicht den Dienstleistungsberuf (vgl. das Fehlen von Kellnern, Friseuren etc.)

-            Der Alemanne ist ein Mitglied eines Was-Volkes, denn erfragt immer nach der Sache, während die übrigen Österreicher mehr oder weniger nach der Person fragen ( Wer-Volk)

-            Dem Alemannen liegt das genossenschaftliche Prinzip (Freiheit so viel als möglich) am Herzen, nicht das herrschaftliche Prinzip (Zwang so viel als notwendig)

-            Sinn für Selbstverwaltung und genossenschaftliches Prinzip (Bedeutung der Gemeindepolitik in den Massenmedien)

Bajuwaren

-            starke irrationale Elemente

-            große Bedeutung der Kunst (Wien etc.)

-            Wirtschafts- und Finanztüchtigkeit spielt keine Rolle

-            Labilität statt Stabilität

-            raschere Sprechweise

-            weniger Verständnis für die Demokratie oder Gleichberechtigung

-            große Bedeutung des Personenkultes. Bedeutung der Staatspolitik (Grundsätze)

Slawen

-            mehr ein passives Volk, schwermütig (vgl. russische Literatur)

-            »Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.«

-            Bedeutung der Musik etc.

Dieser skizzenhaften, doch in ihrer Tendenz eindeutigen Darstellung fügt Grabherr in geschraubter Sprache einen bemerkenswerten Kommentar hinzu: »Aus der vorstehend angeführten Verschiedenheit der Völker lässt sich die bei der Behandlung der österreichischen Bundesverfassung aktuelle Problematik des Grundsatzes der Gleichheit herausschälen« Im Klartext heißt dies: Die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz – verankert in der österreichischen Bundesverfassung – lässt sich aufgrund der (»rassischen«) Verschiedenheit der Völker und Stämme im Grunde nicht aufrechterhalten. Man erinnert sich an den Satz Grabherrs über die Ostösterreicher: »Woascht, des sind Lüt, die sind untertänig. Des sind Herren und Diener. Aber die Vorarlberger Bauern, die waren immer frei.«4 Der »homo vorarlbergensis« (der »nüchterne Vorarlberger«) – eine ideologische Kopfgeburt Grabherrs – konnte somit im Beamtenunterricht weiterhin sein Existenzrecht behaupten. Ebenso der »Ostösterreicher« als dessen negatives Gegenstück.

Auch wenn Grabherrs Zuhörer bei den Verwaltungskursen den völkischen Ergüssen Grabherrs nicht immer mit vollem Ernst folgen mochten und manche in Ehren ergrauten Herren der Landesverwaltung zuweilen dazu neigten, Grabherrs Alemannentümelei als »Marotte« einzustufen,5 so hatte diese Eigenheit doch einen makabren ideologischen Ursprung. In einem Brief, den er im Frühjahr 1943 als Beamter der in Innsbruck ansässigen NS-Gauverwaltung an seinen in Schleswig stationierten Kollegen Fritz Schneider schrieb, findet sich eine Passage, die keines weiteren Kommentars bedarf. Sie bezieht sich auf die »Osteraktion« der Gestapo vom April 1943 in Innsbruck.

Nach der militärischen Katastrophe von Stalingrad und der Proklamation des »totalen Krieges« schien für Gauleiter Hofer der Zeitpunkt für die »totale Säuberung« von Juden gekommen zu sein. Ab diesem Zeitpunkt galt in Tirol-Vorarlberg plötzlich der Schutz eines »arischen« Ehepartners nichts mehr: SS-Obersturmführer Werner Hilliges, Chef der Innsbrucker Gestapo, ließ schrittweise im ganzen Gaugebiet alle jüdischen Ehepartner – mehrheitlich ältere Frauen, die in geschützten »privilegierten Mischehen« lebten – auf Basis fingierter »Schutzhaftbefehle« verhaften und ins Lager Innsbruck/Reichenau einliefern. Die ersten elf Verhaftungen wurden am 10. April vorgenommen, bis Anfang Mai folgten weitere vierzehn. Am 20. April 1943 befahl der für den Landkreis Imst zuständige Gendarmeriekreisführer die Festnahme von zwei in Haiming und Ötz wohnhaften Jüdinnen, die beide mit »Ariern« verheiratet waren.

