KOMMENTAR
HARALD WALSER harald.walser @
vol.at
Hut ab vor Klaus Vallaster! Der Sohn des aus Silbertal stammenden
Bergbauern und späteren Massenmörders Josef Vallaster verleiht im
"VN"-Interview jener Trauer Ausdruck, die vielen Silbertalern bis heute
abgeht. Dort beharrt man offiziell in trotziger und gleichzeitig
menschenverachtender "Mir-san-mir"-Mentalität darauf, dass es "die da
draußen im Tal" nichts angeht, wie man im Ort mit der NS-Vergangenheit
umgeht.
Besonders erschüttert, was die politisch Verantwortlichen von sich
geben. "Ist überhaupt erwiesen, was da passiert sein soll? Ich zweifle
daran. Ich finde es nicht gut, dass bei uns in dieser Weise
geschnüffelt wird", meinte etwa Bürgermeister Willy Säly. Ja, Herr
Bürgermeister, es ist erwiesen! Mit Josef Vallaster stammt ein
furchtbarer Massenmörder aus Ihrer Gemeinde. Er wurde von verzweifelten
Häftlingen an seinem Dienstort, dem Massenvernichtungslager Sobibor,
mit einer Axt erschlagen, weil er sogar unter seinen SS-Kollegen als
besonders brutal galt.
Sein Sohn ist heute dazu in der Lage, Trauerarbeit zu leisten -
nicht laut und spektakulär, denn es handelt sich immerhin um seinen
Vater. Der inzwischen pensionierte Gärtner bekennt sich in einem
bemerkenswerten Interview ohne Umschweife zu den Verbrechen des Vaters,
liest die Bücher über seine Taten, reist an die Orte der fürchterlichen
Mordtaten und leistet mit Spenden einen symbolischen Beitrag dafür,
dass "so etwas nie mehr geschieht".
Sollte, ja muss man so etwas nicht auch von politischen
Verantwortungsträgern verlangen? Kann es sein, dass sie sich ohne
Aufschrei aus der Bevölkerung mit zynischem Relativieren davonzustehlen
versuchen? Anscheinend ist das in unserem Land möglich. Wie die von
Seff Dünser gesammelten Stellungnahmen aus Silbertal beweisen, drückt
der Bürgermeister wohl genau das aus, was große Teile der Bevölkerung
denken. "Es ändert sich jetzt nichts. Man soll die Geschichte ruhen
lassen. Sonst gibt es nur böses Blut. Ich kann mir nicht vorstellen,
dass man seinen Namen aus dem Opferstein herauskratzt", meinte etwa der
Gemeindevertreter Herbert Netzer. Ein Massenmörder aus dem Dorf stört
die lokalen Honoratioren offensichtlich weniger als neugierige
Journalisten und Historiker. Ein Mitverantwortlicher am Tod von
Hunderttausenden Juden, einer, der selbst den Gashahn bedient hat, der
auch privat mit der obersten Führungsschicht des Massenmords verkehrte
und einen KZ-Kommandanten zum Trauzeugen hatte - all das stört die
netten Silbertaler nicht. So einen ehren sie sogar auf einem
Gedenkstein und können sich "nicht vorstellen, dass man seinen Namen
aus dem Opferstein herauskratzt"! Vallaster war in Schloss Hartheim
übrigens auch an der Vergasung von über 300 Vorarlbergerinnen und
Vorarlbergern beteiligt, die wegen ihrer Behinderung vom NS-Mordsystem
als "nicht lebenswert" eingestuft wurden.
Immerhin gibt es auch einige wenige andere Stimmen. Ein ehemaliger
Lehrer etwa. Auch der Standesrepräsentant und Schrunser Bürgermeister
Erwin Bahl zeigt sich "schockiert" und "sehr betroffen". Dass solche
Selbstverständlichkeiten in Vorarlberg für einen Politiker schon als
mutig bezeichnet werden müssen, sollte uns alle ebenfalls "schockieren"
und "sehr betroffen" machen. Es bleibt noch viel zu tun, damit die in
Silbertal deutlich gewordene Geisteshaltung überwunden werden kann.
Einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit kann es nicht geben -
auch wenn es einige gerne so hätten. Klaus Vallaster hat das erkannt
und die Konsequenzen gezogen.