Die Maßnahmen gegen die Juden lösten in der Bevölkerung beträchtliche Unruhe aus, ein Teil der Festgenommen konnte nach Intervention einflussreicher Personen gerettet werden. Für sechs Menschen aus dem Lager Reichenau kamen die Interventionen zu spät. Zwei Frauen waren bereits nach Auschwitz transportiert worden, ein Ehepaar hatte gemeinsam Selbstmord begangen, im Juni 1943 erschoss der Gestapochef Werner Hilliges im KZ Reichenau einen aus Innsbruck stammenden Häftling, ein anderer überlebte seine Entlassung nur wenige Monate, andere blieben ihr Leben lang krank und gebrochen.6 Elmar Grabherr kommentierte die Osteraktion der Gestapo in Tirol in einem Brief an Fritz Schneider vom 28. April 1943 wie folgt:

Es ist auch nicht mehr als recht, dass endlich auch mit den Juden abgefahren wird, die mit Ariern verheiratet sind, und deshalb bisher geschont wurden, denn es entspricht dem gesunden Volksempfinden, dass für die von den jüdischen Führern in Moskau, London und Washington gegen unsere Krankenhäuser und Wohnviertel begangenen Gräuel unsere Juden zur gesamten Hand haften. Dass es dabei im Einzelfall harte Szenen geben musste, ließ sich nicht vermeiden. Wo gehobelt wird, fallen schließlich Späne.7

»Dieses Reich, das wir dem Führer schaffen helfen«

 

Franz Ortner hatte sich während des Zweiten Weltkriegs aus Begeisterung für den Nationalsozialismus freiwillig an die Ostfront gemeldet und war schwer verwundet heimgekehrt. Sein Engagement für das nationalsozialistische Regime setzte er als Mitarbeiter von NS-Propaganda-Sendern in Berlin, Stuttgart und Wien fort, allem Anschein nach in untergeordneter Position.8 Presse und Rundfunk dienten in der Zeit der Hitlerdiktatur naturgemäß nicht als Mittel der Machtkontrolle, sondern als Instrument der Macht und Propaganda. Einen unabhängigen Journalismus hat Ortner in der Zeit seiner beruflichen Ausbildung nicht kennengelernt. Er konnte vielmehr beobachten und lernen, wie man Menschen beeinflusst, die Kriegführung propagandistisch vorbereitet und Desinformation betreibt. Alles mit dem Ziel, einen Beitrag zu leisten für den Endsieg. Noch am 19. August 1944, also nach der Katastrophe von Stalingrad und dem Zusammenbruch der letzten deutschen Ostoffensive, nach der Landung der Alliierten in der Normandie und den verheerenden Bombenangriffen auf deutsche Städte, zu einem Zeitpunkt also, als schon alles für Nazi-Deutschland verloren war, verbreitete Ortner in Vorarlberg noch Durchhalteparolen. In einem literarischen Text für das nationalsozialistische Vorarlberger Tagblatt schrieb er:

Zu meiner Generation gehören alle, die in dieser Zeit härtester Bewährung sich dazu bekennen, dass keine Lage so hoffnungslos ist, als dass sie nicht bezwungen werden könnte, wenn eben nur die Menschen sich über sie stellen. Wir zwingen nicht nur das Chaos. Wir prägen dem Vaterlande ein neues Antlitz. Es soll ein neues Geschlecht nachkommen, das dieses Reich, das wir dem Führer schaffen helfen, hegt und pflegt (Vorarlberger Tagblatt, 19.08.1944).9

Der Chefredakteur des Vorarlberger Tagblattes in der NS-Zeit war Dr. Hans Nägele. Im Welt- und Geschichtsbild des »Ahnen- und Sippenforschers« Nägele spielte »das Blut« eine überragende Rolle. In seinen vielen Äußerungen wird »das Blut der Ahnen« beschworen. Die »Macht des Blutes« wird zum Schlüsselbegriff für die Erklärung historischer Zusammenhänge. Daher sind für ihn »die Vererbung«, »das Erbe« und die »Reinzucht« (sic!) die entscheidenden Kriterien für das historische Verständnis. »Das ureigentlich Wesentliche des Menschen in der leiblichen, geistigen und seelischen Beschaffenheit beruht auf seinen Erbanlagen.« Damit bestimmt das »Blut, das in unseren Adern fließt, unser Wirken«. Von diesem Standpunkt aus wird auch verständlich, dass es eine vordringliche Aufgabe des einzelnen ist, seine »Ahnen« und seine »Sippe« zu erforschen. Doch nicht nur die Einzelpersönlichkeit wird völlig von der Erbsubstanz vorgeprägt, sondern »das ganze Volk«. »Das ganze Volk hat den Schaden, wenn tüchtige Erbeigenschaften abnehmen und die Zahl der Minderbefähigten steigt.« Deswegen ist es eine Verpflichtung, das Blut »rein« zu erhalten, denn die »Gefahr der Entartung« schwebt als Drohung über dem »Volksganzen«.10

Nach dem Krieg konnte Nägele in den VN seine berufliche Tätigkeit fortsetzen. Ortner, von Nägele gefördert, arbeitete zunächst als freier Mitarbeiter bei den VN, ab 1954 als Redakteur, ab 1971 als Chef der Redaktion. Die ehemaligen Nationalsozialisten stellten in Vorarlberg ein bedeutendes Wähler- und damit auch Leserpotenzial dar. Die Zeitung versuchte, dem zu entsprechen. Bei der Landtagswahl von 1949 gewann die »Wahlpartei der Unabhängigen« (= Verband der Unabhängigen, VdU), das Auffangbecken der ehemaligen Nationalsozialisten, 22 % der Wählerstimmen. Das war für diese Partei das beste aller Bundesländerergebnisse. Um die Position des Journalisten Dr. Franz Ortner nach 1945 zu charakterisieren, könnte man – vorsichtig formuliert – sagen: Sein journalistisches Leitbild war ein völlig anderes als jenes, das sich in Westeuropa -etwa in der BBC, die ab 1966/67 dem ORF unter Gerd Bacher als Vorbild diente – entwickelt hatte.

Grabherr und Ortner hatten eine Reihe von gemeinsamen Merkmalen. Beide hatten einen Elternteil, der nicht aus Vorarlberg stammte. Grabherrs Mutter war als Berta Mayr in Bozen geboren worden, war also Südtirolerin. Ortners Vater, ein Eisenbahner, stammte aus Attnang-Puchheim in Oberösterreich. Das Heimathaus des Chefredakteurs stand in Götzis. Der Gasthof »Kreuz«, sein gesellschaftlicher Bezugspunkt, galt als eine Hochburg der »Nationalen«. Grabherrs und Ortners Eltern gehörten dem »großdeutschen« Lager an.11 Dies hat in ihrem Denken Spuren hinterlassen. Für das großdeutsche und nationalsozialistische Lager war der österreichische Staat gleichsam eine Missgeburt und der Anschluss an Deutschland von jeher ein Hauptziel. Grabherr und Ortner hatten es im Verlauf ihrer Karriere verstanden, sich durch ihre Tüchtigkeit gegenüber ihren Vorgesetzten unentbehrlich zu machen. Sie übten ihre Macht in Bereichen aus, die einem demokratischen Regulativ entzogen waren. Beide beherrschten die Kunst des Wechselspiels zwischen demokratischer Rhetorik und autoritärer Praxis. Sie waren sich einig in der Feindschaft gegenüber dem »sozialdemokratischen und zentralistischen Wien« und in ihrem Bestreben, ihre regionalen Machtinteressen auszubauen, sowie eine Politik der Öffnung der Gesellschaft zu verhindern.

 
 

1 Kurt Greussing & Meinrad Pichler: Politische Kultur 1986:Vom Arier zum Alemannen, in: Kultur – Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, No. 9/1986, S. 4 ff.

2 Wolfgang Benz: Die 101 wichtigsten Fragen. Das Dritte Reich, München 2006, S. 19 ff.

3 Elmar Grabherr: Landeskunde, Landes- und Bundesverfassung, Verwaltungsorganisation. Auszug aus einem maschinschriftlichen Manuskript, das dem Landesamtsdirektor als Grundlage diente. Gemeindearchiv Nenzing, ohne Archiv-Nr., S. 9 f.

4 Interview Irmgard Grabherr, Bregenz, 19.11.1997

5 Dr. Paul Weber im Interview: »Wir haben das als Marotte und Spielwiese angesehen, was der Landesamtsdirektor da von sich gab.« (Interview Dr. Paul Weber, Dornbirn, 2.10.2003). Weber zählte als altgedienter Beamter und als Sekretär Kesslers nicht zum Kreis der »Ministranten« Grabherrs.

6 Thomas Albrich: Die „Endlösung der Judenfrage“ im Gau Tirol-Vorarlberg. Verfolgung und Vernichtung 1941 bis 1945, in: Rolf Steininger & Sabine Pitscheider (Hg.): Tirol und Vorarlberg in der NS-Zeit, Innsbruck-Wien-München-Bozen 2002, S. 341-360, hier S. 347-350

7 Elmar Grabherr an Fritz Schneider, 28.04.1943

8 O. A. 1989, Interview Ferdinand Ortner, Lustenau, 10.11.1997

9 Meinrad Pichler: Wer war Franz Ortner?, in: Sperrung Nr. 2 (= Mitteilungen der Johann-August-Malin-Gesellschaft), Bregenz 1983, S. 29-32

10 Werner Bundschuh: Kreist das Blut der Ahnen? Zum Bild der Dornbirner Unternehmer im Werk von Hans Nägele, in: Werner Bundschuh & Harald Walser (Hg.): Dornbirner Statt-Geschichten. Dornbirn 1987, S. 29-82, hier S. 30 f.

11 Interview Ortner (wie Anm. 8)